18.
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Bedrohtes Leben

… Vergewaltigungsversuch … habe mich befreit und bin weggelaufen …
Pilotseminar in einem ehemaligen Kloster … Lernen durch Erfahrungen

Hannelore wurde geschieden. Ihre Ehe annul­liert. Sie wechselte nach Bonn und übernahm in der Verwaltung einer wohltä­tigen Organi­sation mit weltweitem Engagement die Rechts­ab­teilung. Ihr Vater und Katha gaben ihr Halt. Deren Leben hätte vielleicht manch einer für langweilig gehalten. Kaum Strei­te­reien, keine Krisen, keine Gefühls­aus­brüche, keine Unrast. Genau das gefiel ihnen. Das war die Ausge­gli­chenheit und Harmonie, aus der sie die Kraft und Energie schöpften, um die Heraus­for­de­rungen der Ereig­nisse annehmen und die Zumutungen so mancher Zeitge­nossen ertragen zu können.

Und solch eine Zumutung traf sie eines Tages recht heftig. Der junge Geschäfts­führer der Schneider-Stiftung, mit dem Katha öfter zu tun hatte, machte ihr schöne Augen. Sie verstand das als Freund­lichkeit. Er lud sie öfters zum Essen nach der Arbeit ein. Sie lehnte stets ab. Doch die Einla­dungen wurden immer eindring­licher und die Begrün­dungen ihrer Ablehnung zurück­ge­wiesen. Gelegentlich legte er auch den Arm um sie. Dem entzog sie sich. Mehr als ein kolle­giales Arbeits­ver­hältnis wollte sie nicht.

Katha hatte Hirschberg, der hin und wieder auch mit dem Mann zu tun hatte, von dessen wieder­holten Einla­dungen erzählt. Daran dachte er, als sie nicht wie erwartet an einem Arbeitstag in Köln nach Hause kam. Endlich kam sie: wutschnaubend und zittrig. Sie erzählte: Am Nachmittag war sie mit Herrn Leuchter, so hieß der Geschäfts­führer, zu einem Termin bei einem Kunst­sammler. Leuchter hatte sie gebeten mitzu­kommen. Begründung war, sie solle ihm helfen, den Mann für das in Aussicht genommene Projekt – er sollte einige Werke seiner Sammlung zur Verfügung stellen – geneigt zu machen.

Das gelang auch, ohne dass sie viel mit Worten dazu beitrug. Ihr war schnell klar geworden, sie sollte als schöne Frau die Situation beein­flussen. Als der Herr Kollege dem Sammler sagte, Frau Hirschberg werde die weitere Betreuung des Projekts übernehmen, protes­tierte sie. Leuchter erklärte, er habe noch keine Zeit gehabt, sie darüber zu infor­mieren, aber Herr Schneider wünsche das.

Als sie nachher im Auto Leuchter zur Rede stellte, bekam sie einen Schwall von Vorwürfen zu hören. Mit ihrer ableh­nenden Haltung gefährde sie das ganze Projekt. Sie solle sich bitte etwas mehr engagieren. Sie schwieg. Er legte seine Hand auf ihr Bein. Sie legte die Hand zurück. Er meinte vorwurfsvoll, ihre ständige Zurück­weisung verletze ihn. Er würde sich für ihre Arbeit einsetzen, obwohl sie von Kunst keine Ahnung habe. Auf der Fahrt zurück ins Büro machte er einen kleinen Umweg. In Roden­kirchen hielten sie an. Hier wohne er. Er wolle ein paar Unter­lagen holen. Ob sie mit ihm hochkäme, eine Tasse Kaffee mit ihm trinke. Nein, sie warte lieber im Auto. Der Mann wurde ihr unheimlich.

Zurück in der Stiftung verhielt sich Leuchter zunächst beleidigt distan­ziert. Dann war er plötzlich katzen­freundlich und lud sie erneut zu einem gemein­samen Abend­essen ein. Diesmal mit einer sachlichen Begründung. Er müsse ihr noch ein neues Projekt vorstellen, auf dessen Gelingen Herr Schneider großen Wert lege. Zu dem Essen würde ein ihm befreun­deter Kunst­kri­tiker noch hinzu­stoßen. Katha lehnte ab, ihr Mann und ihr Sohn würden sie zuhause erwarten. Das ließ er nicht gelten, es gehe um ein sehr wichtiges Projekt. Sie könne anrufen und sagen, sie käme später nach Hause. Sie ließ sich nicht darauf ein.

Da wurde er zornig. Das sei keine Mitarbeit, er bemühe sich, die Stiftung erfolg­reich in der Kunst­szene zu etablieren, aber sie verweigere sich, boykot­tiere seine Arbeit, stehe für wichtige Bespre­chungen nicht zur Verfügung, lehne Kontakt­arbeit ab und zeige keinerlei Flexi­bi­lität. Ob sie etwas gegen ihn habe? Nein. Er wechselte die Tonart und säuselte. Ja, er wisse, dass er kein einfacher Mensch sei. Sie solle ihm verzeihen, dass er soeben etwas vorwurfsvoll gewesen sei. Dann nahm er sie in den Arm, drückte sie an sich und wollte sie küssen. Sie wehrte sich. Er wurde gewalt­tätig, warf sie zu Boden und sich auf sie, riss ihr die Bluse auf.

