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Wechselbäder

… log hemmungslos … Aggressivität aufstieg … den Hausschlüssel behalten
dürfen … geheimnisvoll und spannend … ganz anderer Hirschberg

Gegen Mittag des Neujahrstags klingelt bei Hirschberg unauf­hörlich das Telefon. Irgendwann hörte er das in seinem benom­menen Dahin­dösens. Und schließlich durch­brach dieses aufdring­liche Geräusch, das Wohlfühl­musik nur vorgau­kelte, die Nebel seines Dämmer­zu­stands: Er wurde in das Hier und Heute des 1. Januars 2000 gerufen. Sein „Hallo!“ war wie aus dem Jenseits gehaucht.

„Wo habe ich dich denn hergeholt? Ich habe es mindestens zwanzigmal klingeln lassen.“

„Sorry, ich habe geschlafen. Wie spät ist es denn?“

„Du hast die Silves­ter­nacht wohl durchgemacht?“

Er erkannte die Stimme seiner Schwester.

„Ich war auf einer Party“, begann er zu lügen.

„Mit einer attrak­tiven Frau vermutlich, Nachfol­gerin von Frau Michalski. Junge Frau mit älterem Herrn auf einer Silvesterparty.“

„Halt dich zurück!“

„Bist du etwa auf einem Senio­renball mit ihr gewesen? Na ja, ich muss es nicht wissen. Haupt­sache, du hast dich gut amüsiert.“

Da sie ihn ohne jeden Anhalts­punkt provo­ziert hatte, log er hemmungslos weiter: „Es war tolle Musik, so richtig für unsere Jahrgänge. Lauter nette Menschen. Die Männer meistens etwas dickleibig mit einem Glas in der Hand an der Bar, die Frauen eher geneigt zu tanzen. Und du weißt, ich tanze gern.“

„Dann hattest du ja die freie Auswahl.“

„Mit einigen Frauen konnte man richtig gut flirten. Da war geradezu fühlbar, dass die in ihrer Ehe etwas entbehren.“

„Du Schwe­re­nöter! Ich hoffe, du hast es nicht zu weit getrieben.“

„Na ja, Karneval kommt ja erst noch.“

„Spiel doch nicht den Herzens­brecher! Ich vermute, du hast ganz brav mit einer der Damen irgendwo in einer Ecke gesessen und dich – klug wie immer – mit ihr unterhalten.“

Widerlich, diese Schwester. Er sagte: „Genau so war es. Es gibt eben auch kluge Frauen.“

Er merkte, wie in ihm Aggres­si­vität aufstieg. Die erfasste ihn, wenn die Schwester ihn klein zu halten versuchte. Er fragte retour:

„Und wie hast du die Nacht der Jahrtau­send­wende verlebt?“

„Die beiden Kleinen von Joachim und Margret waren hier. Ich habe mit ihnen Blei gegossen. Es hat einen Riesenspaß gemacht.“

„Und wo waren die Eltern?“

„Die waren bei Freunden eingeladen.“

Damit war beider­seits die Neugier befriedigt. Die Schwester hatte noch ein Ansinnen, wie sie es nannte, er solle sie doch in den nächsten Wochen einmal besuchen, sie hätte ein paar Dinge mit ihm zu besprechen. Nein, nicht am Telefon. Es gehe um finan­zielle Dinge. Mehr wollte sie nicht sagen. Als Termin verein­barten sie das letzte Wochenende im Januar, wünschten sich ein gutes neues Jahr und Tschüs. Hirschberg rieb sich die Augen. Er war noch gar nicht richtig wach.

Um sich frisch zu machen und in den Tag hinein zu kommen, wollte er gerade ins Bad gehen, da klingelte das Telefon erneut. Er hatte die Vorahnung, es würde Katha sein – und sie war es auch.

„Hallo, ich bin’s. Ein gutes neues Jahr! Wie geht es dir?“ Das klang so warm, so vertraut, so lieb. Er ließ sich in den Sessel fallen und hatte das Gefühl, sie säße auf seinem Schoß.

„Mir geht es gut. Ich bin vor einer halben Stunde erst wach geworden, das heißt, meine Schwester hat mich geweckt. Ende Januar werde ich sie besuchen.“

„Und hast du diese Nacht gefeiert?“

„Nein. – Ich war auf dem Friedhof, am Grab meiner Frau. Danach war ich beim Griechen hier im Ort. Da hatte ich eine sehr amüsante Unter­haltung bis in die Morgen­stunden hinein.“

„Worüber?“

„Wie sich die Deutschen vor dem Aussterben retten können.“

„Weltver­bes­serer! Bei mir hat sich eine Menge getan. Das möchte ich dir bei nächster Gelegenheit erzählen.“

„Warum nicht jetzt? Ich höre!“

„Nicht jetzt und nicht am Telefon.“

„Ist es erfreulich?“

„Das wird sich im Laufe der nächsten Wochen herausstellen.“

Sie machte es geheim­nisvoll und spannend. Doch er wollte keine Neugier zeigen.

Sie machte es noch spannender: „Ich habe dir einen Brief geschrieben.“

„Du spannst mich aber ganz schön auf die Folter.“, rutschte ihm raus.

„Ich werde zu dir kommen, sobald ich die nächsten Tage hinter mir habe. Okay?“

„Das ist gut. Denn ich habe ein Attentat auf dich vor.“

„Sei vorsichtig!“

Fünf Tage später kam sie, wie das letzte Mal spät am Abend. Sie schellte. „Du hast doch einen Hausschlüssel!“, begrüßte er sie. Sie ignorierte den Satz und umarmte ihn wortlos.

Ihre Neuig­keiten: Das Tennis­zentrum in Mettmann beschäf­tigte sie ab jetzt projekt­weise als Freibe­ruf­lerin. Das war haupt­sächlich die Organi­sation von Turnier­ver­an­stal­tungen. Diese Regelung gab ihr die Möglichkeit, ihr Studium wieder aufzu­nehmen. Sie hatte einen Studi­en­platz – ja! – in Bonn bekommen. Das Semester lief zwar schon, aber sie meinte, die eine oder andere Vorlesung in ihrem zweiten Teil noch mitnehmen zu können, bevor es dann im nächsten Semester so richtig losging. Sie freue sich riesig und hoffe, den Hausschlüssel behalten zu dürfen. „Selbst­ver­ständlich!“, sagte Hirschberg, mit gönner­hafter Miene seine Freude überdeckend.

„Und jetzt dein Attentat!“

„Ich möchte dich als Nachfol­gerin von Frau Michalski anstellen. Sie arbeitet nicht mehr bei mir, weil sie nach Berlin gezogen ist.“ Katha machte große Augen.

„Das ist doch ein Full-time-Job.“

„Studieren geht ohne weiteres. Mettmann müsstest du, wenn es dir bei mir gefällt, nach und nach aufgeben.“

„Ich muss mich nicht gleich entscheiden? Ich überlege mir das.“

„Wenn du willst und Zeit hast, kannst du für ein paar sogenannte Schnup­pertage kommen. Dann fällt dir die Entscheidung vielleicht leichter.“

„Einver­standen.“

Sie holte ihren Organiser heraus und sie verein­barten für die nächste Woche einen ersten Schnup­pertag. Sie wollte noch möglichst viel erfahren, was er von ihr erwartete. Erst nach Mitter­nacht gingen sie zu Bett. Nach dem Frühstück musste sie gleich los. Beim Abschied gab sie ihm den Brief, von dem sie bei ihrem Telefonat am Neujahrstag gesprochen hatte.

Auf dem Umschlag stand: Das ist mein Brief, so wie ich ihn am Neujahrstag geschrieben habe – unver­ändert. Er machte auf und las:[/vc_column_text]

Lieber Jo!

Silvester habe ich mit meiner Mutter und einer Freundin von ihr verbracht. In voller Harmonie. Nachmittags haben wir gemeinsam gekocht. Dann ein wenig fernge­sehen, anschließend feierlich und ausgiebig gespeist. Wir haben viel geredet. Eine Zeitlang warst auch Du das Thema. Meine Mutter wollte wissen, was für eine Beziehung ich zu Dir habe. Da ich mir darüber, ehrlich gesagt, nicht recht im Klaren bin, habe ich auswei­chend geant­wortet. In dem Sinne, dass Du so etwas wie ein väter­licher Freund für mich bist. Meine Mutter hat gesagt, es tue ihr leid, dass ihre Ehe nicht zu einer Familie nach ihren Vorstel­lungen geführt hat. Dann haben wir über meinen Vater gesprochen. Meine Mutter hat gemeint, dass sie sicherlich einige Fehler gemacht habe. Aber nun sei alles gelaufen.

Was ich nicht will: Bei Dir den Eindruck erwecken, als suchte ich nach einer Schulter, an die ich mich anlehnen kann, vielleicht auch mal ausweinen. Aber welche Frau braucht das nicht, wenigstens hin und wieder? Der Alters­un­ter­schied zwischen uns hilft mir, mich zu öffnen, was mir gleich­alt­rigen Männern gegenüber schwer fällt. Manchmal fällt mir gar nicht auf, dass Du so viel älter bist als ich. Schon bei unserem Ausflug auf Mallorca war das so. Ich fühle mich wohl bei Dir!

