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Im Büro

… kleine Denkfabrik … politisch engagierter
Unternehmer… Tochter Hannelore …

Der Flug am späten Vormittag von Palma nach Köln verlief reibungslos. Bis zum Mont Blanc war gute Sicht, dann kamen die Wolken. Hirschberg nickte ein. In Köln war alles grau in grau, Regen. Frau Michalski, seine Sekre­tärin, holte ihn ab. In seinem Büro kurze Bespre­chung, was vorlag. Hinweis, was sie für ihn einge­kauft hatte, damit er nicht verhun­gerte. Dann ließ sie ihn allein.

Er ließ sich in den Lesesessel seines Büros fallen und schloss die Augen. Wieder zuhause; dort, wo er seit Jahren die meiste Zeit verbrachte: in seinem Arbeitsraum. Er hatte dazu den Speicher seines Hauses ausbauen lassen. Die Giebel­seite wurde nach Süden hin geöffnet und mit einer Glaswand ausge­füllt. Diese hatte man in den Raum ein paar Schritte zurück­ge­setzt, so dass nach draußen ein überdachter Balkon entstanden war. Nach Osten hatte er eine große Dachgaube einbauen lassen, durch die er den Blick zum Rhein, zum Drachenfels und Sieben­ge­birge frei hatte.

Auf der Westseite hatte er sich mit einem einfachen Kippfenster begnügt. An der Nordseite hatte er das alte Treppenhaus erweitern und hochführen lassen, so dass dem Arbeitsraum noch ein Bespre­chungs­zimmer und eine Toilette vorge­lagert waren und der ganze Arbeits­trakt einen separaten Zugang hatte. Vor einem Jahr hatte er das Bespre­chungs­zimmer zu einem Schlaf­zimmer gemacht. Im ersten Stock, wo das Eltern­schlaf­zimmer und die Kinder­zimmer mit dem Bad lagen, benutzte er nur noch das Bad. Im Erdge­schoß waren Küche und der Wohnraum mit Essplatz sowie sein früherer Arbeitsraum, jetzt Abstell- und Archivraum.

Die Dachschrägen in seinem Büro waren mit nordi­scher Fichte ausge­kleidet. Der mächtige First­balken schloss die Höhe ab. Die Türseite war eine Schrankwand. Dunkel­brauner Teppich­boden. Ein Konfe­renz­tisch mit sechs Stühlen. Drei Arbeits­plätze: Eine Eckkom­bi­nation mit Computer und Telefon, hier arbeitete Frau Michalski, ein großer Schreib­tisch mit einer zweiten Compu­ter­anlage und ein Stehpult – das waren seine Haupt­ar­beits­plätze. Er fand sein Büro anregend und wohnlich. An Sonnen­tagen genoss er es, wie seine kleine Denkfabrik – wie er es nannte – vom frühen Morgen bis zum Sonnen­un­tergang licht­durch­flutet war. Das Arbeiten machte ihm hier Freude.

Er ging zu Frau Michalskis Schreib­tisch, wo für ihn vorbe­reitet die Telefon­rück­ruf­liste lag. Freund Werner war dabei. Vor Jahren hatte er ihn bei einer Tagung der Ludwig-Erhard-Stiftung kennen­ge­lernt. Er war politisch engagierter Unter­nehmer. Ein Kontakt­genie. Ein rastloser Mensch. Hirschberg bewun­derte an ihm seine blitz­schnelle Auffas­sungsgabe, seine Überzeu­gungs­kraft und den Durch­set­zungs­willen sowie seine Prinzi­pi­en­treue. Hirschberg wusste, was Menschen im politi­schen Geschäft abver­langt wird. Denn von seinen sechs Angestell­ten­jahren hatte er zwei in der Politik verbracht. Lehrjahre, die er nicht missen wollte.

Er rief Freund Werner an. Der war – welch ein Glücksfall – in seinem Unter­neh­mensbüro und auch sofort zu sprechen. Er habe ihn in Mallorca nicht stören wollen, es gehe auch nur um eine Kleinigkeit, die sich mittler­weile schon erledigt habe. Schön, dass er zurückrufe. Hirschberg wollte wissen, worum es denn gegangen sei. Freund Werner: Er habe einen Artikel von ihm gelesen, worin eine Statistik enthalten sei, deren Herkunft nicht angegeben wäre. Da er die Statistik für einen Vortrag habe verwenden wollen, habe ihn die Quelle inter­es­siert. Einer seiner Mitar­beiter habe sie gefunden. Aber davon unabhängig: Er würde ihn gerne mal wieder zum Gedan­ken­aus­tausch treffen. Nächste Woche wäre er wieder in Bonn, ob es dann passe. Sie verab­re­deten sich zum Mittagessen.

Hirschberg erledigte zügig die anderen Rückrufe, teilte mit, dass er wieder erreichbar sei. Zwei ließ er aus: umständ­liche Wichtigtuer. Dann wandte er sich der von Frau Michalski vorbe­rei­teten Post zu: Rechnungen, Konto­auszüge, Steuer­be­scheide, Vortrags­an­gebote, Artikel­nach­fragen, Einla­dungen, ungeöffnete Privatpost, darunter ein Brief seiner Tochter. Ansonsten Zeitungen, Zeitschriften, Infor­ma­ti­ons­dienste – das war das Wider­liche an solchen Unter­bre­chungen des Arbeits­flusses: Alles blieb liegen, stapelte sich und signa­li­sierte, dass die Zeit rücksichtslos weiterging. Er musste möglichst schnell wieder in den Infor­ma­ti­ons­fluss hinein­finden. In den nächsten Tagen würde er im Schnell­ver­fahren alles aufarbeiten.

Mit dem Brief seiner Tochter zog er sich wieder in seinen Sessel zurück. Sie schrieb:

Lieber Vater,

die letzten Wochen waren für mich zwar anstrengend. Aber die Mühe hat sich gelohnt: Ich habe beide Klausuren bestanden. Dennoch kommen mir Zweifel, ob Jura das geeignete Studium für mich ist.

Erstens hat sich die Recht­spre­chung viel zu sehr in die Abhän­gigkeit von Gutachtern begeben, statt konse­quent nach ihren eigenen Normen zu urteilen.

Zweitens beein­flusst die Politik das Rechts­wesen in einem Ausmaß, dass von Gewal­ten­teilung nur noch forma­lis­tisch gesprochen werden kann.

