SINNphOLL-Thema:
Lebenssinn

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1. Still werden und in sich hinein­horchen

Ich bin zur Ruhe gekommen: Langsamer Atem, geschlossene Augen, alles losge­lassen. In die Stille hinein frage ich: Wie erlebe ich mich? Nach einer Weile kommt aus der Stille die Antwort: Voller Sehnsüchte. Ich möchte anerkannt sein, geliebt werden, bestätigt werden, Recht haben, frei sein, an nichts leiden, ein inter­es­santes Leben führen, mir etwas leisten können – die Liste ist lang. Ich schweife ab.

Dann fasst mich Unsicherheit: Ich fühle mich gefangen in Unvoll­kom­menheit. Ich weiß so vieles nicht. Ich weiß auch nicht, was von dem, was ich weiß, richtig, teilweise richtig oder falsch ist. Falsch: Was der Wirklichkeit nicht entspricht. Welcher Wirklichkeit? Immer wieder entdecke ich Neues. Vieles verstehe ich nicht.

Die Fragen häufen sich. Ich stelle fest: Ich irre mich und mache Fehler. Außen­ge­steuert und unsicher fühle ich mich. Bin ich denn gar nicht Herr meiner selbst? Bilde ich mir das nur manchmal ein? Meine Gedanken lassen sich nur selten konzen­trieren. Meine Worte sind eher spontan als wohl überlegt. Meine Handlungen entbehren oft jeglicher Logik. Ich reagiere mehr, als ich agiere.

Wer gibt mir Halt? In der Schöp­fungs­ge­schichte des Alten Testa­ments nennt Gott den Menschen sein Abbild: „Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.“ Gott, der Vollkommene, der die Welt erschaffen hat, spricht dem Menschen unaus­lösch­liche Würde zu. Tagtäglich treten die Menschen diese Würde mit Füßen.

Angst erfasst mich: Schneller und schneller falle ich ins Bodenlose. Der Schacht hat kein Ende. Kein Abbremsen. Kein Halt. Kein Licht. Nur freier Fall. Ich schreie, brülle, strample, vergehe vor Angst. Nichts zu erkennen. Nur verzerrte Streifen hell-dunkel. Plötzlich ringsum Nebel. Ich lausche. 

Beißende Stille. Stehe ich? Oder falle ich? Bewege ich mich auf der Stelle? Orien­tie­rungslos im endlosen Raum. Kein Schatten. Keine Umrisse. Pures milchiges Weiß. Nichts ist zu spüren. Ich fühle mich nicht, bin nur Angst und Schrecken. Mit atembe­rau­bender Geschwin­digkeit schieße ich heraus aus dem Weiß wieder ins Dunkel der Nacht. Schwe­relos rase ich tonnen­schwer nach unten. Nein, ich fliege nicht, kann mich nicht bewegen, bin nur Stein. Jetzt spüre ich Luft, aber sie trägt nicht. 

Wider­standslos lässt sie mich durch. Wer hat mich in dieses Nichts hinaus gestoßen? Mich hilflos in die Nacht entnabelt? Mich in die Kälte des Alls ausge­setzt? Lieblos, gefühllos, verant­wor­tungslos. Voller Wut schlage ich bewegungslos um mich, schmettere stumm meinen Hass in die Welt. Schließlich verlässt mich alle Kraft. Ich verstumme, werde bewusstlos, leblos. Und erwache in der Liebkosung meiner Mutter, die mich umfängt.

Ich habe Halt gefunden. Spüre Boden unter den Füßen. Licht erstrahlt über mir. Freude überkommt mich. Ich lebe auf ihn, auf Gott hin! Bei ihm werden meine Sehnsüchte erfüllt. Aus meiner Unvoll­kom­menheit werde ich befreit. Meine Unsicherheit und Außen­steuerung heben sich auf in der unmit­tel­baren Erfahrung seiner vollkom­menen Liebe: Glück­se­ligkeit.

Als der Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., gefragt wurde, wie viele Wege es zu Gott gäbe, antwortete er: „So viele, wie es Menschen gibt.“ Ratzinger verweist mich auf mich selbst: Ich muss meinen eigenen Weg gehen. Ich muss meine Begabungen, die Vorbilder und Beispiele meines Umfelds nutzen!

Was muss ich tun? Ich muss der Würde gerecht werden, die mir Gott gegeben hat. Auch wenn andere Menschen meine Würde nicht respek­tieren – ich behalte sie trotzdem. Meiner­seits darf ich anderen Menschen ihre von Gott gegebene Würde nicht absprechen. Vor Gott habe ich zu verant­worten, ob ich meiner und der Würde anderer gerecht geworden bin.

Von Perso­na­lität, Solida­rität und Subsi­dia­rität ist die Rede in der Sozial­lehre der Katho­li­schen Kirche. Das gilt nicht nur als Entgegnung auf die Kollek­tiv­vor­stel­lungen des Kommu­nismus, sondern auch als Mahnung an die Menschen heute, die sich vom Lebensstil der Wissen­schafts- und Staat­gläu­bigkeit verein­nahmen lassen. Sie haben sich als Mündel in die Vormund­schaft von Wissen­schaftlern und Gesetz­gebern zurück­ge­zogen. 

Wundge­stoßen ist meine Seele. Schon lange blutet sie. Unrecht. Bosheit. Dummheit. An der Unvoll­kom­menheit von uns Menschen drohe ich zu verzweifeln. Faulheit. Unwissen. Ichsucht. Der Kampf für eine bessere Welt hat mich entkräftet und entnervt. Beton­köpfe. Feiglinge. Despoten. Ich bin ausge­brannt. Ausge­pumpt. Leer. Platt. Mein Wille ist gebrochen. Die Rettung: Meine kleine Schwester setzt sich zu mir, sie legt den Arm um mich. Zuneigung. Trost. Liebe. Ich fasse einen heroi­schen Entschluss: Mich und die Menschen lieben! Verständ­nisvoll. Tatkräftig. Demütig.

2. Das Problem mit der Unvoll­kom­menheit

Irgendwann in seinem frühen Leben macht jeder die Erfahrung, dass ihm ein Fehler unter­läuft, den er hätte vermeiden können, ja hatte vermeiden wollen – und dann ist der Fehler doch passiert. Wut auf sich selbst. Oft sind andere betroffen. Dann müssen wir deren Vorwürfe oder gar “Vergel­tungs­maß­nahmen” hinnehmen. Vielleicht leisten wir Wieder­gut­ma­chung – aus eigenem Antrieb oder gezwun­ge­ner­maßen.

Nur selten erhalten wir Trost. Etwa mit einer Geschichte wie dieser: Der Zoo-Elefant hat in seinem Gehege eine Maus übersehen und ihr auf die Zehen getreten; er entschuldigt sich bei der Maus, die artig erwidert, “Nicht so schlimm! Hätte mir auch passieren können!”. Manchmal wollen wir unseren Fehler gar nicht einge­stehen. Ausflüchte. Schuld anderer. Widrige Umstände.

Fehler machen und sich irren, gehört zur mensch­lichen Natur. Wir haben zwar oft das Wissen oder zumindest die Ahnung vom perfekten Zustand einer Sache oder der fehler­freien Bewäl­tigung einer Aufgabe, aber erfahren immer wieder, wie selten es uns gelingt, dem Ziel der Fehler­lo­sigkeit auch nur nahe zu kommen. Und ist es erreicht, war dies auch nur ein einma­liger Vorgang. Beim nächsten Versuch kann wieder alles schief gehen. Bekannt ist das Sprichwort von den Lorbeeren, auf denen man sich nicht ausruhen kann.

Der Sport gibt anschau­liche Beispiele dafür, wie der Mensch im Kampf mit seiner Unvoll­kom­menheit nach vollendetem, perfektem Handeln strebt. Immer wieder, mit Eifer und Ehrgeiz, eisernem Willen und Entsagung. Und das sind
oft schon dieje­nigen, die von Natur aus für ihre Sportart besonders begabt sind. Stehen sie schließlich an der Spitze der Konkurrenz, sind manche von ihnen noch längst nicht zufrieden, sondern wollen sie auch noch die letzten Fehler ausmerzen.

Obwohl es in unseren Zielvor­stel­lungen Vollkom­menheit gibt, müssen wir uns mit unserer Unvoll­kom­menheit täglich arran­gieren. Unser Selbst­be­wusstsein muss verkraften, dass wir uns irren und uns Fehler unter­laufen. Aber nicht achsel­zu­ckend nach dem Motto “Ich bin auch nur ein Mensch!”, sondern nach dem Motto “Das passiert mir nicht noch einmal!”. Aus Fehlern und Irrtümern
zu lernen, ist die einzig sinnvolle Reaktion auf die demüti­gende Erfahrung der Unvoll­kom­menheit.

