Teil 2, 1. Abschnitt
Halbstarke: Leader, Einzeltypen, Gangsterpaare, Kriminelle

3. Die Halbstarken in ihrer
filmischen Darstellung

3.1. Die verschiedenen Merkmale
jugendlicher Verhaltensweise
als Vordergrund der Darstel-
lung

3.1.1 Rock’n Roll/Jazz

Die Zeiten, da sich die Jugend zu Hause mit den übrigen Anver­wandten zusam­men­setzte, um im Stil der Hausmusik zu musizieren, sind vorbei. Von der Kammer­musik hat sich das Interesse der Jugend der Tanzmusik zugewandt. Vor allem die Schul­or­chester haben sich der neuen Musik verschrieben. Zwar legen ihnen die Lehrer der älteren Generation, die sich gegen diese Entwicklung sträuben, Hinder­nisse in den Weg, aber in der jüngeren Lehrer­ge­neration haben die heutigen Schüler Unter­stützung. Am Ende der Filme gehen sie siegreich aus dem Streit hervor.

Nicht nur das, sie bekehren auch die Eltern, ja sogar die Großmütter zu der Auffassung, daß die neue Tanz- und Musizier­weise der rechte Ausdruck jugend­lichen Frohsinns ist. Filme dieser Art bieten ihren Produ­zenten die Möglichkeit, mit bekannten Schall­plat­ten­stars und der Anein­an­der­reihung von zur Zeit beliebten Schlagern eine Art Schla­ger­parade herzu­stellen, die an dem oben skizzierten Handlungs­faden aufge­hangen, ein sicheres Geschäft verspricht.

In Filmen wie „Jazzban­diten“, „Und noch frech dazu“ wird der Versuch unter­nommen, die dem Jazz verschriebene Jugend von der Rock’n Roll-Jugend zu trennen. Die Rock’n Roll-Jugend wird als ordinär und zu Exzessen neigend darge­stellt, während die jazzin­ter­es­sierte sich seriös gibt; fast eine neue Hausmusik. Aller­dings hat man die gute Stube mit dem Keller getauscht, um unter sich zu sein und mit der Lautstärke die Nachbarn nicht zu provozieren.

3.1.2 Die Schuljugend

Die Sitten und Gebräuche, die als Filmgags dienen, unter­scheiden sich nicht von den Gags früherer Filme im Schul­milieu. Bei der Latein­klas­sen­arbeit hilft ein Kleinst­ton­band­gerät; der verhaßten Lehrerin setzt man weiße Mäuse ins Wasch­becken; einen Mitschüler läßt man in die Badewanne plumsen und man bewirft sich nach wie vor mit Gemüse.

In den Liebschaften der Schüler wird dagegen ein Wandel zur Freizü­gigkeit darge­stellt. Zwar gibt es noch Eifer­suchts­szenen unter Inter­nats­schü­le­rinnen, doch durchweg machen die Mädchen das ständige Wechsel­spiel der Jungen mit. Die Unver­bind­lichkeit herrscht vor, man ist alles andere nur nicht prüde. Die erzie­he­rische Unsicherheit der Eltern kann zu einer Unter­stützung dieser Verhal­tens­weisen führen.

Der Arztsohn weiß sich der Billigung seines Umgangs mit Mädchen durch seine Eltern sicher, da diese sich am Verhalten anderer Eltern ausrichten, die allgemein dem jugend­lichen Verhalten zustimmen. Die elter­lichen Vorbilder sind entspre­chend: Die Mutter eines Mädchens hält sich einen Liebhaber; die Eltern eines anderen stehen vor der Scheidung. Die Darstellung veral­teter Erzie­hungs­me­thoden wie Hausarrest dient der Kontras­tierung neuzeit­licher Großzügigkeit.

Eine Schul­klasse, die Rausch­gift­handel betreibt, erfährt natürlich nicht mehr die Billigung durch ihr Umfeld. Aber da der Polizei­agent schon als einer der ihren unter ihnen ist, kann es nur eine Frage der Zeit sein, wann dem Treiben dieser süchtigen Jugend ein Ende bereitet wird. („Mit 17 am Abgrund“) Auch auf ihren Lehrer kann es eine Klasse abgesehen haben. Wenn dieser auch am Ende die Oberhand behält, so muß er doch zunächst allerlei Tiefschläge einstecken. („Der Pauker“)

3.1.3 Freundeskreis

Vor den Schranken des Gerichts stehen drei Jungen und ein Mädchen. Sie sind angeklagt wegen Mord, Totschlag und Einbruchs­dieb­stahl. Die Jungen werden mit Zwangs­arbeit bestraft, das Mädchen freige­sprochen. Tot ist der vierte Junge der Bande.