Beso y abrazo! Deine Katha

Das war doch ein Liebes­brief! Hirschberg fühlte sich mindestens 30 Jahre jünger. Er schob die Gefühle zurück: „An die Arbeit! Du alter Gockel!“, ermahnte er sich und ging nach oben in sein Büro. Am ehema­ligen Arbeits­platz von Frau Michalski konnte er es sich jedoch nicht verkneifen, sich dort Katha vorzustellen.

Am späten Nachmittag rief seine Tochter aus Los Angeles an. Sie hatte diesen Anruf schon angekündigt. Ihre Stimme war voller Begeis­terung. Der Aufenthalt in New York sei großartig gewesen und die Bespre­chungen an der Columbia University ein voller Erfolg. Bobs Eltern hätten sie hier in L. A. mit offenen Armen empfangen. Sie sei überglücklich. Es gäbe viel zu erzählen, wenn sie das nächste Mal zu ihm käme.

Die Tochter so glücklich zu wissen, war für den Vater eine große Freude. Die Beziehung zu dem jungen Ameri­kaner hatte sich mehr und mehr vertieft. Die beiden waren inein­ander verliebt, ohne dadurch den Boden unter den Füßen zu verlieren. Bob plante den zügigen Abschluss seines Studiums. Sein Deutsch­landjahr ging im Sommer zu Ende. Zurück in New York wollte er zum nächst möglichen Termin sein Examen machen. Sie überlegte, ob sie mit ihm in die Staaten wechseln und dort ihr Studium fortsetzen sollte. Eine längere Trennung vonein­ander wollten sie nicht. Gar nicht so einfach in diesen vom Berufs­erfolg bestimmten Zeiten, Lebenswege zusam­men­zu­führen. Aber da würde er sich nicht einmi­schen; das mussten die beiden selber regeln.

Sein Sohn – Hirschberg hatte gehofft, er würde sich in diesen Tagen melden. Aber nichts tat sich. Seit dem Brief im vorigen Jahr kein Lebens­zeichen mehr. Der Brief hatte dem Vater die Hoffnung gegeben, der Sohn hätte endlich sein Glück gefunden. Zwar in der Ferne, aber immerhin nach vielen Enttäu­schungen und seeli­schen Verlet­zungen. Hirsch­bergs Bemühungen, seiner­seits Kontakt zu Thomas herzu­stellen, waren allesamt fehlge­schlagen – wie schon einmal, als der Sohn verschollen war. Wieder machte sich der Vater Sorgen, und die Freude über das Glück der Tochter wich der Trauer um den verlo­renen Sohn.

Vor allem die Ungewissheit machte ihm zu schaffen. Hatte der Junge nun eine neue Heimat gefunden oder war zum wieder­holten Mal etwas schief gelaufen? Er hatte nach Deutschland kommen wollen. Das klang so, als wäre er gewillt, hier endlich seine Verhält­nisse zu ordnen: zu seiner Exfrau, zu seiner Tochter. Doch er kam nicht, war wieder unerreichbar. Schon mehrfach war Hirschberg der Gedanke gekommen, sich ins Flugzeug zu setzen und den Sohn zu suchen. Doch solche Aktionen waren wohl eher im Film erfolg­reich als im wirklichen Leben. Er nahm sich vor, noch eine Weile zu warten, dann aber mit gründ­lichen und ausdau­ernden Nachfor­schungen zu beginnen. Der Junge konnte ja nicht vom Erdboden verschwunden sein. Oder war ihm etwas passiert?

Katha kam pünktlich um 9 Uhr zu ihrem Schnup­pertag. Dezent, aber elegant gekleidet; keine Jeans und Tennis­schuhe, sondern ein dunkel­blaues Kostüm und dazu passende Schuhe mit halbhohen Absätzen. Kein Schmuck. Wenig Schminke. Die Haare hochge­steckt. Die Frau hatte Geschmack, wusste, was in welcher Situation angebracht war.

Hirschberg erklärte die haupt­säch­lichen Bürovor­gänge. Also: Wie sie sich bei Anrufen melden solle; was schriftlich festzu­halten sei; wo sie was finde; welches Brief-Layout wann verwendet würde und einiges mehr. Dann nannte er ihr die Haupt­kunden und beschrieb deren Aufträge. Sie bat um eine Pause, um sich Notizen machen zu können. Dabei kamen ihr noch einige Fragen. Sie nahm die Sache sehr ernst. Hirschberg war begeistert, zeigte das aber nicht, sondern blieb seiner­seits – wie sagten seine Neffen und Nichten – ganz cool.

Zum Mittag­essen lud er sie in ein renom­miertes Godes­berger Restaurant ein, in dem Politiker, hohe Beamte und Lobby­isten zu verkehren pflegten. Sozusagen ein Geschäfts­essen. Einige der Gäste waren Hirschberg bekannt. Den einen oder anderen grüßte er. Am Tisch erzählte er Katha leise, wer was war. Später nannte er ihr einige seiner Vorhaben für dieses Jahr. Sie stellte Fragen. Bevor sie gingen, infor­mierte er sie, dass er am Nachmittag zu einem Termin nach Köln fahre. Wenn sein Neffe Joachim bis dahin nicht da gewesen sei, möge sie ihm den Umschlag geben, der auf seinem Schreib­tisch liege. Das seien Famili­en­do­ku­mente für seine Schwester, die er nicht mit der Post schicken wolle. Joachim sei heute in Bonn bei einem Kunden.

Beim Verlassen des Lokals blieb Hirschberg an einem der Tische stehen, einer der Herren erhob sich und begrüßte ihn per Handschlag. Sie wechselten ein paar Worte Small Talk. Katha lernte an diesem Tag einen ganz anderen Hirschberg kennen.

Als Joachim um 4 Uhr noch nicht gekommen war, machte sich Hirschberg auf den Weg nach Köln. Er käme erst spät zurück. Sie brauche nicht auf ihn zu warten. Sie könne Schluss machen, sobald der Neffe da war.

Rheinfahrt mit dem Zug 

… keine Schwäche zeigen … beobachtete sein Gegenüber … Südafrikaner
europäi­scher Herkunft … der Landschaft aufgezwungen …

Das Besuchs­wo­chenende bei seiner Schwester stand bevor. Er hatte beschlossen, mit dem Zug zu fahren. Zu dieser Jahreszeit bevor­zugte er die Bahn, weil er das Wetter­risiko bei längeren Autofahrten im Winter mittler­weile scheute. Man wusste nie, was einen beispiels­weise im Westerwald erwartete. Katha, die zu einem weiteren Schnup­pertag im Haus war, hatte angeboten, ihn zum Bahnhof zu fahren. Seine Schwester hatte arran­giert, dass Joachim ihn in Frankfurt abholte. So würde die Reise angenehm werden.

Missmutig saß er dennoch mit Katha beim Frühstück. Er hatte schlecht geschlafen. Mitten in der Nacht war er wach geworden, hellwach, und hatte bis gegen morgen nicht mehr einschlafen können. Eigentlich hatte er gar keine Lust nach Frankfurt zu fahren. Einen Moment überlegte er, einfach abzusagen. Ihm war kalt und vielleicht hatte er ja eine Grippe im Leib. Er fror immer, wenn eine Krankheit im Anzug war. Katha war mit einer leichten Erkältung gekommen. Vielleicht hatte sie ihn angesteckt.

Voller Stolz erzählte sie ihm von ihrem erfolg­reich abgelau­fenen Turnier am Wochenende. Zwar gab es einige unvor­her­ge­sehene Probleme, die wurden aber von ihr ohne größeren Ärger gelöst. Als Anerkennung zahlte ihr der Chef sogar einen Bonus. Hirschberg tat so, als höre er inter­es­siert zu. Doch Katha merkte, dass er abwesend war und schlechte Laune hatte. Abrupt brach sie ihre Erzählung ab, wartete einen Moment und sagte dann:

„Du hast keine Lust zu fahren.“

„Überhaupt keine.“

„Und was tust du?“

„Ich fahre natürlich.“

Nein, er wolle keine Schwäche zeigen, er wolle nicht launenhaft erscheinen. Katha hielt sich mit Reden nunmehr zurück, fragte nur, ob sie etwas für ihn tun könne. Wann er zurück­komme. Schade, dann sei sie wahrscheinlich nicht da, so dass sie ihn nicht abholen könne.

Hirschberg hatte einen Fenster­platz an der Rhein­seite des Zuges. Er versuchte zu schlafen, vergeblich. Sich auf etwas konzen­trieren, die Zeitung lesen, die er sich am Bahnhof gekauft hatte, mochte er auch nicht. Außer ihm war niemand im Abteil. Der Schaffner kam, entwertete die Fahrkarte und fragte, ob er einen Wunsch hätte. Er hatte keinen. Er starrte in das trübe Weißgrau, durch das der Zug unbeirrbar und zielsicher hindurch fuhr.

In Koblenz stieg ein junger Mann zu. Das machte Hirsch­bergs Absicht hinfällig, die Vorhänge zuzuziehen, den Sitz gegenüber zu sich heran­zu­ziehen und die Beine darauf hochzu­legen. Der neue Fahrgast zog seinen Daunen­mantel aus, stemmte seine beiden Koffer auf die Gepäck­ablage und ließ sich auf dem anderen Fenster­platz nieder.

