11.
ohne Segen »» Mit und ohne Segen »» Mit und

Selbstsicherheit

… gediegen und geschmackvoll … Meister im Ankündigen von Taten … außer
ihrem Wohlstand keine Identität … dieser über jeden Irrtum erhabene Ton

Der Wechsel war wie eine kalte Dusche. Vom schwül­warmen Rio in das kühlnasse Boston, aus der Welt der Lebenslust in die purita­nische Strenge der Pilger­väter, von der Irratio­na­lität der Macumba zur Ratio­na­lität einer Intel­li­genz­schmiede. Vor Jahren war Hirschberg schon einmal hier, hatte er einen Besuch bei der Harvard Business School gemacht. Seinen jetzigen Gastgeber kannte er damals noch nicht.

Am Flughafen holte ihn ein junger Mann namens John ab. Wie sich im Gespräch auf der Autofahrt heraus­stellte, war er der Sohn einer Bekannten von Gardner, seinem Gastgeber. Gardner empfing ihn auf der Porch seines Hauses. Sein Hund kam neugierig schnup­pernd dazu. Im Dachge­schoß habe man ein Zimmer für ihn vorbe­reitet, sagte David – die Herren sprachen sich mit Vornamen an. Wenn ihm Treppen beschwerlich seien, könne man auch im Erdge­schoß ein Zimmer für ihn herrichten. Hirschberg winkte ab, Treppen seien für ihn kein Problem.

Gardners Haus befand sich nicht unmit­telbar in Boston, sondern in Cambridge, nördlich von Boston, wo auch die Harvard University lag. Er lebte allein. Vormittags kam seine Haushäl­terin, brachte Einkäufe mit, sorgte für Sauberkeit und Ordnung, kochte ihm ein Mittag­essen. Frühstück und Abend­essen bereitete sich der groß gewachsene Herr selber.

Als Hirschberg, der am späten Nachmittag angekommen war, nach einer Ruhepause nach unten kam, fand er Gardner in der Küche. Er stellte gerade die Sachen für das Abend­essen zusammen.

„Mögen Sie kleine Zwiebeln, saure Gurken, Oliven?“

„Ja, mag ich.“

Nebenan im Esszimmer war schon für zwei Personen gedeckt. Hirschberg sah sich ein wenig um. Alles war sehr gediegen und geschmackvoll einge­richtet. Dann bot er seine Hilfe an, fuhr den Servier­wagen aus der Küche zum Esstisch.

Während des Essens erkun­digte sich Gardner nach den politi­schen Entwick­lungen in Deutschland. Was von der Schröder-Regierung zu erwarten sei, wollte er wissen. Hirschberg meinte, das müsse man abwarten. Jeden­falls sei er ein erfolg­reicher Wahlkämpfer. In Nieder­sachsen habe er als Minis­ter­prä­sident keine Gelegenheit ausge­lassen, sich medien­wirksam in Szene zu setzen. Der sicherlich etwas eitle Mann, der nie gehe, sondern immer vorne weg schreite, sei ein Meister im Ankün­digen von Taten, wohl wissend, dass Journa­listen hinter Neuig­keiten her seien – und nur selten nachfragten, was denn eigentlich draus geworden sei.

Gardner stellte nur anfangs Fragen. Schon bald äußerte er seine Ansichten. Hirschberg hatte den Eindruck, dass die Fragen als Vorspiel dienten, um daran anknüpfen zu können. Er bekam zu hören, dass die Deutschen außer ihrem Wohlstand keine Identität hätten. Die Subven­tionen für Ostdeutschland würden Westdeutschland ruinieren. Der bürokra­tische Perfek­tio­nismus sei stets um soziale Gerech­tigkeit, Umwelt­schutz und Arbeits­platz­si­cherheit bemüht, gieße alles in Beton – das höre er jeden­falls von ameri­ka­ni­schen Geschäftsleuten.

Dann weitete er seine Kritik auf Europa aus. Er wurde polemisch. Die Europäische Union sei eine Verei­nigung von Krämer­seelen, die alle nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien. Konflikte würden vertagt, als Kuhhandel auf Kosten anderer Länder oder zum Nachteil kleinerer Mitglieds­länder gelöst. Im zerfal­lenden Jugoslawien habe sich gezeigt, wie unfähig die Europäer seien, kämpfe­risch für die Durch­setzung der Menschen­rechte einzu­treten. Sie hätten die grund­le­genden Werte der atlan­ti­schen Gemein­schaft durch immer neues willfäh­riges Eingehen auf die Verspre­chungen Belgrads verraten. Dadurch hätten sich die Gräuel­taten auf dem Balkan immer weiter ausbreiten können. Nur dem schließ­lichen Eingreifen der USA sei es zu verdanken, dass es mit dem Morden, Brand­schatzen und Verge­wal­tigen ein Ende gehabt habe.

So dezidiert urteilend hatte Hirschberg den Professor in Deutschland bei den Seminaren nicht erlebt. Aller­dings ging es da auch nicht um Politik, sondern um Change Management, einem seiner Fachge­biete. Jetzt lernte Hirschberg einen Gardner kennen, der sich generell als ein von seinen Ansichten überzeugter Mann gab. Während er diesem zweifelsohne über die Maßen belesenen und klugen Vertreter eines akade­mi­schen Lebens früher mit Hochachtung begegnet war, hörte er ihm jetzt zeitweise mit Unbehagen zu. Woher nahm dieser Mann diese so absolut urtei­lende Selbst­ge­wissheit? Was er sagte, war nicht falsch, entsprach weitgehend auch seinen eigenen Einschät­zungen, aber dieser über jeden Irrtum erhabene Ton störte ihn.

Nach dem Abend­essen wechselten die Herren ins Kamin­zimmer. Dort gab es zwei Lehnstühle, zwischen denen ein Tischchen mit allen Utensilien für Zigarren- und Pfeifen­raucher stand. Die Herren nahmen Platz. David bot Jo eine Zigarre an, die dieser dankend ablehnte. Ob es ihn störe, wenn er eine Pfeife rauche? Ob er ihm einen Cognac anbieten dürfe? Danke, nein. Aber er selbst dürfe sich einen geneh­migen! Er sei ja ein richtiger Asket! Hirschberg glaubte den Vorwurf heraus­zu­hören, er sei ein ungesel­liger Gast. Lieber ein ungesel­liger Gast, als morgen magen­krank im Bett bleiben müssen, sagte er sich.

Der Hund schrapte von außen an der Tür. Gardner ließ ihn herein. Nachdem das Tier den Gast erneut beschnuppert hatte und von seinem Herrn eine Weile gekrault und gestrei­chelt worden war, legte es sich auf den Teppich in der Mitte des Zimmers.