Drittens glaube ich nicht, in der späteren richter­lichen Praxis die Möglich­keiten zu haben, die ich für eine angemessene Urteils­findung als notwendig erachte.

Aus diesen Gründen neige ich dazu, mein Studium abzubrechen. Es zu Ende zu bringen, nur weil ich es begonnen habe, wirst Du sicherlich von mir nicht verlangen.

Aber Du wirst zu Recht fragen: Und was willst Du statt dessen machen? Ich weiß es noch nicht. Die Univer­sität verlassen und in eine praktische Berufs­aus­bildung gehen, käme mir wie ein Scheitern vor. Schließlich gehöre ich zu den besten meines Semesters. Ich gebe nicht auf, weil ich mich dem Stoff nicht mehr gewachsen fühle.

Aber vielleicht wäre Psycho­logie ein Fach, das meinen Neigungen mehr entspricht. Denn den Ursachen im Menschen nachzu­spüren, seinen Antrieben auf den Grund zu kommen, inter­es­siert mich. Ich würde gerne mit dir darüber reden. Die Überle­gungen, das Studium zu wechseln, gibt es schon eine ganze Weile. 

Du hast richtig beobachtet, dass ich nicht mehr so zügig bei der Sache bin wie in den ersten Semestern. Aber verplempert habe ich meine Zeit nicht. Ich habe mich mit vielen Dingen beschäftigt, die ich bisher außer Acht gelassen habe, beispiels­weise mit Literatur.

Du hast mir vorge­worfen, ich hätte keine Lebens­planung, wüsste nicht, ob ich als Richterin Karriere machen oder einen Rechts­anwalt heiraten wolle. Ich sagte dir, erst Richterin, dann Rechts­anwalt. Wie war das denn bei Dir? Hast Du Dein Leben geplant? Bist Du zu dem, was Du heute machst, durch Planung gekommen?

Ich gebe zu, ich habe mal geglaubt, man müsse sein Leben planen. Heute bin ich der Meinung: Es ist keine Lebens­planung möglich. Du hast uns Kindern einge­trichtert, alles sei im Leben erreichbar, man müsse nur wissen, was man erreichen will und wie man das anstellt.

Bisher wusste ich, was ich erreichen will, jetzt ist mir das Ziel zweifelhaft geworden. Daher will ich mir auf den Grund kommen. Ich baue auf Deine Hilfe. In den nächsten Tagen rufe ich dich an.

Herzliche Grüße!
Deine Tochter Hannelore

Er sah auf das Datum des Briefes: vorgestern geschrieben. „Es ist keine Lebens­planung möglich“, schreibt sie und will wissen, ob ich denn mein Leben geplant habe, murmelte er vor sich hin und legte den Brief auf den Beistell­tisch neben dem Sessel.

Seine beiden Kinder – er seufzte: Sein Sohn hatte das Scheitern seiner Ehe nicht verkraftet. Das Leiden und der Tod seiner Mutter fielen in die gleiche Zeit und hatten ihn sehr traurig gemacht. Dass die kleine Tochter seiner Frau zugesprochen wurde und er sie nur gelegentlich nach Absprache zu sich holen durfte, darunter litt er sehr. Fast zerbrach er. Seine Frau zog von Bonn weg, irgend­wohin nach Süddeutschland, und heiratete zwei Jahre später einen Berufs­kol­legen, der wohl auch ursächlich für die Scheidung war. Hirschberg hatte keinen Kontakt mehr zu seiner Schwie­ger­tochter; und er hatte eine Enkelin, von der er nur wusste, dass es sie gab.

Sein Sohn, er war Soziologe und hatte ein Jahr in den USA studiert, arbeitete bei der Deutschen Gesell­schaft für Technische Zusam­men­arbeit (GTZ), einer staat­lichen Organi­sation, die unter anderem Entwick­lungs­fach­leute in Projekte von Ländern der Dritten Welt schickt. Zunächst war er in Indien. Nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland, bei dem sich Vater und Sohn kurz sahen, ging er in ein Projekt auf den Philip­pinen. Am Anfang kamen noch Briefe, hin und wieder rief er an: „Mir geht es gut.“ Aber jetzt hatte Hirschberg schon fast ein Jahr lang nichts mehr von ihm gehört. Der Weihnachts­brief des Vaters blieb unbeant­wortet. Per Telefon erreichte er ihn nicht. Bei der GTZ hatten sie ihm Adresse und Telefon­nummer indes als richtig bestätigt. Wenn dem Thomas etwas passiere, würde er es schon erfahren, tröstete sich Hirschberg. Er hatte einen verlo­renen Sohn.

Und seine Tochter? Während Sohn Thomas eher der Mutter nachge­schlagen war, stämmig, dunkel­braune Haare, grüne Augen, ähnelte Tochter Hannelore ihm, dem Vater: mager, blond, blaue Augen. Wie er hatte sie eine Neigung zu Rigorismus und Perfek­tio­nismus, die aber nicht wie bei ihm durch rheinische Lebensart und persön­liche Lebens­er­fahrung auf ein erträg­liches Maß zurück­ge­nommen waren. Sie selbst litt wohl am meisten darunter, weil sie sich ständig an Unzuläng­lich­keiten rieb und ihren eigenen Ansprüchen selten genügte. Freund­schaften schloss sie nur zögerlich, und die waren zu Ende, sobald ihre strengen Maßstäbe zum Zuge kamen. Das machte sie einsam.

Saß sie mit anderen zusammen, beispiels­weise im Seminar, hörte sie mehr zu, als selbst zu reden, immer mit einem leicht spötti­schen Gesichts­aus­druck, was auf viele provo­zierend wirkte, die dann versuchten, sie zur Rede zu stellen. Die Folge war Disput, mal auf hohem intel­lek­tu­ellen Niveau, mal in die Niede­rungen unpas­sender und gemeiner Unter­stel­lungen herun­ter­ge­zogen – unsachlich, verletzend, belei­digend. Das traf sie hart. Sie fühlte sich ausgestoßen.

Ihre Profes­soren reagierten unter­schiedlich auf sie: Manche waren voll des Lobes ob ihrer konse­quenten Gedan­ken­führung, andere sahen in ihrer scharfen und unnach­gie­bigen Argumen­ta­ti­ons­weise einen Mangel an mensch­licher Reife.