Draußen lichteten sich die Wolken, das andere Flussufer wurde sichtbar, die Sonne kam hin und wieder durch. Die Landschaft war winterlich. Die Weinberge lagen unter einer dünnen Schnee­schicht. Da er im ersten Zugwaggon mit dem Rücken zur Fahrt­richtung saß, konnte er im großen Rhein­bogen vor Boppard die Wagen am Ende des dahin rauschenden Lindwurms sehen. Ja, sie gehörten zu diesem Zug, auch wenn es im ersten Moment so aussah, als könnte es ein anderer Zug sein. Auf dem Rhein schoben sich tief im Wasser liegende Lastschiffe mit Bugwelle voraus strom­auf­wärts, hollän­dische Flaggen, auch schwei­ze­rische, einmal eine deutsche. Bisweilen stand auf der Fracht­ab­de­ckung ein Perso­nen­wagen, der fahrbare Untersatz für den Landgang. Gelegentlich hastete ein hoch im Wasser liegendes, also leeres Fracht­schiff strom­ab­wärts. Der Himmel klarte auf, die Rhein­idylle mit Burgen und maleri­schen Städtchen erstrahlte.

Hirschberg beobachtete sein Gegenüber. Der junge Mann, kräftig gebaut, sonnen­ge­bräunt und blond, sah mit der Entzü­ckung eines Touristen aus dem Zugfenster, orien­tierte sich anhand eines Prospekts, den er aus der Brust­tasche gezogen hatte. „Sie fahren zum ersten Mal diese Strecke?“, sprach er ihn an. „Ja, zum ersten Mal, very nice!“ Sie kamen ins Gespräch. Er war Bure, aus Kappstadt. Hirschberg erläu­terte ihm die vorbei­zie­henden Sehens­wür­dig­keiten, nannte ihm Namen wie Boppard, Burg Maus, St. Goar; bei der Loreley wurde er etwas ausführ­licher. Schließlich die Pfalz bei Kaub. Hirschberg erzählte von Blücher, der hier den Rhein in der Neujahrs­nacht 1813/14 mit seinen Truppen Richtung Westen überquerte. Bei Waterloo, südlich von Brüssel, besiegte er später zusammen mit Wellington Napoleon. Aber das inter­es­sierte den Südafri­kaner europäi­scher Herkunft weniger. Er hatte Verwandte besucht, in Holland und in der Eifel. Jetzt war er auf der Heimreise; ab Frankfurt mit der Lufthansa.Die schöne Aussicht auf den Rhein und seine Landschaft mit Jahrhun­derte alter Kultur wurde mitunter jäh unter­brochen: Gegenzüge brausten dazwi­schen. Ihre Druck­welle brachte die Gangtüre zum Scheppern, der Lärm erstickte jedes Wort. Von Zeit zu Zeit verschluckte ein Tunnel den Zug. Das ruhige Vor-sich-hin-Summen verwan­delte sich in ein dröhnendes Heulen. Im fahlen Licht der Zugbe­leuchtung stiegen an den Tunnel­wänden weiße Streifen auf und ab.

Bingen mit dem Mäuseturm lag hinter ihnen. Auf der anderen Seite lagen im Licht der flachen Winter­sonne die Berge des Rheingaus. Auch jetzt hätte Hirschberg das eine oder andere noch erzählen können, beispiels­weise über den Johan­nisberg oder das Kloster Eberbach, aber er wollte sich nicht aufdrängen. Die Römerzeit war schon lange vorbei und Karl der Große lange tot. Als sie den Rhein Richtung Frankfurt überquert hatten, schnitt er ein ganz anderes Thema an: Die künftige Hochge­schwin­dig­keits­strecke von Köln nach Frankfurt. Fahrzeit der Züge 76 Minuten. Bis zu 300 km pro Stunde schnell. Seit vier Jahren war die Strecke im Bau. Die Inbetrieb­nahme war für 2002 geplant. Die Kosten dieses verkehrs­tech­ni­schen Fortschritts waren mit 12 Milli­arden D‑Mark veran­schlagt. Eine Fahrt wie heute den Rhein entlang würde in Zukunft so etwas wie die Fahrt mit einer Museums­ei­senbahn sein, Nostalgie, Urlaubsvergnügen.

Hirsch­bergs Mitrei­sender fragte, ob er ihn zu einer Tasse Kaffee in den Speise­wagen einladen dürfe. Er lehnte dankend ab. Es gefiel ihm mehr, wieder allein im Abteil sein zu können. Er hatte genug geredet.

Mit dem Zug zu fahren, war die richtige Entscheidung gewesen. Nicht nur wegen schlechten Wetters, das ihn hätte erwischen können, sondern auch wegen der vielen Einschrän­kungen auf der A3, die vorge­nommen worden waren, um die neue ICE-Strecke entlang der Autobahn zu bauen. Die Trasse war der Sieg der Bagger über die Landschaft. Hügel und Berge wurden tief einge­schnitten oder durch­tunnelt, Täler überbrückt. Wurden früher Autobahnen und Bahnstrecken der Landschaft angepasst, so wurden sie heute der Landschaft aufge­zwungen. Als Natur­lieb­haber konnte man das bedauern und beklagen, aber der Mensch machte sich eben die Erde untertan – unauf­haltsam, immer brutaler.

Aus solch schnellen Zügen noch die Landschaft wahrzu­nehmen – das war nicht möglich. Er war mal von Mannheim nach Stuttgart in einem Vorläufer dieser dahin schie­ßenden Perso­nen­trans­porter gefahren: geräumig, komfor­tabel, ähnlich wie im Flugzeug. Aber im Flugzeug fühlte er sich mehr natur­ver­bunden als in diesen Geschwin­dig­keits­ma­schinen. Im Flugzeug nahm man die Geschwin­digkeit nicht wahr; man hatte den Eindruck, in großem Abstand über das Land dahin­zu­gleiten, man spürte die umgebende Luft. Besonders wenn es durch Turbu­lenzen ging, war klar, dass die Natur­gewalt herrschte und nicht der Mensch. Man erlebte Sonnenauf- und Sonnen­un­ter­gänge. Fliegen war natur­ange­passte Technik, keine aufgezwungene.

In den modernen Zügen tat das Begleit­per­sonal so, als seien sie Stewards, Stewar­dessen – aber sie waren es nicht, vermochten es nicht zu sein. Wer sich an frühere, hoheit­liche Zeiten des Bahnfahrens erinnern konnte, sah in ihnen immer noch den Fahrkar­ten­kon­trolleur, den Schaffner, dem man jetzt zusätzlich das Kellnern zur Aufgabe gemacht hatte, dem man versucht hatte klarzu­machen, dass die Bahn ein Service-Unter­­nehmen sei.

Um das Fahren durch die Tunnel zu einem modernen Kunst­er­lebnis zu machen, hatten Designer schon Ideen. Das hatte er neulich auf einer Vernissage von einem Kunst­makler erfahren. Nach einer Analyse der Wahrneh­mungs­fä­hig­keiten des mensch­lichen Auges bei hohen Geschwin­dig­keiten hatte man heraus­ge­funden – so erzählte er –, wie man Formen und Farben, Objekte und Reliefs, Licht­in­stal­la­tionen und Schein­werfer auf eine Wand auftragen bezie­hungs­weise an der Wand anbringen muss, damit der vorbeis­au­sende Fahrgast ein stehendes Bild oder einen Film sieht. Hirschberg verstand nicht so ganz, was ihm sein Gesprächs­partner bei Sekt, Saft und Häppchen enthu­si­as­tisch darzu­stellen versuchte, aber der Mann war vom Fach.

Als Händler beriet er namhafte Unter­nehmen beim Einkauf von Kunst­werken für ihre reprä­sen­ta­tiven Räumlich­keiten, betreute im Auftrag von Sponsoren junge Künstler und organi­sierte Kunst-Events. Die seit Jahren anstei­genden Besucher­zahlen in den Museen hatte er genau im Kopf und konnte deshalb mit der Feststellung verblüffen, dass mittler­weile weitaus mehr Menschen ins Museum als ins Fußball­stadion gehen. Bahnfahren als Kunst­er­lebnis – damit sei die Bahn die Reise­at­traktion der Zukunft. Hirschberg machte wohl ein etwas ungläu­biges Gesicht. Mit einem freundlich-mitlei­­digen Lächeln wandte sich der Kunst­fachmann von ihm ab, er ließ er ihn einfach stehen.

Frankfurt war erreicht. Der Südafri­kaner war recht­zeitig aus dem Speise­wagen zurück­ge­kommen und hatte sich artig verab­schiedet. Auf dem Bahnsteig hielt Hirschberg nach Joachim Ausschau. Plötzlich stand Margret, seine Frau, vor ihm. Joachim sei verhindert, deshalb habe sie es übernommen, ihn abzuholen. Auf der Fahrt nach König­stein wurde nicht viel gesprochen. Er merkte, dass sie sich auf den Verkehr konzen­trierte, und hielt sich zurück. Erst als sie aus Frankfurt heraus waren, fragte er nach den Kindern, um das Schweigen nicht peinlich werden zu lassen. Denen gehe es gut; die liebten ihre Großmutter heiß und innig; sie, die Mutter, müsse aufpassen, dass sie nicht allzu sehr verwöhnt würden.