Hirschberg beobachtete seinen Gastgeber, wie er mit seiner Pfeife beschäftigt war, genüsslich den Rauch in den Raum blies. Ein in sich ruhender selbst­zu­frie­dener Mann. Rundherum standen Regale voller Bücher, Enzyklo­pädien, Folianten, das Wissen der Welt. Er sei morgen Vormittag auf einer Veran­staltung, zu der ihn einer seiner früheren Schüler einge­laden habe. Hirschberg möge sich seine Bücher ansehen. In seinem Arbeits­zimmer nebenan finde er weitere, vor allem aktuelle Veröf­fent­li­chungen. Dort seien auch Zeitungen und Zeitschriften.

Was er denn so in letzter Zeit publi­ziert habe, wollte David wissen. Hirschberg erzählte ihm von seinem Manuskript über die Soziale Markt­wirt­schaft, für das er keinen Verleger gefunden habe. Das sei ihm nie passiert, sagte der Hausherr selbst­ge­fällig und fügte an, dass er jetzt über 30 Jahre seine Bücher bei demselben Verlag veröf­fent­liche, insgesamt mittler­weile über 20 Bücher, fast ein Drittel davon habe mehrere Auflagen erreicht. Da konnte sich Hirschberg nur noch klein vorkommen. Er wurde müde und bat, sich ins Bett verab­schieden zu dürfen. Er rief noch Katha an. Beider­seits gab es keine beson­deren Ereig­nisse, von denen zu berichten gewesen wäre. Sie meinte, die Tage von Rio kämen ihr wie ein Traum vor. Er versprach, sich von Los Angeles wieder zu melden.

Als Hirschberg am nächsten Morgen nach unten kam, war Gardner schon weg. Ein Frühstücks­platz war vorbe­reitet und ein Zettel lag dabei, er möge sich aus dem Kühlschrank nach Belieben bedienen. Das tat er, ging ins Arbeits­zimmer und sah sich um, bis er die Tages­zeitung entdeckt hatte. Dann frühstückte er.

Gardner kam am frühen Nachmittag nach Hause. Hirschberg äußerte den Wunsch, ein wenig an die frische Luft zu gehen und die Beine zu vertreten. Aber gerne. Der Hund geriet außer sich vor Freude, als er merkte, dass Gardner seine Wander­schuhe aus dem Schrank holte. Immer wieder rannte er zur Tür.

Sie fuhren zu einem Park. Jogger und Radfahrer begeg­neten ihnen. Der Hund tobte sich aus. David fragte Hirschberg, ob er Lust habe, morgen einen Ausflug zum Cape Cod zu machen. Sie seien beide von einer Bekannten einge­laden. Ihr Sohn John, der ihn vom Flughafen abgeholt habe, würde sie fahren. Diese Bekannte sei eine jüngere Kollegin, die noch im Dienst sei. Sie arbeite an seiner alten Fakultät, und so erfahre er, was so im Gange sei. Nach seiner Emeri­tierung lade man ihn hin und wieder zu beson­deren Anlässen ein. Aber er gehe nicht immer hin. Anfangs wäre es ihm schwer gefallen, sich von seinem Lehrstuhl zu verab­schieden, den er 25 Jahre lang inne gehabt habe. Nunmehr sei jedoch einiger Abstand schon da, und er genieße es mehr und mehr, nur noch wenige Pflichten zu haben.

Joana, so der Name der Kollegin, habe gemeinsam mit ihrer Familie ein Landhaus am Cape Cod. Hirschberg sagte, es würde ihn sehr freuen, ihre Bekannt­schaft zu machen. Aus der Brust­tasche seines Mantels holte David sein Handy und machte an Ort und Stelle alles perfekt. Typisch ameri­ka­nisch, dachte Hirschberg: Entscheiden und unver­züglich handeln.

Der Abend wurde wieder im Kamin­zimmer verbracht. Haupt­ge­sprächs­thema war Israel. Gardner war offenbar von Zeit zu Zeit dort, erzählte von Bekannten in Tel Aviv. Ob er Jude war, fragte sich Hirschberg. Wie schon am Abend zuvor zum Thema Balkan hatte der Professor auch zu Israel klare Ansichten. Das Ziel israe­li­scher Politik sei ein terri­torial arron­dierter Staat in sicheren Grenzen. Doch leider wären sie dabei ganz und gar ihren Vorstel­lungen von Gewalt­an­wendung verhaftet. Einer der schlimmsten Aussprüche, der in Israel über die Gewalt­an­wendung Arabern gegenüber zu hören sei, laute: „Die verstehen keine andere Sprache.“ Das mache ihn und viele seiner Freunde traurig. Durchaus gäbe es einsichtige Israelis, aber die seien in der Minderzahl, würden von ihren Verächtern und Gegnern dialek­tisch mit der Behauptung missbraucht, Israel sei ein toleranter und demokra­ti­scher Staat, in dem jeder seine Meinung sagen dürfe.

Gardner erzählte von der Begegnung mit einem Clanführer der Paläs­ti­nenser, mit dem er vor 20 Jahren ein langes Gespräch geführt habe. Er sei der Gerichts­prä­sident in Ramallah gewesen. Dieser weise Mann habe ihm nach präziser Analyse der geschicht­lichen Entwicklung Paläs­tinas und der aktuellen Situation dargelegt, wohin die von Israel prakti­zierte Politik der Gewalt­an­wendung führen werde – und die Ereig­nisse der vergan­genen Jahre hätten seine Voraus­sagen leider voll und ganz bestätigt.

Der Paläs­ti­nenser habe von der Alter­native gesprochen, die es gäbe, noch gäbe, aber nicht mehr lange: „Denn noch hören unsere Söhne auf uns!“ Und dann habe er gesagt: „Wenn die Israelis einsehen, dass sie mehr als drei Millionen Paläs­ti­nenser nicht enteignen können, ihnen nicht ihr Land wegnehmen und ihre Häuser zerstören können, sie einschüchtern, vertreiben und umbringen können, wenn sie ihren zu Gewalt bereiten Überle­bens­willen, ihr militär­ori­en­tiertes Großreich-Denken in einen größeren Zusam­menhang als nur die alttes­ta­men­ta­rische Betrach­tungs­weise stellen, wenn sie zu der Einsicht finden, dass Gewalt Gegen­gewalt erzeugt, dass die unablässige Demütigung eines besiegten Feindes diesen in Hass und Rache bis zum Wahnsinn treibt, dass sie selbst an ihrem Verfol­gungswahn und ihren gleich­zei­tigen Hallu­zi­na­tionen eines mit Militär­macht und Unrecht erzwun­genen Friedens ersticken werden,“

