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Chefetage

… geschützt und abgeschirmt … Büro‑, Handels- und Wohnkomplexe … der
Allgemeinheit verpflichtet … Idee: private Alten-Universität

Hirschberg fuhr zu seinem Termin mit Herrn Schneider nach Köln. Dessen Bürositz zu finden, verlangte viel Orien­tie­rungssinn. Zuerst musste man die Einfahrt zur Tiefgarage des Gebäudes finden. In ein Netz von Einbahn­straßen musste man sich dazu richtig einfädeln. Über einen Sprech­kontakt an der Säule vor der Schranke: seinen Namen nennen und sagen, zu wem man wollte. Da Hirschberg angemeldet war, hob sich gleich darauf die Schranke. Er fuhr hinunter. Die Beleuchtung sprang an. Er fand einen der reser­vierten Firmen­park­plätze frei. Durch eine feuer­si­chere Tür gelangte er in den Vorraum zum Aufzug. Kamera­augen überall. Mit dem Lift in das oberste Stockwerk. Wieder eine Gegensprechanlage.

Die Tür öffnete sich und er wurde von einer Mitar­bei­terin des Unter­nehmens begrüßt. Sie führte ihn durch einen langen Gang, dann rechts ab, schließlich eine Treppe hoch in einen beson­deren Bürotrakt, zu dem sie einen Schlüssel hatte. Die edel ausge­stattete Chefetage. Über einen kleineren Gang kamen sie in das Warte­zimmer von Schneider, dem Big Boss. Kaffee, Tee, Saft oder Wasser?. „Wasser bitte.“

Die Tür zu einem der beiden angren­zenden Räume stand offen. Drei Compu­ter­ar­beits­plätze. Die Tür gegenüber war geschlossen, sie hatte keine Klinke, sondern einen Knopf. Dahinter residierte also Schneider, geschützt und abgeschirmt. Als Hirschberg vor Jahren schon mal mit ihm zu tun hatte, war seine Adresse eine andere, stand sein Büro wie alle offen und die Einrichtung war bescheiden. Jetzt hingen an den Wänden Ölgemälde auf Seiden­tapete, war der Warteraum mit engli­schen Stilmöbeln bestückt, lag ein Orient­teppich aus.

Ein junger Mann kam zu Hirschberg und stellte sich als Assistent von Herrn Schneider vor. Er möge bitte noch einen Moment Geduld haben, Herr Schneider habe noch einen Besucher. Aber das Gespräch sei gleich zu Ende. Ob man ihm irgend etwas anbieten dürfe? Nein, danke, das habe man bereits getan.

Ein anderer junger Mann kam, grüßte freundlich und berührte einen Taster an der Tür mit dem Knopf. Die Tür sprang auf und schloss sich wieder hinter dem Mitar­beiter. Dort saßen, so konnte Hirschberg erkennen, die Sekre­tä­rinnen Schneiders. Er checkte den Warteraum. Wo war hier das Kameraauge?

Er hasste diese Warte­si­tua­tionen. Hatte er etwa Zeit zu verschwenden? Diese entschul­di­genden Nettig­keiten, mit denen kaschiert, aber nichts geändert wurde, waren ihm zuwider. Und er war sich nie sicher, ob nicht eine Macht­de­mons­tration dahin­ter­steckte: Ich kann es mir leisten, andere warten zu lassen; meine Zeit ist kostbar, die Zeit anderer nicht. Außerdem sollte der Besucher mit Respekt feststellen, in welch ehrwür­digen Räumen er sich aufhalte. Immerhin: Schneider musste dieses Ambiente zuerst durch unter­neh­me­rische Leistung verdienen. In Minis­terien wurde der Karriere-Status mindestens genauso ausge­prägt heraus­ge­stellt – aber auf Kosten der Steuerzahler.

Mit solchen Spielchen konnte man eine Verhandlung bereits im Vorfeld psycho­lo­gisch so aufbe­reiten, dass man dem Besucher gegenüber Macht und Größe sugge­rierte. Im Chefzimmer ließ sich die Insze­nierung von Überle­genheit fortsetzen: Großer kostbarer Schreib­tisch am Ende des Raumes vis-à-vis der Tür, durch die der Besucher eintritt, langer Läufer auf den Schreib­tisch zu.

Dann das Begrü­ßungs­ritual: Entweder Missachtung des Eintre­tenden durch Sitzen­bleiben hinter dem Schreib­tisch – beispiels­weise Mitar­beitern gegenüber, die um einen vertrau­lichen Termin gebeten hatten und sich vermutlich über etwas beschweren wollten. Oder nicht ganz so deutliche Gering­schätzung durch Aufstehen oder eine gewisse Aufmerk­samkeit durch Entge­gen­kommen auf halbem Weg.

Im Gegensatz dazu: Wertschätzung signa­li­sieren – gespielt oder ehrlich – durch Begrüßung an der bereits geöff­neten Tür. Hirschberg war sich sicher, dass Schneider dieses ganze Reper­toire beherrschte. Er war ein Machtmensch.

Die Tür mit dem Knopf sprang auf, Schneider ging auf Hirschberg zu, schüt­telte ihm kräftig die Hand und donnerte ein „Herzlich willkommen!“

Er musterte Hirschberg: „Haben Sie abgenommen? Schlank waren Sie ja schon immer. Ich kann Ihnen ein paar Pfund abgeben.“

Durch den Raum seiner beiden Sekre­tä­rinnen führte er ihn in sein herrschaft­liches Büro. Die Ausstattung war Designer­arbeit. Alles aus Stahlrohr, Stahl­blech und Glas. Die Sessel der Sitzgruppe aus schwarzem Leder. Der Schreib­tisch: graues Stahlrohr, graue Stahl­platte als Vorder­seite, dicke Glasscheibe als Arbeits­platte. Schwarzer Leder­sessel dahinter.

Schneider führte ihn zu einer der frei im Raum stehenden Vitrinen, in denen Modelle von Baukom­plexen ausge­stellt waren.

„Das haben wir gerade vor ein paar Wochen in Berlin einge­weiht. Ein großar­tiger Erfolg. Schon vor der Eröffnung war alles verkauft oder vermietet. Einer der modernsten Büro‑, Handels- und Wohnkom­plexe in Europa, direkt in Berlin Mitte, an alle Verkehrswege angeschlossen. Ein Vorzei­ge­objekt der neuen Haupt­stadt. Deshalb hat es sich der Bundes­kanzler auch nicht nehmen lassen, bei der Einweihung persönlich anwesend zu sein.“

Mit stolz geschwellter Brust stand Schneider davor, ließ seinen Blick, wie wohl häufig schon, auf dem Objekt ruhen, und sah dann Hirschberg an, ob dessen Miene denn auch die angebrachte Würdigung zeige. Der spürte den Blick, nickte anerkennend und erklärte: „Alle Achtung! Das ist unter den heutigen Bedin­gungen auf dem Baumarkt eine grandiose Leistung. Ich gratu­liere Ihnen.“

„Danke! Leider ist unsere Branche durch meinen Namens­vetter, mit dem ich weder verwandt noch verschwägert bin, ein wenig in Verruf gekommen. Daher war es für uns eine besondere Ehre, dass der Kanzler dabei war.“

Mit einer Handbe­wegung lud er ihn ein, in der Sitzgruppe Platz zu nehmen. Auf einem Beistell­tisch Thermos­kannen mit Tee und Kaffee, Geschirr. Auf dem Couch­tisch zwei Zigar­ren­dosen, Knipser, Feuerzeug und Aschen­becher. Jeder Gegen­stand für sich nicht nur auf seine Funktion hin, sondern auch mit Bedacht auf guten Geschmack ausge­sucht. Keine Frage: Hier arbeitete einer, der sich zur Elite der schaf­fenden Menschheit zählte. Schon immer hatte das Bauge­werbe Menschen angezogen, die sich verewigen wollten, sei es als Bauherren, als Archi­tekten oder eben als Projektentwickler.