Geschwister

… aus seiner Haut nicht herauskam … viel zu viel Angriffs­fläche … geriet in
Wallung … zehn Jahre jüngerer Onkel … nicht mehr der kleine Bruder …

Die Begrüßung durch seine Schwester war geschwis­terlich herzlich, aber nicht innig. Man kannte sich schließlich von Kindes­beinen an, stammte aus dem gleichen Nest, ging aber unter­schied­liche Lebenswege und war in so manchem unter­schied­licher Meinung, wie etwa bei Hirsch­bergs letztem Besuch, als sie sich über Unter­neh­mens­führung unterhielten.

Warum sie ihn um diesen Besuch jetzt gebeten hatte, wusste er nicht. Führte sie etwas im Schilde? Wollte sie ihn mit etwas überra­schen? Was hatte sie vor? Er würde es bald erfahren. Zunächst vorsich­tiger, abtas­tender Umgang mitein­ander. Atmosphäre aufbauen. Wie es mit der Gesundheit sei? Auch bekannte wunde Punkte wurden mit harmlos netter Stimme angespielt. Ob Hannelore denn bald Examen mache? Hirschberg fragte sich: Weiß sie noch nichts von der Bekannt­schaft mit Bob? Er verriet nichts.

Mittag­essen, Nachmit­tags­kaffee. Und dann kam es: Joachim und seiner Firma gehe es im Moment nicht so gut. Seinen Haupt­kunden habe er verloren. Das sei sicher nur eine Durst­strecke, und bald werde er den Verlust wohl wieder ausge­glichen haben. Hirschberg hörte zu, enthielt sich jeden Kommentars, obwohl ihm einiges auf der Zunge lag. Schließlich machte sie eine Pause, sah ihn an und sagte: „Ich muss ihm unter die Arme greifen.“

Jetzt ahnte Hirschberg, worum es ging: „Du willst deinen Teil aus unserem Depot.“

„Genau das. Was glaubst du, wie viel das ist?“

„Schwer zu sagen.“

„Wegen der schwan­kenden Kurse. Ungefähr?“

„Zwischen fünfzig- und sechzig­tausend vielleicht.“

„Wie lange brauchst du?“

„Wie eilig ist es?“

„So schnell wie möglich.“

„Brennt es?“

„Die Bank sitzt ihm im Nacken.“

„Ich werde sofort, wenn ich zurück bin, mit unserem Betreuer sprechen.“

Hirschberg stellte keine weiteren Fragen. Wenn die Mutter der Meinung war, es sei lediglich ein vorüber­ge­hendes finan­zi­elles Problem ihres Sohnes, dann wollte er sie nicht hindern, das zu tun, was sie für angebracht hielt. Er war anderer Meinung als sie, hatte den Neffen intensiv beraten, jedoch feststellen müssen, dass ihr Sohn aus seiner Haut nicht herauskam, seine Gewohn­heiten nicht zu ändern vermochte, an seinen Anschau­ungen krampfhaft festhielt. Mit seiner Schwester wollte er darüber nicht in Streit geraten. Er hielt sich deshalb zurück.

Das Depot zu teilen, war kein Problem. Die Frage war nur, ob der Zeitpunkt dazu günstig war. Es handelte sich um die Erspar­nisse der Eltern Hirschberg, die diese hinter­lassen und die der Sohn für sich und seine Schwester hatte vermehren können. Nun erhielt also der Neffe hälftig den ‚Notgro­schen’, wie die Eltern ihr Gespartes genannt hatten. Ob die Schwester erwartete, dass er seine Hälfte dazu gäbe – statt unange­brachter Ratschläge? Ihm tat es um das Geld seiner Schwester leid, von dem er glaubte, dass es Joachims Firma nicht retten würde. Aber vielleicht irrte er sich ja. Er hielt den Mund. Seine Schwester schlug vor, ein wenig an die frische Luft zu gehen.

Draußen war es knackig kalt. Das Tempo, mit dem seine Schwester ging, war für ihn zu langsam, so dass er fror. Er bekam eisig kalte Füße und war froh, als sie wieder zurück ins warme Haus kamen. Der Abend verlief harmo­nisch. Sie zeigte ihm Dias von ihren letzten Reisen. Er stellte die eine oder andere Frage, war anfangs inter­es­siert, später amüsiert über den unermüd­lichen Eifer, mit dem ihm alles darge­stellt wurde, und schließlich – es nahm kein Ende – gelangweilt.

Am nächsten Vormittag – es war sonniges Winter­wetter – fragte Hirschberg seine Schwester, ob sie es übel nähme, wenn er eine Wanderung mit schnellem Schritt allein unter­nähme. Nein, wäre sie nicht. Mittag­essen. Ob Joachim denn nicht mal auf einen Sprung reinschaue, ließ er fallen. Nein, der habe zu tun. Deshalb werde morgen früh auch nicht er, sondern wieder Margret ihn zum Bahnhof bringen. Der Junge ging ihm offenbar aus dem Weg. Er könne mit der S‑Bahn fahren, bot Hirschberg an. Nein, nein, das komme nicht infrage.

Das Besuchs­pro­gramm bei Hirsch­bergs Schwester lief weiter: Nachmit­tags­kaffee, Abend­essen. Schön, dass er gekommen sei. So habe man sich mal wieder austau­schen können, sagte sie. Wie er denn ohne Frau Michalski klar komme? Er komme klar, ließ der Bruder zurück­haltend wissen. Sie habe ja von Joachim sicherlich schon gehört, dass er derzeit so etwas wie eine Aushilfe habe.

„Soll sie die Arbeit von Frau Michalski denn nicht übernehmen?“

Hirschberg spielte die Angele­genheit herunter: „Das ist wahrscheinlich nur vorübergehend.“

„Aber sie ist schon da.“

„Sie hat bisher nichts anderes gefunden.“

„Jung und sehr hübsch, so hat Joachim sie beschrieben.“

„Soll ich mir eine hässliche alte Fettel ins Büro setzen?“

„Kann sie denn was?“

Diese Verhör­fragen mochte Hirschberg überhaupt nicht.

„Sie studiert noch.“

„Was denn?“

„Ich glaube Germanistik.“

„Weißt du das nicht?“

Seine Schwester ging ihm auf den Nerv.

Er wehrte sich: „Ich bin nicht so neugierig wie du.“

Sie ignorierte den Hieb.

„Hast du eine Annonce aufge­geben? Willst du nicht allein im Büro sein?“

„Weder noch.“

„Aber du hast sie doch gesucht.

„Sie ist mir zugelaufen.“

„Hunde laufen einem zu, nicht Menschen. Kennst du sie näher?“

„Was heißt näher? Wir sind uns begegnet, und dann ergab sich, dass sie einen Job suchte.“

„Was heißt begegnet? Auf der Straße oder wo? Sei doch nicht so einsilbig!“

Das Gespräch wurde ihm immer unange­nehmer. Er hätte es gerne abgebrochen. Aber er hatte ja eigentlich nichts zu verbergen. Seine Schwester führte ein eintö­niges Leben und suchte daher am Leben anderer teilzu­nehmen. Daraus konnte man ihr keinen Vorwurf machen. Aber die Art, wie sie einen ausfragte, das war ihm zuwider. Dennoch: Er entschloss sich, ihr entge­gen­zu­kommen. Er erzählte, wie er Katha in Palma kennen­ge­lernt und in Köln wieder­ge­troffen hatte. So hoffte er, sie zufrieden stellen zu können. Aber weit gefehlt.

„Was sagen denn die Nachbarn? Die haben doch sicher auch schon etwas gemerkt?“

„Ich weiß nicht, was sie sagen. Und mir ist es auch egal.“

„Urlaubs­be­kannt­schaft. Das schmei­chelt dir wohl! Worauf hat sie es denn abgesehen?“

„Natürlich auf mein Vermögen. Worauf denn sonst?“

Er wollte sich in Ironie flüchten.

„Klar, was sollte eine so junge Frau und dazu noch attraktiv an einem Mann, der fast ihr Großvater sein könnte, auch sonst finden? Gehst du denn mit ihr auch in die Disko?“

„So jung ist sie nun auch wieder nicht. Außerdem mag sie keine Diskos. Sie hat Gefallen an gedie­genen älteren Herrn mit Lebens­er­fahrung. Spricht doch nicht gegen sie? Oder?“

„Entschuldige, aber ich muss lachen. Was will sie denn von dir? Die spielt doch nur mit dir. Die hat doch mit Sicherheit einen Freund – und du darfst ein bisschen Papa sein. Vielleicht ist sie oder war sie schon mal verhei­ratet. Weißt du mehr über sie oder nur das, was sie dir erzählt hat?“

„Ich habe sie nicht ausspio­nieren lassen.“

„Die könnte doch leicht ein Doppel­leben führen. Vielleicht hat sie mehrere Adressen.“

„Du liest zu viel Kriminalromane.“

„Heute ist doch alles möglich. Fühlst du dich zu ihr hinge­zogen? Bist du ihr verfallen?“

„Sie heißt nicht Marlene Dietrich.“

„Aber irgend etwas muss dir doch an der Frau liegen, wenn du nach der Begegnung in Palma die Bekannt­schaft fortge­setzt hast und sie jetzt als Sekre­tärin einstellst.“

Er hätte ihr nichts erzählen sollen. Jetzt hatte sie viel zu viel Angriffs­fläche und war wie ein Jagdhund auf der Fährte. Er schwieg.