Und nach kurzem Atemholen weiter: „ und wenn sie unfähig sind zu Großmut, Ehren­haf­tigkeit, zu Vertrauen und zur Achtung der Rechte ihrer Nachbarn, wenn sie uns als Besatzer Frieden diktieren und Frieden mit uns nicht von gleich zu gleich verhandeln, gestalten und leben wollen – dann werden unsere Söhne das Tor, das wir zur Zeit noch offen zu halten vermögen, das Tor zu einem gemein­samen Leben in einem gemein­samen Staat unter­schied­licher Volks­gruppen – denken Sie an die Schweiz – dieses Tor werden unsere Söhne zuschlagen. Dann wird es kein Zusam­men­leben in Frieden zum gemein­samen Wohlergehen geben, dann wird es nur noch Gewalt von beiden Seiten geben, Gewalt, der jedes Mittel recht ist.“

Nach einer Pause des Nachsinnens fuhr David fort: „Der weise Paläs­ti­nenser hat Recht behalten. Leider. Damals konnte man noch völlig unbehelligt von Galiläa durch die Westbank nach Jerusalem reisen. Heute undenkbar. Heute herrscht grausames Altes Testament.“

Beide schwiegen. Dann fragte Hirschberg: „Ist der jüdische Staat auf Dauer existenzfähig?“

Gardner zögerte mit der Antwort. Schließlich: „Nein. Aber in seinen Untergang wird er die ganze Welt hineinreißen.“

Hochschulmilieu

… werden die Kinder sich aus dem Haus stehlen … sind dabei auszusterben …
Menschen brauchen Identität … in ein anderes Umfeld

Am nächsten Tag fuhren sie nach Cape Cod. Was für ein Verhältnis die Frau und Gardner verband, war nicht erkennbar. Sie wussten offenbar viel vonein­ander, vor allem aber über andere. Während der Autofahrt zum Landhaus sprachen sie vielfach nur in Andeu­tungen, so dass der Gast unbeteiligt blieb. Gardner entschul­digte sich dafür und bat um Verständnis, man habe sich länger nicht mehr gesehen. Unbeteiligt war auch John, der am Steuer saß.

Das Landhaus erwies sich als eine Luxus­villa mit Park zum Meer hin. Der Spaziergang am Strand entlang tat allen gut. Unter­halten konnte man sich nicht. Denn der starke frische Wind verwehte die Worte, kaum dass sie gesprochen waren. Sie hätten sich anbrüllen müssen, um sich verständlich zu machen.

Als sie ins Haus gingen, fröstelte Hirschberg und war erfreut, als er im Salon entdeckte, dass Feuer im Kamin brannte. Er wärmte sich. David kam dazu mit einem Aperitif in der Hand. Als er sah, dass Hirschberg ohne ein Getränk vor dem Kamin stand, ging er zurück zur Tür und winkte einem der dienst­baren Geister, der sogleich mit einer Auswahl in den Raum kam. Hirschberg wählte Portwein.

Noch ein Paar stieß dazu: Der Bruder Joanas mit seiner Frau, Peter und Susan. David stellte vor, gab zu jeder Person ein paar Stich­worte und entschul­digte sich dann. Peter wollte wissen, ob Hirschberg denn längere Zeit in Boston bleibe. Nein, morgen schon fliege er weiter nach Los Angeles zur Hochzeit seiner Tochter. Ja, L.A., das sei für sie weiter weg als Europa. Aller­dings seien sie meistens nur in Südeuropa, Spanien, Italien, gelegentlich auch Paris. Für den weiteren Smalltalk wählte man Paris.

Es wurde zu Tisch gebeten. Hirschberg wurde neben Susan platziert. Zunächst setzten sie ihr Gespräch über Paris fort, dann schlossen sie sich zuhörend der Unter­haltung zwischen David, Joana und Peter an. Es ging um Teenager heute. Peter hatte offenbar von seiner Tochter etwas erzählt. Hirschberg fragte leise seine Nachbarin, wie viele Kinder sie denn hätten. Zwei erfuhr er, eine Tochter, 14 Jahre alt, und einen Sohn, 16.

Peter: „Vor drei Wochen kam sie zu uns und meinte, sie brauche jetzt die Pille. Seit vier Wochen hat sie einen neuen Freund.“

Joana: „Kennt ihr den jungen Mann?“

Peter: „Sie hat ihn zwei- oder dreimal mitge­bracht. Erfahren haben wir nicht viel.“

Susan: „Wie bei unserem Sohn. Die jungen Leute mögen es nicht, wenn man von ihnen etwas wissen will. Sie sehen dich dann nur an und lachen, hin und wieder antworten sie nichts­sagend, meistens ziehen sie sich in ihr Zimmer zurück oder verlassen das Haus.“

John: „Das hätte ich meiner Mutter nicht bringen können.“

Susan: „Ihr Freund macht keineswegs einen schlechten Eindruck. Vor ein paar Tagen hat sie mir erzählt, sie habe ihn in einer Disko kennen­ge­lernt, sie habe ihn angesprochen. Ich habe dann die Frage gewagt, was er studiere. Er studiere nicht, er sei Eishockey-Profi. Damit war das Gespräch zu Ende.“

Joana: „Haben denn eure Kinder kein Vertrauen zu euch?“

Peter: „Durchaus. Sie sind sogar sehr anhänglich, kommen nach wie vor mit uns in den Urlaub, obwohl sie das von uns aus längst nicht mehr müssten. Aber gleich­zeitig machen sie uns überdeutlich klar, dass sie jetzt ihr eigenes Leben führen wollen und ihr Verhalten von uns nicht mehr ständig abgesegnet haben möchten.“

Susan: „Wir stehen bei unserer Tochter vor der Wahl: Entweder wir sagen ihr, dass wir das alles noch für zu früh halten, oder wir lassen sie ihre Erfah­rungen machen und sprechen mit ihr, wenn sie zum Gespräch bereit ist. Ich habe ihr bei meinem Frauenarzt einen Termin gemacht und sie alleine hingehen lassen.“

Peter: „Entweder man hat Vertrauen zu seinen Kindern, dann gilt es, dieses Vertrauen gerade in der Pubertät zu erhalten, oder man hat kein Vertrauen, dann werden die Kinder sich aus dem Haus stehlen. Wir vertrauen unseren Kindern.“

David: „Ich finde, ihr verhaltet euch sehr klug. Wenn ihr jetzt eure Tochter nicht mit Fragen nervt und nicht mit sorgen­vollen Vorhal­tungen vertreibt, wird sie über kurz oder lang das Gespräch mit euch suchen.“

Joana: „Das glaube ich nicht. Jetzt müsste mitein­ander gesprochen werden. Über kurz oder lang könnte schon etwas passiert sein.“

Susan: „Wir haben mit ihr gesprochen, als sie ihre erste Periode hatte. In der Schule wurde schon früher aufgeklärt.“