3. Das Wechsel­spiel des Liebes­glücks: Patchwork

Ein Beispiel: Helga und Erich haben eine solide Ausbildung und einen guten Job. Sie haben eine Reihe von Freunden. Sie genießen das Leben. Sie fühlen sich als moderne, leistungs­starke Generation. Sie wollen Kinder haben und gemeinsam alt werden. Sie heiraten. Das erste Kind kommt: Johanna. Unbändige Freude. Aber dann spüren sie Verän­de­rungen: Einschrän­kungen. Damit
hat er mehr Probleme als sie. Sie möchte ein zweites Kind, er nicht. Sie bekommen ein zweites Kind: Markus.

Die Kinder schieben sich zwischen die Eltern. Die Eltern verhalten sich den Kindern gegenüber unter­schiedlich und je nach Befind­lichkeit. Sie möchte, sobald es geht, in ihren Job zurück. Als Mann mit zeitge­mäßen Ansichten stimmt er dem zu. In Sachen Organi­sation des Haushalts und Kinder­er­ziehung fühlt er sich seiner Frau unter­legen. Also hängt alles an ihr – sonst würde die Familie im Chaos versinken. Sie fühlt sich allein gelassen. Ehe und Familie hatte sie sich anders vorge­stellt. Die Verwandt­schaft, vor allem ihre Eltern, helfen aus, wo sie nur können.

Fünf Jahre später. Erich ist ausge­zogen. Er konnte es zuhause nicht mehr aushalten. Es gab nur noch Gekeife, Gezänk und Tränen. Er lebt jetzt mit Karin zusammen, die ein Kind in die Beziehung mitge­bracht hat. Die beiden erwarten ein gemein­sames Kind. Karins Ex hat sie verlassen, als sie schwanger wurde.

Helga, Erichs Ex, hat nach zwei Jahren als allein erzie­hende Mutter mit full time-job wieder einen Partner: Josef, unver­hei­ratet, kinderlos. Sie ist sich sicher, dass es diesmal der Richtige ist, um es nochmal zu versuchen. Als Ausdruck ihrer Liebe möchte sie ein Kind von ihm. Doch Josef möchte die Heirat und die Vater­schaft noch etwas hinaus­schieben. Schließlich ist er kein unbeschrie­benes Blatt. Zwei Bezie­hungen hat er gehabt, und beide sind daran gescheitert, dass er eine pflege­be­dürftige Mutter hat.

Patchwork: Die Paare trennen sich, wenn es „nicht mehr geht”. Neuer Partner, neues Glück, neues familiäres Umfeld. Neue Schwie­ger­eltern, neue Großeltern, Geschwister von ihr, Geschwister vom ihm, Tanten, Onkel, Vettern, Cousinen, Kinder, Kindes­kinder; es geht kreuz und quer durch die Alters­stufen. Den Kindern bleibt nichts anderes übrig, als sich irgendwie zu arran­gieren.

Die Statistik: Etwa die Hälfte der Ehen wird in Deutschland mittler­weile noch vor dem sogenannten verflixten siebten Jahr geschieden, rund 200.000 pro Jahr. Nicht erfasst wird das Zusam­men­leben ohne Trauschein. Über die Hälfte derer, die geschieden wurden, haben nach etwa einem Jahr einen neuen Partner. Die Kinder bleiben in 85 Prozent der Schei­dungs­fälle bei der Mutter. Von den Patch­work­ver­bin­dungen scheitern wiederum über die Hälfte. Als Kernzelle unserer Gesell­schaft gilt nach wie vor die tradi­tio­nelle Familie. Wie wird die Gesell­schaft aussehen, in die Johanna und Markus hinein­wachsen?

4. Dienen – wem denn?

Nein, wir müssen niemandem dienen. Wir leben in einer Gesell­schaft, in der die Menschen sich von den Zwängen des Dienens befreit haben. Vorbei die Jahrtau­sende, in denen der Stärkere den Schwä­cheren zu seinem Sklaven machen konnte. Zuletzt haben sich, ihren Aufklärern und Front­kämpfern folgend, die Arbeiter und die Frauen befreit. Sowohl der Zusam­men­schluss zur rabiaten Massen­be­wegung als auch die Taktik des intel­lek­tu­ellen Klein­kriegs haben die Herrschafts­struk­turen der Vergan­genheit aufgelöst. Wir sind freie Menschen.

Nicht einmal uns selbst müssen wir dienen. Wir können rauchen, bis unsere Lunge verkohlt ist; trinken, bis unsere Sinne verschwimmen; Fett ansetzen, bis der Kreislauf zusam­men­bricht; uns mit Esoterik voll saugen, bis die Augen allwissend ins Nichts schauen; singu­la­ri­siert leben, bis irgend­einem auffällt, uns schon lange nicht mehr gesehen zu haben. Der aufge­klärte und freiheits­lie­bende Sozial­staat übernimmt die Folgen der Selbst­schä­di­gungen auf Kosten der Allge­meinheit.

Auch von den Mächten, die uns zu Seelen­sklaven machten, sind wir befreit. Wir müssen nicht mehr den Kopf unterm Arm tragen wegen eines schlechten Gewissens. Uns kann keiner mehr an den Pranger stellen. Keiner kann uns mehr eine Buße aufer­legen. ‚Gehorsam‘ ist ein Fremdwort. Dienen? Wem denn? Der gut ausge­bildete, in Vollerwerbszeit an der Schaffung und Erhaltung des Wohlstands betei­ligte Berufs­tätige – das ist die Ideal­figur der heutigen Gesell­schaft. Er sorgt für Wachstum und Konsum – mehr brauchen wir nicht. Oder?

5. Distanz zu sich selbst gewinnen

In der Fachzeit­schrift Perso­nal­führung bestä­tigen die Psycho­the­ra­peutin Ingeborg Dietz und der Arzt Thomas Dietz in einem Aufsatz vieles von dem, was seit Jahren unter SINNphOLL vertreten und angewendet wird: Zur Selbst­ver­bes­serung muss man Distanz zu sich selbst gewinnen, das heißt: Sich seiner Person bewusst werden. „Der entschei­dende Ansatz”, schreiben Dietz und Dietz, „besteht darin, eigene Gewohn­heiten mit mehr Distanz zu betrachten.” Der Nutzen ist unter anderem: „…man ist schneller in der Lage, neue intel­li­gente und kreative Lösungen zu finden.”

Und wie gewinnt man mehr Distanz zu sich selbst? Mein Ratschlag ist: Mit sich selbst in einen Dialog des Schreibens eintreten. Das Mittel dazu ist das Tagebuch. Man beginnt mit einem Ereig­nis­ta­gebuch und koppelt dieses dann mit einem Erkennt­nis­ta­gebuch. Die Dietzens schreiben: „Gute Selbst­führung kostet Zeit und braucht Konzen­tration.” Stimmt. Doch gerade dieje­nigen, die eine bessere Selbst­führung nötig hätten, behaupten in der Regel, sie hätten die Zeit nicht, geschweige denn die erfor­der­liche Konzen­tration.

Jeder, der ernsthaft will und sich nicht in Selbst­ge­fäl­ligkeit ergeht, hat die Zeit! Nach einer relativ kurzen Zeit erhöhter Belastung aufgrund der anzuwen­denden Selbst­dis­ziplin kommt es zu ersten Momenten der Selbst­be­glü­ckung: neue Einsichten und mehr Effek­ti­vität. Dietz/Dietz nennen als weiteren Gewinn, „dass man mehr mit sich im Reinen ist, authen­ti­scher auftritt, seine Ressourcen kennt und besser ausrichten kann.”

Selbst­ver­bes­serung ist ein Selbst­fin­dungs­prozess. Man stößt zu den Schatz­kammern vor, die jeder von uns in sich birgt. Sie gilt es zu öffnen und zu nutzen. Das ist unser Kapital. Mit seinem Kapital muss man arbeiten, wenn man es erhalten und vermehren will. So gelangt man zu Einsichten und Erfah­rungen, aus denen heraus man sein Handeln mit größerer Selbst­si­cherheit gestalten kann. Es ist schließlich auch der Weg zu den Freuden des Lebens, die es nicht zu kaufen gibt.