Sie insis­tierte: „Mach dich doch nicht lächerlich. Die probiert, ob sie dich verein­nahmen kann, dann nimmt sie dich aus und auf einmal ist sie wie vom Erdboden verschwunden. Ich staune über deine Vertrau­ens­se­ligkeit. Von schönen Frauen muss man sich fernhalten! War das nicht einmal ein Grundsatz von dir? Ich meine, mich daran zu erinnern.“

„Du kennst sie nicht und doch unter­stellst du ihr lauter böse Absichten. Nur weil Joachim dir erzählt hat, sie sei eine schöne Frau.“

„Er war begeistert von ihr. Er habe noch nie eine so schöne Frau gesehen. Und dir sei, meinte er, wohl alles zuzutrauen. Hat sie mit dir geschlafen?“

Hirschberg geriet in Wallung. Was äußerst selten geschah, er wurde laut: „Und wenn, geht dich das etwas an?“ Sein zorniger Blick verriet ihr: Jetzt hatte sie ihn aus der Fassung gebracht. Sie legte schein­heilig nach: „Du hast recht, das ist deine Sache. Aber Alter schützt vor Torheit nicht. Davor würde ich dich als deine Schwester gerne bewahren. Außerdem: Was sollen deine Nichten und Neffen, deine Großnichten und Großneffen, meine Enkel­kinder sagen, wenn du als Opa mit so einem jungen Ding auftauchst? Wie soll ich denen das erklären? Womöglich wird die noch schwanger von dir, da kämen doch Famili­en­ver­hält­nisse zustande, die keiner nachvoll­ziehen kann. Ein zehn Jahre jüngerer Onkel oder eine Babytante würden geboren. Mach dich und uns doch nicht vor aller Welt lächerlich!“

Jetzt hatte sie die Fassung verloren, während er seine ob dieser Absur­di­täten wiederfand. Von oben herab: „Du machst dich lächerlich, nicht ich. Es gibt keinen Grund zur Sorge, in keiner Weise. Und wenn doch – Alter schützt vor Torheit nicht, hast du gesagt –, dann werde ich mich von dir und deiner Familie zurück­ziehen. Allzu viel Kontakt besteht ja ohnehin nicht.“

Sie lenkte ein: „Versteh mich nicht falsch! Ich meine keineswegs, dass du unbedingt Witwer bleiben musst, aber bei dieser Katha – so heißt sie doch – scheinen mir alle Voraus­set­zungen zu fehlen, im Gegenteil, solche Menschen sind gefährlich – und du lässt dich drauf ein. Katha – was ist das überhaupt für ein Name?“

Er mit einem provo­zie­renden Unterton: „Sie hat den wunder­schönen Namen Katharina. Der ist dann irgendwann von irgendwem zu Katha verkürzt worden. Nicht zu Käthe und nicht zu Kati.“

„Ich höre da eher Katastrophe.“

„Wer sie kennen­lernt, kommt auf andere Ideen. Jeder Argwohn löst sich da schnell auf.“

„Bei mir löst sich da gar nichts auf. Ich finde es ungeheu­erlich, wie leicht­sinnig du dich in deinem Alter in Gefahr begibst.“

„Ich bin noch nicht tot.“

„Aber du spielst mit dem Feuer. Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um.“

„Soll ich sie wieder vor die Tür setzen? Vielleicht braucht sie einen wie mich, weil ihre Schönheit ein Problem, ein Hindernis für sie ist, weil sie ständig den Verdacht hat, die Männer lieben nicht sie, sondern nur ihr Äußeres.“

„Ach du meine Güte! Jetzt kommt die Mitleids­masche. Helfer­syndrom heißt das, glaube ich. Willst du den Heirats­ver­mittler für sie spielen oder wie soll ich das verstehen?“

„Ich kann ihr keinen Mann besorgen, aber ich kann ihr einen Job bieten, damit sie kein Freiwild ist.“

„Hat sie denn keine Eltern?“

„Die leben getrennt.“

„Ach, das auch noch. Soll sie doch zu ihrem Vater gehen.“

„Zu dem hat sie kein gutes Verhältnis. Außerdem ist der dauernd im Ausland.“

„Das arme Kind, ausge­liefert dieser bösen Welt, wenn sie mein Bruderherz nicht beschützt. Nein, was bist du einfältig!“

Hirschberg gab auf: „Ich gehe schlafen. Ich werde tun, was ich für richtig halte. Und du hältst dich bitte raus. Vielleicht mache ich Fehler, vielleicht habe ich schon einen Fehler gemacht. Aber ich bin erwachsen und nicht mehr der kleine Bruder. Unser Depot lasse ich nächste Woche teilen, da kann dir also nichts verloren gehen. Gute Nacht!“ Im Abgang hörte er noch ein kleinlaut klingendes „Gute Nacht!“ ihrerseits.

Der nächste Tag war so ein Wintertag, an dem es gar nicht richtig hell wird. Schnee­regen aus dichten tief hängenden Wolken. Das war das Wetter, das Hirschberg froh sein ließ, im Zug und nicht im Auto zu sitzen. Am Morgen beim Frühstück hatte seine Schwester sich bei ihm entschuldigt. Sie habe ihm nicht zu nahe treten wollen, sie mache sich halt schnell Sorgen. Dafür könne sie nichts. Sie habe eben viel gesehen und gehört und wisse daher, was alles passieren könne, wenn man nicht aufpasse. Er hatte abgewunken und gemeint, wegen ihm brauche sie sich keine Sorgen zu machen.

Heikles Gespräch

… Segen oder als Fluch … als Person annehmen … kann Schönheit nicht
ertragen … Vorahnung von Vollkommenheit 

Müdigkeit überkam Hirschberg auf der Heimfahrt von Frankfurt. Seine Zeitung war ihm schon zweimal aus den Händen geglitten. Er schaltete die Leselampe aus, zog sich seinen Mantel übers Gesicht und schloss die Augen. In der Nacht hatte er kaum geschlafen. Ihm war durch den Kopf gegangen, wie es wäre, wenn seine Schwester doch nicht ganz unrecht hätte. Er glaubte zwar, sich in Katha nicht zu täuschen, aber niemand konnte einem anderen in den Kopf oder ins Herz sehen. Kannte er sie wirklich? Hatte er sie ausrei­chend beobachten können, um zu sehen, wie sie sich wann verhielt? Nein. Was war, wenn sie unter Druck geriet? Was er über ihren bishe­rigen Lebensweg aus ihren Erzäh­lungen wusste, ließ nicht gerade auf Zielstre­bigkeit schließen. Spielte sie nicht unbewusst ihre Schönheit aus, indem sie sehr genau beobachtete, wie andere auf sie reagierten.

Fragen über Fragen kamen ihm in den Kopf. Wo waren die Fallstricke? Was war noch alles im Verbor­genen? Müsste er nicht doch mehr aufpassen? Wie könnte er sich schützen? Um kein Risiko einzu­gehen, müsste er sie in der Tat wegschicken. Wenn er den jetzigen Zustand länger beibe­hielt, würde das aber immer schwie­riger werden. Denn – das musste er sich einge­stehen – er mochte sie. Was für ein Schmerz würde es sein, wenn sie ihn verließ, einfach wieder auszog? Weil sie auf einen Mann ihrer Generation traf, in den sie sich verliebte und mit dem sie zusam­menzog? Das wäre doch der natür­liche Lauf der Welt, und er würde ihr nicht einmal böse sein können. Wahrscheinlich würde sie sagen: Wir bleiben gute Freunde. Dann würde sie mit ihrem Freund schmusen und nicht verstehen, dass er sich abwandte und traurig war, statt sich mit ihr zu freuen.

Nach unruhigem und kaum erhol­samem Schlaf wurde er schließlich wieder wach. Um sich zu orien­tieren, wo der Zug mittler­weile war, schaute er hinaus in die nasskalt einge­wehte Landschaft. Die Schilder der Bahnsta­tionen waren schnee­be­haftet. Erst als sie durch einen etwas größeren Bahnhof fuhren, erkannte er den Ort: Andernach. Jetzt nicht mehr einschlafen! Denn bis Bonn war es nicht mehr weit. Er las noch etwas in der Zeitung, machte sich in Godesberg aussteig­fertig, ging zum Ausgang, nahm am Bonner Bahnhof ein Taxi und war froh, als er wieder zuhause war. Seine Schwester hatte ihn wohl nur einge­laden, um ihm Vorhal­tungen wegen Katha zu machen. Die Sache mit dem Depot hätten sie auch am Telefon regeln können.

Der nächste Tag war ihr dritter und letzter Schnup­pertag. Sie kam wieder am Abend.

„Wie war die Reise?“, fragte sie.