David: „Der Geschlechts­verkehr Jugend­licher wird mehr und mehr zur Norma­lität. Das Hinaus­zögern bis zur Ehe lässt sich nicht halten in einer Gesell­schaft, deren tradi­tio­nelle Formen von Ehe und Familie sich aufgelöst haben.“

Peter: „In einer Single-Gesell­schaft wird es immer weniger Kinder geben.“ Zu Hirschberg: „Wie hoch ist die Gebur­tenrate in Deutschland?“

Hirschberg: „Wir sind dabei auszu­sterben. 1,4 – wenn ich das richtig im Kopf habe.“

David: „In Amerika sind wir noch nicht auf einem so niedrigen Stand, aber auch bei uns finden radikale Verän­de­rungen statt. Wir entwi­ckeln uns zu einer unerzo­genen Gesellschaft.“

Hirschberg: „In Deutschland bahnen sich große Probleme mit dem Genera­tio­nen­verbund an. Die Alters­vor­sorge wurde verge­sell­schaftet. Jetzt kann man ausrechnen, dass die Nachge­bo­renen in ihrer schwin­denden Zahl immer mehr und länger lebende Rentner ernähren müssen.“

Joana: „Ist Deutschland nicht überbevölkert?“

Hirschberg: „Wir sind ein dicht besie­deltes Land. Mit der sich abzeich­nenden Überal­terung werden wir unser Gleich­ge­wicht als Gesell­schaft verlieren.“

Joana: „Gibt es Völker ohne Familien?“

David: „Wir sind dabei, es auszuprobieren.“

John: „Wieso denn nicht? Wir können doch unabhängig von Ehe und Familie den Fortbe­stand einer Gesell­schaft biotech­nisch sicherstellen.“

Peter: „Das Stillen, Betreuen und Erziehen der geschlüpften Samen­bänkler übernehmen dann Profis und nicht so Dilet­tanten wie es heute mehr und mehr wir leiblichen Väter und Mütter sind.“

Joana: „Tolle Perspektive: Es gibt nur noch Singles, die in ihren biolo­gisch besten Jahren Samen bezie­hungs­weise Eizellen abliefern und dann mit der Fortpflanzung nichts mehr zu tun haben. Jeder lebt sich so aus, wie es ihm gefällt. Ein ganzer Wirtschafts­zweig ist für sexuelle Bedürf­nisse zu Diensten.“

David: „Diese schöne neue Welt wird nicht funktio­nieren. Menschen brauchen Identität. Und die können nur leibliche Eltern geben, nicht das Reagenzglas.“

Joana: „Identität gewinnt der Mensch durch seine Individualität.“

David: „Indivi­dua­lität schafft sich nicht aus dem Nichts.“

Joana: „Sie entsteht aus dem Erbgut.“

David: „Erbgut allein ist nur die Ausgangs­basis. Erst das Umfeld, die neun Monate im Mutterleib, die Jahre der Kindheit und Jugend machen aus einer mensch­lichen Zelle ein Individuum.“

Joana: „Menschen können ihre Identität ändern.“

David: „Dazu muss ich erst einmal eine haben. Nur was ich habe, kann ich ändern.“

Joana: „Auch Waisen­kinder entwi­ckeln Individualität.“

David: „Aber sie wollen auch Identität. Deshalb forschen Adoptiv­kinder nach ihren leiblichen Eltern.“

John: „Identität wird mir gegeben. Indivi­dua­lität entwickle ich aufgrund meines Erbguts und anhand der Einflüsse meines Umfelds. Richtig?“

David: „So ist es. Du kannst deine Identität leugnen, aber du wirst sie nicht los, sie ist wie ein Brand­zeichen. Niemand hat die Möglichkeit, erst als Erwach­sener sich für die Sprache zu entscheiden, die er gerne als seine Mutter­sprache sprechen möchte. Niemand hat die Möglichkeit, erst als Erwach­sener seinen Geburtsort, seine Volks­zu­ge­hö­rigkeit, sein zivili­sa­to­ri­sches und kultu­relles Umfeld nach eigenem Gusto festzulegen.“

John: „Aber ich kann mich dagegen entscheiden und in ein anderes Umfeld wechseln.“

David: „Auch wenn du versuchst, deine Identität zu wechseln, beispiels­weise durch Emigration oder Geschlechts­um­wandlung, du kannst sie nicht auslö­schen, sie steckt in dir. Du kannst sie mit der Entwicklung deiner Indivi­dua­lität überdecken, sie für andere weitgehend unsichtbar machen, aber ein deutsch­stäm­miger Ameri­kaner kann nie ein Ameri­kaner latein­ame­ri­ka­ni­scher Abstammung werden.“

Schweigen.

Das Mahl war beendet. Es wurde abgetragen. Man erhob sich, kam paarweise wieder ins Gespräch. Joana lud in den Salon ein. Dort wurden Kaffee und Cognac angeboten. Im Kamin hatte man Holz nachgelegt, das Feuer neu entfacht, es loderte und prasselte.[/vc_column_text]

Freier Tag

Venus liebkost Pluto mit dem Feuerhaken.
Das Ohr des Höllen­gottes blutet.
Nach jedem Strei­cheln schlägt sie zu.

Genussvoll knabbert Sisyphus
an Aphro­dites prachtvoll leuch­tenden und
betörend duftenden Blütenständen.

Mars bettelt wie ein Hund um Hiebe.
Doch Helena leckt nur das Fell seiner Kinder.
Sie sucht die Flöhe der Zwietracht.

Zu essen gibt es Gummi­bärchen in Balsamico
zu Backfisch und Dominosteinen.
Die Kinder servieren eiskalt vom Grill.

So vergeht der Tag
kribbelnd spannungs­ge­la­dener Langeweile,
der ein Feiertag ist.

Als alle Platz genommen hatten, Glas oder Tasse in der Hand hielten, von Zeit zu Zeit einen Schluck nahmen, David sich eine Pfeife angesteckt hatte, Peter dabei war, sich eine Zigarre zurecht zu machen und Joana sich eine Zigarette von einer besonders langen Sorte soeben anzündete, verstummte für eine Weile jegliche Unter­haltung. Stille. Alle sahen sinnend ins Feuer.