Das Verhältnis zu ihrem Vater war zwiespältig: Teils fühlte sie sich ihm zugetan, war er ihr in seiner Gewis­sen­haf­tigkeit Vorbild, staunte sie über die Art, wie er sein Leben lebte, anderer­seits war sie voller Vorwürfe gegen ihn, weil er nicht kämpfte, seine Projekte nicht selbst in die Tat umsetzte, sondern anderen überließ, weil er immer „sowohl als auch“ statt „entweder oder“ argumen­tierte. Mehr eindeutige Stellung­nahme hätte sie sich von ihm gewünscht. All das hatte sie ihm schon mehr als einmal vorgehalten.

Das Telefon klingelte. Sein Neffe, ältester Sohn seiner Schwester, wollte vom Onkel wissen, wann er zu einem neuen Beratungs­ge­spräch kommen könne. Er hatte eine Hightech-Firma gegründet. Nächste Woche? In Ordnung. Hirschberg half dem Jungen, dessen Taufpate er war, gerne. Er wollte ihn vor den Fehlern bewahren, die der Vater des Jungun­ter­nehmers gemacht hatte. Der hatte seinen Textil­groß­handel wie zu Großvaters Zeiten führen wollen. Er war der Meinung, er müsse alles selber entscheiden und die Mitar­beiter hätten das, was er entschieden hatte, nur auszu­führen, natürlich unter seiner Kontrolle.

Dieser Vorstellung entspre­chende Mitar­beiter hatte er denn auch. Die ließen ihren Verstand morgens an der Garderobe, taten nur, was ihnen gesagt wurde, und das in einem Tempo, das Erholungs­pausen eigentlich überflüssig machte. Umso mehr Aktivität entwi­ckelte ihr Chef. Und der Vater machte Fehler. Seine Mitar­beiter, die täglich mit den Kunden telefo­nierten und mit den Vertretern sprachen, hätten ihn vielleicht vor dem einen oder anderen Fehler bewahren können, beispiels­weise bei der Waren­dis­po­sition – wenn er sie denn gefragt hätte. Er erlag einem Herzinfarkt.

Hirschberg versuchte, dem Neffen immer wieder deutlich zu machen, warum ein solches System heute nicht mehr funktio­nieren kann. Der sah das auch ein. Dennoch sträubten sich ihm die Haare, wenn Hirschberg ihm riet, die Mitar­beiter am Gewinn zu betei­ligen, damit sie persön­liches Interesse an ihrer Arbeit entwi­ckelten. Fast alle Probleme, die der Neffe hatte, waren Probleme mit den Mitarbeitern.

Erinnerungen

… noch für Adenauer gearbeitet … Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 
als Grundausbildung … Vorstellungsgespräche …

Hirschberg ging in die Küche hinunter, um sein Abendbrot zu essen. Anschließend hatte er das Bedürfnis nach frischer Luft und Bewegung. Kein Regen. Lockere Bewölkung, die ein starker Westwind nach Osten trieb. Dämmerung. Er ging zum Rhein. Als der Mond herauskam, ließ er die Wolken um sich herum mit scharfen Konturen aufscheinen, zeichnete er eine Glitzer­straße ins Wasser, wieder abgedeckt war dunkle Nacht. Ein aufre­gender Wechsel zwischen bleichem Erwachen und raschem Verschwinden. Auf der anderen Seite hoch oben die Umrisse der Drachenfelsruine.

Erinne­rungen kamen in Hirschberg hoch. Er hatte in seinem ersten Job nach dem Examen als Angestellter des Frakti­ons­vor­stands der CDU/CSU-Bundes­tags­fraktion, zuständig für Wirtschafts­po­litik, für den alten Adenauer noch gearbeitet, als der nicht mehr Bundes­kanzler war, sondern einfacher Abgeord­neter – aber nach wie vor körbe­weise Post bekam, die beant­wortet werden musste. Es galt die Regel: Jeder Brief­schreiber erhält eine Antwort, auch die Queru­lanten. Ihm, Hirschberg, wurde wie anderen Assis­tenten der Fraktion ein Teil dieser Post zugeteilt mit dem Auftrag, ein Antwort­schreiben zu verfassen. Da waren schon haarsträu­bende Briefe bei. Beispiels­weise schickte alle zwei Wochen einer, der sich „Wächter von Zion“ nannte, vier, fünf Seiten handge­schrieben. Es war schwierig, ihm nicht mit Ironie und Schärfe, sondern unerschüt­terlich höflich einige Zeilen zur Sache zu schreiben.

Hirschberg war froh, den Alten auch noch als Kanzler erlebt zu haben, etwa in Frakti­ons­sit­zungen. Bei heißen Themen dauerten die manchmal fünf oder sechs Stunden lang. Dann saß Adenauer am Vorstands­tisch mit verstei­nerter Miene, schrieb sich hin und wieder etwas auf. Die Abgeord­neten, alle mit der Rhetorik von Volks­tri­bunen, redeten auf ihre Kollegen ein.

Längst hatte die Mehrzahl die sachliche Orien­tierung verloren. Da Rauchen noch nicht als gesund­heits­schädlich unter­drückt war, senkte sich nach und nach eine Wolke aus Zigaretten‑, Zigarren- und Pfeifen­qualm auf die Köpfe der versam­melten Abgeord­neten. Die Journa­listen an einem Seiten­tisch hinten machten sich längst keine Notizen mehr. Der Vorsit­zende verkündete den Schluss der Redner­liste. Ein Jungpo­li­tiker protes­tierte. Gut, aber er sei der letzte.

Und dann erhielt der Bundes­kanzler das Wort. Die Journa­listen waren wieder hellwach, legten sich ihre Schreib­blocks erneut zurecht, zückten die Kulis. Das laute Gemurmel der Abgeord­neten, die sich mehr unter­ein­ander unter­hielten, als dass sie den Rednern der einzelnen Partei­flügel, Lands­mann­schaften und Gruppie­rungen zuhörten, erstarb, der Alte erhob sich, seinen Notiz­zettel in der Hand, eine große hagere Gestalt: „Meine Damen und Herren, ich habe mir das alles, was Sie gesagt haben, sehr genau angehört.“ Und dann resümierte und analy­sierte er die stunden­lange Debatte in wenigen klaren Gedan­ken­zügen, wog die entschei­denden Argumente ab und begann, sie zu bewerten. Der verloren gegangene Sachverhalt kam wieder zum Vorschein und fast schlag­artig wurde deutlich, was die einzig richtige Entscheidung sein konnte. Zuerst leise, dann immer lauter kam aus den Reihen der Abgeord­neten der Ruf: Abstimmen! Abstimmen!