Hirschberg hörte ihr entgeistert zu. So außer sich hatte er sie noch nie erlebt. Sie bebte, ihre sonst so sanfte Stimme war schrill. „Ich habe ihm ins Gesicht geschlagen. Er hat zurück­ge­schlagen.“ Jetzt sah Hirschberg die Schwellung auf ihrem linken Backen­knochen. „Dann habe ich ihm mit aller Kraft mein Knie zwischen die Beine gestoßen. Er schrie auf, ich habe mich befreit und bin weg. – Was machen wir jetzt?“ Hirschberg zog sie an sich, hielt sie ganz fest und flüsterte: „Das werden wir in aller Ruhe mit den Schneiders regeln.“

Piet wurde von der Mutter eines Spiel­freundes, bei dem er den Nachmittag verbracht hatte, nach Hause gebracht. Da herzten sie sich zu Dritt. Aber der Kleine merkte, dass die Mutter traurig war und der Vater sie tröstete. Da wollte er auch trösten und sagte: „Mama, wegen mir brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“

Katha und Hirschberg lagen an diesem Abend noch lange wach im Bett und besprachen, wie auf den Vorfall mit Leuchter zu reagieren sei. Klar, Katha würde jeglichen Kontakt mit dem Mann, dem die Siche­rungen durch­ge­brannt waren, meiden. Hirschberg würde am nächsten Tag versuchen, einen von den Schneiders zu erreichen. „Dieser Armleuchter“, schimpfte Katha, während sie mit Hirschberg schmuste. Dann fragte sie leise: „Was meinst du, sollte Piet nicht ein Geschwis­terchen bekommen?“ „Er sollte!“ In dieser oder einer der nächsten Nächte muss es geschehen sein. Jeden­falls war Katha einige Wochen später wieder schwanger.

Frau Schneider zu Hirschberg am Telefon: „Das ist natürlich nicht akzep­tabel. Ich schlage vor, dass Katha in Zukunft wieder ausschließlich mit mir zusam­men­ar­beitet. Herrn Leuchter werde ich zur Rede stellen. Vermutlich wird er den Vorgang ganz anders darstellen oder gänzlich leugnen. Mir hat er vor einiger Zeit gesagt, als ich wegen Katha auf den Busch geklopft habe, er sei schwul. Ich kümmere mich um die Sache. Richte Katha bitte mein Bedauern aus. Ich möchte nicht, dass unser Verhältnis getrübt wird.“

Dann schränkte sie ein: „Vorerst können wir Herrn Leuchter nicht entbehren. Seine fachliche Kompetenz steht außer Zweifel und seine ausge­zeich­neten Kontakte sind für uns zumindest derzeit unver­zichtbar.“ Sie beendete das Telefonat mit ein paar Sätzen über Löwe, mit dem sie und ihr Mann noch Großes vorhätten. „Für die geplanten Projekte würden wir euch gerne dabei haben.“

Die nächste Zeit konzen­trierten sich die Hirsch­bergs auf ein von ihm entwi­ckeltes Seminar­an­gebot. Die Firmense­minare und ‑workshops zur Verbes­serung der internen Kommu­ni­kation sollten in einem Kompakt­se­minar zusam­men­ge­fasst und als offenes Angebot verselb­ständigt werden. Das Konzept war fertig, jetzt musste akqui­riert werden.

Das Pilot­se­minar war für den Frühsommer geplant. Dazu wollte Hirschberg einen beson­deren Veran­stal­tungsort. Den fand er im nieder­län­di­schen Limburg, in Vaals, einem Ort gleich hinter der Grenze, wenn man von Aachen nach Maastricht fährt. Der restau­rierte Altbau des Hotels diente früher als Kloster. Einigen der Gesell­schafts­räume hatte man die ursprüng­liche Bezeichnung gelassen, zum Beispiel Refek­torium. Es gab eine ausge­zeichnete Restau­ration. Die Zimmer in einem modernen Anbau waren mit allem Komfort ausge­stattet. Die Suiten lagen in den oberen Etagen des aufwendig restau­rierten Altbaus. Die teuerste war nach Rosalyn Kennedy benannt. Sie hatte hier bei den Sacre Ceur-Schwestern, um deren ehema­liges Kloster es sich handelte, ein Jahr lang studiert.

Die Seminar­räume befanden sich in den Keller­ge­wölben entlang eines Ganges: ein großer Raum für die Plenums­sit­zungen, angrenzend und durch Türen verbunden, zur einen Seite zwei Gruppen­räume, zur anderen einer. Ein idealer Veranstaltungsort.

Das Wochenende vor dem Pilot­se­minar, das am Sonntag­abend mit einem gemein­samen Essen der Teilnehmer begann, verbrachten die Hirsch­bergs in ihrem Wochen­endhaus. Von hier aus wollte er nach Vaals fahren. Am Montag­vor­mittag würde Katha mit Piet zurück nach Mehlem fahren, damit das Büro besetzt war.