Im Hinter­grund sitzen die Eltern der Angeklagten. Die Mutter von Jean Arnaud; ihr Mann hatte sie damals, als sie schwanger war, vor die Wahl gestellt: entweder ich oder das Kind. Sie behielt das Kind, und ihr Mann verließ sie. Für dieses Opfer fordert sie von Jean unter­würfige Liebe. Daß er den Jahren der Kindheit entwachsen ist, will sie nicht wahrhaben.

Vater und Mutter Dutoit sitzen da. Dutoit ist Juden­hasser, was ihm fünf Jahre Gefängnis einge­bracht hat, ohne ihn jedoch in seiner Meinung zu ändern. Im Gegenteil: Er hetzt ständig seinen Sohn Richard gegen die Juden auf, deret­wegen er, sein Vater, fünf Jahre im Gefängnis gesessen hat.

Der Vater von Philippe Boussard ist Geschäftsmann. Neben ihm sitzt seine Frau, hinter den beiden de Mantesson, der Freund von Mme. Boussard.

Noblet ist Lehrer und Pazifist. Seine ganze Liebe und Nachsicht gilt nach dem Tod seiner Frau seiner soeben freige­spro­chenen Tochter Liliane. Diese jedoch läuft immer häufiger von zu Hause fort, weil sich der Vater fortwährend mit seinem Sohn, einem überzeugten Kommu­nisten, streitet.

Die Eltern des toten Daniel Epstein wurden von den Nazis als Juden verschleppt und umgebracht. Daniel überlebte die Verfolgung, versteckt bei einem Bauern. Ein Onkel aus Amerika zahlt ihm seinen Lebensunterhalt.

Vor diesem genau gezeich­neten Hinter­grund wird die Geschichte des Films, den Gerichts­akten entnommen, vorge­führt und aufge­zeigt, wie es zu den in der Anklage erhobenen Vorwürfen kam.

Daniel, Jean, Richard, Philippe und Liliane fühlen sich in ihrem Umfeld unwohl. Daniel träumt schon lange von der Flucht in eine fried­liche Welt und hat seine Zimmer­de­ko­ration entspre­chend seinen Südsee­träumen gestaltet. Die anderen, insbe­sondere Jean, seinen besten Freund, steckt er mit seiner roman­ti­schen Friedens­sehn­sucht an.

Eines Tages beginnen die Fünf feste Pläne zu schmieden, als Philippes Vater wegen des durch den Korea­krieg bedrohten Weltfriedens Europa verläßt und seiner Frau eine Segel­jacht zurückläßt, damit sie nachkommen kann. Aber sie möchte nicht, da sie de Montesson nicht entbehren kann. Sie überläßt Philippe die Jacht. Mit dieser wollen die fünf Freunde ihren Traum verwirklichen.

Durch einen Einbruch bei de Montesson wollen sie sich das Geld für den Provi­ant­einkauf verschaffen. Der Einbruch mißlingt. Jean, dem Mutter­söhnchen , versagen die Nerven. Vor Angst zitternd, erschießt er den Nacht­wächter. Die Jungs können sich noch gerade vor der Polizei retten, diese bleibt ihnen jedoch auf der Spur. Mißtrauen verbreitet sich unter den Freunden. Bei einem „Probe­verhör mit Polizei­me­thoden“  ertränken Richard und Philippe Daniel. Jean ist verzweifelt. Er will sich vergiften, doch er bricht das Gift wieder aus und gibt dem Polizei­be­amten in den Atempausen ein volles Geständnis.

Das Handeln und Schul­dig­werden der Jugend­lichen wird herge­leitet aus ihrem sozialen Hinter­grund. Zwar sitzen sie auf der Ankla­gebank und werden sie bis auf Liliane verur­teilt, aber ohne den Blick auf die Publi­kumsbank mit den Angehö­rigen wäre es nicht möglich, auch nur im Geringsten das Phänomen der hier darge­stellten Jugend­kri­mi­na­lität zu verstehen.