Schneider lehnte sich zurück: „Das Geschäft ist knochenhart geworden. Sie glauben gar nicht, was auf dem Markt los ist. Der Wettbewerb ist dabei nicht mal das Schlimmste. Da verstehen wir uns schon zu behaupten. Die Gewerk­schaften und der Staat machen uns das Leben schwer. Der Staat mit seinen immer neuen Gesetzen, Auflagen, Geneh­mi­gungs­ver­fahren, Kontrollen, die Gewerk­schaften mit ihrem ständigen Druck­machen, mit dem sie noch die kleinste Kleinigkeit an Arbeits­leistung absichern und höher bezahlt haben wollen.

Er klagte weiter: „Für jeden Handgriff, für jeden Arbeits­schritt, für jede Minute Arbeitszeit müssen wir verhandeln oder uns vor Gericht verant­worten. Wir sind in unseren Handlungs­spiel­räumen schon so eingeengt, dass wir unsere unter­neh­me­rische Flexi­bi­lität weitgehend verloren haben. Manchmal frage ich mich, warum ich mir das alles noch antue. Wenn ich keine Kinder hätte, säße ich jetzt vermutlich auch auf Mallorca und würde die Sonne genießen.“

„Ich wette, nach einiger Zeit würde Ihnen die Arbeit fehlen!“

„Sagen Sie’s nicht, ich würde gerne mal faulenzen. – Aber wahrscheinlich haben Sie recht.“

Schneider fragte, ob er Kaffee oder Tee nehme, beides sei gerade frisch aufge­schüttet worden – und schenkte dann wunsch­gemäß mit gastfreundlich dienender Geste Tee ein. Das machte ihn Hirschberg fast sympathisch.

Zigarre? Nein. Sich selber nahm er eine Zigarre aus einer der Dosen, bereitete sie vor und zündete sie an. Mit dem Ausstoßen der ersten Qualm­wolke lehnte er sich wieder zurück. Mit der Hand verwe­delte er den Rauch. Der etwas unter­setzte, vom leckeren Essen und mangels Bewegung opulente Herr in vorge­rücktem Alter noch mit präch­tigem blonden Haar, gekleidet in feinen Zwirn, kam zur Sache.

Mit seinen graugrünen Augen nahm er Hirschberg ins Visier: „Meine Frau hat Sie also angeheuert. Sie will in Mallorca etwas aufziehen. Im Prinzip kann ich das nur befür­worten. Dann hat sie etwas zu tun. Aber ich wüsste gerne, was dahinter steckt. Von Ihnen will sie ein Konzept. Aber für die Veran­staltung von ein paar Vorträgen brauche ich keinen Berater. Was hat sie Ihnen gesagt, was Sie machen sollen?“

Hirschberg antwortete, dass er genau das ihr auch gesagt habe. Er vermute, sie wolle sicher gehen, keinen Flop zu landen. Doch das Risiko könne ihr keiner abnehmen. Auch habe er ihr gesagt, dass er die Organi­sation der Veran­staltung nicht übernehmen wolle. Denn das sei nicht sein Job. Aber man könne ja auch an etwas mehr als ein paar Vorträge denken. Dafür habe sich seine Frau offen gezeigt. Dazu solle er ein Konzept machen. Das solle er in vier Wochen in Andratx präsentieren.

Schneider: „Da weiß ich ja gar nichts von.“

Er nahm sein Telefon, das er vom Schreib­tisch mitge­bracht und vor sich hin gelegt hatte und gab Anweisung, eine Verbindung zu seiner Frau herzustellen.

Zu Hirschberg: „So läuft das natürlich nicht. Wenn ich bezahlen soll, dann will ich infor­miert sein, und dann treffe ich auch die Entschei­dungen. Dann präsen­tieren Sie mir und nicht meiner Frau. Und das hier in Köln! Und nicht in Mallorca. Sie verstehen das, hoffe ich.“

„Die Verein­barung mit Ihrer Frau ist damit aufgehoben?“

„Genau das.“

„Und was soll ich für Sie machen?“

„Darüber können wir gerne reden. Aber vorher will ich mit meiner Frau sprechen.“

Das Telefon klingelte. Er nahm es auf: „Hm! Versuchen Sie‘s weiter!“

Zu Hirschberg: „Haben Sie sich denn schon Gedanken gemacht?“

„Ich habe ein paar Recherchen-Aufträge vergeben und eine erste Ideen­sammlung gemacht.“

„Das war aber ein wenig voreilig. Konnten Sie unseren Termin heute nicht erst abwarten?“

„Ich dachte, Ihre Frau könne so etwas entscheiden.“

„Wir haben auch recherchiert.“

Er nahm wieder das Telefon: „Herr Wolter soll mal eben zu mir kommen.“

Wieder zu Hirschberg: „Was wir natürlich brauchen könnten, wäre eine Image­ver­bes­serung. Wenn Sie da die Idee zu einer Aktion hätten, die öffent­lich­keits­wirksam deutlich macht, dass wir uns durchaus der Allge­meinheit verpflichtet fühlen, dann könnte das hilfreich sein, und wir könnten überlegen, ob wir das machen wollen. Aber so einfach drauf los, so etwas bezahle ich nicht.“

„An wen soll ich mich denn nun halten? An Sie oder an Ihre Frau?“

„Ich bin Ihr Auftrag­geber – wenn wir…“, er sah auf die Uhr, „wenn wir in der nächsten halben Stunde zu der Ansicht kommen, Sie könnten sich für uns nützlich machen.“

Hirschberg machte eine Anspielung auf den Professor: „Manchmal ist es erfolg­reich, sich an die Frau eines Mäzens zu halten …“

„Da würde der Professor mich aber ganz falsch einschätzen. Wenn er glauben sollte, auf dem Weg über meine Frau an sein Ziel zu kommen, hat er sich geirrt.“

Herr Wolter wurde ihm gemeldet.

„Soll reinkommen!“

Begrüßung, Vorstellung, Auffor­derung, sich dazu zu setzen.

„Haben Sie schon etwas herausgefunden?“

Wolter: „Bis vor zwei Jahren Professor in Bochum für Kunst­ge­schichte, vorzeitig aus Gesund­heits­gründen in den Ruhestand getreten. Vor zehn Jahren hat er sich scheiden lassen – oder seine Frau, weil er ein Verhältnis mit einer seiner Studen­tinnen hatte. Drei erwachsene Kinder. Seit einem Jahr wohnhaft auf Mallorca. In Deutschland noch eine Eigen­tums­wohnung in Essen.“

„Na, das ist doch schon was. Bleiben Sie dran. Mich würde inter­es­sieren, wie seine Vermö­gens­ver­hält­nisse sind, ob er hier in Deutschland sich noch irgendwie betätigt, als Kunst­be­rater oder so, und was ihn nach Mallorca gebracht hat – für einen Kunst­ge­schichtler gibt es attrak­tivere Gegenden. Danke schön. Das war’s für den Augenblick.“

Wolter verließ den Raum. Schneider zu Hirschberg: „Ich habe gelernt, Vertrauen nur aufgrund von Fakten zu schenken. So viel Menschen­kenntnis kann keiner haben, dass man ihn nicht doch täuschen könnte. Und alle, die behaupten, sie hätten ein Gespür für die Wahrhaf­tigkeit von Menschen – Frauen behaupten das gerne von sich –, die belügen sich.“

Schneider zog an seiner Zigarre und fuhr fort: „Also, Sie sprachen davon, dass Sie schon Ideen gesammelt hätten. Wäre eine dabei, von der Sie auf Anhieb sagen würden, damit kann der Schneider aller Welt zeigen, dass er nicht nur viel Geld verdienen kann, sondern zum Wohle der Menschheit auch damit umzugehen versteht. Sagen Sie jetzt nur nicht, dass ich Kunst­mäzen werden sollte, womöglich noch unter der fachkun­digen Beratung von Prof. Dr. Godehard Martin, so heißt nämlich der Mann aus dieser schreck­lichen Ruhrge­biets-Univer­sität. Kein Wunder, dass er krank geworden ist. Wir haben hier in Köln schon ein Museum Ludwig. Der Peter Ludwig verstand viel von Kunst, dieser Schoko­laden-Fabrikant. In dessen Fußstapfen will ich nicht treten. Schlagen Sie mir etwas anderes vor!“

Hirschberg begann zögerlich. Dieser Mann war so dominant, dass es ihm schwer fiel, sich zu konzen­trieren, sich zu behaupten. Daher spielte er schon die ganze Zeit mit dem Gedanken, diesen Auftrag sausen zu lassen. Außerdem geriet er womöglich in die Bezie­hungs­pro­bleme des Ehepaars Schneider. Zweifelhaft war auch, ob eine erfüllbare Aufga­ben­stellung durch Schneider überhaupt möglich wäre, ob er, Hirschberg, nicht zum Spielball von Eitel­keiten und Herrsch­sucht würde. Er verspürte wenig Lust, mit diesem Erfolgs­men­schen, der die Menschen seines Umfelds unwider­stehlich auf sich zu orien­tieren pflegte, zusammenzuarbeiten.