Das Wochen­endhaus war zu ihrem kleinen Paradies geworden. Mit dem quirligen Piet ließen sich zwar keine Wande­rungen machen, aber es war eine Freude zu sehen, wie er sich hier ringsum sein Revier erschloss. Er hatte eine ganze Reihe von Verstecken und Spiel­plätzen. Bretter, Zweige und Plastik­folie benutzte er zum Bau eines Unter­schlupfs. Aus Rinden­stücken, Holzscheiten und Dosen baute er ein „Sägewerk“, in dem auch einige seiner Spiel­autos zum Einsatz kamen. Er legte sich auch kleine Depots mit Nasch­zeugs an. Doch er stellte fest, dass sich Schokolade, Bonbons, Eis und anderes für eine Aufbe­wahrung in der Natur nicht eigneten. Alles wurde weich, klebte oder schmolz dahin. Angebro­chene Packungen waren sofort voller Getier. Katha hatte, ohne sich etwas anmerken zu lassen oder etwas zu sagen, sein Tun beobachtet und war amüsiert, wie er seine Erfah­rungen sammelte.

In bester Laune verab­schiedete sich Hirschberg am Sonntag­nach­mittag und fuhr nach Vaals. An das Abend­essen schloss sich die erste Seminar­einheit an. Aufgabe für die in drei Gruppen aufge­teilten Teilnehmer war, einen Namen aus einer Vorschlags­liste auszu­wählen und zu beschließen. Das war dann der Gruppenname für die kommenden Seminartage. Es ging recht munter zu. Und Hirsch­bergs Spannung, ob der als Selbst­er­fahrung angelegte Lernprozess denn auch so ablaufen würde, wie er es in Arbeits­schritten und Zeitvor­gaben ausge­dacht hatte – sie löste sich mehr und mehr in einem Erfolgs­gefühl auf. Alles passte.

Die Teilnehmer, auch die, welche zu Beginn etwas verschlossen waren, lockerten sich zusehends, sobald sie merkten, dass hier kein Schul­un­ter­richt stattfand. Man musste nicht still sitzen und Vorträge anhören, mitschreiben und später referieren. Es ging vielmehr darum, in einem fast spiele­ri­schen Arbeits­prozess seine Ideen, sein Wissen und seine Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­higkeit zur Lösung der gestellten Aufgabe einzu­bringen. Kein Leistungs­druck für den Einzelnen, sondern beflü­gelnde Gruppen­arbeit, in der jeder seine Talente entfalten konnte. Zufrieden mit sich und der Welt ging Hirschberg gegen Mitter­nacht auf sein Zimmer und schlief schnell ein.

Ausgelöscht

… Verdacht auf Brandstiftung … bedeckt mit Folien: Katha und Piet …
Hirschberg bricht zusammen … Obduktionsbericht … Einäscherung

Telefon­klingeln weckte Hirschberg. Es dauerte eine Weile, ehe er aus seinem Tiefschlaf zu Bewusstsein gekommen war und den Hörer abnahm. Ein Mann sprach: „Hier ist der Nacht­portier. Die Krimi­nal­po­lizei möchte Sie sprechen. Ich verbinde.“ Bei dem Wort Krimi­nal­po­lizei zuckte er zusammen. Eine Verwechslung? Was wollten die? Mitten in der Nacht? Ein Krimi­nal­be­amter meldete sich mit Namen und Dienstgrad. Ob er mit Johannes Hirschberg spreche, wohnhaft in Bonn-Mehlem, Eigen­tümer eines Wochen­end­hauses in Mützenich? Es sei ein Unfall passiert, er solle so schnell wie möglich nach Mützenich kommen. Was denn passiert sei? Das könne er am Telefon nicht sagen. Er solle sich bitte sofort auf den Weg machen. Hirschberg war in heller Aufregung. Zehn Minuten später saß er im Auto.

Die Straße zu seinem Wochen­endhaus war gesperrt. Ein Strei­fen­wagen parkte am Rand, das rotie­rende Blaulicht warf geisternde Licht­strahlen in das Dunkel der Nacht. In der Ferne, da wo sein Wochen­endhaus stand, strahlten Schein­werfer. Feuerwehr. Ein Gemisch von Rauch und Dampf lag in der Luft. Hirschberg meldete sich bei dem Polizisten im Strei­fen­wagen, worauf der ihn per Funk avisierte. Hirschberg wurde abgeholt und zu einem VW-Bulli gebracht, wie man ihn von Verkehrs­kon­trollen kennt.

Er wollte zu seinem Haus. Da könne er noch nicht hin. Die Feuerwehr habe zwar alles gelöscht, aber jederzeit könne sich erneut Feuer entzünden. Außerdem habe die Spuren­si­cherung gerade erst ihre Arbeit aufge­nommen. Bitte keine Panik! Man brauche seine Mithilfe. Zuerst Fragen zur Person. Danach zur Situation. Wann er zuletzt hier war, wer am Abend im Haus war. Man müsse dem Verdacht auf Brand­stiftung nachgehen. Ob er eine Ahnung oder eine Vermutung habe? Wer ihm Böses wolle? Nein, eigentlich niemand.

Der Krimi­nal­beamte meinte, vielleicht sei es ja nur eine Unacht­samkeit gewesen, aber es könne auch jemand Feuer gelegt haben. Ein Verdacht sei noch kein Beweis. Ob wirklich niemand in Frage komme? Gelegentlich hätten sie Bikern erlaubt, auf dem Grund­stück zu zelten. An diesem Wochenende seien jedoch keine da gewesen. Niemand sonst? Er solle keine Scheu haben. Was er beruflich mache? Irgend­welche Konflikte? Hirschberg fiel der Verge­wal­ti­gungs­versuch von Leuchter ein und gab ihn an. Sonst keiner? Nein.