Adenauer fasste zusammen und bat um Zustimmung für die Vorlage des Frakti­ons­vor­stands. Sie wurde mit großer Mehrheit angenommen. Aufatmen, Erleich­terung, Bewun­derung für den Kanzler. Die Abgeord­neten strömten aus dem Frakti­onssaal. Ehemalige Kollegen von Hirschberg, die noch Jahre später an Frakti­ons­sit­zungen teilnahmen, erzählten ihm, dass sie nach Adenauer keinen Politiker mehr erlebt hätten, der über eine solche Konzen­tra­tions- und Gedächt­nis­fä­higkeit, so bestechenden Scharfsinn in Analyse und Bewertung verfügte, der eine derart zur Einheit zwingende Argumen­ta­ti­ons­weise besessen hätte. Adenauer war ein Politiker, wie er einem Volk nur selten zuteil wird, und von dessen weitsich­tigen und konse­quenten Entschei­dungen Deutschland auch jetzt am Beginn eines neuen Jahrhun­derts noch lebte – davon war Hirschberg überzeugt.

Wieder zuhause ging er schon bald zu Bett. Vor dem Einschlafen kam ihm der Brief seiner Tochter erneut in den Sinn. Sie hatte Recht: Im Sinne einer Laufbahn, einer Karriere war er nie zielstrebig. Als er zur Uni ging, hatte er von Volks­wirt­schaft keine Ahnung. Und von Sozio­logie hatte er vorher noch nie etwas gehört. Deshalb leistete er sich als Einstieg ins Studieren so etwas wie ein Schnup­per­se­mester. Neben der Uni besuchte er in München das Deutsche Institut für Film und Fernsehen. Von 600 Bewerbern wurden in einer schrift­lichen und einer mündlichen Prüfung 20 Studenten ausge­siebt. Hirschberg war dabei.

Während seiner Schulzeit hatte er eine Methode entwi­ckelt, sich aufgrund aller erreich­baren Infor­ma­tionen zielge­richtet auf wichtige Ereig­nisse vorzu­be­reiten. Das führte ihn auch jetzt wieder zum Erfolg: Er hatte Studenten des voraus­ge­henden Jahrgangs angesprochen und sie über die Aufnah­me­prüfung ausge­fragt. Ihnen war ein Film vorge­führt worden, den sie dann nacher­zählen und beurteilen sollten. Er ging ins Kino und schrieb Filmnach­er­zäh­lungen und Filmkri­tiken. Seine letzte Arbeit nahm er mit in die schrift­liche Klausur. Der Film war von Hitchcock und hieß: „Der Mann, der zu viel wusste“.

Es kam die Aufga­ben­stellung: „Erzählen Sie einen Film nach, den Sie in letzter Zeit gesehen haben, und schreiben Sie eine kritische Bewertung dazu.“ Hirschberg beobachtete mitleidig die angestrengten Mienen seiner Mitbe­werber, mimte dann selbst den konzen­trierten Schreiber – und tauschte am Ende der drei Stunden seine Texte aus. 60 Bewerber wurden zur mündlichen Prüfung einge­laden. Hirschberg wusste, es wurden Inter­essen und Allge­mein­bildung abgefragt, disku­tiert. Er legte sich ein paar Antworten zurecht – und hatte es geschafft. Karriere beim Film?

Das Institut geriet in eine Krise. Die Mitglieder des Träger­vereins hatten sich in ihrer Meinung, wie die Ausbildung zu gestalten sei, in zwei Lager gespalten. Die einen wollten einen mehr akade­mi­schen Lehrbe­trieb in Anlehnung an die Univer­sität, die anderen einen an der Praxis orien­tierten Schul­be­trieb. Die Studenten forderten Letzteres, um so schnell wie möglich als Assis­tenten bei einem Kameramann oder Regisseur anheuern zu können. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, streikten sie sogar. Hirschberg war im Zweifel, ob er hier weiter machen sollte.

An der Univer­sität in München hatte Hirschberg während seines Schnup­per­se­mesters den Eindruck gewonnen, dass von Volks­wirt­schaft etwas verstehen müsse, wer auch nur einiger­maßen die gesell­schaft­lichen Zusam­men­hänge und die politi­schen Entwick­lungen verstehen wolle. Er hatte davon gehört, dass die Kölner Univer­sität in Volks- und Betriebs­wirt­schaft bestens besetzt sei. Er beschloss in Köln Volks­wirt­schaft zu studieren. Und welches Wahlfach? Er machte wieder eine Schnup­pertour und blieb bei René König, dem Sozio­logen, hängen. Person und Fach weckten in ihm Interesse. Hier wurden Einsichten vermittelt, Zusam­men­hänge herge­stellt, Erklä­rungs­muster angeboten.

Hirschberg hatte den Stoff seiner Grund­aus­bildung gefunden. Was sich daraus einmal als Beruf ergeben könnte, würde sich finden. Mühsam musste er Lernfä­hig­keiten entwi­ckeln, die auf der Schule abhanden gekommen waren. In acht Semestern war er durch. Die Büffelei beim Repetitor schmeckte ihm zwar nicht, aber ohne ihn hätte er wesentlich mehr Semester gebraucht, um den examens­re­le­vanten Stoff sich anzueignen.

Spaß machte ihm seine Diplom­arbeit. Seiner „Filmver­gan­genheit“ eingedenk hatte er sich innerhalb der Sozio­logie speziell mit Massen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mitteln beschäftigt. Um das nicht zu abstrakt werden zu lassen, ging er nebenbei noch zu den Theater­wis­sen­schaftlern, um sich mit Drama­turgie zu beschäf­tigen, auch spielte er eine Weile auf der Studen­ten­bühne mit. Dann weitete er die Sozio­logie um das Fach Sozial­psy­cho­logie aus und befasste sich mit Gruppen­dy­namik. All das band er in seiner Diplom­arbeit zusammen. Er schrieb eine Genre-Analyse über die sogenannten Halbstar­ken­filme. Dazu kontak­tierte er alle infrage kommenden Filmver­leihe, ließ sich Dreh- und Dialog­bücher schicken, beschaffte sich Filmkri­tiken und ‑analysen, reiste rum, um sich Filme anzusehen. Einen Film wählte er aus, um ihn detail­liert zu analy­sieren: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit James Dean. König gab Hirschberg für seine Diplom­arbeit ein „sehr gut“. Der größte Noten­erfolg, den Hirschberg je hatte.