Hirschberg sagte: „Das ist alles noch nicht ausge­reift. Nur erste Überle­gungen, nach dem, was mit Ihrer Frau besprochen wurde.“

„Das hat Sie aber doch nicht ganz befriedigt, wie Sie eben durch­blicken ließen. Womit könnte ich mich befassen, was sollten die Leute mit meinem Namen, Johann Heinrich Schneider, verbinden. Ich weiß, das klingt eitel, aber ich habe nun mal eine Position erreicht, in der ich mich in gewisser Weise verpflichtet sehe. Um Ihnen meine Situation zu verdeut­lichen: Ich führe zwar noch das Unter­nehmen allein­ver­ant­wortlich, aber der Genera­ti­ons­wechsel ist einge­leitet. Sie haben schon richtig vermutet, dass ich mich dann nicht zur Ruhe setzen will. Was könnte der Schneider nach seinem Abgang aus der Firma Sinnvolles machen?“

Mit dieser Frage hatte er Hirschberg, den eben noch zöger­lichen, gezündet. Wie der Schneider sich ein Denkmal setzen und der Allge­meinheit einen Dienst erweisen könnte, dazu hatte er eine Idee, und die ließ er nun raus: „Sie wissen, dass der Bevöl­ke­rungsteil der alten Menschen in Deutschland steigt. Viele dieser älteren Menschen sind noch recht fit. Nachdem sie in ihren Berufs­jahren eine solide Alters­si­cherung aufgebaut haben, können sie jetzt ihren Inter­essen, ihren Hobbies und Neigungen nachgehen. Die Veran­stalter von Bildungs­reisen für Senioren melden steigende Nachfrage. An den Univer­si­täten steigt die Zahl der älteren Semester, nämlich der Senioren, die teilweise noch einen Abschluss machen und einen akade­mi­schen Grad erwerben. In Baden-Württemberg ist eine private Alten-Univer­sität eröffnet worden. Es gibt Alten-Clubs, einen Zentral­verband der älteren Mitmen­schen, spezielle Zeitschriften für alte Mitmen­schen. Die Parteien haben Senioren-Verei­ni­gungen. Was halten Sie von einer Europäi­schen Senioren-Universität?“

Schneider sah ihn mit großen Augen an. So auf Anhieb gefiel ihm die Idee. Hirschberg schob nach: „Die Johann-Heinrich-Schneider-Universität!“

„Klingt gut! Aber das kostet ja nicht nur ein paar Mark, sondern muss mit viel Sachver­stand und Organi­sa­ti­ons­ge­schick angepackt werden. Und dann all die bürokra­ti­schen Wider­stände. Aber ich will die Idee nicht kaputt­reden. Darauf verstehen sich andere besser. Wenn Sie einver­standen sind, können wir folgen­der­maßen verbleiben: Sie erstellen ein Konzept, wie ein Projekt Senioren-Univer­sität aussehen und angegangen werden müsste, so konkret wie möglich, nicht lauter Überle­gungen, die anfangen mit ‘man könnte’ und ‘es ließe sich denken’. Auch finan­zielle Größen­ord­nungen sollten drinstehen. Als Honorar biete ich Ihnen 20.000 DM.“

Hirschberg überlegte einen Moment und sagte dann: „Einver­standen. Frage noch: Der Termin in Andratx ist damit hinfällig!“

„Selbst­ver­ständlich. Aber da brauchen Sie sich nicht drum zu kümmern. Das regele ich. Schicken Sie mir in etwa zwei Monaten Ihr Papier. Danach verein­baren Sie mit meinem Büro bitte einen Termin.“

Er stand auf, begleitete Hirschberg noch in den vorge­la­gerten Sekre­ta­ri­atsraum, bat eine der beiden Mitar­bei­te­rinnen, Hirschberg zu begleiten, damit er rausfinde, und sagte: „Hat mich gefreut! Ich bin sehr gespannt.“

Aus Köln zurück überdachte Hirschberg nochmal das Gespräch mit Schneider. Ihn ärgerte, dass er sich hatte so bestimmen lassen. Anderer­seits sagte er sich, dass man solchen Menschen nur Paroli bieten konnte, wenn man eine entspre­chende Position bekleidete. Er war nur ein kleiner käuflicher Ideen­lie­ferant, einer von denen, die man für seine Zwecke engagierte – mehr nicht. Ein persön­liches Interesse an der Person Hirschberg hatte Schneider wohl kaum. Wahrscheinlich war solchen Leuten effek­tives und zielge­rich­tetes Arbeiten nur aufgrund einer ausge­prägten Egozentrik möglich. So gewannen sie die Durch­schlags­kraft, die sie zur Überwindung der zahlreichen Hinder­nisse bei der Umsetzung ihrer Vorhaben brauchten.

Wer mit solchen Typen nicht klar kam, musste sie meiden. Hirschberg war unsicher, ob es richtig war, sich heraus­locken zu lassen, statt auszu­steigen. Jetzt hatte er sich indes drauf einge­lassen, jetzt würde er ein Konzept liefern. Und dann würde er sich zurück­ziehen. Der Schneider konnte dann damit machen, was er wollte.

Das mit Frau Schneider war natürlich dumm. Doch sie jetzt anrufen und ihr von dem Gespräch mit ihrem Mann berichten, würde ihn erst recht in die Ehege­schichte hinein­ziehen. Er beschloss, sich nicht zu melden. Wenn sie von sich aus anrief, würde er ihr mitteilen, dass ihr Mann die Angele­genheit direkt mit ihm regeln wolle. Er gehe davon aus, alles werde in ihrem Sinn verlaufen. Die Präsen­tation in Andratx sei hinfällig. Ihm fiel ein, er müsse Katha noch Bescheid geben, dass aus dem Flug nach Mallorca nichts würde. Doch sie war nicht erreichbar.

Hirschberg ging in sein Büro und machte sich wieder an sein Buch. Endlich ging das Schaffen zügig voran. In den nächsten Tagen hielt Frau Michalski alle Ablen­kungen von ihm fern. Mittags wurde gemeinsam gekocht. Auch da machte Hirschberg Fortschritte, aller­dings nur langsam. Er merkte, was man in der Küche alles falsch machen kann, wie es auf die richtige Dosierung, die Reihen­folge, die Kombi­nation, Tempe­ratur und viele Feinheiten ankam. Alleine hätte er die doppelte und dreifache Zeit gebraucht, wäre ihm vieles auch daneben gegangen. Aber unter Frau Michalskis Regie bekam er Gespür dafür, wie die Abläufe waren und in welchen Momenten man besonders aufpassen musste.

Schon beim Einkaufen war darauf zu achten, dass man die richtigen Lebens­mittel auswählte. Hin und wieder begleitete er Frau Michalski, um die Quali­täten unter­scheiden zu lernen und die Mengen einschätzen zu können. Ihm wurde klar, man musste das tagtäglich machen, um ein sicheres Gefühl zu bekommen, Varia­tionen zu wagen und Geschmacks­ver­än­de­rungen auszuprobieren.

Auch bekam er ein anderes Verhältnis zum Essen. Jahrzehnte lang hatte er sich einfach an den Tisch gesetzt, gegessen, und nach zwanzig Minuten war er wieder weg. Dieses Kanti­nen­ver­halten legte er nunmehr ganz von allein ab. Was er aß, kannte er jetzt auch im Roh- bezie­hungs­weise Ausgangs­zu­stand. Er wusste, wie es genießbar, wie eine Speise daraus geworden war.