Ein weiterer Beamter sagte Bescheid, dass sie soweit seien. Es seien zwei Leichen geborgen worden, sagte Hirsch­bergs Gegenüber, er müsse ihm jetzt leider zumuten, diese zu identi­fi­zieren. Hirschberg war noch reakti­ons­fähig, aber eher wie ein Automat, nicht mehr als Herr seiner selbst, schon gar nicht Herr der Situation. Was hier passiert war, lähmte ihn. Auf der angesengten, zertram­pelten und von Fahrzeugen aufge­wühlten Wiese lagen zwei von Folien bedeckte Leichen. Die erste Folie wurde aufge­deckt: Kathas verkohlte Leiche. Die zweite Folie: Petrus, nicht so verkohlt. Hirschberg: „Meine Frau und mein Sohn.“ Ihm wurde schwarz vor Augen, und er brach zusammen. Die Leichen wurden wieder zugedeckt.

Man führte ihn zurück. Das Haus war bis auf die Boden­platte abgebrannt, nur der Kachelofen stand noch. Die Feuer­wehr­leute waren dabei, ihr Gerät abzubauen. An einigen Stellen dampfte es noch. Wasser­lachen. Von Teleskop­masten herab hüllten Schein­werfer den Ort in gleißendes Licht.

Hirschberg hörte, wie man ihm sagte, seine Tochter müsse bald eintreffen. Wieder zurück im Polizei­wagen sackte er erneut zusammen. Er kam erst wieder zu sich, als eine Hand sanft seine Schulter fasste und ein wenig schüt­telte. Er fühlte Hannelore, die ihn umarmte, er brach in Schluchzen und Tränen aus. Ein Beamter kam und sagte, man sei mit den Arbeiten fertig und würde jetzt gerne fahren. Hannelore verstand und bat den Vater, mit in ihr Auto zu kommen. Sie beobachtete, wie die Polizei Auto für Auto abzog.

Der leitende Kommissar kam zu Hannelore und teilte mit, dass sie ihre Arbeiten für jetzt beendet hätten. Am Vormittag kämen sie nochmal zurück, um bei Tages­licht ihre Unter­su­chungen zu überprüfen und gegebe­nen­falls zu ergänzen. Selbst­ver­ständlich könnten sie aufs Grund­stück, aber sie sollten bitte nichts anfassen und schon gar nichts mitnehmen. Erst wenn das Gelände freige­geben sei, er denke, das sei gegen Mittag, könnten sie alles anfassen und mitnehmen, wenn noch etwas brauchbar oder als Erinnerung von Wert sei. Er bat um ihre Handy­nummer, damit er sie auf dem Laufenden halten könne, und gab ihr seine Karte. Wenn die Leichen nach der Obduktion freige­geben seien, könnten sie vom Beerdi­gungs­in­stitut abgeholt werden. Wann er mit dem Obduk­ti­ons­be­richt rechne? Im Laufe der Woche.

Auch die Feuerwehr verließ das Grund­stück, nur eine Brand­wache blieb zurück. Das Gelände blieb abgesperrt. Damit kein Unbefugter dies missachtete, bezog ein Polizist an der Zufahrt mit seinem Wagen Stellung.

Einige Dorfbe­wohner hatten das Geschehen mit Entsetzen beobachtet. Darunter auch der Wirt des Dorfgast­hofes. Er kam zu Hannelore ans Auto und bot eines der Gäste­zimmer bei sich an. Hannelore nahm dankend an.

Der Morgen graute. Hirschberg fasste sich wieder. Er bat Hannelore, ihn nach Vaals zu fahren, er wolle persönlich das Seminar absagen. Sie gingen auf sein Hotel­zimmer. Er legte sich aufs Bett, sie setzte sich in einen der Sessel. Sie bestellte das Frühstück aufs Zimmer. Er rührte nichts an. Sie trank beide Kännchen Kaffee, würgte sich ein Brötchen hinunter. Sie hörte ihn murmeln: „Ich kann nicht.“

Die Seminar­teil­nehmer saßen munter mitein­ander redend beim Frühstück. Einige fragten, was der Hirschberg sich denn wohl für heute ausge­dacht habe. Andere bemerkten, dass sie Hirschberg noch gar nicht gesehen hätten. Um neun Uhr versam­melte man sich im Plenumsraum. Hannelore kam, bat Platz zu nehmen und stellte sich vor. Dann die Nachricht: „Diese Nacht ist das Ferienhaus meines Vaters in der Eifel abgebrannt. Dabei sind seine Frau und sein Sohn ums Leben gekommen. Sie werden verstehen, dass er unter diesen Umständen das Seminar abbrechen muss. Über die Unkosten, die Ihnen entstanden sind, machen Sie bitte eine Aufstellung und senden Sie diese zur Erstattung an unser Büro. Danke.“

Hannelore ging zur Rezeption und teilte den Abbruch des Seminars mit. Wieder bei ihrem Vater schlug sie ihm vor, gegen Mittag nochmals nach Mützenich zu fahren, um sich noch einmal ungestört umsehen zu können. Jetzt könne man, wenn er einver­standen sei, ins Hohe Venn hinauf­fahren und ein paar Schritte tun. Er nickte. In Eupen bat er sie, zur Kirche zu fahren. Er kniete und betete, setzte sich und versank in sich. Schließlich rührte sie ihn an und fragte, ob sie weiter fahren sollten.