Eine der mündlichen Prüfungen, verhalf dem angehenden Diplom-Volkswirt zu einem weiteren Erfolgs­er­lebnis. Ausge­rechnet bei dem Professor, der als der schärfste und launigste Prüfer galt, fühlte er sich am wohlsten. Der fragte kein Wissen ab, wollte auch nicht seine Lehrmeinung referiert bekommen, sondern stellte zur Diskussion, wollte Stellung­nahmen hören, Zusam­men­hänge erklärt bekommen. Hirschberg war dabei. Es war dann wohl auch kein Zufall, dass er mit drei anderen Absol­venten von einer Assis­tentin des Lehrstuhls zu einem Gespräch einge­laden wurde, wo es darum ging, ob man sich vorstellen könne, nach dem Diplom-Abschluss eine wissen­schaft­liche Hilfs­tä­tigkeit anzunehmen. Hirschberg konnte es sich nicht vorstellen. Zwar hatte er immer noch nicht den Eindruck, einen Beruf erlernt zu haben, aber er fühlte sich jetzt ausge­rüstet, einen Arbeits­be­reich sich erschließen zu können. Wo und was? Er hatte keine konkreten Vorstellungen.

Erst einmal machte er eine Reise. Nach Griechenland. Er wollte sehen, wo das alles spielte, womit man ihn jahrelang auf dem Gymnasium traktiert hatte. Die italie­nische Adria­küste hinunter bis Brindisi mit dem Zug. Von dort per Schiff über Korfu nach Patras. Weiter per Sammeltaxi nach Athen. Eine der ersten Studi­en­reisen, die Studiosus veran­staltete. Er konnte es kaum erwarten, auf die Akropolis zu steigen. Anschließend fuhren sie zum Pelepones, zurück an den Golf von Korinth, nach Lutraki, ein Badeort nördlich von Korinth. Außer den Zeugnissen der Antike faszi­nierte ihn die mediterrane Landschaft, das tiefe Blau des Meeres, die warme seidige Luft. Er machte Wande­rungen, lieh sich ein Fahrrad, lernte Leute kennen.

Wieder in Köln, fand er einen Brief aus dem Bundes­pres­seamt vor; gesucht würde ein junger Diplom-Volkswirt, er solle sich doch mal melden. Mit der Filmab­teilung des Bundes­pres­se­amtes hatte er bei den Recherchen zu seiner Diplom­arbeit Kontakt bekommen. Er erfuhr, dass nicht vom Bundes­pres­seamt der Volkswirt gesucht wurde, sondern von der CDU/CSU-Bundes­tags­fraktion. Man wolle ihn nur darauf hinweisen und würde ihm für seine Bewerbung ein Empfeh­lungs­schreiben geben, wenn er wolle. Es folgten mehrere Vorstel­lungs­ge­spräche bei verschie­denen Leuten des Frakti­ons­vor­stands. Ob er Partei­mit­glied sei, inter­es­sierte dabei überra­schen­der­weise niemanden. Er wurde genommen. Der Berufs­ein­stieg war getan. Endlich mit beiden Beinen im Leben. Und das auch noch im Zentrum der Politik.

Arbeitsalltag

… die Skrupellosen herrschen … in den Papierkorb … Solo des 
Narzissten … auf sie einlassen oder sie abwimmeln …

Zurück in die Gegenwart. Frau Michalski: „Wollen wir jetzt die Arbeits­planung für diesen Monat machen?“

Hirschberg nahm seinen Organizer zur Hand. Planungs­einheit war die Woche. Er sah sich die laufende Woche an und meinte, die könne man abhaken. Nächste Woche.

Michalski: „Ich habe hier stehen: Zwei Kolumnen schreiben, Termin mit Bromberg wegen eines Gesprächs über seine Firmen­gruppe machen, Endfassung der Kommu­ni­ka­ti­ons­analyse Holzapfel, Termin mit Ihrem Neffen wegen Coaching, Gespräch bei der Firma Hartmann, Mittag­essen mit ‘Freund Werner’ im Redüttchen, Ausstel­lungs­er­öffnung in der Galerie Schlenter.“

Er: „Für die ganzen nächsten Wochen und Monate kommt noch etwas hinzu: Arbeit an einem neuen Buch über die Voraus­set­zungen der Sozialen Marktwirtschaft.“

„Sie sind ein Workaholic!“

„Wenn Sie diese blödsinnige Trennung zwischen Arbeit und Freizeit aufheben und die noch blödere Unter­scheidung zwischen Arbeit, die einem gefällt, und Arbeit, die man nicht mag, überwinden und statt dessen nur einfach anerkennen, dass ich lebe und tue, was ich als Aufgabe sehe …“

„Und was sind die Voraus­set­zungen der Sozialen Markt­wirt­schaft, die doch angeblich die Wirtschafts­ordnung ist, die wir haben?“

„Hatten! Von ‘haben’ kann keine Rede mehr sein. Ganz kurz – mir ist auf Mallorca klar geworden: In den Unter­nehmen muss der autoritäre und prestige-orien­tierte Führungsstil von einem koope­rativ-subsi­diären Führungsstil abgelöst werden – das ist das eine. Der Staat muss – zweitens – jegliche Bevor­mundung aufgeben und verläss­liche Rahmen­be­din­gungen schaffen, durch­setzen und ihre Einhaltung kontrol­lieren. Die Rahmen­be­din­gungen müssen einfach und für jeden erkennbar sein – ohne 1000 Ausnahme- und Sonder­re­ge­lungen. Wer Einzel­fall­ge­rech­tigkeit anstrebt, schafft nicht mehr, sondern weniger Gerech­tigkeit, weil in dem so entste­henden Paragraphen-Dschungel die Skrupel­losen herrschen.“