Er dachte daran, dass die Menschen früherer Zeiten unmit­telbar und viel inten­siver Tag für Tag mit ihrer Ernährung beschäftigt waren. Die Mehrzahl der Menschen musste anpflanzen, zur Ernte bringen und speichern, was sie für ihr Überleben brauchte. Der Handel bot keine konsum­fertig vorbe­rei­teten Lebens­mittel. Die Vorfahren verbrachten viel Zeit mit der Zubereitung von Speisen. Die Erträge der Bauern hingen von Wetter­wechseln und Klima­schwan­kungen ab. Es gab Hunger­ka­ta­strophen. Die Vater­unser-Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ hatte erfahrbare Bedeutung. Kriege wurden um fruchtbare Gegenden geführt.

Alle diese Erfah­rungen, dieses Wissen um die Abhän­gigkeit von den Gaben der Natur war in unserer Zeit abhanden gekommen. Anderer­seits war die Lebens­weise mit Super­markt und McDonald’s eine ungeheure Befreiung der Menschen. Sie konnten sich anderen Aufgaben und Tätig­keiten zuwenden. Manche jungen Leute wollten aller­dings die Erfahrung machen, wie man in der freien Natur überleben kann. Überle­bens­training – wenigstens mal eine Woche lang. Aussteiger machten eine Lebens­phi­lo­sophie daraus.

Schließlich: Hirschberg kannte Teile der Dritten Welt und wusste daher, dass die Menschen in Europa auf einer Wohlstands­insel leben, in weiten Teilen der Welt aber Hunger herrscht. Er gewöhnte sich an, nach dem Hinsetzen an den Mittags­tisch, sich in einer Haltung der Dankbarkeit die Situation in der Welt zu verge­gen­wär­tigen. Zuhause bei seinen Eltern wurde vor dem Essen gebetet.

In Erinnerung geblieben war ihm der Ausspruch seiner Mutter: Da mühe sie sich den ganzen Vormittag ab und in einer Viertel­stunde sei alles verschlungen. Ihr bliebe nur noch der Spül. Auch meinte sie schon mal, Lob gäbe es selten, aber wenn etwas nicht so gut schmecke, würde gemeckert. Dass junge Frauen heute nicht mehr kochen wollten, lag sicherlich auch an der Gering­schätzung, ja Undank­barkeit, die sie als kleine Mädchen gegenüber der Arbeit ihrer Mutter mitbe­kommen hatten. Hirschberg war der Meinung, es werde sich an einer Gesell­schaft rächen, wenn sie den Bezug zu den unmit­tel­baren Überle­bens­zu­sam­men­hängen verliere.

Vater bekocht Tochter 

… Priorität vor allem anderen … mache dir mein Lachs­filet … sie war in
Hochstimmung … sie habe einen Freund … ein lieber Mensch … Thomas hat mir
geschrieben … voller Freude über seine Kinder …

Das Wochenende mit Katha und ihrem Freund stand bevor. Sie meldete sich am Freitag­morgen, um nach der Wegbe­schreibung zu fragen. Hirschberg sagte ihr bei der Gelegenheit, dass aus dem Flug nach Mallorca nichts werden würde, weil der Auftrag sich anders entwi­ckelt hätte. Sein Gesprächs­partner sei nicht mehr Frau, sondern Herr Schneider. Nach einem ersten Moment der Enttäu­schung, fragte sie, ob es denn möglich sei, den für morgen und übermorgen verab­re­deten Besuch bei ihm in der Eifel auf das jetzt freie Mallorca-Wochenende zu verschieben; ihr Freund müsse nämlich eigentlich für eine Prüfung lernen. Hirschberg meinte, er wolle nicht schuld sein, wenn ihr Freund durch die Prüfung falle: „Also verschieben wir“.

Ihm kam das nicht ungelegen. So konnte er seine Manuskript-Arbeit ohne Unter­bre­chung durch­ziehen. Und die ging ihm immer besser von der Hand. Bisweilen konnte er gar nicht so schnell schreiben, wie ihm die Gedanken zuflossen. Die Momente, in denen es hakte, er nicht weiterkam, wurden seltener. Von Zeit zu Zeit erlebte er geradezu einen Schreib­rausch. Er hatte den Eindruck, nicht er schreibe, sondern es schreibe aus ihm heraus. Die nächsten Schritte waren dann: Frau Michalski tippt den Text in den Computer, ausdrucken, redigieren, das Manuskript Verlagen anbieten.

Der neue Termin mit Katha und ihrem Freund kam genau richtig. Nach der konzen­trierten Schreib­arbeit brauchte er Entspannung, Erholung, Gesel­ligkeit. Schon am Donnerstag vorher wollte er nachmittags in die Eifel fahren. Frau Michalski redete ihm eindringlich zu, das Kochen mittags auch dort beizu­be­halten. Entspre­chend kaufte er ein. Für Freitag hatte er Lachs­filet mit Butter­kar­toffeln und Blatt­salat vorge­sehen. Samstag wollte er Waffeln mit Sahne­quark und Obstsalat machen. Sonntag kein Mittag­essen, sondern Picknick auf der Venn-Wanderung mit seinen beiden Gästen.

Er saß schon im Auto abfahr­bereit, als ihm einfiel, er könnte die Terras­sentür nicht gesichert haben. Hin und wieder befielen ihn solche Zweifel. Habe ich die Haustür auch wirklich abgeschlossen? Sind alle Fenster zu? Und so weiter. Das passierte ihm immer dann, wenn er in Gedanken mit etwas anderem beschäftigt war, als er gerade tat.

Schon vor geraumer Zeit hatte er sich vorge­nommen, eine Check­liste für die Haussi­cherung zu machen, aber dann doch wieder für überflüssig gehalten. Jetzt ging er also nochmal ins Haus, um nachzu­sehen. Er kam gerade ins Wohnzimmer, als das Telefon klingelte: seine Tochter. Sie sei in Köln, habe unerwartet freie Zeit und käme gerne zu ihm, gleich führe ein Zug nach Bonn. Hirschberg sagte, er sei zwar gerade auf dem Sprung in die Eifel und nur noch mal kurz ins Haus zurück­ge­kommen – aber sie solle kommen. Wann der Zug denn in Bonn sei? „Okay, ich hole Dich ab.“

Er trug seinen Einkauf wieder ins Haus zurück und legte die verderb­lichen Sachen erneut in den Kühlschrank. Dann fuhr er zum Bahnhof. Dass seine Planung über den Haufen geworfen wurde, störte ihn zwar, aber er hatte den Grundsatz: Wenn seine Kinder zu ihm kommen wollten, hatte das Priorität vor allem anderen.

Hannelore war in bester Stimmung. Sie erzählte bereits im Auto, ohne dass ihr Vater mit vorsich­tigen Fragen sie dazu animieren musste, vom Fortgang ihres Jurastu­diums. In einem Jahr würde sie voraus­sichtlich ihr Referendar-Examen machen. Sie habe das Angebot, anschließend zu promovieren.

Hirschberg: „Die Frage ist, was du später machen willst. Wenn du eine juris­tische Karriere anstrebst, brauchst du das zweite Staats­examen. Willst du in Bereichen tätig werden, die eine juris­tische Fundierung brauchen, aber nicht die praxis­be­zogene Weiter­führung, könnte die Promotion von Vorteil sein. Für Spitzen­kar­rieren ist beides nützlich. Da du zügig studiert hast, kämest du vom Alter her nicht in Verzug.“

Sie sprachen noch über die eine oder andere beruf­liche Perspektive. Hirschberg nannte ihm bekannte Leute in Politik, Wirtschaft, Verbänden und inter­na­tio­nalen Organi­sa­tionen, die als Juristen in inter­es­sante und verant­wort­liche Positionen gekommen waren. In Mehlem angekommen, berichtete er ihr, dass er unter Frau Michalskis Anleitung das Kochen lerne.