6. Wie man Bildern ihre Macht nehmen kann

Wir werden überflutet mit Bildern. Das stumpft ab. Man schaut nicht mehr genau hin, lässt sich vom ersten Eindruck täuschen. Von den Produ­zenten und Vermittlern der Bilderflut werden immer eindring­li­chere Bildmotive ausgewählt und gestaltet. Sie wollen sich dadurch im Konkur­renz­kampf um die Aufmerk­samkeit der Zuschauer behaupten. Wir sollen gepackt werden von der Macht ihrer Bilder. Wir sollen uns über Ungerech­tigkeit aufregen, Mitleid empfinden, uns Angst machen lassen, Ohnmacht, Lust, Freude, Neid, Stolz, Harmonie und anderes empfinden.

Zugeben muss man: Noch nie waren so viele wunder­schöne Bilder in Filmen, Fernseh­sen­dungen, Bildbänden und Kalendern zu sehen wie heute. Sie lösen Glücks­ge­fühle aber auch Sehnsüchte aus.

Wer sich mit der Macht von Bildern beschäftigt, muss die Bilder befragen: Was ist es, was mich da faszi­niert? Warum möchte ich das einmal mit eigenen Augen sehen? Eine ähnliche Situation erleben? Immer sollte man genau hinsehen. Denn manches Foto zeigt nicht die Wirklichkeit, die es vorgibt zu zeigen, sondern eine virtuelle Welt, die unsere Wünsche und Hoffnungen bedient. So viele schöne Menschen beispiels­weise, wie sie uns tagtäglich gezeigt werden, gibt es gar nicht.

Aus meiner Zeit als Filmkri­tiker stammt die Methode, mir Szenen in bewegten und mich bewegenden Bildern wiederholt und in Zeitlupe anzusehen. Ich will heraus­finden, warum in mir Emotionen wach gerufen werden, ohne dass ich das Warum und die Auslöser auf Anhieb erkenne. Ich will wissen, mit welchen Mitteln – nicht nur der Drama­turgie – gearbeitet wurde: Bildaus­schnitt, Perspektive, Licht, Farben, Mimik, Gestik, Montage, Stimmen, Geräusche, Musik. Es sind indes nicht nur Gefühle, auch Gedanken werden mit Bildern wachge­rufen. Unser Gedächtnis orien­tiert sich vornehmlich an Bildern. Wir träumen in Bildern. Unser Denken ist unterlegt mit Bildern.

Bilder sind immer auch Gleich­nisse: eine Landschaft für Schöpfung, eine Brücke für Verbin­dendes, ein Labor für wissen­schaft­liche Neugier, Märkte für Austausch, Berggipfel für große Ziele und anderes mehr. Die Reporter mit ihren Kameras liefern solche Fotos und Szenarien zuhauf. Welche Einsichten stoßen sie bei uns an? Worüber nachzu­denken, fordern sie uns auf? Auch hier muss man genau hinsehen – und hinhören. Denn auch hier wird manipu­liert: durch die Wortwahl der Kommen­tierung beispiels­weise, durch die herge­stellten Zusam­men­hänge und vor allem durch Weglassen. Dem lässt sich nur durch eigenes Wissen und eigene Erfah­rungen begegnen.

Wer den Bildern seines Denkens und Fühlens Aufmerk­samkeit schenkt und ihnen nachgeht, wird nach einiger Zeit merken, dass er nicht mehr durch die von außen auf ihn einwir­kenden bildhaften Vorstel­lungen gesteuert wird – sei es bestä­tigend oder ablehnend. Fernsehen, Filme und Zeitschriften werden in ihren mutmaß­lichen Manipu­la­tionen erkannt. Damit wird ihnen die direkte Wirkung genommen, ohne sie als Ausdruck unserer Zeit zu ignorieren. Und dadurch wird man Herr der eigenen Bilderwelt. Außerdem wird die Fähigkeit gewonnen, mit seinen Vorstel­lungen kreativ umzugehen: auf Ideen kommen, zu neuen Einsichten gelangen, die eigenen Vorstel­lungen mit denen anderer abstimmen können.

Von Zeit zu Zeit bitte ich Freunde und Bekannte, zu einem Fotomotiv ihre Gedanken zu formu­lieren. Das Erstaunen ist oft groß, wie unter­schiedlich die Assozia­tionen sind. Es spiegelt sich wider, dass wir sehr unter­schied­liche Vorstel­lungen in uns tragen. Solange das Gesehene beschrieben wird, liegen die Aussagen noch eng beiein­ander, wenn auch die Wortwahl verschieden sein mag. Doch sobald die Gefühle benannt werden, die ein Motiv anspricht, kann es bis ins Gegen­sätz­liche gehen. Es zeigt sich, wie unsere Indivi­dua­lität im Vergleich mit den Vorstel­lungen anderer erkennbar wird. Manchen fällt es schwer, die Assozia­tionen der anderen nachzu­voll­ziehen. Genau das sollte man aber erreichen.

7. Selbst­be­stimmtes Leben braucht Urteils­kraft

Wir haben das große Glück, in einer Weltgegend zu leben, in der die Menschen­rechte Gültigkeit haben. Das verpflichtet. Seine Freiheit verspielt, wer sie nicht verant­wor­tungsvoll wahrnimmt. Wer zu allem eine Meinung, aber von Nichts Ahnung hat, treibt Schind­luder mit der Meinungs­freiheit. Wenn sich das in Wahler­geb­nissen nieder­schlägt, bekommen es alle zu spüren. Ahnungs­lo­sigkeit erkennt man an mangelnder Toleranz und nicht vorhan­dener Kompro­miss­fä­higkeit. Auch an fehlender Demut: Trotz eigener Meinungs­bildung wissen wir vieles nicht und ist Irrtum nie ausge­schlossen.

Das Fernsehen bietet mittler­weile jeden Abend mindestens eine Diskus­si­ons­runde, in der es um politische, wirtschaft­liche oder gesell­schaft­liche Themen geht. Einge­laden werden in solche Runden vornehmlich wortge­wandte Außen­seiter und einge­fleischte Inter­essen- oder Partei­en­ver­treter. Denn es soll ja kontrovers zugehen, damit es die Zuschauer spannend empfinden. Schließlich geht es auch hier um ‚Quote‘. Gewünscht werden knappe und prägnante Aussagen, keine Gedan­ken­gänge, die Zusam­men­hänge und Horizonte aufzeigen.

Die Modera­toren fallen ins Wort, wenn einer ausführlich wird. Suggestiv versuchen manche von ihnen, aus dem einen oder anderen Disku­tanten ‚Neuig­keiten‘, ‚Enthül­lungen‘ oder ‚Geständ­nisse‘ heraus­zu­pressen. So etwas würde in Windeseile seinen Nieder­schlag in den Schlag­zeilen des Blätter­waldes finden – das Erfolgs­er­lebnis eines jeden Moderators. Und der Zuschauer? Wird er durch solche Sendungen klüger? Oder werden allein seine Vorur­teile bestätigt?

Zur Aufbe­reitung Origi­nal­texte benutzen!

Im intel­lek­tu­ellen Niveau höher angesiedelt sind Tagungen und Podiums­ver­an­stal­tungen, zu denen Akademien, Stiftungen, Räte oder Gremien verschie­denster Couleur einladen. Auf dem Podium ‚hochka­rätige‘ Fachleute, im Saal inter­es­sierte und sachkundige Bürger, die am Ende die Möglichkeit zu einem ‚Diskus­si­ons­beitrag‘ erhalten. Die Podiums­teil­nehmer halten ein Kurzre­ferat oder geben ein längeres erstes Statement ab, dann geht es in die Podiums­dis­kussion. Die Veran­stalter achten in der Regel darauf, dass die unter­schied­lichen Stand­punkte – wie sie in der Öffent­lichkeit bekannt sind – zu Wort kommen.

Lässt sich so der Wahrheits­gehalt komplexer gesell­schaft­licher Zusam­men­hänge erschließen? Beispiels­weise: Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? Ist die Nutzung der Atomenergie zur umwelt­scho­nenden Strom­erzeugung beherrschbar oder nicht? Sicherlich sind solche Veran­stal­tungen für ein inter­es­siertes Publikum von Belang, aber sie sind nur ein Teil ihres perma­nenten Meinungs­bil­dungs­pro­zesses. Und der besteht zur Haupt­sache aus Lektüre. Denn nur sie ist nicht verstellt durch Rhetorik und löst den Gedan­ken­inhalt aus der Flüch­tigkeit der gespro­chenen Worte.

Drei Fähig­keiten lassen einen im Strom der Zeit mit ihrer Meinungs­vielfalt von Inter­es­sen­ver­tretern und Stimmungs­ma­chern nicht unter­gehen:

  1. die relevanten Fakten und Meinungen ausfindig machen (Recherche),
  1. das Aufbe­reiten der gesam­melten Infor­ma­tionen (Aktives Lesen),
  1. sich einen eigenen Stand­punkt erarbeiten.