Schließlich Peter, nach dem Abblasen einer Rauch­wolke: „So ein Essen wie heute tut gut.“

Joana zu Susan gewandt: „Kochst du noch?“

Susan: „Nur am Sonntag. In der Woche isst jeder draußen oder zuhause, dann wenn er Hunger hat. Gemeinsame Essens­zeiten sind nicht organi­sierbar. Außerdem will ich mir den Stress von Beruf und Haushalt nicht antun, entweder oder. Sonntags helfen alle in der Küche mit.“

David: „Das ist der Trend. Essen, wenn man Hunger hat, am Arbeits­platz, vor dem Fernseher, im Auto, alles aus der Tüte, aus der Dose. Manche Menschen haben immer Hunger.“

Joana: „Ohne jemandem einen Vorwurf machen zu wollen, aber ist das nicht ein Kulturverfall?“

Susan: „Willst du uns Frauen wieder an den Herd bringen?“

Joana: „Dann würde unsere Wirtschaft zusam­men­brechen. Das geht gar nicht mehr.“

Hirschberg: „Das ist in Deutschland genauso. Immer mehr Frauen sind berufs­tätig. Und bei den meisten ist das dann letztlich eine Entscheidung gegen Kinder. Denn sie merken, dass der Job sie hundert­pro­zentig fordert.“

Susan: „Kinder fordern hundert Prozent. Karriere fordert hundert Prozent. Bis jetzt war ich für unsere Kinder da, nun will ich beruflich vorwärts kommen.“

David zu Hirschberg: „Versucht man in Deutschland nicht, den Frauen beides, Familie und Beruf, gleich­zeitig zu ermöglichen?“

Hirschberg: „Es gibt Mutter­schafts­urlaub, Babyjahr, Erzie­hungs­pause und ein Recht auf Halbtagsjobs, geplant sind Kinder­be­treu­ungs­stätten – alles unter dem Motto, dass die Mütter entlastet werden müssen. Aber der Karriere-Knick lässt sich so nicht vermeiden. Die Frauen sind weder hundert­pro­zentig im Unter­nehmen engagiert, noch hundert­pro­zentig für ihre Kinder da. Die Priori­täten lauten: 1. Beruf, 2. Kinder. Nicht umgekehrt.“

David: „Fehlt der Haushalt. Denn Ehe und Familie ohne Haushalt gibt es nicht. Essen, trinken, sich kleiden, in Sauberkeit und einer gewissen Ordnung leben, diese Grund­be­dürf­nisse lassen sich nicht wegra­tio­na­li­sieren. Die Sklaven­zeiten, in denen man dafür ausrei­chend Personal hatte, sind vorbei.“

Hirschberg provo­zierend: „Gibt es hier denn nicht Haushalts­hilfen aus den unteren Klassen?“

David fragte zurück: „Ich habe gehört, bei euch haben die jungen karrie­re­be­wussten Frauen und Mütter alle Putzfrauen aus den Ländern Osteu­ropas, meist illegal. Stimmt das?“

Hirschberg: „Nicht nur aus Osteuropa, auch aus Fernost. Unsere Frauen wollen ihren Feier­abend genauso haben wie ihre Männer. Beine hoch und Chiptüte in die Hand.“

Joana: „Das ist hier nicht anders, mit der Folge, dass die Menschen verfetten. Es gibt immer mehr dicke Amerikaner.“

Hirschberg: „In modernen Wohnungen gibt es keine Küche mehr, nur noch eine Anrichte.“

Peter: „Wo soll das hinführen?“

Joana: „Zur haushalt­losen Gesellschaft.“

David: „Aber Kinder brauchen ein zuhause, nicht nur ein mit Spielzeug vollge­stopftes Kinderzimmer.“

Joana: „Die unbehauste Gesell­schaft wird kinderlos sein.“

Peter: „Dann sind die Deutschen ja schon auf dem Weg dorthin.“

David: „Die Deutschen müssten es eigentlich wissen: Ehe und Familie sind Kulturleistungen!“

 

Joana: „Diese Behauptung werden die deutschen Frauen vermutlich als reaktio­näres Männer­ar­gument ablehnen. Ehe und Familie sind für sie Insti­tu­tionen Jahrhun­derte langer Frauen­un­ter­drü­ckung, von der sie sich endlich befreit haben.“

Peter: „Aber die Single-Gesell­schaft, in der jeder indivi­dua­lis­tisch durch sein Leben vagabun­diert, ist doch keine Alternative.“

David: „Unsere Famili­en­kultur stammt aus der jüdisch-christ­lichen Tradition. Ihre Auflösung macht uns nicht freier, sondern staats­ab­hängig. Die gesell­schaft­liche Grund­struktur geht verloren, ohne die wir nicht lebens­fähig sind.“

Joana: „Mit den staat­lichen Fürsorge-Einrich­tungen läuft das Single-Leben doch. Die Medien bedienen uns mit Vorbildern und Verhal­tens­mustern. Die Wirtschaft überschwemmt uns geradezu mit Gütern und Dienst­leis­tungen aller Art, bei deren Herstellung wir das Geld verdienen, das wir zu ihrem Kauf brauchen. Was läuft da schief?“

Peter: „Kritiker werfen uns Werte­verfall und Konsum­rausch vor.“

Joana: „Muss man die ernst nehmen?“

Hirschberg: „Ich glaube schon, dass man ernst nehmen sollte, was beispiels­weise von arabi­schen Völkern als westliche Dekadenz empfunden wird. Es ist sicher kein Zufall, dass bei diesen Völkern die Famili­en­kultur ungebrochen ist – bei einigen dieser Völker bis in die Staatsform hinein.“

David zu Hirschberg: „Jo, damit haben Sie den Hinweis auf die Alter­native gegeben. Die arabische Famili­en­kultur, in die heutige Zeit gehoben – darin sähe ich eine neue Möglichkeit für den Westen.“

Joana: „In dieser Alter­native wird sich aber keine westliche Frau von heute wieder­finden wollen.“

David: „Damit sie es doch kann, sagte ich: in die heutige Zeit gehoben.“

Peter sah auf seine Uhr, gab Susan ein Zeichen, die beiden standen auf, erklärten, sie müssten jetzt leider fahren, und verab­schie­deten sich. Die anderen nutzten die Gelegenheit, sich etwas zu bewegen. Die Fenster wurden geöffnet, um frische Luft herein zu lassen. Joana war irgendwo im Haus unterwegs. Als sie zurückkam, brachte sie ein paar Getränke zur Auswahl und meinte: „Man soll nicht dauernd etwas essen, deshalb biete ich keine Chips an, aber man soll mindestens zwei Liter pro Tag trinken.