„Das hätte ich wissen müssen, dann wäre ich schon heute Mittag gekommen!“

„Ich kann dir als Kostprobe einen Salat machen.“

Sie kam mit in die Küche, und gemeinsam berei­teten sie ein Abend­essen vor. Aufgrund von Hirsch­bergs Einkauf schöpften sie aus dem Vollen. Ganz beiläufig, aber absichtsvoll, ließ sie die Bemerkung fallen, dass sie nichts zu Mittag gegessen habe – und Lachs­filet besonders gerne esse. Der Vater sah sie an, verharrte einen Augen­blick und erklärte: „Na gut, ich mache dir mein Lachsfilet.“

„Wir teilen.“

Es wurde ein richtiges Festessen. Sie holte sogar das Feier­tags­por­zellan aus der Vitrine, nahm den Kerzen­ständer vom Kaminsims, wechselte die fast abgebrannte Kerze gegen eine neue aus und stellte ihn auf den Tisch. Sie legte die Tisch­decke auf, die sie noch von ihren Geburts­tagen her kannte, suchte farben­frohe Servi­etten heraus, pflückte im Garten Blumen und kreierte einen präch­tigen Strauß für die Festtafel – sie war in Hochstimmung.

Der Vater zog die Schürze aus und servierte. Zuerst gab es eine Gemüse­suppe, anschließend Lachs in Dillsoße mit Kartoffeln. Dazu Blatt­salat, angemacht mit saurer Sahne und Kräutern. Als Getränk hatte er einen fünf Jahre alten Chablis aus dem Keller geholt. Nachtisch: Vanil­leeis aus der Kühltruhe mit heißer Schokolade. Die Tochter machte ihm Kompli­mente, und er war stolz darauf, sich als Küchenchef bewährt zu haben.

Während des Essens gab es eine Überra­schung für Hirschberg: Hannelore erzählte ihm, sie habe einen Freund. Sie hätten sich im Seminar kennen­ge­lernt, als sie sich bei einer Studi­en­arbeit gegen­seitig halfen. Er sei Ameri­kaner, studiere an der Columbia-University in New York und bleibe ein Jahr in Deutschland. Ein ganz toller Typ, unkom­pli­ziert, offen, warmherzig, intel­ligent und sehr aufmerksam. Dem Vorurteil, die Ameri­kaner seien oberfläch­liche Menschen, entspreche er gar nicht. Sie habe mit ihm schon recht tiefgründige Gespräche geführt.

Hirschberg hörte mit freudigem Herzen zu. Mit Fragen hielt er sich zurück. So unbeschwert wie jetzt hatte er seine Tochter lange nicht mehr erlebt. Dieses nüchterne, eher spröde Mädchen war auf den Mann getroffen, der es offenbar verstanden hatte, sie aufzu­wecken. Das machte den Vater glücklich. Und dann fragte er etwas vorsichtig steif: „Empfindet ihr mehr als kolle­giale Freund­schaft zueinander?“

Sie lachte: „Du willst wissen, ob da mehr draus wird als eine Semes­ter­be­kannt­schaft. Das weiß ich nicht. Ehrlich gesagt, ist mir das auch egal. Was mich glücklich macht: Ich erlebe zum ersten Mal einen Mann, der geradewegs auf mich zukommt und sagt ‘Können wir das zusammen machen?’. Kein verstoh­lener Vorab­check, kein Ignorieren, kein Provo­zieren – einfach: Hier bin ich! Können wir? Ohne Hinter­ge­danken. Er ist ein lieber Mensch.“

Hirschberg dachte, das könne man so schnell wohl kaum feststellen. Er sagte: „Ich freue mich, dich so glücklich zu sehen. Auf dein Wohl!“

Sie erzählte von Erleb­nissen mit ihm, von seiner Art Probleme anzupacken, mit Menschen umzugehen. Hirschberg wollte wissen, welche beruf­lichen Ziele er habe.

„Er will zunächst ins Big Business. Später möchte er in eine der großen inter­na­tio­nalen Insti­tu­tionen. Er spricht mehrere Sprachen: Deutsch, Spanisch, Arabisch. Er hat ein Jahr in Amman gelebt.“

„Wie alt ist er?“

„Er ist 26 und heißt Bob, Bob Kliger.“

Nach einer Weile: „Es gibt noch einen Grund zu feiern. Thomas hat mir geschrieben, einen langen Brief. Er will auch dir schreiben. Es geht ihm gut. Wahrscheinlich so gut, wie lange nicht mehr. Er hat eine Philip­pinin kennen­ge­lernt und lebt mit ihr zusammen. Sie erwarten ein Baby. Nächsten Monat wollen sie heiraten. Sein Projekt läuft gut. In einem halben Jahr wird die finan­zielle Hilfe aus Deutschland beendet. Die Provinz­re­gierung, die dann alles in eigene Regie übernimmt, hat ihm angeboten, in ihren Diensten weiter­zu­machen. Er hat angenommen. Er hat mich einge­laden, ihn zu besuchen.“

Hirschberg war den Tränen nahe. Gerade um seinen Sohn hatte er sich Sorgen gemacht. Über ein Jahr war er verschollen. Jetzt hatte er sich also zurück­ge­meldet. Es sah so aus, als habe er wieder Tritt gefasst, habe sein Leben wieder Perspektive bekommen. Wenn auch weit weg – wichtig war, dass er sein Scheitern in Deutschland überwunden hatte. Sein Sohn auf den Philip­pinen, die Tochter in Amerika, er in Mehlem. Familie heute.

Vater Hirschberg war glücklich. Seine Tochter übernachtete in ihrem Jugend­zimmer. Nach dem gemein­samen Frühstück kaufte er erneut ein und packte alles ins Auto für sein Eifel­wo­chenende. Hannelore fuhr er zum Bonner Bahnhof. Unterwegs verriet sie ihm, dass sie für ein Auto spare. Er versprach ihr, etwas dazu zu tun. Gegen Mittag war er in seinem Eifeler Wochendhaus nahe Mützenich südlich von Aachen. Es gab nur ein beschei­denes Mittag­essen: Rühreier mit Salat und Brot. Hirschberg war voller Freude über seine Kinder.

Sommerwochenende

… Besuch von Katha und ihrem Freund … Candlelight-Dinner …
Glühwürmchen … Picknick in märchenhafter Landschaft

Es war ein herrlicher Junitag. Wolken­loser Himmel. Die Luft flirrte über der Wiese vor der Veranda. Die Sommer­blumen blühten. Das Holz des Hauses, von der Sonne durch­wärmt, roch nach Süden. Die Grashüpfer zirpten. Hin und wieder ein angenehmer Lufthauch. Hirschberg lag auf der Veranda im Liegestuhl.

Ihm kamen die Bilder von glück­lichen Tagen mit seiner Frau und den Kindern in den Sinn. Sie machten Zelturlaub in Schweden. Es war auch Juni und ein Wetter wie heute. Mit ihrem Paddelboot befuhren sie den See, an dessen Rand ihr Camping­platz lag. Das Boot aus Aluminium hatten sie gemietet. Vorne saß seine Frau, hinten er, in der Mitte die Kinder. Jeder von ihnen hatte eine Schwimm­weste an. Das war Vorschrift.

Für die Boots­fahrer gab es Wander­routen. Wo es keine Wasser­ver­bindung zwischen den einzelnen Seen gab, musste das Boot auf einem Weg über Land geschoben werden. Mit einem kleinen Boots­wagen, der mitge­mietet wurde. Um das Boot aus dem Wasser zu ziehen und wieder hinein­zu­schieben, gab es Rutsch­bahnen aus Baumstämmen.

An manchen dieser Stellen gab es Übernach­tungs­plätze. Die bestanden aus einem Holzver­schlag als Wetter­schutz mit offener Vorder­seite, einem Holztisch mit zwei Bänken, einem Grill­platz und einem Stapel Holz mit Holzklotz und Beil. Gegen Abend wollten die Hirsch­bergs an einem solchen Platz sein, den sie bei einer früheren Tour entdeckt hatten. Dort wollten sie übernachten. Jetzt glitten sie leise über das Wasser, setzten nur selten die Paddel ein. Sie genossen die Landschaft, beobach­teten die Vögel. In die eine oder andere der vielen Buchten fuhren sie hinein, lauschten den Tierlauten in der Uferböschung.