„Sie wollten sich kurz fassen!“

„Drittens: In einem Vormund­schafts­staat, in dem die Paradies­macher jeden Tag eine
neue Gerech­tigkeit erfinden, haben sich viele in den Bequem­lich­keiten einer Mündel- und Subven­ti­ons­ge­sell­schaft einge­richtet – auf Kosten der Workaholics. Die meisten
Unter­nehmer und Manager sind Workaholics. Wenn diese Mündel­men­ta­lität nicht
überwunden wird und jeder in Selbst­ver­ant­wortung und Selbst­ent­wicklung sein eigener
Unter­nehmer wird, hat die Soziale Markt­wirt­schaft keine Zukunft.“

Kurzes Nachdenken. Dann fuhr er fort: „Wie wollen Sie denn Telearbeit in den anspruchs­vol­leren Bereichen erfolg­reich prakti­zieren, wenn der Telear­beiter sich nicht selbständig organi­sieren kann? Das fängt mit der Zeitein­teilung an und hört mit der ständigen Verfei­nerung der persön­lichen Arbeits­me­thoden nie auf. Außerdem muss man Fähig­keiten und Eigen­schaften wie Verläss­lichkeit, Leistungs­ver­mögen, Quali­täts­be­wusstsein, Durch­hal­te­kraft, Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­higkeit, Ehrlichkeit und andere, wenn man sie nicht hat, sich zu eigen machen, wenn man sie hat, pflegen und ständig weiter­ent­wi­ckeln. In den Unter­nehmen brauchen wir heute, um im Wettbewerb zu bleiben, einen ständigen Verbes­se­rungs­prozess. Wie aber soll der zustande kommen, wenn nicht aus dem Zusam­men­spiel der persön­lichen konti­nu­ier­lichen Verbes­se­rungs­pro­zesse der einzelnen Mitar­beiter! – So, das war’s kurz und knapp, für den Anfang.“

„Da haben Sie sich aber etwas vorgenommen.“

„Es hat sich lange angesammelt. Jetzt muss es raus. Sie werden sehen, es wird Spaß machen.“

Hirschberg ging an die Arbeit. Er stand an seinem Schreibpult mit der Pinnwand daneben und arbeitete an Texten. Trotz seiner Finger­fer­tigkeit auf der Compu­ter­tas­tatur schrieb er Rohfas­sungen mit der Hand. Das Abnabeln von Gedanken war ihm so persön­licher. Außerdem glaubte er, dass das Durch­streichen, Drüber- und Drunter­schreiben, das Ergänzen auf der Rückseite des Blattes, das Zwischen­schieben eines neuen Blattes – all das ginge per Hand schneller.

Aus Zeiten, als er mit dem Schreiben anfing – Filmkri­tiken während seiner Studen­tenzeit für das Periodikum ‚film-dienst‘– kannte er die oft verzwei­felte Situation vor dem weißen Blatt. Das lief so: Nach einigem Grübeln darüber, wie er denn anfangen solle, wurde ein erster Satz geschrieben. Daran herum­ge­feilt. Dann alles wieder gestrichen. Unbrauchbar. Neuer Anfang. Nochmal: Womit beginnen? So, dass es Interesse weckt. Ja, so könnte es losgehen. Der erste Absatz steht. Nein, das ist alles viel zu kompli­ziert – und eigentlich neben­sächlich. Alles durch­ge­strichen. Blatt zerknüddelt und in den Papierkorb geworfen.

Vielleicht erst was anderes tun? Musste er nicht noch einkaufen? Eigentlich nicht. Aber so ging es nicht. Er ärgerte sich. Wohl doch nicht zum Schreiben begabt. Indes: Er hatte den Film übernommen, und morgen musste er abgeben. Sollte er etwa sagen, leider habe ich nichts hinbe­kommen. Unmöglich. Dann wäre er den Job los gewesen. Also: Neuer Anlauf. Ohne viel nachzu­denken, schrieb er einfach drauf los. Kein parallel laufendes Redigieren. Er musste erst einmal etwas zu Papier bringen, nacher­zählen, was er gesehen hatte, nicht gleich schon werten. Ergän­zungen, wenn ihm etwas Zusätz­liches einfiel. Mehr und mehr kam er in Schwung. Am Ende wagte er nicht, das Ganze nachzu­lesen. Erst morgen. Vielleicht war alles unbrauchbar.

Am nächsten Tag wagte er sich an sein Geschreibe. Gemischte Gefühle. Taugt es was? Kann man was draus machen? Der Anfang gefiel ihm nach wie vor nicht. Doch mit dem dritten Absatz konnte man gut beginnen. Und das las es sich eigentlich ganz passabel. Es war noch einiges umzustellen, hier war ein Gedanke noch nicht zu Ende gedacht, dort nicht präzise formu­liert. Auch war der eine oder andere Schnörkel überflüssig, wieder­holten sich Aussagen. Streichen. Jetzt war es schon ganz brauchbar. Na also, mit Mühe und Not, aber es ging doch letztlich. Er tippte den Text, und in die Post damit. So war das damals.

Frau Schneider rief aus Mallorca an. „Ob Sie es glauben oder nicht: Ich hab’ mir einen Professor angelacht. Der ist emeri­tiert, wie er sagt, hat in Deutschland alles verkauft und sich dafür hier in eine der Wohnan­lagen einge­kauft. Er will Vorträge auf Mallorca anbieten. Ob ich ihm helfen könnte, das zu organi­sieren, hat er mich gefragt. Warum nicht, hab’ ich gesagt. Vielleicht werde ich dabei auf meinen alten Tag noch gebildet.“

„Das kann nie schaden.“

„Ich wusste, dass Sie mir das gönnen, wo ich ja hier, wie Sie meinen, nichts zu tun habe. Der Mann ist sehr nett, versteht was vom Leben, wenn auch mehr theore­tisch, ist noch so Kavalier der alten Schule, wissen Sie. Ich mach’ das also für den: einen geeig­neten Raum suchen und mieten, die Sache bekannt machen, Einla­dungen drucken lassen und was so alles dazu gehört.“

„Ich finde das großartig. Und jetzt wollen Sie mich auch einladen?“

„Nein. Aber wir würden gerne zu Ihnen kommen, Sie in Mehlem besuchen. Denn wir sind Anfang nächsten Monats in Köln. Ich hab’ da ein paar Dinge mit meinem Mann zu regeln, und Godehard – so heißt der Professor – muss auch noch einiges erledigen. Was wir mit Ihnen besprechen wollen: Wie man das am besten anstellt, wenn das nicht nur eine einmalige Angele­genheit sein, sondern so ein kleines Programm werden soll, wo die Leute immer wieder gerne hinkommen. Die sind doch alle froh hier, wenn ihnen was Inter­es­santes geboten wird. Mit den Neuefeinds, die haben Sie ja bei mir kennen­ge­lernt, habe ich schon gesprochen. Die halten das für eine ganz tolle Idee. Wegen eines Termins werde ich mich nochmal melden.“

Ein Mallorca-Urlaub sollte wohl noch Folgen haben, dachte Hirschberg. Dann zog er sich zum Abend­essen ins Unter­ge­schoß zurück. Anschließend musste er nach Köln. Die Schneider, sagte er vor sich hin, bandelt mit einem Professor an.