Recher­chieren, Aktives Lesen, Bespre­chung schreiben

Recher­chieren heißt, Infor­ma­ti­ons­quellen aufspüren. Quellen! Nicht vorge­fil­terte und unter Gesichts­punkten von ‚Quote‘ oder ‚Auflage‘ abgefüllte Nachrichten. Also Origi­nal­texte zum Nachlesen. Denn die sind nicht flüchtig, wie es gespro­chene Worte sind. Ausdrucken oder sich zuschicken lassen! Videos und Dokumen­ta­tionen sind geeignet, um sich einen optischen und akusti­schen Eindruck zu verschaffen. In Youtube nachsehen. Man muss dabei präsent haben: Bild und Ton sind immer nur Ausschnitte, deren Perspektive, Licht­gebung, Montage und Akustik gestaltet sind – nicht selten auch manipu­liert.

Aktives Lesen heißt, nach einem ersten zügigen Lesen entscheiden, ob der Text – Protokoll einer Rede, ein mit Namen verse­hener Kommentar, eine Studie, ein Interview, ein Sachbuch und anderes – zum gesuchten Thema wichtige Infor­ma­tionen und Aussagen enthält. Wenn ja, den Text mit der Methode des Aktiven Lesens aufbe­reiten. Diese Methode wird zu Beginn der SINNphOLL-Lesean­gebote beschrieben. Das so aufbe­reitete Material in einem Archiv ablegen: Themen, Autoren, Stich­worte.

Den eigenen Stand­punkt beziehen heißt, sich seine Meinung bilden. Man verdichtet seine Infor­ma­tionen. Prüft, ob es offene Fragen gibt, ob die eigenen Einsichten und Erfah­rungen für oder gegen die gegebenen Infor­ma­tionen und daraus gezogene Schluss­fol­ge­rungen sprechen. Ist die Gedan­ken­führung, die man beim Aktiven Lesen heraus­ge­funden hat, plausibel? Und dann formu­liert man seine eigene Meinung. Nicht nur als ‚Anmer­kungen‘, sondern wie einen eigenen Artikel, einen Diskus­si­ons­beitrag, eine Stellung­nahme. Das sollte man unbedingt tun, genauso wie das Recher­chieren und Aufbe­reiten der Texte. So kommt man zu einem fundierten Stand­punkt und einer begrün­deten Meinung.

8. Gefähr­liche Menschen 

In der Regel fällt es einem erst hinterher wie Schuppen von den Augen: Man hat dazu beigetragen, die falsche Person in Politik und Gesell­schaft an die Macht zu bringen. Oder im Privaten: Man hat dem oder der Falschen sein Vertrauen geschenkt. Manches Idol entpuppt sich im Nachhinein als Schar­latan. Doch dann ist es oft zu spät zur Umkehr. Zu viel hat sich schon ereignet – bis hin zur Katastrophe. Das Unheil, das gefähr­liche Menschen anrichten, kann sich sowohl im persön­lichen Bereich des Einzelnen abspielen als auch zum Verhängnis für ganze Völker werden. Die Deutschen haben es erfahren.

Gefähr­liche Menschen sind perfekte Verführer. Sie schaffen es, ihre Schat­ten­seiten unsichtbar zu machen. Sie blenden mit Liebens­wür­digkeit, mit überzeu­genden Verspre­chungen, mit plausiblen Erklä­rungen, mit klaren Handlungs­weisen, mit brillanter Rhetorik, mit makel­losem Auftreten. So finden sie schnell Gefolg­schaft, die ihren Einfluss verstärkt. Es wird schwer, sich ihnen zu entziehen. Man wird verein­nahmt, wird abhängig gemacht und vor den Karren gespannt. Es gibt keinen anderen Orien­tie­rungs­ho­rizont mehr. Im Privaten sagt man: Liebe macht blind.

Es ist der Reali­täts­verlust, das Aufheben der kriti­schen Distanz, was so gefährlich ist. Wenn nachher alles in Schutt und Asche liegt, eine Beziehung sich in Tränen auflöst, fragt sich manch einer voller Selbst­vor­würfe: Wie konnte ich nur? Andere können auch dann noch nicht glauben, dass sie sich geirrt haben. Es wird auf die widrigen Umstände verwiesen. Sich in einem Menschen getäuscht zu haben, den man ideali­siert hat, ist vielen als Einsicht unmöglich. Das Idol lebt als Lebenslüge weiter – im politi­schen Leben eines Volkes rechts wie links.

Gefähr­liche Menschen bauen mit ihren Gefolgs­leuten ein allmäch­tiges Milieu auf: Symbole werden zur Identi­fi­kation und zur Reprä­sen­tation einge­setzt; mit Abzeichen- und Ordens­ver­lei­hungen wird die Zugehö­rigkeit gefestigt; Fahnen, Maskottchen und Hymnen lassen die Gefühle höher schlagen; Rituale der Verbun­denheit werden eingeübt; Sprach­re­gu­lie­rungen bis hin zu geheimen Bedeu­tungen schweißen zusammen und verleihen Elite-Gefühle; gleich­ge­schaltete Anreden und festge­legte Gesten beispiels­weise zur Begrüßung machen den Gruppen­zwang allge­gen­wärtig – und anderes mehr. Wer sich auf solche Verein­nahmung einge­lassen hat, für den gibt es kaum noch ein Entrinnen. Deshalb ist die Früherkennung so wichtig!

Woran lässt sich ein gefähr­licher Mensch erkennen? Dazu muss man sich selbst beobachten und daraus Schlüsse ziehen können. Je weiter die eigene Persön­lich­keits­ent­wicklung fortge­schritten ist, ein persön­licher Verständnis- und Orien­tie­rungs­ho­rizont geschaffen wurde, umso sicherer ist man, wenn es darum geht, frühzeitig zu erkennen, mit wem man es zu tun hat, wer einen da in seinen Bann zieht. Was im Gange ist, lässt sich an Punkten wie diesen feststellen:

  • Wird eine heile Welt in Aussicht gestellt?
  • Bin ich in Versu­chung, meine bishe­rigen Grund­sätze und Verhal­tens­regeln aufzu­geben?
  • Lasse ich Handlungen zu, die ich bisher abgelehnt habe?
  • Komme ich mir klein und unbedeutend vor, wenn ich mich mit dieser Licht­ge­stalt vergleiche?
  • Drängt es mich, Tuchfühlung zu haben und zu den Gefolgs­leuten zu gehören?
  • Bin ich bereit, mich unter­zu­ordnen? Keinen eigenen Willen mehr zu haben?
  • Ertrage ich es nicht, in eine Außen­sei­ter­po­sition zu geraten, wenn ich nicht mitmache?
  • Verteidige ich mein Idol gegenüber jeglicher Kritik?

Besonders gefährdet, den Demagogen, Verführern, Schmeichlern, Vital­typen, Herzens­bre­chern, Gutmen­schen auf den Leim zu gehen, sind einsame Menschen, charak­terlich schwache Personen, Klein­mütige, Unmündige – alle, die sich nach Anerkennung sehnen, die Gebor­genheit suchen und geliebt werden möchten. Sie lassen sich am ehesten verein­nahmen, sich in Besitz nehmen.

Was soll man tun, wenn man eine Person als gefähr­lichen Menschen erkannt hat? Sich ihrem Einfluss entziehen! Den Bannkreis ihrer Ausstrahlung schnell verlassen! Ihrem unwider­steh­lichen Charme und ihren schla­genden Argumenten sich nicht aussetzen! Sich auf keinen Fall mit ihnen anlegen! Denn gefähr­liche Menschen sind in aller Regel Macht­men­schen, die über die entspre­chenden Mittel verfügen und sie rücksichtslos einsetzen. Das kann im Berufs­leben zu harten Einschnitten bis hin zu einem Neuanfang führen. Schon manch hoffnungs­volle Karriere ist an der Macht eines gefähr­lichen Menschen gescheitert.

Nur wenige Menschen, die um ihre Faszi­nation und Wirkung auf andere wissen, haben die Moral, ihre Fähig­keiten zu läutern. Sie ziehen sich immer wieder in die Einsamkeit zurück, wenn die Menge sie auf den Schild heben will. Man erkennt sie daran, dass sie die Würde und die Freiheit anderer Menschen nicht antasten.