Sie fuhren hinauf zur Baraque Michel, gingen ein Stück über den Knüppelweg zur Hillquelle, suchten einen Sitzplatz und verweilten stumm. Als sie wieder aufbrachen, sagte er leise: „Hier waren wir zuletzt, als die ersten Schnee­flocken fielen.“ Heute war es sonnig und ein leichter angenehmer Wind wehte. Er nahm es nicht wahr. Er war einge­hüllt in schwarze Wolken aus Trauer und Schmerz.

Als sie nach Mützenich kamen, lag die Brand­stätte frei zugänglich. Niemand war da. Er ging einmal drüber, sah hierhin und dorthin, bückte sich nicht, nahm die Hände nicht aus den Taschen. Hannelore schubste mit dem Schuh das eine oder andere beiseite, um genauer hinsehen zu können, nahm einen von der Hitze ausge­glühten Löffel in die Hand und steckte ihn ein.

Zurück auf der Straße kam eine Nachbarin auf sie zu und sprach ihr Beileid aus. Sie habe vier Biker vom Grund­stück fahren sehen, kurz bevor die ersten Flammen aus dem Haus schlugen. Das habe sie auch der Polizei gesagt.

Hirschberg und seine Tochter baten die Nachbarin, Hirsch­bergs Auto für ein paar Tage auf ihrem Gelände parken zu dürfen, und fuhren mit ihrem Auto weiter nach Mehlem.

Hannelore infor­mierte Löwe, Schneiders, die Bergers und die Verwandt­schaft. Noch am Abend kam Löwe. Die Männer hielten sich lange umarmt, dann sah Löwe ihn an und sagte: „Denk an die wunder­schöne Zeit, die du mit ihr hattest! Das war eine Zugabe in deinem Leben, ein Geschenk. Sei dankbar!“

„So ist es. Hältst du die Totenmesse?“

„Ja, wir feiern gemeinsam die Auferstehungsmesse.“

Hannelore bekam den Obduk­ti­ons­be­richt: Katha wurde, bevor die Flammen sie erfassten, mehrfach verge­waltigt und anschließend erwürgt. Sie war im dritten Monat schwanger. Der Sohn starb an den Folgen innerer Verlet­zungen, die er durch Schläge und Tritte erlitten hatte.

Hannelore überlegte, ob sie ihrem Vater den Bericht zeigen sollte. Der Obduk­ti­ons­be­richt sei da, sagte sie schließlich. Er sah sie mit leeren Augen an und sagte: „Jetzt nicht.“ Sie atmete auf, musste sie doch erst selbst mit diesem entsetz­lichen Befund fertig werden.

Gemeinsam besprachen sie die Todes­an­zeigen und stellten die Adres­sen­liste zusammen. Das Beerdi­gungs­in­stitut brachte die Leichen in Löwes Kirche, in der man sich zuletzt zur Taufe von Petrus getroffen hatte. Nach dem Abschieds­got­tes­dienst sollten beide Leichen einge­äschert werden, so bestimmte es Hirschberg. Die Urnen, so hatte er zugestimmt, sollten in einer Mauer­nische im Innenraum der Kirche hinter einem heraus­nehm­baren Stein aufbe­wahrt werden. Das hatte Löwe schließlich angeboten, als sich auch nach längerer Suche kein Ort fand, der Hirschberg geeignet erschien.

Er hätte sie am liebsten nach Israel gebracht und die Asche auf dem See Genesaret verstreut. Er wäre in Israel geblieben, hätte als Einsiedler am See gelebt. Er äußerte das sehr ernsthaft, schien aller­dings nicht so recht anwesend zu sein. War er verwirrt?

Tag des Zornes 

… jüdische Totenklagen … eine Rede voller Zorn … in Schönheit 
vollkommen und ewig … Gemeinschaft der Heiligen

Die Särge standen neben­ein­ander vor dem Altar. Beide Särge waren mit Blumen­ge­binden und Kränzen bedeckt. Hinter den Särgen ein Bild der schwan­geren Katha mit Sohn Petrus an der Hand. Vor jedem Sarg eine Urne. Auf der linken Seite eine Instal­lation: ein abgebrannter Schei­ter­haufen, dahinter ein aus verkohlten Balken zusam­men­ge­legtes Kreuz.

Löwe hatte eine einer­seits würdige, anderer­seits provo­zie­rende Feier vorbe­reitet. Außer Verwandten und Freunden waren Leute aus dem Ort, aber auch aus Köln und anderen Städten gekommen, die die Hirsch­bergs kannten, mit ihnen zu tun hatten. Die kleine Kirche war voller Menschen, viele mussten stehen, einige draußen vor der weit geöff­neten Tür. Eine Männer­gruppe in schwarzen Talaren baute sich hinter dem Altar auf und sang hebräische Toten­klagen. Hirschberg erkannte Jossi.