Draußen dämmerte es. John schloss die Fenster wieder, schaltete ein paar Lampen an und legte im Kamin Holz nach. Man zog die Sessel näher ans Feuer heran und setzte sich wieder. Noch im Setzen wandte sich Joana an David: „Islamische Famili­en­kultur, in die heutige Zeit gehoben – das musst du mir erklären.“

David: „Jede Ehe- und Famili­en­kultur als tragende Form der mensch­lichen Gesell­schaft hat nur Bestand, wenn ihre Regeln absolute Gültigkeit haben. Daher kennen wir aus der Bibel und von islami­schen Völkern heute noch die Todes­strafe durch Steinigung. Das sind für uns keine zeitge­mäßen Straf­vollzüge, aber sie zeigen, dass die Alten wussten, dass sie sich ohne harte Strafe als Volk in Gefahr gebracht hätten. Im Johannes-Evangelium sagt Christus, als man ihm eine Ehebre­cherin vorführt: ‚Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein’. Als alle gegangen sind, sagt er zu ihr: ‚Tu es nicht nochmal!’ Das heißt doch zweierlei: Erstens: Trotz Steinigung werden die Gesetze zu Ehe und Familie nicht einge­halten; zweitens: Trotzdem soll sie jeder einhalten. Im Alten Testament heißt es: ‚Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.’“

Joana: „Du kennst die Logik, dass Gesetze, die keiner hält, abgeschafft werden sollten.“

David: „Gott kommt ohne die zehn Gebote aus, aber die Menschen nicht. Denn die müssen in ihrer Unvoll­kom­menheit zusam­men­leben, wenn sie überleben wollen. Und dieses Zusam­men­leben ist nur nach bestimmten Regeln möglich, unter anderem durch das Zurück­drängen des Ehebruchs auf ein Maß, das den Bestand eines Volkes nicht gefährdet. Die strengen Regeln im Alten Testament, die rigorose Verur­teilung des Ehebruchs im Neuen Testament haben den Zweck, das Volk in Zahl und Substanz wider­stands­fähig zu halten. Nichts anderes.“

John: „Aber diese Regeln kann man doch nicht für alle Völker und für alle Zeiten verbindlich vorschreiben.“

David: „Nein. Und das ist auch nicht geschehen. Christus hat in die Situation der Gesell­schaft hinein gesprochen, in die er geboren wurde. Der Grundsatz der absoluten Gültigkeit bezieht sich auf die von einem Volk jeweils entwi­ckelte Ehe- und Famili­enform, nicht auf eine für alle Völker und Zeiten vorge­gebene Form. Ich habe bisher nicht gehört, dass die Katho­lische Kirche die Ehe- und Famili­en­kultur der islami­schen Völker verur­teilt hätte.“

Hirschberg: „Habe ich richtig verstanden? Es geht nicht um die konkrete Ausge­staltung von Ehe und Familie, sondern darum, die als Kultur­leistung gefundene Form als Fundament der Gesell­schaft stabil zu halten.“

David: „Das wollte ich sagen. Es ist unerheblich, ob diese Kultur­leistung monoga­misch, polyga­misch, patri­ar­cha­lisch oder matri­ar­cha­lisch angelegt ist. Aber sie muss den Zweck des Überlebens als Gruppe gewähr­leisten, wozu die Einhaltung der Regeln unabdingbar ist. Mensch­liches Überleben ist nicht nach Lust und Laune organisierbar.“

John: „Ich glaube, ich sitze in einer Vorlesung.“

Joana: „Niemand zwingt dich zu bleiben.“

Der Sohn: „Schon gut, ich bleibe.“

David: „Wir machen ein Seminar. Einver­standen? Jeder gibt ein kurzes Statement zu folgender Frage ab: Läuft in den westlichen Gesell­schaften etwas schief? Joana?“

„Immer mehr Ehen werden geschieden.“

Hirschberg: „Es gibt immer mehr allein erzie­hende Mütter.“

John: „Jugend­liche laufen Amok.“

David: „Nicht jede Frau, die ein Kind bekommt, ist fähig, es zu erziehen.“

Joana: „Die neuen Partner­schaften geschie­dener Mütter und Väter führen zu Patchwork-Familien.“

Hirschberg: „Die alten Menschen leben nicht mehr in Familien, sondern warten in Alten­heimen auf ihren Tod.“

David: „Die Familie als konstanter Bezugs­punkt für das ganze Leben fällt aus.“

Joana: „Statt dessen zerfällt das Leben in Phasen und Abschnitte, die mit verschie­denen Partnern durchlebt werden.“

Hirschberg: „Unter Liebe werden Schmet­ter­linge im Bauch und Sex verstanden.“

Joana: „Die Vergnü­gungs­in­dustrie beherrscht die Sexualität.“

John: „Die Schön­heits­chir­urgen haben Hochkonjunktur.“

Joana: „… weil die äußere Erscheinung den Selbstwert bestimmt.“

John: „Es gibt immer mehr und immer aufdring­li­chere Schwule und Lesben.“

Hirschberg: „Schmerz, Leid, Alter, Krankheit und Tod werden ausge­klammert, versteckt, tabuisiert.“

Joana: „Die Medien mit ihrem Hang zum Überstei­gerten, zur Sensation, zum Auffäl­ligen, zum Irrealen, zum Brutalen liefern die Verhal­tens­muster und den Orientierungshorizont.“

David: „Danke. Das wäre es für heute. Beim nächsten Mal werden wir uns mit den Konse­quenzen aus diesen Feststel­lungen beschäf­tigen und, falls wir Probleme oder Fehlent­wick­lungen sehen, nach Lösungs­an­sätzen suchen.“

Mit diesem ‚Seminar‘ endete der Ausflug.

Hochzeit auf der Baustelle

… das Fundament des Glaubens … Oase der Ruhe, der Besinnung, des Gebets
… die Tochter zum Altar geführt … Liebe überwindet die Unvollkommenheit

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen packte Hirschberg seine Sachen, bedankte sich, lud zum Gegen­besuch ein und verab­schiedete sich nach Los Angeles. Während des Flugs kehrte Hirschberg mit seinen Gedanken zurück zum gestrigen ‚Kamin-Abend‘. Die Fortsetzung des Seminars würde er gerne mitmachen. Gardner war ein großar­tiger Lehrer, der es verstand, seine Schüler zu eigenem Denken anzuregen.

Gestern Abend noch hatte er mit Katha telefo­niert. Zeitweise schwiegen sie, hörten nur ihren Atem. Und dann fiel ihnen immer noch etwas ein, was sie sagen wollten. Heute Morgen rief er vor dem Abflug Hannelore an, um ihr seine Ankunftszeit mitzu­teilen. Sie war voller Freude: „Alle erwarten dich! Bis nachher! Guten Flug! Ich liebe dich!“

Hirschberg sah aus dem Kabinen­fenster. Unter ihm die weite Landschaft des Mittleren Westens.

Hannelore und Bob und seine jüngste Schwester Jennifer empfingen Hirschberg in Los Angeles. Auf der Fahrt zu Kligers Villa am Mulholland Drive saßen Vater und Tochter im Fond des Wagens. Sie erzählte ihm von den Hochzeits­vor­be­rei­tungen. Er solle sich auf einige Überra­schungen gefasst machen. Jennifer habe es übernommen, seine Hostess zu sein.