9. Situa­tives und voraus­schau­endes Handeln

Bisweilen trifft man auf Menschen, von denen man den Eindruck hat, dass sie mit jeder Situation problemlos zurecht kommen. Entweder haben sie eine Ausstrahlung, die jede Szene bei ihrem Auftritt wie ein Magnetfeld auf sie ausrichtet, oder sie sind Natur­ta­lente in ihrer Anpassung an jegliches Umfeld. Erstere sind oft vitale Menschen mit hoher Intel­ligenz; die zweiten sind Personen großer Sensi­bi­lität, die sich in andere Menschen hinein­ver­setzen können. An beiden bewundere ich, dass es aussieht, als brauchten sie sich auf keine Situation vorzu­be­reiten. Sie kommen, sehen und siegen. Sie sind, wie sie sind, und erreichen damit, was sie wollen. Wer möchte nicht so leicht und locker durchs Leben gehen!

Wenn man die Gelegenheit hat, solche Menschen über längere Zeit zu beobachten – etwa in der Politik oder in der Wirtschaft –, stellt man fest: Sie sind wie Fische im Wasser, aber wehe sie geraten aufs Trockene. Also bleiben sie möglichst in ihrem Element. Aber das gelingt selten ein Leben lang. Schon manch einer ist irgendwann doch verkümmert. Mittler­weile glaube ich, es ist auf Dauer besser, gezwungen zu sein, sich auf Situa­tionen vorzu­be­reiten. Denn das gibt Stand­fes­tigkeit, insbe­sondere wenn andere versuchen, einen zu verführen, die Situation zu manipu­lieren. Wer sich Gedanken darüber macht, was vermutlich auf ihn zukommt, worauf er sich gefasst machen muss, womit er sich schon mal vertraut machen könnte, der erhöht seine Chancen, souverän zu agieren, wenn man spontan sein muss.

Voraus­schau­endes Denken und Handeln sollte zur Gewohnheit werden!

In der Schule und in der Berufs­aus­bildung gewöhnen sich viele an, auf Prüfungen beispiels­weise sich erst kurz vorher vorzu­be­reiten, obwohl der Termin schon lange bekannt ist. Wer mit dem Prüfungs­stoff durch ständige Beschäf­tigung mit dem Fach vertraut ist und Lernme­thoden entwi­ckelt hat, ihn am Prüfungstag abruf­bereit zu haben, der kann sich viel Stress ersparen. Zugegeben: Lehrer, Meister und Profes­soren sowie die vorge­ge­benen Prüfungs­ord­nungen machen es nicht leicht, das verlangte Pensum zu erfüllen. Doch das sollte nicht zur Folge haben, später im Beruf nicht mehr wissbe­gierig und lernfähig zu sein. Denn das ist die Voraus­setzung voraus­schau­ender Arbeits- und Lebens­weise.

Zu den seltenen, aber für Gemein­schaften ungemein nützlichen Fähig­keiten gehört die spontane und situa­ti­ons­ge­rechte Rede. Das verlangt ein Gespür dafür, was hilfreich ist, um mit Worten einer Stimmung Ausdruck zu geben oder in einer festge­fah­renen Situation die Orien­tierung herzu­stellen und eine Lösung aufzu­zeigen. Adenauer hatte diese Fähigkeit: Nach vielstün­digen Debatten zum Beispiel in der Bundes­tags­fraktion, wenn keiner mehr wusste, wie denn nun zu entscheiden sei, nahm er das Wort, resümierte mit verständ­lichen klaren Sätzen die Argumente der Vorredner und gab dann kurz und präzise die Antwort, wie nach seiner Einschätzung zu entscheiden sei. Danach fühlten sich alle befreit und wollten nur noch abstimmen.

Voraus­schauend denken und handeln heißt:

  • Sich seine Neugier erhalten,
  • Sachver­halte recher­chieren und erschließen können,
  • Prognosen wagen und Szenarien erstellen,
  • Vorher­sagen und dann Wirklichkeit mitein­ander vergleichen,
  • sich auf Menschen einlassen,
  • seine Einsichten und Erleb­nisse immer wieder überdenken,
  • das Risiko des Abenteuers nicht scheuen – aber es kalku­lieren.

Dann fließen situa­tives und voraus­schau­endes Handeln schließlich mehr und mehr inein­ander. Daraus erwächst das Gefühl, ein selbst­be­stimmtes Leben zu führen.

10. Positive Selbst­einrede

In Zeiten der Häufung von unange­nehmen Ereig­nissen ist es gut, sein inneres Gleich­ge­wicht nicht dauerhaft zu verlieren. Das heißt, aufgrund seiner Einsichten und Lebens­er­fah­rungen wissen, wie man mit misslichen Situa­tionen umgeht. Alles andere kann zu bleibendem Schaden führen. Wer seine Balance hält, entgeht der Gefahr, depressiv zu werden. Dabei hilft, den Blick für die freudigen Ereig­nisse des Lebens nicht zu verlieren. Treffen einen Schick­sals­schläge, sind diese eher zu verkraften, wenn man zuvor eine Lebens­ein­stellung gewonnen hat, die auf Zuver­sicht und Gebor­genheit gründet. Dann kann der Trost nahe stehender Menschen Halt geben. Die größte innere Sicherheit bewirkt ein an Gott gebun­dener, gelebter Glaube. Was Gott zulässt, muss auch ich zulassen.

Wir kennen aus Kinder­tagen die Worte der Mutter: „Das ist bald wieder gut.” Und dann hat sie unsere Aufmerk­samkeit auf ein Spielzeug gelenkt oder mit einer Süßigkeit uns wieder lebensfroh gestimmt. Als Erwachsene spenden wir uns oft selbst Trost, der darauf verweist, dass die Unwetter des Lebens vorüber gehen – und lenken uns ab durch Arbeit. Wenn dann noch Partner und Kollegen einem sagen „Nimm es nicht so tragisch!”, kommen wir nach einiger Zeit aus dem Tief in der Regel wieder raus. Wir wissen: Das Leben geht weiter, es gibt schlechte und gute Zeiten. Vielem kann man nachher ja auch etwas Gutes abgewinnen.

Die Erfah­rungen solcher Tröstungen haben sich Mitmen­schen und auch profes­sio­nelle Helfer zunutze gemacht, um in sich und/oder in denen, die sie als Klienten betreuen, ein ständiges Wohlfühlen zu erzeugen – unter anderem mit ständiger positiver Selbst­einrede. Ameri­ka­nische Psycho­logen haben versucht, die Wirkungen der positiven Selbst­einrede heraus­zu­finden. In der Zeitschrift „Psycho­lo­gical Science” teilen sie in der Überschrift ihres Beitrags das Ergebnis bereits mit: „Positive Self-State­ments: Power for Some, Peril for Others”. Die starken Persön­lich­keiten wissen Nutzen aus der positiven Selbst­einrede zu ziehen, die schwachen nehmen Schaden.

Die Forscher berichten: Statt aus der Selbst­sug­gestion „Ich bin eine liebens­werte Person” Kraft zu schöpfen, hätten die schwachen Personen – und denen gilt ja meistens die Hilfe – eher gegen­teilige Bilder in sich wach gerufen. Daher wird empfohlen, Aussagen zu sugge­rieren, die konkret erfahrene Stärken betonen. Beispiel: „Ich bin gut darin, schöne Geschenke auszu­suchen”. Doch was soll eine solche Selbst­sug­gestion? Nach meiner Beobachtung birgt der Versuch, mit ständiger Selbst­einrede sich das Leben schön zu reden, die Gefahr des Wirklich­keits­ver­lustes aufgrund unent­wegten Selbst­be­trugs.

Wolke 7 als Dauer­adresse gibt es nicht. Es lässt sich nicht alles rosa färben und ideali­sieren. Weder ist es möglich, den Unrat dieser Welt aus seiner Wahrnehmung zu verbannen noch ihn umzuin­ter­pre­tieren nach dem Motto „Alles hat auch sein Gutes, alles hat seinen Sinn”. Der Drang nach „Sich wohl fühlen” kann bei schwachen Personen zur Sucht und damit zur Lebens­un­fä­higkeit führen. Fallen sie Verführern in die Hände, die sie in den Bann ihrer Person mit ihren Glücks­bot­schaften ziehen, ist ein Ende wie beim kollek­tiven Zwang einer Sekte nicht auszu­schließen.