Nach dem Gottes­dienst zog Löwe sein Pries­ter­gewand aus, legte es auf den Altar und trat nunmehr in schwarzen Jeans und schwarzem offenen Hemd vor die Trauer­ge­meinde. Er hielt eine Zornesrede. Der Schluss:

„Die Welt kann Schönheit nicht ertragen. Sie will Schönheit besitzen. Da sie ihrer nicht habhaft werden kann, macht sie Schönheit zum Fetisch. Als Trugbild wird sie vermarktet. Schönheit, die sich nicht vermarkten lässt, wird ausge­löscht. Schönheit als Sinnbild einer schönen Seele hat bei uns keine Chance. Schönheit wird nicht wahrge­nommen, sondern angegafft, mit Kameras verfolgt und von Begierden zu Tode gehetzt. Katharina war eine schöne Frau. Jetzt liegt sie als verkohlte und verklumpte Leiche, von der Gerichts­me­dizin zerschnitten, vor uns in diesem Sarg. Ihr war nur ein kurzes, aber gerade in den letzten Jahren sehr glück­liches Leben beschieden. Sie hat an Christus geglaubt. Sie wird aufer­stehen – in Schönheit, in der Vollkom­menheit und Ewigkeit Gottes leben. Davon hat uns ihr Leben eine Vorahnung gegeben. Dafür sind wir dankbar.“

Nach der Trauer­feier kam Jossi zu Hirschberg. Stumm umarmten sich die beiden Männer. Hirschberg sagte: „Danke dir!“ Auch Frau Schneider kam und lud ihn zu sich nach Mallorca ein. Er lehnte ab. Nein, er wäre nur ein trauriger Gast. Er werde sich in Arbeit stürzen, das sei für ihn das Beste, um die nächsten Wochen zu überstehen.

Aber er stellte in den Wochen voller Arbeit fest, zu der er wieder mehr und mit Übernach­tungen zu Außen­ter­minen fuhr, dass er schneller müde wurde, dass er nicht mehr so voller Energie war wie in früheren Jahren, dass er in Bespre­chungen nicht mehr länger als alle anderen konzen­triert bleiben konnte. Früher war er in seiner Spann­kraft bei Sitzungen nicht zu übertreffen. Während die anderen Teilnehmer den Überblick verloren und zu weiterer Diskussion oder gemein­samer intel­lek­tu­eller Arbeit nicht mehr in der Lage waren, war er noch voll bei der Sache. Jetzt brauchte er öfters Pausen, hielt er bei weitem nicht mehr so lange durch.

Daher kam es, dass er doch wieder mehr zuhause arbeitete. Auch gewöhnte er sich etwas an, das er nie im Leben hatte tun wollen: Er hielt einen Mittags­schlaf. Früher hatte er gespottet, das sei etwas für Beamte, aber nicht für ihn.

Hirschberg kam der Gedanke, wie andere seiner Generation aus dem Erwerbs­leben auszu­scheiden. Seine Alters­vor­sorge würde dazu reichen, dass er ohne Not leben konnte. Man sollte jüngeren Leuten das Feld überlassen. Er war jetzt schon über vierzig Jahre berufs­tätig, davon über dreißig Jahre als freibe­ruf­licher Einzel­kämpfer. Hatte er da nicht das Recht, müde zu sein? Seine Entscheidung: Keine Aufträge mehr akqui­rieren, die laufenden mit vollem Engagement zu Ende bringen und nur noch inter­es­sante Nachfragen, die ihn nicht überstra­pa­zieren würden, annehmen.

Hannelore gab ihre Wohnung in Bonn auf und zog zu ihm in ihr Elternhaus. Das Zusam­men­leben bot sich für beide an. Sie hatten ein Verhältnis zuein­ander gewonnen, das von Respekt, Wertschätzung und feinfüh­liger Rücksicht­nahme für die Selbstän­digkeit des anderen geprägt war. Ihre Scheidung und anschließend die Annul­lierung – das hatte sie schmal­lippig und wortkarg hinter sich gebracht. Bob war in die Verei­nigten Staaten zurückgekehrt.

In den Wochen und Monaten nach Kathas Tod zeigten sich Hirsch­bergs wahre Freunde. Wie man in Köln sagt und singt: Echte Freunde stehen zusammen. Hirschberg sprach, etwas überhöhend, von einer Gemein­schaft der Heiligen. Löwe rief fast täglich an, fragte nicht nur, wie es ihm gehe, sondern erzählte von sich und seiner Arbeit; wie erfolg­reich seine jüngste gemeinsame Ausstellung mit Jossi in Amsterdam gewesen sei. Auch bat er um den einen oder anderen Rat. Wenn es sich einrichten ließ, kam er ihn besuchen. Ähnlich verhielt sich Frau Schneider. Zu Hirsch­bergs Erstaunen hielten auch die Bergers Kontakt. Berger war mittler­weile in Pension gegangen. Doch das hatte ihn nicht dazu veran­lasst, nach Mallorca überzu­siedeln. Das Segeln hatte er schon länger aufgegeben.

Thomas rief jeden Sonntag an. Es waren recht lange Gespräche, an deren Ende Beide bedau­erten, dass sie so weit ausein­ander lebten. Und auch seine Schwester hielt Kontakt, besuchte ihn sogar. Sie fanden ein zuträg­liches Verhältnis zuein­ander, wohl wissend, dass sie unter­schied­liche Lebenswege gegangen waren – aber aus demselben Stall kamen.