Jetzt saß Hirschberg in einem der Gäste­zimmer der Kliger-Villa am Schreib­tisch und versuchte, sich zu konzen­trieren. Als Braut­vater sollte er am nächsten Tag während des Hochzeits­mahls eine Tischrede halten. Aber was sollte er sagen? Eine stimmungs­volle, zu Herzen gehende Rede sollte es sein. Nicht allzu lang. Anschaulich, mitreißend. So hatte es sich Hannelore gewünscht. Es kämen etwa 600 Gäste.

Die Rede war natürlich frei zu halten. Da konnte man wohl kaum mit Manuskript in der Hand am Tisch stehen und vorlesen. Sich der Intuition des Augen­blicks zu überlassen, war nicht gerade seine Stärke. Eine gute Vorbe­reitung war nötig. Ein Anspruch, den zu erfüllen, er sich schwer tat. Also ging es darum, etwas zu Papier zu bringen und sich dann einzuprägen.

Zunächst sammelte er Stich­worte. Kindheit und Jugend der Braut, die Zusam­men­ge­hö­rigkeit Europas und Amerikas, Heraus­for­de­rungen einer Ehe heute, den anderen verstehen und unter­stützen, Kinder bekommen und erziehen, Gebor­genheit in der Familie, das Fundament eines gemein­samen Glaubens, die Notwen­digkeit der täglichen Anstren­gungen, Freude und Leid mitein­ander teilen, in guten und in schlechten Tagen zuein­ander stehen, Konflikte bewäl­tigen, die Unvoll­kom­men­heiten der Welt liebevoll überwinden.

Wenn er das alles ausführen würde, wäre das keine Tischrede mehr, sondern eine Vorlesung. Wichtig war, dass er seine Gedanken anhand von Beispielen, Geschichten und Episoden veran­schau­lichte. Aber ihm fiel nichts ein. Er war blockiert. Die Fülle der Ereig­nisse in den letzten Tagen und Wochen überschwemmte sein Gehirn. Weiter vor dem weißen Blatt sitzen – den Frust wollte er sich nicht antun. Deshalb ging er in die Küche im Erdge­schoss, nahm sich Apfelsaft aus dem Kühlschrank, wanderte mit dem Glas nach draußen in den Park und setzte sich auf eine der Stein­bänke an den Wasserspielen.

Jennifer entdeckte ihn und kam zu ihm. Sie machte ihn mit dem Programm vertraut. Die kirch­liche Feier finde – er solle nicht erschrecken – auf einer Baustelle unter freiem Himmel statt. Aber das sei keine gewöhn­liche Baustelle, sondern dort werde die neue Kathe­drale von Los Angeles gebaut. Die alte Kathedral-Kirche, St. Vibiana, habe so starke Erdbe­ben­schäden erlitten, dass man sie habe aufgeben müssen. Der Kardinal, ein Freund der Familie, habe zunächst befremdet reagiert, als sie mit der Idee, auf der Baustelle die Braut­messe feiern zu wollen, zu ihm gekommen seien. Dann aber habe er Gefallen an dem Vorschlag gefunden und auch der Bitte entsprochen, die Trauung vorzu­nehmen und die Messe zu zelebrieren.

Nach der Messe würden die Famili­en­mit­glieder und die engsten Freunde raus zur Ranch fahren, wo es ein Festmahl gebe. Und noch etwas: Garderobe für ihn, den Braut­vater, hinge in großer Auswahl im Kleider­schrank seines Zimmers. Hannelore habe die Auswahl zusam­men­ge­stellt. Alle Anzüge und Hemden etc. stammten aus einem Fundus in Hollywood. Sicherlich würde er etwas Passendes finden.

Jennifer bot ihm an, sie zu begleiten, wenn sie gleich zur Baustelle fahre. So entkam er seinem weißen Blatt Papier. Ein großer freier Platz war bereits geschaffen worden. Umgeben von Bauma­terial und allerlei Maschinen und Gerät. Arbeiter waren dabei, an der Stirn­seite ein Podest aufzu­bauen. Offenbar sollte hier der Altar­be­reich angelegt werden. Lastwagen mit Sitzbänken fuhren vor und wurden entladen. Mitten auf dem Platz stand einer von Jennifers Brüdern zusammen mit einem der Bauleiter. Sie besprachen einen Plan, den sie gemeinsam in Händen hielten, mit der jeweils freien Hand auf das eine oder andere zeigend.

Jennifer ging auf die beiden zu. Hirschberg kannte den Bruder vom Frühstück her. Dick begrüßte ihn mit großer Freund­lichkeit und erläu­terte ihm kurz den Plan. Die Vermutung war richtig: Auf dem Podest sollten ein Altar, ein Ambo, die Kniebänke und Stühle für das Brautpaar aufge­stellt werden. Vorge­sehen waren auch ein Baldachin über dem Altar, ein Sessel für den Kardinal und Stühle für weitere Priester und die Minis­tranten. Ausge­schmückt werde der Altarraum mit großen Kerzen­ständern und Blumen­kübeln. Dann entschul­digte sich Dick, er habe noch eine Menge zu erledigen. Er wandte sich noch kurz seiner Schwester zu und dankte ihr für die angebotene Hilfe, doch es gäbe für sie nichts zu tun. Sie könne Hirschberg doch das Modell der künftigen Kathe­drale zeigen. Ob er das sehen wolle, fragte sie. Ja, das inter­es­siere ihn.

Auf dem Weg zum Infor­ma­ti­ons­pa­villon erzählte sie ihm, wie es zu diesem Standort gekommen war. Das Grund­stück hätte seit Genera­tionen der Familie gehört. Schon der Großvater habe es bebauen wollen. Als die Diözese einen geeig­neten Bauplatz für die neue Kathe­drale gesucht habe, hätte man es dem Kardinal geschenkt. Im Zentrum der Stadt, so sagte sie, wo die Verwal­tungs- und Kultur­ein­rich­tungen angesiedelt seien, dort wollte auch der Kardinal mit seiner Kirche präsent sein – gut erreichbar gelegen direkt am Hollywood-Freeway. Entstehen sollte eine Oase der Ruhe, der Besinnung, des Gebets. So habe es der Kardinal bei der Grund­stein­legung gesagt.

Der Plan des spani­schen Archi­tekten Moneo sah einen Sakralbau mit klaren Struk­turen vor. Kein moder­nis­ti­scher Bau. Aber auch nicht die Übernahme europäi­scher Kirchenbau-Tradition. Eine starke Ausprägung der Kreuz-Symbolik. 3000 Menschen sollten im Kirchen­schiff Platz finden. Erlesene Materialien, nicht nur bei den Bausteinen, sondern auch beim Ausbau, beispiels­weise Bronze für die Türen und Alabaster für die Fenster. Der sakra­mentale Charakter des Bauwerks solle künst­le­risch eindrucksvoll zu erkennen und zu erleben sein.