Gegen Mittag suchten sie eine Anlege­stelle, zogen das Boot hoch und richteten sich im Wald einen Essplatz her. Nach dem Essen legten sich die Eltern unter eine Kiefer, streckten behaglich die Glieder von sich und ruhten. Die Kinder gingen zum Baden. Mit diesen Erinne­rungen schlief er ein.

Wagen­türen klatschten. Katha und ihr Freund waren da. Hirschberg erwachte und empfing die beiden an den Stufen zur Veranda. Sie umarmte und küsste ihn herzlich. Dann stellte sie vor: Günter Franken, Herr Hirschberg. Er rückte die Korbsessel zuein­ander und bat, Platz zu nehmen. Sie sah sich um und meinte, schön habe er es hier. Ob die Fahrt gut war und ob sie es gleich gefunden hätten, wollte er wissen. Kein Problem, ohne Stau durch­ge­kommen, einmal im Ort gefragt. Etwas zu trinken? Wasser.

Während Hirschberg ins Haus ging, standen die beiden wieder auf, um mehr vom Gelände sehen zu können. Mit Gläsern und zwei Wasser­fla­schen kam Hirschberg zurück, stellte ein Tischchen in die Reich­weite der Sessel und schenkte ein. Dann trat er an die Seite seiner beiden Besucher und bot ihnen einen kleinen Rundgang an.

„Gerne!“

Er erläu­terte ihnen den Zweck der hohen Buchen­hecke, die in einiger Entfernung an der Westseite des Nachbar­hauses stand. Das sei in früheren Zeiten der Wetter­schutz in dieser Gegend gewesen. Regen und Schnee peitschten im Herbst und Winter von Westen und Nordwesten über das Hohe Venn und die Nordeifel. Dies seien die ersten nennens­werten Erhebungen, die sich den Stürmen entge­gen­stellten, die vom Atlantik kämen und manchmal Orkan­stärke erreichten.

Sie durch­streiften die Wiesen. Durch einen kleinen Birkenhain kamen sie zum Haus zurück. Sie nahmen wieder Platz. Er zöge sich immer wieder gern an diesen Ort zurück, um zur Ruhe zu kommen, seinen Gedanken nachzu­hängen, sagte Hirschberg. Der Sommer – wenn er so ausfalle wie das Wetter heute – sei hier oben eine wunderbare Zeit. Es sei nie drückend heiß, so schwül wie im Rheintal, sondern sommerlich warm, meistens mit ein wenig Wind. Die Bauern seien jetzt im Heu. Viele Wiesen seien schon gemäht. Die Böden wären karg, so dass nur Weide­wirt­schaft infrage käme. Er lasse seine Wiese vor dem Haus wachsen und blühen. Erst wenn sie im Juli abgeblüht sei, mähe er sie mit der Sense.

Nach einer Gesprächs­pause wandte sich Hirschberg unver­mittelt zu Kathas Freund: „War Ihre Prüfung erfolgreich?“

„Ich habe noch nicht das Ergebnis, aber es müsste geklappt haben. Lediglich bei einer Aufgabe war ich etwas unsicher.“

„Sie studieren Medizin, hat mir Katha gesagt. Im wievielten Semester?“

„Im achten.“

„Wann wollen Sie fertig sein?“

„Wenn es geht in drei Jahren.“

„Welche Fachrichtung wollen Sie einschlagen?“

„Da bin ich unent­schlossen. Es gibt ein paar Bereiche, beispiels­weise Neuro­logie, die mich besonders inter­es­sieren, aber ich könnte mir auch Pharma­ko­logie als Spezi­al­be­reich vorstellen, um später in der Arznei­mit­tel­for­schung zu arbeiten.“

„Wie sind denn die Chancen dafür?“

„Die Berufs­chancen sind für Ärzte recht unter­schiedlich. Man muss sehr gut sein und die richtigen Kontakte haben, wenn man einen guten Einstieg bekommen will.“

„Und Sie haben beides! Wie sind Sie zur Medizin gekommen?“

„Meine Mutter ist Ärztin. Irgendwann habe ich gedacht, das mache ich auch.“

„Was macht Ihr Vater?“

„Der arbeitet als Direktor in der Stahl­in­dustrie. Aber ich kenne ihn kaum. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich noch klein war. Mein Vater hat wieder geheiratet.“

„Dann vermute ich, Sie sind allein­er­zo­genes Einzelkind.“

Zu Katha: „Solche Jungs sind in der Regel sehr verwöhnt. Ist er das auch?“

„Seine Mutter verwöhnt ihn noch immer. Aber er ist dabei, sich mit meiner Hilfe zu emanzipieren.“

Hirschberg: „Und dafür hat dich seine Mutter besonders gern.“

„Ich versuche, sehr lieb zu ihr zu sein.“

„Was macht denn dein neuer Job?“

„Hat sich prima angelassen. Der Chef und die Kollegen – das ist eine prima Truppe; die haben mich mit offenen Armen aufge­nommen. In Mallorca hat es indes Ärger gegeben. Als ich gekündigt habe, wurden sie so kleinlich, dass ich nur noch weg wollte. Meine Sachen habe ich zu meiner Freundin nach Palma geschafft. Da muss ich sie bald mal holen. Denn allzu viel Platz hat die nicht.“

Es war früher Nachmittag. Sie beschlossen, kein Mittag­essen mehr zu machen, sondern statt dessen gleich die von Hirschberg vorge­sehene Kaffee­runde zu veran­stalten. Am Abend dann ein Candle­light-Dinner. Und Morgen die geplante Vennwan­derung mit Picknick. Sie gingen ins Haus und Hirschberg zeigte ihnen die Räumlich­keiten. Er stellte ihnen für die Nacht zur Wahl: Das Wohnzimmer oder die Veranda. Im Wohnzimmer müsse einer auf dem Boden, auf der Veranda müssten sie Beide auf dem Boden schlafen; ihre Luftma­tratzen und Schlaf­säcke hätten sie ja dabei. Sie wählten die Veranda.

Die Arbeit für die Kaffee­tafel wurde verteilt: Katha kochte den Kaffee, Günter richtete auf der Veranda die Kaffee­tafel ein und Hirschberg holte die Fladen, Torte und Sahne aus dem Kühlschrank. Er zeigte, wo Geschirr, Besteck, Tisch­decke etc. zu finden waren. Da er über die Autobahn gefahren war, hatte er in Roetgen die Gelegenheit zu einem kurzen Abstecher auf die belgische Seite, nach Peter­gensfeld genutzt. Dort gab es ein Kaufhaus mit Kondi­torei. Gekauft hatte er eine Obsttorte und zwei Reisfladen, eine Spezia­lität der Gegend.

Alles war vorbe­reitet und Kaffeeduft erfüllte die Veranda, als Katha von Günter die Autoschlüssel erbat und zum Wagen ging. Sie kam zurück mit einem Kerzen­leuchter aus kunst­ge­schmie­detem Eisen, von dem sie das Geschenk­papier abzog.

Sie überreichte Hirschberg den Leuchter und der bedankte sich mit einer Umarmung und der Floskel, das sei aber nicht nötig gewesen.

Man nahm Platz. Katha schenkte den Kaffee aus, Günter servierte Torten- und Fladen­stücke. Hirschberg betrachtete Günter: runder Kopf; hellblondes, kurzge­schnit­tenes anlie­gendes Haar; milch­weiße Haut; grünliche Augen; blasse Augen­brauen. Er trug ein weißes Hemd mit kurzen Ärmeln, eine ebenfalls weiße Hose und weiße Leder­schuhe – der Junge wollte ja schließlich Arzt werden. Katha war gekleidet, wie er das schon kannte: weißes T‑Shirt und blaue Jeans, Tennisschuhe.