Mehr als ein Jahr nach dem jähen Ende von Hirsch­bergs Jahren irdischer Glück­se­ligkeit saßen Löwe, die Schneiders, die Bergers, Hannelore und er auf der Terrasse in Mehlem beisammen. Man feierte seinen Geburtstag. Die Schneider fragte Hirschberg, ob es ihn bedrücke, dass die Täter bis heute nicht hätten ermittelt werden können. Das bedrücke ihn nicht. Es wäre zwar sicher gut, wenn die Täter hinter Gitter gebracht würden, so dass sie kein weiteres Unheil anrichten könnten, aber er brauche zu seiner Genug­tuung kein Urteil mit Strafe. Er glaube an keine letztlich gerechte Strafe, zu der Menschen Menschen verur­teilen. Dabei sah er Hannelore an, die hatte ja Richterin werden wollen. Es müsse jedoch ein letztes, absolut gerecht urtei­lendes Gericht geben. Sonst würde er verzweifeln. Das sei mit ein Grund, warum er an Gott glaube.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs kam zutage, dass Berger sich in Köln in einer Gruppe engagierte, die Kontakt zu Leuten hielt, die aus der Kirche ausge­treten waren, darunter viele, denen der von Rom aufge­zwungene derzeitige Kölner Oberhirte nicht passte. Am Ende der Diskussion über Amtskirche und Gläubige, in der Löwe aus seinem Herzen, sprich seinen persön­lichen Leiden mit der Kirchen­ob­rigkeit, keine Mörder­grube machte, sprach Schneider den bedeu­tungs­vollen Satz: „Man muss immer an die Zeit danach denken!“ Und das tat die Runde. Man wurde richtig eupho­risch bei den vielen Ideen, wie Köln eine Chris­ten­stadt der Zukunft werden könne.

Löwe skizzierte ein Konzept, wie durch ein diffe­ren­ziertes Gottes­dienstan­gebot die Menschen wieder erreicht würden. Für suchende, aber der Kirche entfremdete Menschen müsse ein reiner Verkün­di­gungs­got­tes­dienst angeboten werden: Lieder, Gesänge, Inter­views, Bilder, Lesungen und Ansprachen; Lebens­bei­spiele, Glaubens­zeug­nisse, Wissen­schafts­er­kennt­nisse, Leitge­danken, Werte­ori­en­tierung und Bibel­worte. Diese Verkün­di­gungs­got­tes­dienste müssten mit Vorfeld­ver­an­stal­tungen wie Ausstel­lungen, Konzerten und Bühnen­stücken verknüpft sein.

Als zweites sollte es Opfer- und Vereh­rungs­got­tes­dienste geben. Das seien Publi­kums­ver­an­stal­tungen zu Ehren Gottes, in denen auf würdige und anspruchs­volle Weise Gottes Lob gesungen, getanzt, musiziert, vorge­tragen werde. Farbenfroh, verhei­ßungsvoll, empha­tisch. Die Teilnehmer drückten ihre Gottes­ver­ehrung durch Opfer­gaben aus. Das könnten symbo­lische Gegen­stände sein, Selbst­ver­pflich­tungen, Dienste, Spenden.

Schließlich drittens: Eucha­ris­tie­feiern. Das seien Abend­mahl­feiern in Gruppen, die nicht mehr als zwölf Personen umfassen dürften. Die Teilnehmer wären eine Art religiöse Familie, deren gemeinsame Mahlfeier Kraft, Inspi­ration und Stand­fes­tigkeit gebe, den Glaube festige, die Hoffnung ausweite und die Liebe übermächtig mache.

Hirschberg war begeistert. Auch bei den anderen fand Löwe Zustimmung. Den Schneiders fiel gleich ein, welche Kirchen und Pfarreien in Köln wofür in Frage kämen. Sie, die jahrelang erfolg­reichen Projekt­ent­wickler, wussten auf Anhieb ein Dutzend Kirchen­standorte für die verschie­denen Angebote zu nennen. Dabei berück­sich­tigten sie auch die Bevöl­ke­rungs­struk­turen des Umfelds, unter­schieden nach lokal orien­tierten und regional ausstrah­lenden Möglichkeiten.

Nach einiger Zeit kam die nicht zu vermei­dende Frage: Und wo soll das Geld für das alles herkommen? Da meldete sich Berger zu Wort: „Kein Problem! Wirklich! Ihr glaubt gar nicht, wie viel Geld für ein Angebot der Kirche, das überzeugt, zur Verfügung stünde, voraus­ge­setzt es wird profes­sionell und nicht dilet­tan­tisch gemanagt.“

Löwe: „Es gibt im Norden von Köln ein Kloster mit großer Kirche, das der Eigen­tümer, ein Männer­orden, nicht mehr halten kann, weil sie keinen Nachwuchs mehr haben. Der ganze Komplex samt umlie­gender Lände­reien steht zum Verkauf.“

Schneider und Berger sahen sich an. Schneider: „Sollen wir?“ Berger: „Das kriegen wir hin!“ Löwe sah Hirschberg an: „Und wir beide machen das Konzept.“ Hirschberg: „Machen wir.“ Schneider: „Wann können wir uns das Kloster ansehen?“

In den folgenden Monaten fiel Hannelore bei ihrem Vater nicht nur eine zuneh­mende Ruhebe­dürf­tigkeit auf, sondern auch eine gewisse Vergess­lichkeit. Er konnte sich beispiels­weise nicht an Namen erinnern, die ihm bislang geläufig waren. Er sagte dann: „Fällt mir gleich wieder ein.“ Aber es fiel ihm nicht ein. Noch maß sie dem keine besondere Bedeutung bei. Doch dann kam es innerhalb einer Woche zu zwei Vorfällen, die ihr Sorgen machten.