Als Hirschberg kurz vor Mitter­nacht nach Hause kam, konnte er der Versu­chung nicht wider­stehen, den Anruf­be­ant­worter noch abzuhören. Eine Überra­schung: Katha hatte drauf gesprochen. Sie komme Ende des Monats für ein paar Tage nach Deutschland. Sie habe sich bei einem Tennis­zentrum beworben und sei zu einem Vorstel­lungs­termin gebeten worden. An den Tag mit ihm erinnere sie sich gerne und hoffe, dass der Ausflug für ihn auch eine schöne Erinnerung sei. Sie würde ihn gerne wieder­sehen. Sobald sie in Deutschland sei, würde sie sich melden.

Das heiterte ihn ein wenig auf. Denn er war übler Laune. Bei der Vernissage in Köln war so viel Verlo­genheit in den Reden und so viel Doppel­zün­gigkeit bei den Gesprächen heraus­zu­hören gewesen und war so viel Honig um Mäuler gestrichen worden, dass ihm bei jedem Häppchen, bei jedem Schluck Sekt und jedem Wort, das er hörte, schlechter wurde.

Er wäre längst gegangen, hätte der Gastgeber ihn nicht gebeten, einen anderen Gast auf dem Rückweg mit nach Bonn zu nehmen. Dem musste er schließlich klipp und klar sagen, dass er jetzt fahre und er sich wohl oder übel verab­schieden müsse, wenn er mitfahren wolle. In Bonn wusste sein Fahrgast nicht genau, wo sein Hotel lag; und da Hirschberg es auch nicht wusste, mussten sie halt eine ganze Weile suchen. Sein Fahrgast meinte, er solle sich doch so ein Naviga­ti­ons­gerät anschaffen, das sei recht nützlich, sie hätten nur den Hotel­namen einzu­geben brauchen.

Nach dem Abhören des Anruf­be­ant­worters ging er zu Bett und schlief sofort ein. Aber nach zwei Stunden war er wieder wach, hellwach. Die Rede über den Künstler und sein Werk, von einem Professor der Kunst­ge­schichte gehalten, war eine Frechheit. Dagegen waren Fernseh­wer­be­spots fast schon Tages­schau-Nachrichten. Was der sich zusam­menbog an Lobhu­delei, wie er Paral­lelen zog, Aussprüche von Geistes­größen aller Epochen einflocht, keinen Super­lativ ausließ, in Mimik und Gestik sich offenbar wie vor seinem Übungs­spiegel selbst gefiel, statt seine Zuhörer wahrzu­nehmen – es war für Hirschberg zuerst atembe­raubend, dann lächerlich und am Schluss nur noch ein Ärgernis.

Einen Moment kam Hirschberg der Gedanke, ob die Rede vielleicht ein gewal­tiger Verriss sein sollte. Zielten diese maßlosen Übertrei­bungen nur darauf ab, durch ihre Unglaub­wür­digkeit das Gegenteil zu offen­baren? In Arbeits­zeug­nissen, die dann aller­dings anfechtbar waren, griffen Arbeit­geber schon mal zu dieser Methode, um ihren Frust über einen Arbeit­nehmer, den sie nicht in Klartext fassen durften, dennoch loszu­werden. Vielleicht war der Professor ja ein raffi­nierter Hund. Der Gedanke war ihm während des Vortrags gekommen. Dann beobachtete er ihn wieder mit voller Aufmerksamkeit.

Nein, der war so, der lebte in dem, was er sagte – oder er wäre ein genialer Schau­spieler. Und wenn er die Absicht gehabt hätte, durch Übertreibung seine Aussagen – sagte er eigentlich mit diesem Bildungs­gi­gan­tismus etwas aus? – zum Umkippen zu bringen, hätte er diesen Zweck verfehlt. Denn an den Mienen der Zuhörer war abzulesen: Sie nahmen seine Vorstellung für bare Münze; denn hier sprach ja einer, der es wissen musste, der sich staatlich – also hoheitlich privi­le­giert – entlohnt in seinem Leben mit nichts anderem beschäftigte.

An den Wänden hätten ganz andere Bilder hängen können. Die Darbietung hätte genauso gut gepasst. Sie war ein Selbst­läufer. Vielleicht wurde die Rede auch gar nicht zum ersten Mal gehalten. Der junge, noch unbekannte Künstler hatte es nicht verdient, so abgefeiert zu werden. Hirschberg hätte gerne, gleich im Anschluss an den Vortrag mit dem jungen Mann coram publico ein Interview geführt, ihn selbst zum Reden bringen wollen über seine Bilder, die Art und Weise seines Arbeitens, über sein Kunst­ver­ständnis und seine Lebens­ein­stellung. Vielleicht wäre es ihm gelungen, den Kontrast zwischen dem ungebil­deten Künstler und dem gebil­deten Dummkopf deutlich zu machen. Der Künstler, mit dem er vor dem Solo des Narzissten ein paar Worte gewechselt hatte, schien ihm weder intel­lek­tuell anspruchsvoll noch ein Hochstapler zu sein, der seine ausge­latschten Turnschuhe als Kunstwerk deklarierte.

In seiner Schlaf­lo­sigkeit kam Hirschberg noch ein Gedanke: Was der Professor der Kunst­ge­schichte nicht geschafft und wohl auch nicht gewollt hatte, nämlich das Gegenteil von dem zu erreichen, was er als Absicht vorgab, das gelang den Sozial­po­li­tikern am laufenden Band. In ihrem Gerech­tig­keits­eifer, bei manchen auch schon Fanatismus, der sie fortwährend zu neuen Großtaten der Gesetz­gebung antrieb, erreichten sie das Gegenteil des Gewollten. So wurde mit dem Bestreben nach „sozialer Gerech­tigkeit“ der Arbeits­markt bis zur Funkti­ons­un­fä­higkeit reguliert. Und dann die entstandene Arbeits­lo­sigkeit als Schuld der Unter­nehmer angeprangert.