11. Quellen des Wohlstands – unbekannt?

Noch heute ist die Soziale Markt­wirt­schaft ursächlich für den Wohlstand in Deutschland. Doch das erkennt die Bevöl­kerung nicht mehr. Sie lehnt mittler­weile die Soziale Markt­wirt­schaft mehrheitlich ab. Wegen ihrer angeb­lichen Ungerech­tigkeit. Allge­meine Wohlfahrt wird als Aufgabe des Staates gesehen. Übersehen wird trotz gegen­tei­liger Erfah­rungen im Osten Deutsch­lands und anderen Ländern:

  • dass eine möglichst große Zahl von erfolg­reichen Unterneh-
    mern notwendig ist, um Wohlstand zu erwirt­schaften,
  • dass der Staat als Unter­nehmer nichts taugt und
  • dass inter­na­tional agierende Konzerne Standorte schnell auf-
    geben, wenn sie ihre Bedin­gungen nicht mehr erfüllt sehen.

Der Staat kann nur die Voraus­set­zungen für global wettbe­werbs­fähige Unter­nehmen schaffen – mehr nicht! Viele Politiker indes rekla­mieren Erfolge der Wirtschaft gerne als ihren Erfolg. Kein Wunder, dass man dann alles bei ihnen festmacht. Ein Volk, das wie die Deutschen von seiner Wettbe­werbs­fä­higkeit lebt, sollte wissen, was die Voraus­set­zungen sind, damit Unter­nehmen in genügender Zahl erfolg­reich sind.

Wider­spiegeln müsste sich das Wissen um die Rahmen­be­din­gungen für erfolg­reiches Wirtschaften, das gerade in einer globa­li­sierten Welt unabdingbar ist, in den Lehrplänen des Bildungs­systems und in den Lernma­te­rialien der Schulen. Tut es aber nicht! Es bedurfte der Länder verglei­chenden Pisa-Studien, ehe man in Deutschland merkte, dass Lesen, Schreiben und Rechnen etwas mit Wettbe­werbs­fä­higkeit zu tun hat – man könnte auch sagen: mit Lebens­tüch­tigkeit.

6,2 Millionen der erwerbs­fä­higen Deutschen können nicht ausrei­chend lesen und schreiben. (Frühjahr 2019) Die öffent­liche Aufmerk­samkeit wird indes vorwiegend darauf gerichtet, wie man die Folgen für die Betrof­fenen – was ihre Teilhabe am Wohlstand angeht – verbessern kann, weniger auf die Verbes­serung ihrer Fähig­keiten. Mit den Hartz IV-Gesetzen unter dem Motto „Fördern und Fordern“ sollte diese Einsei­tigkeit zurecht gerückt werden. Heute wird ihre Abschaffung betrieben.

Die Bundes­ar­beits­ge­mein­schaft „Schule­Wirt­schaft“ hat bereits vor Jahren Schul­bücher (155 Schul­bücher) daraufhin unter­sucht, wie das Wirtschafts­system Deutsch­lands darge­stellt wird. Man kam zu dem Ergebnis, dass die Darstellung in vielerlei Hinsicht bruch­stückhaft, unaus­ge­wogen und fehlerhaft ist. Beispiel: Über 80 Prozent der Schul­bücher thema­ti­sieren den sogenannten Struk­tur­wandel. Die Mehrzahl handelt ihn ab als Vorgang von techni­schen Neuerungen, die von den Arbeit­nehmern zu bewäl­tigen sind oder sie den Job kosten. Wie Unter­nehmer den techni­schen Fortschritt zur Verbes­serung ihrer Wettbe­werbs­fä­higkeit nutzen und damit Arbeits­plätze erhalten und neue schaffen, bleibt unerwähnt.

Oder das Thema „Soziale Gerech­tigkeit“. Es wird in fast 80 Prozent der unter­suchten Schul­bücher behandelt. Der Tenor ist unter­nehmer- und gesell­schafts­kri­tisch. Zitat: „Zur Randbe­leg­schaft zählen jedoch nicht nur Menschen, die weniger anspruchs­volle ‚Lücken­bü­ßer­funk­tionen‘ und Aushilfs­tä­tig­keiten bei schlechter Bezahlung und ohne soziale Absicherung übernehmen, sondern zum Beispiel auch all jene hochqua­li­fi­zierten, selbstän­digen Dienst­leister, deren Kompe­tenzen das Unter­nehmen je nach Bedarf für eine gewisse Zeit nutzt und einkauft.“ (aus: Gesell­schafts­struk­turen und sozialer Wandel, Sekun­dar­stufe II, Gymnasium, 1. Auflage 2003, Diesterweg Verlag)

Kriti­sches lässt sich auch insinu­ieren, indem man Zutref­fendes verkürzt behauptet, in einen bestimmten Zusam­menhang stellt und dazu Reizworte benutzt, von denen man weiß, dass sie in der Öffent­lichkeit mit negativen Vorur­teilen besetzt sind. Schul­buch­dem­agogie: „Die Unter­nehmen wollen möglichst viel Gewinn erzielen. (…) Unter­nehmen befinden sich in Privat­ei­gentum.“ (aus: Demokratie heute, Jahrgangs­stufe 7–10, Haupt­schule, Realschule, Regionale Schule, Duale Oberschule, 1. Auflage 2009, Schroedel Verlag) Nicht oder kaum behandelt werden Themen wie die Funkti­ons­weise des Arbeits­marktes, das Arbeits­recht, Unter­neh­mens­formen und, für Jugend­liche besonders wichtig, „Was ist Geld?“.

Ein Volk, das von den Quellen seines Wohlstands nichts oder zu wenig, Irrefüh­rendes oder Falsches weiß, wird sein Wohlergehen auf die Dauer nicht erhalten.

12. Thera­piertes Leben

Positive Psycho­logie – Glück­lich­macher für das Diesseits?

Dem Zeitgeist der Wohlstands­ge­sell­schaften folgend, wird heute Positive Psycho­logie angeboten. Damit wir nur noch gut drauf sind. Verhal­tens­psy­cho­logen haben mittler­weile rund 50 Verfahren zur Verfügung, um Patienten aus einem Tief heraus­zu­holen oder zufrie­dener zu machen. Die 68er und ihr Gefolge führten noch Trans­pa­rente mit sich, auf denen zu lesen stand: „Hast im Leben schlechte Karten, musst Du auf das Jenseits warten.” Diese Vertröstung ist überholt. Man muss nur den Blick dauerhaft auf die positiven Dinge dieser Welt richten – so die Botschaft. Denn bekanntlich hat ja alles auch sein Gutes. Das Dumme ist nur: Die Kehrseite des Positiven ist durch das Betrachten allein der Vorder­seite der Medaille nicht aus der Welt geschafft.

In der Wirtschaft platzen über kurz oder lang, wie wir mittler­weile wissen, die Träume eines illusio­nären Lebens. Politik, die solche Illusionen nährt, führt in den Katzen­jammer. Denn die Märkte zwingen früher oder später in die Wirklichkeit zurück. Unter­nehmer, die nicht mit staat­lichen Geldern im Risikofall rechnen können, pflegen deshalb auch die Rückseite der Medaille zu beachten. Um Kunden zu gewinnen, sind sie gerne bereit, psycho­lo­gische Erkennt­nisse zu nutzen. Aber ihre Mitar­beiter sehen sie nicht als Aufga­benfeld für Psycho­logen. Ihre Angestellten sollen sich auf ihre Arbeit konzen­trieren und nicht sich selbst zum Mittel­punkt des unter­neh­me­ri­schen Handelns machen. Führungs­leute wissen: Eine gewisse Unzufrie­denheit kann sogar motivierend wirken, mehr als glück­liches Ausge­gli­chensein.

Wir tun gut daran, uns wie Unter­nehmer auf die Wirklichkeit einzu­stellen. Die unange­nehmen Seiten des Lebens lassen sich nicht ausblenden und auch nicht ins Positive uminter­pre­tieren. Thera­peuten – ob esote­risch angehaucht oder auch wissen­schaftlich ausge­bildet – haben nicht den Schlüssel zum „Geheimnis Mensch”, so dass sie uns dauerhaft glücklich machen könnten. Sie sind genauso irrtums­fähig, fehler­be­haftet, angst­er­füllt, sehnsüchtig, sexual­ge­stört, depres­si­ons­ge­fährdet und so weiter wie jeder andere auch. Deshalb: Wer sich in die Behandlung eines Thera­peuten begibt, sollte Abstand halten und darauf bedacht sein, Herr des Verfahrens zu sein. Man darf die Verant­wortung für sein Leben nicht aus der Hand geben.