Als sie ins Wohnzimmer kam, stand ihr Vater mit der Blumenvase da und trank das Wasser. Er habe Durst gehabt. Drei Tage später traf sie ihn in der Küche, wie er dabei war, die Leucht­kerzen aus der Decken­be­leuchtung auszu­schrauben. Dazu hatte er den Tisch in die Mitte gezogen, einen Stuhl darauf gestellt und war hoch gestiegen. Ob die Birnen kaputt seien. Nein, er habe nur das Licht ausmachen wollen.

Sie rief den Arzt an. Der hörte zunächst zu, stellte dann einige Fragen und bat sie, am nächsten Tag mit ihrem Vater in die Praxis zu kommen. Die Diagnose war: Alzheimer.

Hannelore sah sich einige Alten­pfle­ge­heime an und entschied, mit der Unter­stützung einer Alten­pfle­gerin selbst ihren Vater in seiner Krankheit zu betreuen. Und wenn sie dafür ihren Job hätte aufgeben müssen – das war sie ihrem Vater schuldig, nichts anderes kam in Frage.

Ihr Arbeit­geber war entge­gen­kommend. Man war einver­standen, dass sie vorwiegend von zuhause aus arbeitete und ihre Stundenzahl reduzierte. Solange Hirschberg nicht bettlä­gerig war, durfte sie ihn nicht aus den Augen lassen. Von allen Türen nahm sie die Schlüssel ab, damit er sich nicht einschließen konnte. Er war indes nicht viel auf den Beinen. Die meiste Zeit saß er in der Küche auf einem Stuhl neben der Heizung und döste vor sich hin.

Gespräche konnte man kaum noch mit ihm führen. Nur hin und wieder gab es Momente, in denen die Augen verrieten, dass er präsent war – aber als jemand, der nicht wusste, was mit ihm geschah. Hannelore fragte er: „Wie heißt du?“ Das machte sie sehr traurig.

Schließlich konnte er nicht mehr aus seinem Bett aufstehen. Er musste gefüttert und sauber gemacht werden. Eine Pflegerin wurde als Hilfe engagiert. Obwohl das Fenster des Zimmers ständig offen stand, breitete sich nach und nach ein penetranter Geruch aus.

Regel­mäßig kamen Löwe und der Arzt. Da Hirschberg nicht genug trank, musste er an den Tropf. Die Schneider und Berger riefen immer wieder an, um sich zu erkun­digen. Gelegentlich kamen sie auch vorbei. Auch seine Schwester kam ihn besuchen. Alle hatten den Eindruck, er erinnere sich nicht mehr an sie. Er war noch da, aber nicht mehr anwesend.

Was er noch wahrnahm, ließ sich nicht feststellen. Hannelore überkam Freude, wenn sich sein Gesicht aufhellte, während sie ihn fütterte. Er war schweigsam. Einmal fragte er jedoch ganz plötzlich: „Was ist mit mir?“

Unver­gesslich blieb ihr ein Augen­blick, als sie seine Brust wusch: Er zog sie an sich und umarmte sie. Als er einige Tage später keine Nahrung mehr annahm und die Flüssigkeit aus dem Tropf nur noch den Oberschenkel, in den sie einge­führt wurde, aufschwemmte, sagte der Arzt, es gehe zu Ende.

Hannelore rief Löwe an. Der kam sofort. Er spendete ihm die Letzte Ölung. Hannelore, Löwe und die Pflegerin standen um sein Bett und beteten. Sein Atem wurde schwächer. Der Herzschlag blieb aus. Johannes Hirschberg war entschlafen.

Hin zu Dir

Herr, lass uns nicht um etwas bitten, das wir schon von Geburt an von Dir haben: unsere Begabung. Hilf uns statt­dessen, unsere Talente zu entdecken, unablässig zu entwi­ckeln und zu nutzen. Dir zur Ehre und zum Heil der Welt.

Verhülle das Gesicht derer, die uns durch ihr falsches Vorbild daran hindern, Dich zu erkennen und Dir zu dienen. Lass uns statt­dessen Menschen begegnen, die uns Zeugnis von Deiner Vorsehung und Liebe geben.

Halte Menschen von uns fern, die uns nach ihren Vorstel­lungen unablässig indok­tri­nieren und manipu­lieren wollen. Schenke uns statt­dessen die Begegnung mit Menschen, die auf Dich hin leben und uns mitreißen.

Verstopfe die Netzwerke derer, über die wir fortwährend verwirrt und abgestumpft werden. Bewahre statt­dessen unsere kindliche Freude am Leben, damit wir unsere Mitmen­schen mit unserer Lebens­freude anstecken.

Entferne den Tropf von unserem Bett, der uns ständig eine von Menschen geschaffene Traumwelt tödlichen Vergnügens vorgaukelt. Bestärke uns statt­dessen durch Deine liebe­volle Heraus­for­derung, uns Dir anzunähern.

Befreie uns von all den Verführern, die uns auf die hiesige Welt des Todes beschränken und in ihr gefangen halten. Führe und begleite uns statt­dessen auf unserem Weg durch die Freuden und Leiden dieser Welt hin zu Dir!

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