Sie ließen es sich gut gehen bei Kaffee und Kuchen. Katha erzählte von Mallorca. Mit dem Spaziergang durch den Ort warteten sie noch, bis die Sonne etwas tiefer stand. Außerdem war es so gemütlich auf Hirsch­bergs Veranda, dass sie sich vorerst nicht erheben mochten. Die Teller waren leer. Sie schwiegen und genossen die Ruhe. Solche Ruhe ist indes für manche Menschen auf Dauer nicht zu ertragen. Ob es das war, fragte sich Hirschberg, als nach einer Weile Günter fragte: „Werden Sie den Sommer hier verbringen?“

„Ich weiß es noch nicht. Wenn das Wetter so bleibt und ich in Bonn meine Arbeit so geregelt bekomme, dass ich mich drei oder vier Wochen hierher zurück­ziehen kann, würde ich das gerne machen. Aber über längere Zeit stabiles Wetter gibt es hier oben nicht. Nach ein paar Sonnen­tagen kommt meistens ein Gewitter. Danach ist in der Regel wechsel­haftes Wetter, nicht selten mit Tempe­ra­turen, die zehn Grad niedriger sind als vor dem Gewitter. Mal sehen, wie es dieses Jahr wird. Genießen wir den heutigen Tag. Nächste Woche ist Mitsommernacht.“

Katha: „Ja, 21. Juni. Aber wir machen heute schon das Candlelight-Dinner!“
Hirschberg: „Ich habe alles dazu eingekauft!“

Auf dem Dorfrundgang erzählte Hirschberg von den Zeiten, in denen die Menschen hier noch in großer Armut lebten. Er erläu­terte die typischen Eifel­häuser, die liebevoll gepflegt und mit Blumen­kästen geschmückt heute zwar hübsch aussehen würden und die vergan­genen Zeiten als roman­tisch erscheinen ließen. Aber man solle sich nicht täuschen, das Leben sei hart gewesen und die jungen Leute seien abgewandert, hätten Arbeit in Aachen oder Stolberg gesucht, seien nur zu den Festtagen wie Ostern und Pfingsten und gelegentlich am Sonntag nach Hause gekommen.

Wieder zurück sah Hirschberg nach, ob er nicht im Schlaf­zim­mer­schrank Girlanden oder etwas Ähnliches hätte – Reste von einer Karne­vals­feier vor Jahren. Er fand eine Rolle Luftschlangen und zeigte sie Katha und sagte: „Damit dekorieren wir heute Abend. Was meinst du?“

„Das mache ich.“

Die beiden Männer zogen ihre Korbstühle an die Hauswand zurück, um ihre Köpfe anlehnen zu können. Katha setzte sich an den Tisch und breitete die Luftschlan­gen­röllchen vor sich aus. Sie legte verschiedene Röllchen zuein­ander, um sich über Farbkom­bi­na­tionen schlüssig zu werden. Dann begann sie, Girlanden zu flechten. Die Männer sahen ihr zu.

Hirschberg überlegte, ob sie mit Günter wohl eine Familie gründen werde. Sportlich schien er nicht zu sein. Jeden­falls machte er von der Figur her und der Art, wie er ging und sich bewegte, nicht den Eindruck. Er fragte ihn. Nein, er spiele nur hin und wieder mit einem Freund Badminton. Im Winter gehe er einmal in der Woche ins Hallenbad, da sei eine Sauna, mehr mache er nicht. Ob er denn keine Lust habe, Tennis zu spielen, schließlich habe er ja eine Freundin, die es ihm beibringen könne. Da sei er unbegabt, er treffe nie den Ball. Katha bestä­tigte das. Was er denn mache, wenn er nicht gerade für sein Studium lernen müsse, wollte Hirschberg wissen. Er sei ein ziemlich häuslicher Typ, er koche gerne.

Hirschberg: „Das finde ich bewun­dernswert. Ich versuche es gerade zu lernen. Gar nicht so einfach.“

Jetzt hatten sie ein Thema. Katha war bei ihrer Arbeit, hörte aber zu und kommen­tierte gelegentlich mit Bemer­kungen wie „Nach einer solchen Orgie solltest du die Küche sehen!“ oder „Das ist mein Lieblings­ge­richt!“ oder „Anschließend müssen wir zwei Tage lüften!“

„Sollte er denn nicht lieber Hausmann werden, statt Medizin zu studieren!“, fragte Hirschberg sie mit provo­zie­rendem Lächeln.

„Mit meinem Gehalt würden wir nie über einen besseren Studen­ten­haushalt hinaus­kommen“, erwiderte sie.

Hirschberg: „Dann muss er wohl oder übel Karriere in der Pharma­for­schung machen.“

„Vielleicht hast du ein paar gute Kontakte, die ihm dabei helfen können.“

„Mal sehen, was sich machen lässt.“

„In Stolberg gibt es Grünenthal“, sagte Günter.

Hirschberg: „Penizillin ist aber schon erfunden.“

„Ich werde etwas Neues erfinden.“

„Einem Meisterkoch sollte das nicht schwer fallen.“

„Er probiert gerne Neues aus.“

„Das sind doch beste Voraussetzungen!“

Sie flachsten noch eine Weile weiter, dann beendete Katha die Unter­haltung mit der Bemerkung: „So, jetzt müssen wir diese Sommer­nachts­träume aufhängen.“

Zu dritt machten sie sich daran, die Girlanden anzubringen, stiegen auf den Tisch und die Sessel, banden sie mit Kordel an oder steckten sie mit Steck­nadeln fest. Über die Türlampe stülpte Hirschberg einen Lampion mit Mondge­sicht, der ebenfalls von der Karne­vals­feier übrig geblieben war. Es war schon acht Uhr, aber immer noch taghell. Hirschberg sagte, in Schweden würde es zu dieser Jahreszeit nur dämmrig, nicht dunkel. Da würde man die Nacht der Sonnen­wende durchfeiern.

Katha: „Hast du Musik hier? Dann machen wir einen Sommernachtstanz!“

„Mozart habe ich, und Beethoven; zum Tanzen wohl nicht so geeignet.“

„Wir haben Kassetten im Auto. Hast du ein Kassettendeck?“

„Einen Walkman.“

„Wir können das Auto an die Veranda ranfahren“, schlug Günter vor.

Katha: „Zum Essen nehmen wir Mozart.“

Hirschberg: „Wie es euch gefällt!“

Sie begannen mit den Vorbe­rei­tungen zum Abend­essen. Die Rollen­ver­teilung wurde neu vorge­nommen: Günter Küchenchef, Hirschberg Assistent, Katha Tischar­ran­geurin. Hirschberg hatte unter anderem verschie­denen Schinken, mehrere Wurst- und Käsesorten, franzö­si­sches Stangenbrot, Tomaten, Eier, Champi­gnons, Kopfsalat, Obst und belgische Pralinen einge­kauft. Aus seinem Mehlemer Weinkeller hatte er ein paar Flaschen von der Loire und der Dordogne mitge­bracht. Er überließ Günter die Auswahl. Schließlich waren verschiedene Salat­schüsseln – grüner Salat, Tomaten­salat, Eiersalat – Fleisch- und Käseplatten, eine Obstschale und ein Korb mit Brot fertig.

Katha zu Günter: „Wie wäre es vorab mit einer Champignoncremesuppe?“

„Wenn alle Zutaten da sind, gerne.“

Sie sahen nach, Günter checkte ab und meinte dann, es ließe sich etwas kreieren. Die Suppe dampfte, aus dem Wohnzimmer erklang Mozart, Katha entzündete die Kerzen des Leuchters auf dem Tisch. Auf ihre Initiative hin stellten sie sich um den Tisch, fassten sich bei den Händen und wünschten sich: „Guten Appetit!“ Dann nahmen sie Platz zum Mahle.

Günter bekam für seine Champi­gnon­creme­suppe überschweng­liches Lob. Hirschberg erhob das Glas und sagte, er freue sich über ihren Besuch. Während des weiteren Essens warfen sie sich von Zeit zu Zeit Blicke zu, hoben den Kopf mit einem „Hm!“, und lobten nochmals den Koch.