„Ohne Probleme.“

„Du warst sicher froh, dich für den Zug entschieden zu haben.“

„Bei dem Wetter heute ganz sicher.“

„Und wie war es bei deiner Schwester?“

„Ich glaube, sie kommt mit dem Alleinsein nicht gut zurecht.“

Er schwieg und sie spürte: Er war zum Reden nicht aufgelegt. Also schwieg auch sie. Beim gemein­samen Abend­essen blieb es bei „Kannst du mir mal den Käse reichen?“ oder auch nur ein Hindeuten auf das, was man haben wollte. „Danke“ und „Bitte“. Mehr nicht. Er erschrak über sich, als er feststellte, sie nicht mehr unbefangen ansehen zu können. Die Situation verkrampfte. Denn seine Hemmung teilte sich ihr mit. Sie beobachtete ihn fortwährend. Sie versuchte, in seinem Gesicht zu lesen. So hatte sie ihn noch nicht erlebt. Da musste ihm eine Laus über die Leber gelaufen sein. Hatte das mit ihr zu tun? Sollte sie ihn ansprechen? Oder abwarten? Wäre er morgen wieder der, den sie kannte? War bei seiner Schwester etwas vorge­fallen, über das er nicht reden wollte? Sie entschied sich fürs Abwarten. Ohnehin würde sie bald auf ihr Zimmer gehen.

Nach dem Abräumen war sie schon dabei, sich zurück­zu­ziehen. Sie wollte gerade sagen, dass sie noch etwas lesen und dann ins Bett gehen wolle und ihm eine „Gute Nacht“ wünsche, da sagte Hirschberg etwas, das er nie hatte sagen wollen, das er nie hatte zum Thema machen wollen, das er eigentlich als Tabu behandeln wollte. Er hörte sich sagen: „Dass du eine schöne Frau bist, weißt du.“

Sie drehte den Kopf zu ihm, sah ihn forschend an – und schwieg. Er: „Empfindest du das als Segen oder als Fluch?“

Sie fragte sich: Worauf will er hinaus? Es war genau dieses Thema, das sie nicht ausstehen konnte. Aber Männer konnten offenbar nicht anders, als darauf anzuspielen. Mit Kompli­menten aller Art. Aber dabei blieb es natürlich nicht. Da hatte sie schon viel erlebt. Manche versuchten ihre Annäherung dümmlich und plump, andere mit großem Raffi­nement, wieder andere ehrlich und unver­blümt, noch andere mit unend­licher Ausdauer, einige hinter­hältig, einige erpres­se­risch. Zuwider war ihr das alles.

Jetzt dachte sie: Warum muss er das ansprechen? Warum kann er nicht darüber hinweg­sehen? Bisher war das kein Thema. Keinerlei Kompliment in diese Richtung. Hatte er sich bisher nur zurück­ge­halten? Er war als Mann wohl noch nicht so alt, dass er jenseits von gut und böse lebte. Konnte auch er sie nicht vorbe­haltlos als Person annehmen? Hatte sie sich falschen Hoffnungen hinge­geben? Immerhin seine Frage­stellung „Segen oder Fluch“ verriet, dass er die Zweischnei­digkeit ihrer äußeren Erscheinung sah. Hatte er mit seiner Schwester über sie gesprochen?

Sie lehnte sich an die Tür, durch die sie eben noch entschwinden wollte, blickte ihn mit weiten heraus­for­dernden Augen an, nicht gewillt, ihm zu antworten. Über sein Gesicht huschte ein verle­genes Lächeln. Er nahm seinen Blick von ihr und mehr in sich hinein­sehend: „Ich habe nicht vor, dir zu nahe zu treten. Aber es ist nun mal so, dass zwischen Männern und Frauen das Äußere eine nicht zu unter­schät­zende Rolle spielt. Wir sind keine Geister, sondern aus Fleisch und Blut. Da ich in früheren Jahren eine Weile im Film- und Fernseh­milieu gearbeitet habe, weiß ich, dass Schönheit Probleme mit sich bringt.“

Unwirsch nahm sie ihn an: „Ich glaube nicht, dass mir dieses Milieu gefallen würde.“

Hirschberg ging auf ihren Einwurf nicht ein. Statt dessen ging er in Vorlage, wie er es immer tat, wenn er merkte, dass ein Thema seinem Gesprächs­partner Unbehagen bereitete. Er erzählte ein Beispiel.

„Meine Schwie­ger­mutter hatte eine Schwester und einen Bruder. Beides statt­liche Menschen. Den Bruder habe ich noch kennen­ge­lernt, von der Schwester habe ich nur Fotos gesehen. Sie galt als Schönheit. Man erzählte, dass ihr die Männer zu Füßen lagen. Gehei­ratet hat sie keinen. Sie konnte sich nicht entscheiden. Wie hätte sie das auch? Drei Mal hat sie sich auf einen Verehrer einge­lassen. Jedes Mal wurde sie enttäuscht, empfand sie sich getäuscht. Danach verstellte ihr Misstrauen jedem Mann den Zugang zu ihr. Annäherung war nicht mehr möglich.“

Katha kam zurück zum Küchen­tisch und setzte sich. Hirschberg ging auf und ab, während er weitererzählte.

„Ihr erster Verehrer war nicht in der Lage, sie auch nur annähernd als Person zu begreifen. Er war besessen von ihrer Schönheit und wollte sie besitzen. Als ihr das bewusst wurde, schlug sie ihm hart auf die Finger, wann immer er ihr zu nahe kam. Da zog er sich zurück. Der zweite Verehrer, den sie annahm, war seiner­seits wohl auch eine anzie­hende Erscheinung. Er war es vermutlich gewöhnt, dass die Frauen seinem Werben erlagen. Als die schöne Schwester das nicht sogleich tat, erwachte der Jäger in ihm. Als er sie schließlich bekommen hatte, wurde er schon bald seiner Beute überdrüssig und suchte sich eine neue Frau seiner Begierde.“

„Worauf willst du hinaus?“

„Ich wette, du hast ähnliche Erfah­rungen wie die Schwester meiner Schwie­ger­mutter gemacht.“

„Und warum müssen wir darüber reden?“

„Weil es uns beiden hilft, wenn wir dieses Thema nicht unaus­ge­sprochen lassen.“

„Was für ein Problem hast du damit?“

„Es steht zwischen uns. Du siehst in mir einen älteren Mann, hältst mich aber, so denke ich, nicht für einen Greis. Ich mag dich, schätze dich, glaube dich auch schon ein wenig zu kennen, bin aber sehr unsicher, ob ich dein Äußeres ignorieren kann, ignorieren muss – um keine Empfind­lich­keiten zu wecken. Als Person möchte ich dich besser kennen­lernen; dein Äußeres gehört dazu. Meine Frage ist, wie du selbst damit umgehst: Segen oder Fluch?“

Noch einmal wehrte sie sich und sagte patzig: „Ich habe exakt 90 – 60 – 90.“

„Ich merke, du magst das Thema nicht.“

„Das ist kein schönes Thema. Genauso wenig wie die Geschichte, die du erzählt hast. Aber da ich, da wir davon betroffen sind und du es jetzt hochge­spielt hast – reden wir darüber. Wäre meine Mutter nicht – ich hätte in der Tat ein Problem damit, ich wüsste nicht, wohin ich geraten wäre. Was willst du wissen?“

„Es muss kein unschönes Thema sein. Denk an die vielen großar­tigen Darstel­lungen von Liebe und Schönheit in der Literatur!“

„Die in der Regel als Tragödie enden.“

„Sieh es nicht so düster!“

„Wie ist denn die Geschichte mit der Schwester deiner Schwie­ger­mutter ausgegangen?“

„Du hast recht: traurig. Sie hat es noch ein drittes Mal zugelassen, dass ein Mann ihr nahe kam. Er war ihr geradezu hörig wie der Professor der Dietrich im Blauen Engel. Sie glaubte, wenn sie das Sagen habe, könne sie auch den Verlauf der Beziehung steuern. Doch an einem Wasch­lappen hatte sie dann auf Dauer doch keinen Gefallen. Sie stieß ihn als charak­terlos von sich, blieb allein, verein­samte, verfiel dem Alkohol und hat eines Tages alle Gashähne ihres Küchen­herdes aufgedreht.“

Nach einer Pause sagte Hirschberg: „Die Wirklichkeit ist banal, gemein, hinter­hältig und grausam.“ Und dann: „Die Welt kann Schönheit nicht ertragen. Sie wird missbraucht.