Jetzt kam Hirschberg wieder Katha in den Kopf. Er war unschlüssig: Sollte er sich auf sie einlassen oder sie abwimmeln? Was ihm in Mallorca nicht aufge­fallen war, fiel ihm diese Nacht beim Abhören auf: Sie hatte eine sehr angenehme Stimme; weich und dennoch standfest, mit wohllau­tender Kontur, keine Krächze, wie es ihm bei anderen schönen Frauen schon mal aufge­fallen war, die er mit schönen Vögeln verglichen hatte, denen die Natur eine schöne Stimme als zu viel des Guten verweigert hatte.

Außerdem war bei Katha kein Akzent heraus­zu­hören, einwand­freie Aussprache. Jedes Callcenter hätte sie auf Anhieb genommen. Auch bei Rundfunk­sendern hätte sie Chancen gehabt. Hirschberg stand auf. Er wollte sich das, was ihm aufge­fallen war, bestä­tigen. Er spulte zurück, hörte nochmal ab – es war so; so wie sie ein gewin­nendes Lächeln hatte, hatte sie auch eine gewin­nende Stimme.

Auf seinem Weg zurück ins Bett – der Morgen dämmerte schon herauf – traf er zwei Entschei­dungen: Er würde für Katha Zeit haben, und er werde nachher, wenn er noch etwas geschlafen habe, raus zu seinem Eifelhaus fahren. Das war die Freiheit seiner Selbstän­digkeit, er konnte arbeiten, wann und wo er wollte.

Im Wochenendhaus

… strengstens verboten … Fichtenplantagen … Sperrung des Venns …
Die Unvernunft weniger führt zum Verbot für alle …

Sein Holzfer­tighaus war wie sein Haus in Mehlem nach Süden ausge­richtet. Hinter einer überdachten Veranda lag der Wohnraum mit großem Kachelofen, der das ganze Haus heizte, dahinter war die Küche. Aus dem Wohnraum führte eine Wendel­treppe ins Dachge­schoß mit Schlafraum und Bad. Als erstes machte er den Kachelofen an, dessen wohlige Wärme schon bald die klamme Kälte im Haus wegdrückte. Hirschberg legte sich aufs Sofa und entschlummerte.

Der nächste Tag war genauso sonnenklar wie der vergangene, die Nacht war kalt – die Eishei­ligen. Hirschberg machte eine Vennwan­derung. Stiefel brauchte man dazu nur noch, wenn man abseits der Forst­straßen und ausge­bauten Wander­strecken ging. Denn die alten Pfade durch das Venn waren mit Holzstegen ausgelegt worden, um die Natur zu schützen. Das Verlassen der Wege war im Hohen Venn, dieser einzig­ar­tigen Hochmoor­land­schaft, strengstens verboten.

Als er sich vor Jahren dieses Wander­gebiet erschloss, gab es noch keine Verbote. Zu allen Jahres­zeiten war er hier oben gewesen. Im Herbst, wenn das Pfeifengras goldgelb die Flächen bedeckte, die Birken hellgelb leuch­teten, die Buchen und der Farn in sattem Dunkel­braun standen, pflegte er, sich ein trockenes stilles Fleckchen Erde zu suchen, sich auszu­strecken und die frische würzige Luft tief einzusaugen.

Fast wäre das Venn in diesem und im vorigen Jahrhundert komplett den preußi­schen und später belgi­schen Forst­leuten zum Opfer gefallen. Die Landschaft erschien denen nutzlos, unwirtlich, menschen­feindlich. Deshalb wurde sie mit Entwäs­se­rungs­gräben durch­zogen und mit Fichten, einem hier nicht boden­stän­digen Baum, aufge­forstet. Fichten­plan­tagen. Toter Wald. Eine Schande. Als nur noch etwa zwei Fünftel der ursprüng­lichen Fläche vorhanden waren, nicht mehr zusam­men­hängend und teilweise auch schon mit Schneisen und an der Schnur entlang ausge­ho­benen Gräben totge­weiht, wurde der Kampf zwischen Förstern und Vennfreunden immer heftiger. Für die Ansiedlung von drei Bauern­höfen wurde sogar noch Land urbar gemacht. Doch dann kam die Wende: Die Restbe­stände wurden unter Natur­schutz gestellt.

Doch damit war die Landschaft nicht gerettet. Die Touristen kamen. An den Wochen­enden wälzte sich eine immer größere Blech­lawine von Holland, Flandern, Wallonien, Deutschland her zur Baraque Michel und Botrange hoch. Gruppen von 10, 20, 50 Personen mit Stiefeln und Rucksack zogen los zur Vennwan­derung. Sie zertram­pelten buchstäblich die Landschaft. Denn im Venn gibt es auf vielen Strecken keinen festen Boden. Die Wege werden bei vielfachem Begehen schnell morastig. Die Wanderer wichen auf die Ränder aus, die dann auch bald keinen Tritt mehr boten. Nach einiger Zeit mussten mehrere Wege schon aus Sicher­heits­gründen gesperrt werden. Es wurden sogar Überle­gungen angestellt, das Venn insgesamt für jedermann zu sperren – eine nicht kontrol­lierbare Maßnahme. Schließlich kam man auf die Idee mit den Stegen.

Obwohl Hirschberg die Stege nicht mochte, sie als künstlich und seine Bewegungs­freiheit einengend empfand, akzep­tierte er diese Rettungs­maß­nahme. Akzep­tieren musste er auch die Sperrung des Venns für Skilang­läufer. Vorbei die Zeiten, in denen er das traumhaft schöne Winter-Venn auf Brettern durch­streifen konnte. Selbst in den angren­zenden Waldge­bieten war das Skilaufen heute verboten. Eine Loipe, die auf Forst­wegen im Gebiet des Brach­kopfs ausge­schildert war, wurde aufge­hoben, weil einige Skiläufer es nicht lassen konnten, von ihr abzuweichen. Wie in anderen Lebens­be­reichen: Die Unver­nunft weniger führt zum Verbot für alle.

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