Daher ist es verant­wor­tungslos sich selbst und seinen Mitmen­schen gegenüber zwecks Glück­lichsein Illusionen zu nähren. Leben gelingt nur dem, der sich der Wirklichkeit stellt, unentwegt seinen Erkenntnis- und Erfah­rungs­ho­rizont erweitert und nicht wegen seiner Fehler und Schwächen meint, ein thera­piertes Leben führen zu müssen. Thera­peuten sollten in Notfällen zum Einsatz kommen, nicht als ständige Wegbe­gleiter. Therapie als Heilver­fahren ist für den angezeigt, der – selbst oder fremd verschuldet – seine Freiheit eingebüßt hat, sein Leben nicht mehr eigen­ver­ant­wortlich führen kann. Ihm kann Therapie wieder auf die Beine helfen – kann, wenn er an einen guten Thera­peuten gerät. Dieses „gut” ist Vertrau­ens­sache.

13. Beruf und Karriere als Lebenssinn?

Der Lebens­mit­tel­punkt vieler Menschen hat sich von der Familie zum Arbeits­platz verschoben. Ein anerkanntes Mitglied der Gesell­schaft zu sein, wird aus dem beruf­lichen Erfolg gewonnen. Nicht aus der Wertschätzung als Mutter oder Vater. Lebens­ri­siken wie Krankheit, Invali­dität und Pflege­be­dürf­tigkeit sind zwangs­ver­si­chert.

Die Kinder­be­treuung übernehmen schon bald nach der Geburt staat­liche Einrich­tungen. Kindsein spielt sich vorwiegend in Krippen und Kitas ab. Der Jugend­liche ist dem Schul­system auf Gedeih oder Verderb ausge­liefert. Mit seinem Vater und/oder seiner Mutter kann der Heran­wach­sende – wenn es denn passt – abends, an Wochen­enden und Ferien­tagen zusammen sein. Er hat sein eigenes Zimmer mit PC, gesellt sich mit Gleich­al­te­rigen.

Die Berufswelt nimmt Männer wie Frauen in Vollzeitjobs mindestens acht Stunden pro Tag in Anspruch. Die übrige Zeit wird zur Erholung, für Ausgleichs­sport und zur Erfüllung von Haushalts­pflichten genutzt. Insbe­sondere bei Müttern kommen die Erholung und der Ausgleichs­sport meistens zu kurz.

Die Reste der tradi­tio­nellen Familien-Aufgaben, die nicht verge­sell­schaftet werden können, bleiben in der Regel an den Müttern hängen. Viele Frauen entscheiden sich daher zu einer Halbtags­arbeit und verzichten damit auf Karrie­re­chancen. Das mindert einer­seits ihre Integration in die Welt der Arbeit, anderer­seits sind sie reduziert auf Teilzeit­mütter in unbezahlter Dienst­leis­tungs-funktion.

Sozial­wis­sen­schaftler, die mit Statis­tiken, Langzeit- und Querschnitt­studien den Zustand und die Entwicklung unserer Gesell­schaft zu beschreiben versuchen, konsta­tieren mittler­weile: Teilhabe an unserer Gesell­schaft und das Empfinden, dazu zu gehören, hängen ab von der stabilen Integration in den Arbeits­markt. Anders ausge­drückt: Vollgül­tiges Mitglied unserer Gesell­schaft ist heute, wer sich aufgrund seiner Berufs­tä­tigkeit keine Sorgen um sein Überleben in Wohlstand und die entspre­chende Wertschätzung seiner Mitmen­schen machen muss.

Wo werden die Voraus­set­zungen für ein solcher­maßen ‚erfülltes‘ Leben geschaffen? Wer vermittelt die notwen­digen Fähig­keiten? Wer sind die Vorbilder, an denen Kinder und Jugend­liche ihr Verhalten ausrichten können? Wie erzie­hungs­fähig sind Mütter und Väter, die eine Feierabend‑, Wochenend- und Urlaubsehe führen?

Wenn man diese Frage­stel­lungen auf die Misserfolge des Bildungs­systems konzen­triert, kommt man dahinter, wo der Tatort für die ungleichen Lebens­chancen sind, die so gerne und vehement als soziale Ungerech­tigkeit angeprangert werden:

  • Wer hat versagt, wenn Kindern und Jugend­lichen in ihrem späteren Erwach­se­nen­leben die Integration in die Arbeitswelt nicht gelingt? Die Mitar­bei­te­rinnen in den Kinder­krippen und Kitas? Sind sie nicht genügend quali­fi­ziert? Was fehlt ihnen im Vergleich mit Eltern, denen Erziehung gelingt?
  • Woran liegt es, wenn Väter und Mütter in ihrem Verhalten gegenüber ihren Kindern und Jugend­lichen versagen? Als Vorbilder ausfallen? Überfordert sind mit Erzie­hungs­auf­gaben? Haben bereits ihre Eltern, Erzie­he­rinnen, Lehrer, Ausbilder und Profes­soren versagt? Haben Bildungs­po­li­tiker in den Bundes­ländern mehr Sozial­po­litik als Bildungs­po­litik betrieben?
  • Kann das Lehrper­sonal an den Schulen ausgleichen, was Kinder aus ihrer Vorschulzeit an Fehlver­halten in die Klassen­zimmer einbringen? Warum schmeißen viele Jugend­liche die Schule? Warum ist es nach wie vor das Eltern­milieu, das Jugend­lichen die besseren oder auch die schlech­teren Lernvor­aus­set­zungen schafft?
  • Warum gibt es an den Hochschulen so viele Studi­en­ab­brecher? Sind mangelnde Hochschul­reife, die Hochschul­struk­turen, die Lernan­for­de­rungen, die Lehrqua­li­fi­ka­tionen, Prüfungs­systeme und so weiter so unzurei­chend, dass so viele Studie­rende aufgeben?
  • Ist es tatsächlich nur die mangelnde beruf­liche Ausbildung, die einen auf dem Arbeits­markt keinen Job finden lässt? Oder sind auch Verhal­tens­mängel dafür ursächlich, die auf Fehlent­wick­lungen in der Kinder- und Jugendzeit zurück­zu­führen sind, für die Erwachsene die Verant­wortung tragen?

Es verwundert nicht, dass heraus­ge­funden wurde: Arbeitslose, Zeitar­beit­nehmer und befristet Beschäf­tigte haben ein gerin­geres ‚Teilha­be­emp­finden‘ an unserer Gesell­schaft als unbefristet Beschäf­tigte und Selbständige. Folgen dieses Empfindens, nicht dazu zu gehören, sind: vermin­derte soziale Bezie­hungen, Nachlassen intel­lek­tu­eller Fähig­keiten wie logisches Denken und Umgang mit Zeit, Zweifel am Lebenssinn, kein soziales Engagement, kaum Hilfs­be­reit­schaft. Manche entwi­ckeln aggres­sives Verhalten oder rutschen ab in die Abhän­gigkeit von Betäu­bungs­mitteln.

14. Voller Freude

Wie wohltuend ist es, in der Gesell­schaft eines frohen Menschen zu leben! Eines Menschen, der Freude ausstrahlt, der warmherzig ist, der Zuver­sicht gibt. Wir sollten danach streben, ein ebensolcher Mensch zu werden! Das ist nicht an äußere Umstände gebunden, sondern an unsere Lebens­ein­stellung. Innere Freude gilt es zu gewinnen. Freude, die sich nicht aus Wohlstand ableitet. Das habe ich gelernt bei Aufent­halten in der Dritten Welt, in Begeg­nungen mit Behin­derten und durch einen behin­derten Freund.

Freude als belastbare Lebens­ein­stellung kann die Unzuläng­lichkeit, die Ungerech­tigkeit, das Böse, das Leiden und Sterben dieser Welt nicht aufheben. Aber Freude kann helfen, nicht an all dem zu zerbrechen. Wut und Trauer sind keine Gegen­sätze zur Freude, sondern sie bedingen Freude als Trost und Heilung, um nicht an Ignoranz und Lieblo­sigkeit, an Gleich­gül­tigkeit und Arroganz zu verzweifeln. Freude hat mit Mut und Weisheit, mit Duldsamkeit und Ertragen, mit Hoffnung und Liebe zu tun.

Wir kommen offen und bereit für die Freuden dieser Welt ins Leben. Es hängt von unserem Umfeld, von unseren Eltern ab, ob wir über freudige Erfah­rungen in Kindheit und Jugend ins Erwach­sensein finden. Damit Sonnen­strahlen in unser Leben fallen, müssen wir uns zum Licht hin entwi­ckeln. Lebens­freude kann das Leben erfüllen, wenn man zu sich selber als Kind Gottes findet.