Der Film stellt die Frage, warum es zu diesem Handeln kam. Und er tritt den Beweis dafür an, daß die Jugend­lichen folge­richtig so gehandelt haben, wie ihre Umwelt es ihnen ohne Absicht und ohne Ahnung der Zusam­men­hänge im Laufe von Jahren sugge­riert hat. Das wird erreicht, indem Vorder­grund und Hinter­grund, Ankla­gebank und Publi­kumsbank ständig mitein­ander verknüpft und jede jugend­liche Handlung mit ihrer Antriebs­quelle in Verbindung gesetzt wird. Auf diese Weise gerät der Hinter­grund ziemlich nach vorne, da die Wirkungen nicht wie in anderen Filmen über Halbstarke als vorherr­schende Ebene der Darstellung benutzt, sondern fortwährend auf die Ursachen­ebene proje­ziert werden.

Der Sohn des Juden­hassers tötet den Juden. Der Sohn der allein um ihren persön­lichen Genuß bemühten Eltern handelt kaltherzig und ganz auf sein Presti­ge­be­dürfnis ausge­richtet. Er begeht einen Mord, indem er zusammen mit Richard Daniel in der Badewanne ertränkt. „Tote können nichts mehr der Polizei sagen.“ Ist sein Kommentar. Daniel, der seiner Eltern beraubt und danach verfolgt wird, überträgt die Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit auf die Freunde. Zur Verwirk­li­chung ihrer Sehnsucht vergreifen die Jugend­lichen sich in den Mitteln. Daß sie sich vergreifen und die drohenden Folgen des Fehlgriffs wiederum mit falschen Mitteln abzuwenden suchen, erscheint als die Schuld der Eltern, der Erwachsenen.

Die Erwach­senen lieben sich alle mehr als die Menschen ihres Umfelds. Und so werden sie zu gefähr­lichen Vorbildern. Da nutzt es auch nicht, wenn sie sich an die Gesetze halten und ihrer­seits der Form genüge leisten. Wenn de Montesson Liliane mit eindeu­tiger Absicht zu sich nach Hause einlädt, muß es der Jugend als beinahe gerecht vorkommen, diesen Tunichtgut zu bestrafen, um sich gleich­zeitig die Möglichkeit zu verschaffen, dieser verderbten und liebessüch­tigen aber nicht Liebe gebenden Welt den Rücken zu kehren.

Daß durch die Ereig­nisse ein Domino in Gang gesetzt würde, war keinem der Betei­ligten klar. Jeder trägt nach seiner Veran­lagung und Erziehung dazu bei. Das Gericht beurteilt das Ergebnis. Es beurteilt das Produkt „Erzie­hungs­be­rech­tigter“, über die zu richten nach dem Eindruck beim Zuschauer sinnvoller wäre. Doch Erzie­hungs­fehler sind straf­rechtlich nicht relevant, auch wenn sie zu Verbrechen führen. („Vor der Sintflut“)

3.1.4 Pyromanie

Ein Krimi­nal­be­amter, den man ins Jugend­de­zernat versetzt hat, lernt durch zwei kleine Laden­be­trüger die Geschwister Murphy kennen, von denen die ältere Schwester die Stelle der Eltern vertritt. In ihrem Bruder entdeckt der Beamte einen langge­suchten Brand­stifter. („Kinder der Straße“) Die Handlungs-weise dieses Jungen macht sinnfällig, zu welchen Perver­sionen eine Jugend gelangen und zu welcher Gefahr für die Gesell­schaft sie werden kann, wenn die Erwach­senen es versäumen, sie in ihre Gesell­schaft einzugliedern.

3.1.5 Söhne von Rabenmüttern

Ein Sohn muß weitgend auf das Vorhan­densein einer Mutter verzichten, wenn diese sich einem Freund widmet. Doch der wird für die Mutter ungemütlich, da er sich zum Alkoho­liker entwi­ckelt. Der Sohn und sein Freund weigern sich, den unliebsam gewor­denen Mann aus der Welt zu schaffen. Also macht es Mama selber. Die Jungs schaffen ihr wenigstens die Leiche aus dem Haus. Und nicht nur das: Vor Gericht nimmt der Sohn die Tat auch noch auf sich. Während er nun freiwillig die Tat seiner Mutter absitzt, vertreibt sich sein Freund die Zeit als Zuhälter. („Teenager am Abgrund“) Krasser läßt sich wohl eine „halbstarke“ Mutter nicht zeichnen.

