Das Problem mit der Unvollkommenheit

Irgendwann in seinem frühen Leben macht jeder die Erfahrung, dass ihm ein Fehler unter­läuft, den er hätte vermeiden können, ja hatte vermeiden wollen – und dann ist der Fehler doch passiert. Wut auf sich selbst. Oft sind andere betroffen. Dann müssen wir deren Vorwürfe oder gar “Vergel­tungs­maß­nahmen” hinnehmen. Vielleicht leisten wir Wieder­gut­ma­chung – aus eigenem Antrieb oder gezwungenermaßen.

Nur selten erhalten wir Trost. Etwa mit einer Geschichte wie dieser: Der Zoo-Elefant hat in seinem Gehege eine Maus übersehen und ihr auf die Zehen getreten; er entschuldigt sich bei der Maus, die artig erwidert, “Nicht so schlimm! Hätte mir auch passieren können!”. Manchmal wollen wir unseren Fehler gar nicht einge­stehen. Ausflüchte. Schuld anderer. Widrige Umstände.

Fehler machen und sich irren, gehört zur mensch­lichen Natur. Wir haben zwar oft das Wissen oder zumindest die Ahnung vom perfekten Zustand einer Sache oder der fehler­freien Bewäl­tigung einer Aufgabe, aber erfahren immer wieder, wie selten es uns gelingt, dem Ziel der Fehler­lo­sigkeit auch nur nahe zu kommen. Und ist es erreicht, war dies auch nur ein einma­liger Vorgang. Beim nächsten Versuch kann wieder alles schief gehen. Bekannt ist das Sprichwort von den Lorbeeren, auf denen man sich nicht ausruhen kann.

Der Sport gibt anschau­liche Beispiele dafür, wie der Mensch im Kampf mit seiner Unvoll­kom­menheit nach vollendetem, perfektem Handeln strebt. Immer wieder, mit Eifer und Ehrgeiz, eisernem Willen und Entsagung. Und das sind
oft schon dieje­nigen, die von Natur aus für ihre Sportart besonders begabt sind. Stehen sie schließlich an der Spitze der Konkurrenz, sind manche von ihnen noch längst nicht zufrieden, sondern wollen sie auch noch die letzten Fehler ausmerzen.

Obwohl es in unseren Zielvor­stel­lungen Vollkom­menheit gibt, müssen wir uns mit unserer Unvoll­kom­menheit täglich arran­gieren. Unser Selbst­be­wusstsein muss verkraften, dass wir uns irren und uns Fehler unter­laufen. Aber nicht achsel­zu­ckend nach dem Motto “Ich bin auch nur ein Mensch!”, sondern nach dem Motto “Das passiert mir nicht noch einmal!”. Aus Fehlern und Irrtümern
zu lernen, ist die einzig sinnvolle Reaktion auf die demüti­gende Erfahrung der Unvollkommenheit.

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