Schönheit ist aber auch eine Vorahnung von Vollkom­menheit. Wir sehnen uns danach. Wenn wir sie erkennen, geht uns das Herz auf, erfasst uns unbändige Freude. In allen Marien­er­schei­nungen ist von einer schönen Frau die Rede.“

Er setzte sich jetzt auch an den Küchen­tisch, ihr gegenüber, und fuhr fort. „Anderer­seits: Eine auf äußere Maße reduzierte Schönheit ist teuflisch. Ohne Liebe ist Schönheit kalt. Porno­graphie macht mich nicht an, sondern macht mir eine Gänsehaut.“

„Bei den lüsternen Blicken, die mich täglich treffen, erfriere ich fast.“ Sie blickte vor sich hin. Dann, den Blick fest auf ihn gerichtet: „Jetzt mache ich dir ein Geständnis: Bei dir war mir bisher nicht kalt. Missbrauche das bitte nicht!“

„Ich habe auch eine Bitte: Wann immer ich dir zu nahe kommen sollte, sag es mir oder lass es mich merken. Du musst mir ja nicht gleich auf die Finger schlagen. Oder noch besser: Mach du den ersten Schritt! Bisher glaube ich, hatten wir da kein Problem. Es wäre herrlich, wenn es so bliebe.“

„So weit ich das kann – ich will es versuchen. Ich gebe dir eine Erlaubnis: Du darfst das Thema aufgreifen, wenn du merkst, dass uns das hilft. Dann habe ich auch einen Vater, mit dem ich darüber reden kann.“

„Ich habe beobachtet, dass vielen schönen Frauen die Fähigkeit zu lieben abhanden gekommen ist.“

„Durch die Männer!“

„Und die Öffent­lichkeit, in die sie sich ziehen lassen oder in die sie von sich aus drängen. Anderer­seits habe ich beobachtet, dass hässliche Menschen überaus liebes­fähig sind und dadurch geradezu schön werden. Schöne Seelen überstrahlen das Hässliche. Wie herrlich muss es sein, wenn Liebe und Schönheit in einer Person zusam­men­finden! Liebe überwindet die gemeine Welt. Schönheit ist ihr Vorbote, schenkt uns Vorfreude.“

„Vorfreude worauf?“

„Auf das, was uns im Jenseits erwartet. Das ist wie mit der Gerech­tigkeit. Wir sehnen uns danach. Aber in dieser Welt gibt es sie nur annähe­rungs­weise. Für die kommende Welt ist sie uns jedoch versprochen.“

„Du glaubst das?“

„Wie sonst lässt sich all die Ungerech­tigkeit ertragen? Alle Paradies­macher, die das ändern wollten, ob mit oder ohne Gewalt, sind gescheitert. Was Menschen Menschen antun, muss dich zum Wahnsinn treiben, wenn es kein letztes Gericht gibt. Dann wäre jedes Verbrechen erlaubt, um sich ein schönes Leben zu machen. Der genuss­reiche Augen­blick zählt, wenn nach dem Tod alles aus ist. Dann sollten wir beide heute noch Sex mitein­ander haben.“

Katha: „Erzähl mir von deiner Film- und Fernsehzeit!“ Hirschberg: „Ich erzähle dir, wo und wann ich schönen Menschen begegnet bin – und weshalb ich nie eine schöne Frau heiraten wollte.“ Sie blickte ihn erwar­tungsvoll an.

„Es waren oft nur flüchtige Begeg­nungen. Meistens auf Reisen. Manchmal kam das Exotische noch dazu. Etwa in Colombo bei einer Drehreise. Wir waren abends zu einer Garten­party einge­laden. Neben mir am Tisch saß eine bildschöne Singa­lesin in der landes­üb­lichen präch­tigen Frauen­tracht. Ich sprach sie auf Englisch an. Zunächst kein Problem, aber dann fielen mir doch nicht alle Vokabeln auf Anhieb ein. Da meinte sie, wir könnten uns auch auf Deutsch unter­halten. Herauskam, dass sie beim Sender Freies Berlin eine Ausbildung zur Filmcut­terin machte. Ihr Vater, Rechts­anwalt in Colombo, hatte gute Kontakte nach Deutschland. In Berlin habe ich sie dann beim Sender wieder­ge­troffen. In engen Jeans. Sie war mit einem Kameramann liiert, aber es gingen schon die Wetten, wer sie als erster zur Untreue verführen würde.“

„Ist denn jede Frau verführbar?“

„Wer permanent in Versu­chung geführt wird, hat kaum eine Chance, dem zu wider­stehen. So stark ist keine Frau. Und sie war es auch nicht.“

„Mich hat noch keiner gegen meinen Willen …“

„Dann bist du eben besonders stark.“

„Nein, ich bin gut im Weglaufen.“

„Aber ein Mann, der mit dir verhei­ratet ist, wird nicht gerne immer wieder mit dir weglaufen wollen. Er wird gegen seine Konkur­renten kämpfen wollen. Irgendwann verliert er.“

„Keine Chance? Weder allein, noch als Paar?“

„Als ich in München an diesem Institut für Film und Fernsehen, ein Vorläufer der heutigen Filmhoch­schulen, studierte, arbei­teten wir mit einer Schau­spiel­schule zusammen, um die Rollen in unseren Übungs­pro­jekten zu besetzen. Eine ernüch­ternde Erfahrung dabei war: Ohne Schminke und Licht sind viele Leinwand­men­schen keineswegs die schönen Menschen, als die sie vermarktet werden, Ruhm erlangen und verehrt werden. Schönheit wird zu einem großen Teil gemacht.“

Hirschberg weiter: „Manche der vermeint­lichen Schön­heiten haben eine unreine Haut, andere kaputte Haare, wieder andere Falten im Gesicht. Ich habe zugesehen, wie Masken­bildner und Kamera­männer mit ihren Beleuchtern das alles wegre­tu­schiert, unsichtbar gemacht haben. Worauf es ankommt: Ein ausdrucks­fä­higer Typ muss da sein, vom Gesicht her, von der Figur her. Und dann kommt es auf die Schau­spiel­kunst an. Diese Erfah­rungen möchte ich nicht missen. In meinen Fernseh­do­ku­men­ta­tionen ging es mir jedoch darum, in Menschen ungeschminkt das Charak­te­ris­tische zu erkennen und erkennbar zu machen.“

„Warum machst du heute keine Sendungen mehr?“

„Um auf Dauer ein guter Dokumen­tar­filmer zu sein, darfst du nichts anderes machen. Ich hätte alles andere aufgeben müssen. Meine Leiden­schaft war aber nicht so groß, dass ich das tun wollte. Andere Aufträge haben mich dann so beansprucht, dass ich eines Tages aus dem Geschäft war. Der Markt war damals noch sehr eng und wurde öffentlich-rechtlich bestimmt. Hattest du schon mal den Wunsch, Schau­spie­lerin zu werden?“

„Nein. Ich kann nur ich sein. Ich hatte mal ein Angebot, in einem Fernseh­spiel mitzu­machen. Aber es stellte sich schnell heraus, dass der Typ zunächst etwas anderes von mir wollte.“

„Und da bist du weggelaufen.“

„Ich will unver­stellt, unver­krampft und vor allem unbelästigt leben – doch das machen mir die Männer schwer. Manchmal komme ich mir wie Freiwild vor. Als du eben mit dem Thema begonnen hast, zog sich in mir alles zusammen. Kannst du das verstehen?“

„Hast du denn nie im Schutz einer Clique gelebt?“

„Ich bin kein Cliquen­mensch. Ich weiß nicht warum.“

„Weil du zu früh wegläufst.“

„Wie soll ich mich sonst retten.“

Hirschberg: „Jeder hat unter den Reaktionen seiner Umwelt auf sein Äußeres zu leiden, ob schön, weniger schön oder hässlich. Der eine leidet unter Aufdring­lich­keiten, der andere unter Missachtung oder Gering­schätzung. Das kann einen Menschen zeitlebens beherr­schen. Manch klein­wüch­siger Mann läuft sein Leben lang nur auf seinen Fußspitzen oder hohen Hacken herum und glaubt, er müsse unentwegt große Taten vollbringen. Kleine Frauen sind in der Regel nur auf hohen Absätzen unterwegs, egal was gerade in Mode ist. Wann hast du reali­siert, dass du anderen auffällst?“

Katha: „In den letzten beiden Schul­jahren verhielten sich zwei Lehrer sonderbar. Bei dem einen konnte ich mir alles erlauben, der andere hat mich immer runter­ge­macht. Er ließ Bemer­kungen los wie ‚Du glaubst wohl, du brauchtest dich nicht anzustrengen’ oder deutlicher ‚Da hilft dir auch dein Aussehen nichts’. Eine der Lehre­rinnen hat mich wie Luft behandelt.“

„Wann bist du in die Pubertät gekommen?“

„Spät. Die anderen Mädchen in der Klasse waren mir alle voraus. Aber das hat mich nicht gestört. Im Tennisclub hatte ich meine Erfolge und in der Schule leistungs­mäßig keine Probleme.“

„Und wann begannen die Gespräche mit deiner Mutter?“

„Nachdem ich zum ersten Mal meine Tage hatte. Sie hat mich prima aufge­klärt. Und seitdem spreche ich mit ihr über alles, was mir Schwie­rig­keiten macht.“

„Sei froh drum. Aber einen Mann für dich finden, kann sie auch nicht.“

„Aber sie kann mich beraten.“

„Was hat sie denn zu Günter gesagt?“

„Sie hat gemeint, er sei ein bisschen weich. Und so ist es ja auch.“

„Was hat sie zu mir gesagt?“

„Sie kennt dich doch gar nicht. Außerdem meidest du doch schöne Frauen, wie ich jetzt weiß.“

„Im Laufe der Jahre habe ich mir aber noch einen anderen Grundsatz zu eigen gemacht: Nie nie sagen.“

„Du trickst dich wohl gerne selber aus.“

„Ausnahmen bestä­tigen nur die Richtigkeit einer Regel. Was glaubst du, weshalb ich dich bei mir aufge­nommen habe!“

„Du Schuft! Komm mir nur nicht zu nahe, sonst kriegst du meine Krallen zu spüren!“

„Ich dachte, du läufst weg!“

Sie stand auf, er auch, sie ging zu ihm um den Tisch, sagte leise „Danke dir!“, gab ihm einen Kuss und ging.