3.1.6 Besserungsmethoden

Das Treiben der Halbstarken endet für die Filmschaf­fenden nicht vor den Gefäng­nis­mauern. Es wird auch gezeigt, wie die Gesell­schaft versucht, jugend­liche Rechts­brecher zu „bessern“. Die Methoden einer alten, unfle­xiblen Generation stehen auch hier wie schon in der Schule den neuen psycho­lo­gi­schen Methoden einer jüngeren Generation gegenüber. Zwar funktio­niert die Methode des jungen Gefäng­nis­arztes nicht ohne Kompli­ka­tionen, so daß der Vertreter der alten Schule ihn zunächst einmal entläßt.

Aber schon bald weiß man weder ein noch aus und holt ihn zurück. Er nimmt seine Behandlung wieder auf: Den Haupt­mis­se­täter zur Einsicht bringen, die anderen werden nachfolgen. Und dann sexuelle Stauungen vermeiden, indem man hübsche junge Mädchen in Reich­weite bringt. („Jugend ohne Gesetz“)

3.1.7 Kaum abweichendes Verhalten

Die Jugend treibt ihre Späße, spielt ihre Streiche und hat ihre Nöte. Der Bruder wacht über die Tugend der Schwester. Ein Junge betet eine verhei­ratete Frau an. Ein Mädchen hält es mit zwei Freunden. Am Ende suchen und finden die Jungen einen Job und ein Mädchen, mit dem sie sich verloben und das sie heiraten werden. Die Orien­tierung der Jugend­lichen an den Erwach­senen erscheint als selbst­ver­ständlich. Die Jugend findet einen Weg ins Erwach­se­nensein, der den Erwar­tungen der Gesell­schaft entspricht. Die Streiche und der Schabernack werden als harmlos und jugend­liches Vorrecht betrachtet. Man ist sicher, daß sie wie eine Laune vergehen.

3.2. Einzelne Jugendliche im
Vordergrund der Darstellung

3.2.1 Gefährdete Mädchen

Die 17jährige Elfie hat mit ihrem Freund Stephan ein Radio unter Eigen­tums­vor­behalt gekauft. Der Einkauf geht schief und Elfie wird in eine Fürsor­gean­stalt einge­wiesen. Nach ihrer Entlassung bekommt Elfie ihre alte Stelle in einer Wäscherei nicht mehr, da der Makel der Fürsor­gean­stalt für die Besit­zerin ein zu schwarzer Fleck ist.Es gelingt Elfie, sich in ein Damen­mo­dehaus als Vorführdame einzu­schmuggeln. Die erste Gelegenheit benutzt sie, ein besonders kostbares Kleid zu entwenden. Sie sucht ihre ebenfalls entlas­senen neuen Freun­dinnen aus der Fürsor­gean­stalt auf, die in einem Nachtclub engagiert sind und die sie gleich mit einem Manager für Tänze­rinnen sowie einem Liebes­dienste suchenden und kapital­kräf­tigen, unglücklich verhei­ra­teten Direktor bekannt machen.

Der Direktor nimmt sich ihrer an. Sie erhält alles, was ihr Herz begehrt einschließlich Luxus­ap­par­tement. Als es durch die Frau des Direktors zum Bruch zwischen Elfie und dem Direktor kommt, springt der Manager für Tänze­rinnen ein. Und Elfie würde sicher in der Nacht­club­at­mo­sphäre versinken, tauchte da nicht im letzten Augen­blick ihr aus der Haft ausge­bro­chener Freund Stephan auf. Die beiden streiten sich zwar wegen des Luxus­ap­par­te­ments und der damit verbun­denen Untreue Elfies, so daß Stephan schließlich enttäuscht davon­läuft, um sich auf der nächsten Polizei­station wieder einsperren zu lassen, doch Elfie rennt Augen­blicke später ihm nach.