Nicht das Glück von außen, etwa in Gestalt des Lotto­boten, sondern das Entdecken seiner selbst, seines Wahrneh­mungs­ver­mögens, seines Verstandes, seiner Talente und Tugenden, seiner Verant­wortung und seiner Liebes­fä­higkeit – das alles kann Freude in uns wach rufen. Jeder ist zur Freude begabt. Diese Gabe darf man nicht vernach­läs­sigen oder verschütten oder gar zerstören. Man muss sie vor der Bedrohung durch andere schützen. Man muss sie unablässig nutzen und zur Geltung bringen. Freude bereiten – sich und seinen Nächsten!

15. Warum Rituale?

Junge Erwachsene kommen – zumindest für einige Zeit – zu der Ansicht, die umgebenden Tradi­tionen mit ihren Ritualen seien inhaltslos, entbehrten eines Sinns, stellten nur Fassaden dar. So manches Paar, das dauerhaft zusammen leben möchte, verachtet Hochzeits­feiern als Folklore, sieht seinen Entschluss zur Zweisamkeit als Privat­sache an. Das ganze Brimborium einer Hochzeit, womöglich noch kirchlich – nein danke.

Aber irgendwann machen die Lebens­um­stände bewusst: Wir brauchen Gemein­schaft. Der Hochmut, sein Leben emanzi­piert in indivi­du­eller Selbst­herr­lichkeit gestalten zu können, ist verflogen. Es werden Gleich­ge­sinnte gesucht. Und ganz selbst­ver­ständlich werden auf einmal Einstel­lungen und Rituale angenommen. Denn sie dienen sowohl der persön­lichen Entlastung wie dem Bestand einer Gruppe.

Feiern macht nur in Gemein­schaft Spaß. Wird Gemein­schaft als Lebens­bezug empfunden, werden auch „freudige Ereig­nisse” Anlass zu ritueller Feier­lichkeit. Dem Ereignis soll Bedeutung und Glanz verliehen werden. Event-Designer kommen zum Zug. Ein beson­derer Ort wird gewählt, eine angemessene Dekoration geschaffen, ein Programm zusam­men­ge­stellt. Es soll „unver­gesslich” sein.

Abhanden gekommen sind vielen von uns indes die Rituale des Trauerns. Gerade sie haben jedoch den Sinn, vor psychi­scher Überfor­derung zu bewahren. Bei schlimmen Unfällen kommen heute daher Psycho­logen zum Einsatz. Früher waren es Priester und Gemeinden, die Trost spendeten und Halt gaben. Mit Gebet, Gesang, Trauer­kleidung, Tanz, Gesten, Fasten. Man war nicht allein, die Gemein­schaft trug einen.

Für das Zusam­men­leben von Menschen sind Rituale unver­zichtbar. Sie entwi­ckeln sich auch in Unter­nehmen: Zusammen arbeiten, zusammen feiern. Manche Firmen­chefs machen daraus eine Firmen­kultur. Da muss man prüfen, ob man sich mit den Wertvor­stel­lungen, die dahinter stecken, identi­fi­ziert. Und man sollte sich fragen, ob Manipu­lation im Spiel ist, wenn die Rituale
als Leistungs­an­reize gedacht sind, die Eitelkeit und Presti­ge­be­dürf­nisse bedienen.

16. Marie und Francois

Wann immer eines der Urenkel, Enkel, Kinder oder einer der Freunde vorbei­schaut — eine Atmosphäre der Freude und Liebe umfängt sogleich jeden Besucher. Marie und Francois sind eine Oase am Rand der großen Stadt. Betritt man ihr Haus, umgeben von einem Garten Eden, kommt man wie von einem Zauber berührt zur Ruhe. Hier herrscht Beschau­lichkeit. Frieden.

Die beiden sind Mitte neunzig. Zeitzeugen bewegter Jahrzehnte europäi­scher Geschichte. Francois wurde als Pilot im Ersten Weltkrieg über Deutschland mit seinem Kameraden Victor abgeschossen — und beide überlebten. Jedes Jahr feiern sie ihre „Wieder­geburt”. Zweiter Weltkrieg. Resis­tance. Algeri­en­krieg. De Gaulle. Deutsch-franzö­sische Freund­schaft. Europa.

Sieben Kinder haben Marie und Francois. Und jedes hat aus seiner Freiheit etwas anderes gemacht: gehei­ratet, geschieden, kinderlos, wieder gehei­ratet, allein geblieben, Karriere, Großeltern, Kindes­kinder, alle Alters­stufen. Die Zimmer oben im Haus sind wie ein verlas­sener Fuchsbau. Der eine oder andere Raum wird benutzt, wenn ein Besucher über Nacht bleibt.

Jahrzehnte harter Arbeit liegen hinter dem Paar: morgens um vier raus in die Stadt zu den alten Markt­hallen, wo sie einen Fleisch­handel betrieben. Mitar­beiter im Geschäft, Personal zuhause — nur so war dieses Leben zu schaffen. Unbändige Vitalität und klug einge­setzter Lebens­willen. Die jährliche Famili­en­feier lässt ahnen, was sie einst an Kraft entfaltet haben.

Wie immer auf unserer Herbst­reise nach Aquitanien kehren wir bei Marie und Francois ein. Freudig erwartet. Ein großar­tiges Mahl ist vorbe­reitet. Der älteste Sohn und seine Frau kommen dazu, leisten umsichtig Hilfe. Wir helfen mit. Die Gespräche beim Essen und Trinken enden tief in der Nacht. Wir schöpfen aus einem Brunnen voller Lebens­weisheit. 

17. In Freiheit gelebte Partner­schaft

Die Diskussion um Ehe, Familie und Single­dasein wird vorwiegend unter Aspekten der indivi­du­ellen Lebens­ge­staltung geführt. Indivi­duelle Freiheit wurde möglich durch den wohlstand­ba­sierten Fürsor­ge­staat. Seitdem wird die sexuelle Beziehung zwischen Menschen nicht mehr im Zusam­menhang überle­bens­not­wen­diger Struk­turen einer Gesell­schaft gesehen.

Psycho­logen sprechen von roman­ti­scher Liebe. Unter­tä­nigkeit aufgrund gesell­schaft­licher Rollen­ver­teilung ist irrelevant. Gesucht wird das Lebens­glück des orgas­ti­schen Augen­blicks. Ein flüch­tiger Moment. Nicht jedem gelingt der Übergang und die Ausweitung zu einer dauer­haften Lebens­ge­mein­schaft in Gebor­genheit und Harmonie. Das ist indes die unerfüllte Sehnsucht

Regle­men­tierte Sexua­lität als Überle­bens­stra­tegie

Bis vor wenigen Jahrzehnten war die Mitglied­schaft in einer Gruppe, vornehmlich in Ehe und Familie, für das Überleben entscheidend. Empfunden wurde diese Zugehö­rigkeit im Laufe der Geschichte indes von nicht wenigen als Einschränkung der persön­lichen Freiheit. Denn es herrschte das Famili­en­ober­haupt, der Patriarch.

Die Gruppe sorgte für die nachwach­sende Generation und die ältere Verwandt­schaft. Die Erträge der Wirtschafts­leistung mussten die materi­ellen Bedürf­nisse befrie­digen. Hinzu kommen musste Wehrhaf­tigkeit bezie­hungs­weise Vertei­di­gungs­fä­higkeit. Denn seit jeher gilt, sich gegen die wehren zu können, die andere unter­drücken wollen.

Freiheit in Liebe leben

Heute bestimmen andere Gesell­schafts­struk­turen das Leben. Wir brauchen eine Berufs­aus­bildung, einen Arbeits­platz, Sozial­ver­si­che­rungen und vieles mehr. Der technische Fortschritt verändert ständig unseren Alltag. Schnel­le­bigkeit und steigende Komple­xität überfordern viele von uns, machen fortwährend Stress. Was wir wollen, ist zukunfts­si­cherer Wohlstand.

Ohne Flexi­bi­lität und Mobilität geht das nicht. Die Lebens­ar­beitszeit wird erhöht. Das ist möglich geworden, weil die Lebens­er­wartung immer höher angesetzt werden kann. Das alles ist jedoch für Ehe und Familie zum Problem geworden. Denn in ein und derselben Partner­schaft auf Lebenszeit wird das nicht von allen durch­ge­standen. Gleich­zeitig Beruf, Partner­schaft, Kinder?

Dann: Das Wissen um die Funkti­ons­weise der Geschlechts­hormone im Verbund mit Kreislauf, Stoff­wechsel und der zugeord­neten Gehirn­areale nimmt unauf­hörlich zu. Das erklärt viele bisherige Verhal­tens­weisen und macht neue möglich. Viele von uns verwirrt das. Esote­ri­sches Denken soll helfen, nicht in Orien­tie­rungs­lo­sigkeit zu verfallen.

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