Einen Moment stand er wie benommen da. Dann erfasste ihn ein ganz klarer Gedanke: Nein, seine Schwester hatte Unrecht. Das Mädchen war nicht falsch, sondern von Grund auf ehrlich. Er vertraute ihr.

Brief aus Rio

… ein nordamerikanischer Freund … wird seinen Sohn besuchen … wie sie
aufgeblüht war … bestand ein Vakuum … nüchtern und sachlich

Mittags kam mit der Post der schon lange ersehnte Brief von seinem Sohn. Was Hirschberg jedoch völlig überraschte, war die angegebene Adresse: Rio de Janeiro. Sein Sohn in Rio? Thomas schrieb:

Lieber Vater, wie schon früher in meinem Leben ist es wieder ganz anders gekommen, als es von mir geplant war. Ich lebe nunmehr in Rio. Eine wunder­schöne, berau­schende Stadt. Du hast aus den Medien vermutlich erfahren, dass die Philip­pinen schon seit langem von Terro­rismus heimge­sucht werden. Auch in der Gegend, in der ich gearbeitet habe, ist es im vorigen Jahr unruhig geworden. Es gab Entfüh­rungen und Anschläge. Als Antwort der Regierung gab es Razzien, Festnahmen und Folter.

Da traf es sich gut, dass ein nordame­ri­ka­ni­scher Freund mich besucht hat. Er arbeitet als Finanz­ex­perte für inter­na­tionale Organi­sa­tionen und hat daher weltweite Kontakte. Seit vorigem Jahr ist er hier in Rio tätig, nachdem er vorher zwei Jahre in Manila gearbeitet hat. Mir und meinem philip­pi­ni­schen Partner hat er ein attrak­tives Angebot vermittelt: Projekt­ana­lysen für ein hiesiges Institut machen. Wir haben zugegriffen – und so sind wir hier in Rio gelandet.

Bald mehr.

Thomas

Kein Wort von seiner philip­pi­ni­schen Frau, die schwanger war – wie er im vorigen Jahr geschrieben hatte. Nichts über seine Pläne, nach Deutschland zu kommen. Nur die Mitteilung des Ortswechsels mit einer Erklärung für den Grund. Offenbar gab es ein globales infor­melles Netzwerk der Mitar­beiter von Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen, die sich unter­ein­ander die Bälle zuspielten. Das Wichtigste an dem Brief: die Adresse, zwar ohne Telefon und E‑Mail, die es sicher gab, aber eine Straße mit Hausnummer. Hirschberg beschloss: Er wird seinen Sohn besuchen, und zwar schon bald.

Vater Hirschberg war aufge­wühlt. Voller Freude über das Lebens­zeichen seines Sohnes und das Liebes­glück seiner Tochter. Der Mann ihres Lebens war aus dem männlichen Universum aufge­taucht. Er war mit einer Selbst­ver­ständ­lichkeit in ihr Leben getreten, als seien ihre Lebens­bahnen schon ewig einander zugeordnet. Nie würden es die Wissen­schaften vom Menschen schaffen, den Partner vermit­telnden Agenturen Möglich­keiten an die Hand zu geben, um aus jedem Winkel der Erde einen Mann und eine Frau mit derart traum­wand­le­ri­scher Sicherheit zusam­men­zu­führen. Bob hatte Hannelore auf Anhieb erkannt, sie, die unzählige Männer unbeachtet gelassen hatten.

Aller­dings hatte seine Tochter sich auch kaum zu erkennen gegeben. Ihrer Weiblichkeit hatte sie keine Aufmerk­samkeit geschenkt. Sie war auf dem Weg in die Berufswelt der Männer. Fach: Juris­terei. Waren im Laufe der Geschichte jemals Frauen aufge­taucht, die sich als weise Richte­rinnen hervor­getan hatten? Lag es nicht völlig fern, die Rolle eines Anklägers einer Frau zuzuschreiben? Waren es nicht immer Männer, die beispiels­weise als Straf­ver­tei­diger sich einen Namen machten?

Hannelore wurde von Bob erkannt in der Winzigkeit dessen, was sie erkennen ließ. Sie traf das wie ein Sonnen­strahl im März. Die winzige Knospe, die noch nie einen Frühling erlebt hatte, begann zu wachsen und öffnete sich schließlich. Und wie sie aufge­blüht war! Fast nicht wiederzuerkennen.

Ihre Haare trug sie nicht mehr kurz geschoren, sondern lang. Sie mochte jetzt ihre Haare, warf den Kopf bisweilen so, dass ihre Haare ihn umspielten. Ihre Kleidung hatte sie völlig ausge­wechselt. Früher wählte sie mehr dunkle Farben, eine Zeit lang bevor­zugte sie sogar schwarz. Heute kam sie bunt daher, hin und wieder vergriff sie sich, so dass es schrill wurde. Dann sagte Bob nur, es gefalle ihm nicht so sehr. Im Kleider­schrank hingen nicht mehr nur labberige Hosen und Hemden, ein paar Anoraks, sondern modische Jeans, weite und enge, kurze und lange Röcke und Blusen. Sogar Schmuck trug sie, von ihrer Mutter. Hirschberg hatte ihn ihr geschenkt. Er stand ihr großartig, besonders die silberne Halskette mit dem großen Aquamarin, dazu eine zartblaue Bluse mit weitem Ausschnitt.

Seinen Sohn würde er in zwei oder drei Monaten besuchen. Dieser Entschluss versetzte ihn geradezu in Aufregung. Zu Thomas nach Rio! Was machte der Junge dort? Würde er für längere Zeit dort bleiben? War seine philip­pi­nische Frau mit dem Kind mitge­gangen? Zu was für einem Menschen hatte sich sein Sohn entwickelt?

Hirsch­bergs Gedanken kehrten zurück zu Katha. Da hatte sich eine Frau in seinem Lebens­be­reich angesiedelt, der eine Männerwelt zu Füßen läge, wenn sie es darauf anlegen würde. Allein ihr Anblick ließ bei manchen Männern den Verstand ausrasten. Aber nein, sie versuchte, sich zu entziehen. Bei ihm, dem älteren Mann, hatte sie um Unter­schlupf gebeten. Sicherlich war er ihr nicht unsym­pa­thisch. Ob sie mehr für ihn empfand, als sie erkennen ließ? Er verwarf den Gedanken. Selbst­schmei­chelei. Falsch waren die Verdäch­ti­gungen, die seine Schwester über Katha geäußert hatte.

Seit dem Tod seiner Frau lebte Hirschberg als Einsiedler. Er hatte sich seinen Lebens­be­reich so einge­richtet, dass er alleine klar kam. Dennoch wusste und fühlte er jetzt stärker als zuvor: Robinson ist auf Dauer kein Lebens­modell. Aber er lebte nun mal seit einigen Jahren allein. Sein Glaube an Gott als Schöpfer der Welt und Christus als Person der Geschichte und an den Heiligen Geist als den Beistand in der Gegenwart hatte ihm geholfen, nicht zu versauern und seine christ­liche Lebens­per­spektive nicht zu verlieren. Lebenssinn gaben ihm seine Projekte und Aufträge neben seiner Rolle als Vater, gelegentlich auch als Freund einiger weniger Menschen. Seine Kontakte und Begeg­nungen vielfäl­tiger Art ließen ihn in seiner Kommu­ni­kation nicht verarmen.

Freiheit gewinnt man durch Verzicht – Erkenntnis durch Nachdenken – Kraft durch Ertragen – Vertrauen durch Redlichkeit – Freude durch Lebensmut – Würde durch Demut – Liebe durch Hingabe

Was er jetzt aber deutlicher denn je spürte: Zwischen dem Alleinsein mit sich, das er vielfach genoss, und den Begeg­nungen mit allen möglichen Menschen bestand ein Vakuum. Er konnte sein Leben mit niemandem teilen, es gemeinsam leben. In dieses Vakuum, sichtbar an den unbewohnten Räumen seines Hauses, war Katha gestoßen.

Der Verstand sagte ihm, was sich abspielte, welche Gefühle und Neigungen sich regten, nannte ihm die Risiken, die sich damit verbanden, die sich untrennbar von den Freuden auftaten. Zugleich aber erlebte er sich wie in jungen Jahren: die Gefühle meldeten sich, machten sich breit, schwollen an, durch­drangen alles, besetzten zumindest zeitweise seinen Verstand. Über Jahrzehnte hatte er mit beiden Beinen fest auf dem Boden gestanden. Wenn er nun allein war und seiner Phantasie Raum gab, wurde er davon­ge­tragen. Er war sauer, dass ihm das passierte, dass er sich nicht im Griff hatte, dass es Kräfte in ihm gab, die sich verselb­stän­digten. Er betete.

Wenn er ehrlich war: Die Situation verwirrte ihn. Da war es gut, dass er bald nach Brasilien fliegen würde. Er würde Distanz gewinnen, um nüchtern und sachlich analy­sieren und beurteilen zu können, was für eine Zukunft der Beziehung zu Katha zu geben sei.

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