Sie kann ihn ausfindig machen und telefo­niert:: „Ich warte auf dich Stephan!“ („Noch minder­jährig“) Bevor Stephan gleichsam als edler Ritter das kleine Mädchen mit einem Streich zum Happyend wieder auf die Beine stellt, hat sich schon in liebe­voller Klein­arbeit eine Fürsor­gerin abgemüht. Sie erscheint als mütterlich besorgte, bescheidene Frau, die für die Jugend bittet und bettelt und die Eltern zur Einsicht zu bringen versucht.

Wenn der Fürsor­gerin der große Erfolg auch versagt ist, ihr großer Kollege, der Jugend­richter, hat ihn. Mit Autorität, Klugheit und Geduld führt er die Jugend­lichen aus ihren Verir­rungen heraus. Ein 14jähriger hat einen Hund gequält. Der Jugend­richter verur­teilt ihn zur Wieder­gut­ma­chung, indem er den Hund in Pflege zu nehmen und in Zeitab­ständen dem Gericht vorzu­führen hat. („Der Jugend­richter“) Acht Monate Jugend­arrest verhängt der lebens­kluge Richter als Strafe für ein Mädchen, das sich als Lockvogel einer Jugend­bande betätigt hat. So entzieht er das Mädchen dem Einfluß der Bande, insbe­sondere dem Einfluß des Bandenchefs.

Aber dem Mädchen gelingt ein Ausbruch­versuch und sie droht, eher vom Dach zu springen, auf das sie geflohen ist, als sich wieder einsperren zu lassen. Mit dieser Drohung erreicht sie eine Aussetzung ihrer Strafe durch den Jugend­richter. Der bringt sie als Hausmädchen bei seiner Pensi­ons­wirtin unter, um nunmehr selbst die Aufsicht über das Mädchen führen zu können. Sie macht erneut Ausreiß­ver­suche, stiehlt Geld, doch immer bringt der Richter sie zurück auf den rechten Weg. Und eines Tages ist es dann soweit: Sie sagt sich los von der Bande.

Der Jugend­richter gewinnt die Gestalt eines Wunder­doktors, der die jahre­langen Versäum­nisse und Fehler der Eltern und Lehrer in Monaten wieder gut macht. Er ist die berufene Person, junge Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, gesell­schafts­fähig zu machen. Die üblichen Strafen hält er für untauglich, zumal er weiß, daß die Ursache weniger bei den Jugend­lichen als vielmehr bei den Erwach­senen liegt. Als in die Zukunft schau­ernder Mann weiß er zudem, wie wichtig für die Gesell­schaft die Bekehrung der Jugend ist. Er ruft den Jugend­lichen zu: „Glaubt ihr, mir gefällt die Welt? Euch gefällt sie nicht! Mir auch nicht! Tut doch etwas dagegen, wer soll es tun, wenn nicht ihr, die Jungen!“

3.2.2 Jugendliche Paare

Er ist 16 und sie 15. Um eine sich anbah­nende Nieder­kunft zu vermeiden, suchen die beiden gemeinsam mit einem Freund einen Arzt zur Schwan­ger­schafts­un­ter­bre­chung. Der Freund macht eine Adresse ausfindig, doch das zusam­men­ge­legte Geld reicht nicht für das gefor­derte Honorar. Der Junge begeht eine Scheck­fäl­schung. Doch er fühlt sich nicht wohl bei seinem Tun und beichtet die Gescheh­nisse schließlich seinen Eltern. Diese können gerade noch den Arzt an seinem Eingriff hindern. Es folgt eine Ausein­an­der­setzung zwischen den Eltern und den Jugend­lichen, die mit der Einwil­ligung in eine Ehe endet. („Die Unver­stan­denen“) Der Film bietet eine formale Legali­sierung als Lösung.

Betont keine Lösung gibt der Film „Warum sind sie gegen uns“. Das Paar trennt sich, da die Standes-unter­­schiede sich als nicht zu überbrücken erweisen. Er ist Arbei­tersohn, sie Tochter eines Proku­risten. Sie pflegt eine andere Jugend­kultur als er in seinen Rock’n Roll-Lokalen. Seine Freunde besitzen Motor-räder, Jungs ihrer Schicht fahren Motor­roller. Er versucht, in ihren Partyclub aufzu­steigen, aber es gelingt ihm nicht. Sein Vater säuft und sitzt vor dem Fernseh­schirm. Der Gedanke, sein Sohn solle mehr als ein Arbeiter werden, ist ihm nie gekommen. Ihre Eltern verbieten den Verkehr mit einem Ungebil­deten. Mit der Konstruktion eines Konflikts aus der sozialen Herkunft Jugend­licher steht dieser Film allein.