Katha beobachtete Hirschberg. „Du strahlst so eine stille Freude aus!“

Er schmei­chelte zunächst: Solch nette Besucher seien für ihn eine Freude. Dann nannte er den eigent­lichen Grund: „Gestern Abend war meine Tochter bei mir. Ihr Studium läuft gut, sie ist verliebt und ihr Bruder kommt auch wieder zurecht. Das macht einen Vater froh.“

Da alle mit Essen fertig waren, begann sie das Geschirr abzuräumen. Die Männer erhoben sich und halfen. Als Nachtisch holte Hirschberg die belgi­schen Pralinen aus dem Kühlschrank. Sie waren mit Butter­creme gefüllt. Wieder erklangen mehrere „Hm! Hm!“

Der Himmel im Westen war rosa, die Sonne zu einem riesigen Glutball geworden. Hirschberg bot Liege­stühle an. Sie stellten diese so auf, dass sie das Natur­schau­spiel der unter­ge­henden Sonne vor sich hatten. Hätte man fotogra­fiert, oder hätte ein Maler ein Bild davon gemalt – es wäre Kitsch geworden. Die Natur kannte keinen Kitsch. Sie weckte starke Gefühle der Sehnsucht; nach dem Ort, wo die Sonne nie untergeht, dachte Hirschberg. Es wurde dunkel. Eine laue Sommernacht.

Hirschberg trat ans Geländer und sah auf die Wiese. Ja, da waren sie: die Glühwürmchen. Sie tanzten auf und ab, leuch­teten, erloschen, saßen „Licht an“ eine Weile still, schwebten weiter, plötzlich „Licht aus“; es waren viele, wurden immer mehr, Tanz der Irrlichter, der nur an Sommer­abenden wie diesem stattfand. Mit leiser Stimme rief er die beiden zu sich und deutete auf die Wiese. Katha war entzückt. Lange standen sie und konnten sich nicht satt sehen. Schließlich fragte Hirschberg: „Wolltet ihr nicht tanzen?“

„Nein, die Musik würde jetzt stören.“

Die beiden begannen zu schmusen. Hirschberg wünschte “Gute Nacht” und zog sich zurück.

Lange lag er wach im Bett. Ihm fiel wieder der Schwe­den­urlaub ein. Wie sie ihren Lager­platz erreichten, sich einrich­teten und die Vorbe­rei­tungen für das Grillen trafen. Er hackte Holz, seine Frau kümmerte sich um die Lebens­mittel. Die Kinder waren ganz aufgeregt: So in freier Natur ein Essen zubereiten, das hatten sie noch nicht erlebt. Er machte Feuer. Von den Vorgängern lag noch etwas Holzkohle zwischen den Steinen der Feuer­stelle. Als das Holz zu Glut geworden war, kamen der Rost und die Töpfe darüber. In einem Topf wurden die Kartoffeln und in einem anderen Gemüse gekocht. Anschließend kamen in Alufolie verpackte Schwei­ne­filets auf den Rost.

Auf dem Picknick­tisch breitete die Mutter Servi­etten aus, jeder bekam einen Kunst­stoff­teller, Camping­be­steck und eine Email­le­tasse. Aus der Kühlbox gab es für die Kinder eine große Colaflasche, die Eltern hatten jeder eine Dose Bier. Dann kamen die Töpfe und die Folien mit dem Fleisch auf den Tisch. Es schmeckte vorzüglich. Zum Abschluss gab es Frucht­jo­ghurt. Geschirr, Besteck und Topf wurden mit Papier von der Küchen­rolle, die die Mutter dabei hatte, gesäubert. Die Kinder halfen bei allem mit. Dann setzte man sich ans Ufer und genoss den Abend. Als es dämmrig wurde, blies der Vater die Luftma­tratzen auf und legte sie im Holzver­schlag aus, die Mutter machte die Schlaf­säcke fertig, verteilte die Utensilien zum Zähneputzen.

Schließlich verkrochen sich alle zum Schlafen. Sie zogen die Schlaf­säcke ganz zu, so dass nur noch die Nase rauskam. Denn es wurde kühl – und es gab viele Mücken!

Am nächsten Morgen wurden sie durch ein lautes und fortge­setztes Gagagack geweckt. Eine Gänse­mutter schwamm mit ihren Kleinen im Gefolge die Bucht ab. Es wurde wieder ein herrlicher Tag. Die Hirsch­bergs paddelten auf einer anderen Route zu ihrem Camping­platz zurück. Mit diesen Erinne­rungen schlief Hirschberg ein.

Als er am späten Morgen wach wurde und auf die Veranda ging, fand er die beiden noch schlafend in ihre Schlaf­säcke gehüllt. Er ließ die Tür offen, legte eine Beetho­ven­platte auf und machte das Frühstück. Katha erschien und wünschte „Guten Morgen“. Sie verschwand im Bad. Einige Augen­blicke später folgte ihr Günter. Hirschberg deckte im Wohnraum den Tisch. Beim Frühstück schwärmten die beiden von der herrlichen Nacht, sie hätten phantas­tisch geschlafen.

Für ihren Ausflug ins Venn berei­teten sie das Picknick vor. Butter­brote wurden geschmiert, eine Thermos­kanne mit Tee gefüllt und Obst gewaschen. Die Salat­reste von gestern Abend kamen in Plastik­dosen. Die Beiden holten die Wander­stiefel aus ihrem Auto und luden sie zusammen mit dem Picknick-Rucksack in Hirsch­bergs Wagen.

Die Fahrt ging runter nach Roetgen zu Charlies Mühle an der alten Weser. Alte Weser deshalb, weil der Weserbach von hier aus unter der Wasser­scheide hindurch in den Grölisbach abgeleitet wurde. So vermied man, dass die Verun­rei­ni­gungen durch die Anwohner des Baches in die Eupener Talsperre flossen. Oberhalb Roetgens wurde die aus dem Venn kommende Weser über einen offenen Beton­kanal – ein scheuß­liches Bauwerk mitten durch den Wald – in den Steinbach geleitet. Was ab hier dem Bach von Roetgener Häusern zufloss, ging also rüber in den Grölisbach, der sich mit dem Schle­ebach zur Vicht vereinigte.

All das und die Eigen­tüm­lich­keiten der Grenz­ziehung in dieser Gegend im Laufe der Geschichte erzählte Hirschberg seinen Wander­gästen. Er vergaß auch nicht, von denen zu erzählen, die sich in früherer Zeit, als das Venn noch wesentlich größer als heute war, verirrt hatten und ums Leben kamen. Kreuze erinnerten an diese Schicksale.

Sie gingen über die Höhe des Vennbergs, der die Weser nach Westen zwang. Vor der Einmündung des Stein­bachs gingen sie wieder zum Bach hinunter, folgten dann dem Steinbach aufwärts bis zur Einmündung des Eschbachs. Danach folgten sie diesem bis in sein Quell­gebiet. Hirschberg ging diese Wege – es waren nur Pfade – deshalb so gerne, weil sie vorwiegend durch ursprünglich belassene Landschaft führten: Pfeifengras, Laubwald, Adlerfarn, Waldbeer­büsche. Strecken­weise waren es nur schmale Zonen entlang der Bäche, dahinter begannen die schreck­lichen Fichtenplantagen.

Über Jäger­pfade wanderten sie durch einen lichten Birkenwald in Richtung Getzbach. Bevor es zu diesem, dem zweiten Zufluss der Eupener Talsperre, hinunter ging, kamen sie zu dem Picknick­platz, den Hirschberg vorge­sehen hatte: eine Lichtung mit weitem Blick über die Landschaft. Von hier aus führte die Route nunmehr quer durchs moorige Gelände, strecken­weise über Holzstege, nach Reinartzhof. Dort standen die Ruinen von ein paar Bauern­höfen, deren letzter vor mehr als 40 Jahren aufge­geben wurde. Weiter ging’s zurück zum Steinbach, den sie durch eine Furt überquerten, weiter ans Waldende und zum Auto.

Außer den Erklä­rungen, zu denen Hirschberg stehen blieb, redeten sie nicht viel auf dieser Wanderung. Meist gingen sie hinter­ein­ander, da die Pfade ein Neben­ein­ander nicht zuließen. Die beiden meinten, noch nie eine solche Landschaft gesehen zu haben. So etwas hätten sie eher in Skandi­navien vermutet. Katha sagte, sie könne verstehen, dass Hirschberg sich in solch märchen­hafter Landschaft wohlfühle, sie strahle eine solche Ruhe aus.

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