3.2.3 Kriminelle Jungen

In dem humanen, eintö­nigen Milieu eines Erzie­hungs­heimes verbohrt sich ein Halbstarker in den Gedanken, daß allein die Umwelt an ihm schuldig geworden sei. Als kleiner Junge hat er ständig erlebt, wie sein Vater die Mutter mißhan­delte und ihn tyran­ni­sierte. Es gelingt ihm die Flucht aus dem Erzie­hungsheim. Draußen wartet seine Freundin. Sie kampieren im Wald, unter Booten, im Vorstadt­schuppen, in Bunker­ver­ließen. Sie verüben Einbrüche, zuletzt in eine Kaserne, um sich zu bewaffnen. 

Die Polizei jagt sie mit Spürhunden. Einer der Polizisten wird von ihnen getötet. Sie entkommen. In der Stadt treffen sie alte Bekannte: Einbrecher, Zuhälter, Homose­xuelle. Sie rauben ein Auto, überfallen die Post, brechen in eine Wohnung ein. Alles geht gut, bis der Junge das Vertrauen in seine Freundin verliert und Eifer­sucht zeigt. In dem Moment wird er unvor­sichtig. In einem Tunnel bricht er, von der Polizei gestellt, heulend vor Verzweiflung, nach dem letzten Schuß zusammen. („Gewalt gegen Gewalt“)

Von einem alten Gangster erschossen wird ein Jüngling, der sich soeben nach Übersee aus dem Staub machen will. Zuvor hat er eine halbe Million bei einem Banküberfall erbeutet. Um die notwen­digen Infor­ma­tionen über den Tresor zu erhalten, hat er sich kurzfristig mit der Tochter des Nacht­wächters verlobt. Mit zwei Freunden, der eine alkohol- der andere rausch­gift­süchtig, war er zu Werke gegangen. Der Nacht­wächter überrascht sie, was ihn das Leben kostet. Die Komplizen wollen ihrem Boß die Beute streitig machen. Der Boß vergiftet sie und verbrennt ihre Leichen. („Stockholm 2Uhr nachts“)

Neben diesen hoffnungs­losen und der Ausrottung bestimmten Jünglingen gibt es den in seinem Wesen gespal­tenen Jüngling, der sowohl Verführer als auch Retter ist. Wegen einer Tat, die er gerade nicht begangen hat, sitzt Fabian im Gefängnis. Er will Selbstmord begehen, doch der Versuch schlägt fehl. Es gelingt dem Gefäng­nisarzt, den Jungen aus seiner Verzweiflung herauszuholen.

Die Geschichte Fabians: Wegen eines Lehrers muß er die Schule verlassen. Sein Vater, Oberst a.D., zeigt keinerlei Verständnis für den Sohn. Fabian gründet mit Freunden und Freun­dinnen eine Bande. Er beginnt zu trinken, zu stehlen, sich mit Mädchen zu beschäf­tigen. Als er jedoch auf ein Mädchen stößt, das sich zu bewahren sucht, regt sich in ihm der Schutz gewäh­rende Ritter. Er befreit sie aus der Bedrohung eines Zuhälters. Da dieser umkommt, fällt der Verdacht der Ermordung auf Fabian. Erst der Gefäng­nisarzt kann die Gescheh­nisse aufklären, so daß Fabian nach Absitzen der Strafe für seine Diebstähle aus dem Gefängnis entlassen werden wird. Draußen wird ihn das gerettete Mädchen erwarten. („Verbrechen nach Schulschluß“)

Während in den beiden ersten Filmen die Jungen in Konse­quenz ihres total gesell­schafts­feind­lichen und gesell­schafts­ver­ächt­lichen Verhaltens ihren Untergang finden müssen, siegt im dritten Film trotz widriger Umstände und Umwelt­ein­flüsse dank der Hilfe des Arztes ein noch bestehender unver­sehrter Wesensteil des Jungen. Das Verhalten der Helden in den beiden ersten Filmen ist eindeutig kriminell, da es, bereits habitua­li­siert, alle Anzeichen einer Karriere trägt.

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