Hirschberg sah auf die Uhr, es war bald Mitter­nacht, also in Deutschland schon Morgen. Katha müsste noch im Haus sein. Er griff nach seinem Handy und meldete sich mit „Hier bin ich.“ Ob er denn von dem vielen Reisen und der Zeitum­stellung nicht müde sei, wollte sie wissen. Sie freue sich auf seine Rückkehr. Und viel Post warte auf ihn, ein ganzer Karton voll. Die Zeitungen und Zeitschriften stapelten sich schon. Auch der Anruf­be­ant­worter sei voller Rückruf­bitten. Er sagte trocken: „Da möchte ich aber lieber nicht zurückkommen.“

Irgendwie klang sie anders. Er bohrte, ob etwas vorge­fallen sei. Nein, alles gehe seinen normalen Gang. Aber das hörte sich gespielt an. Ihre Stimme klang, als läge Mehl drauf. Ob sie im Stress sei? Ja, etwas. Ihre Mutter sei da gewesen. Gestern. Und weil sie viel mitein­ander geredet hätten, habe sie ihre Vorlesung versäumt. Den Stoff müsse sie nun nachholen. „Wie laufen denn die Vorbe­rei­tungen für die Hochzeit?“, lenkte sie zurück zu ihm. „Die Hochzeit findet auf einer Baustelle statt!“ „Wie bitte?“ „Du hast richtig gehört: Die Trauung findet auf einer Baustelle statt. Und der Kardinal von L.A. wird die Braut­messe zelebrieren.“ Wie er denn mit seiner neuen Verwandt­schaft klar käme? „Problemlos. Ich habe ein eigens für mich abgestelltes Famili­en­mit­glied als Hostess, die jüngste Schwester von Bob.“

Hannelore kam ins Zimmer, sah, dass er telefo­nierte. Mit Gesten, die bedeu­teten „Nicht stören lassen“, kam sie leise auf ihn zu, gab ihm einen Kuss, flüsterte „Alles ist okay. Gute Nacht!“ und verschwand wieder. Ins Telefon: „Entschuldige, Hannelore kam gerade ‚Gute Nacht‘ sagen. Worüber sprachen wir? Ach ja, meine Hostess. Morgen muss ich beim Festbankett eine Tischrede halten, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mir fällt nichts ein.“ Sie fragte nach Hanne­lores künftiger Schwie­ger­mutter. „Ja, Mutter Kliger ist mir sehr sympa­thisch, sie macht einen sehr warmher­zigen Eindruck.“ Auf weitere Fragen: „Ich sitze überall mit in der ersten Reihe. Ungewohnt. Ich bin eher ein Kulissenmensch.“

„Freust du dich etwa nicht?“

„Über das Ereignis ja. Aber unter so vielen Menschen, die alle gleich­zeitig reden ‚..“

„Ich weiß, du liebst die Natureinsamkeit.“

„Da fühle ich mich wohler.“

„Hannelore ist sicher sehr aufgeregt. Sie braucht deinen väter­lichen Beistand.“

„Bob und ihre künftige Schwie­ger­mutter geben ihr, wie sie mir gestern noch gesagt hat, großen Halt. Sie ist total glücklich.“

Er wollte das Gespräch nicht weiter in die Länge ziehen und kam deshalb zum Schluss: „Ich wünsche dir einen schönen Tag. Wenn du nichts mehr von mir hörst, verläuft alles wie geplant. Pass auf dich auf!“

Am Hochzeitstag schien – wie sollte man in Los Angeles auch etwas anderes erwarten – die Sonne vom strahlend blauen Himmel. An der Spitze des Festzuges, nach den Braut­jungfern, hatte Vater Hirschberg seine Tochter zum Altar geführt, eine weiße Licht­ge­stalt. Hinter ihnen Mutter Kliger und Sohn, ein strah­lender Held. Jetzt kniete das Brautpaar vor den Altar­stufen auf seinen Betstühlen. Hirschberg mit den Eltern Kliger und weiterer Verwandt­schaft in der ersten Reihe dahinter. Die Zeremonie nahm ihren Lauf. Der Kardinal nahm den beiden das Ehever­sprechen ab, sie gaben sich das Ja-Wort, steckten sich gegen­seitig die Eheringe an und der Priester Gottes segnete den Bund. Applaus brandete auf. Es folgte die Predigt des Kardinals.

Nach der Begrüßung und der humor­vollen Erzählung der Geschichte, wie es dazu kam, dass Trauung und Braut­messe hier auf diesem Bauplatz gefeiert würden, wandte er sich an das Brautpaar.

„Ich möchte euch beiden einige grund­sätz­liche Wahrheiten auf euren nunmehr gemein­samen Lebensweg mitgeben.

Der gezeugte Mensch ist vom ersten Moment an Mensch, aber nur im Mutterleib lebens­fähig. Nach seiner Geburt muss er die Liebe seiner Eltern spüren, sich umsorgt und geborgen fühlen. Er erfährt schon als Säugling die Menschen, an denen er hochwächst, als Mann und Frau. Ohne Eltern kann der Mensch nicht in die Welt hinein­wachsen. Die Reihen­folge des Lebens lautet: Gott – Eltern – Kind.

Gott beteiligt den Menschen als Vater und Mutter an seiner Schöpfung. Eltern zeugen Menschen. Das ist ein biolo­gi­scher, ein gesell­schaft­licher und ein kultu­reller Vorgang. In ihrer zwar Gott ähnlichen aber nicht Gott gleichen Freiheit können Eltern nicht den vollkom­menen Mensch schaffen. Der Mensch braucht das Vorbild des Vaters und der Mutter und er muss erzogen werden. Doch alle Eltern machen Fehler. Auch ihr werdet Fehler machen. Denn ihr seid weder allwissend noch allmächtig, weder allge­gen­wärtig noch allzuständig.

Gott ist die Liebe. Auch wir Menschen, Gott mit Geist und Seele ähnlich, können lieben – aber wiederum nur unvoll­kommen. Doch: Je mehr wir lieben, um so erträg­licher wird unsere Unvoll­kom­menheit. Liebe überwindet die Unvoll­kom­menheit. Das Geheimnis einer lebens­langen Ehe ist die alle Unvoll­kom­men­heiten überwin­dende Liebe.“

Im weiteren Verlauf seiner Predigt ging der Kardinal sowohl auf die Freuden als auch die Leiden einer Ehe, auf die Heraus­for­de­rungen und die Gefähr­dungen ein. Er kam zum Schluss:

„Lasset uns beten: Gott, du hast das Menschen­ge­schlecht dir ähnlich geschaffen. Du betei­ligst uns an deiner Schöpfung durch die Zeugungs­kraft, die du uns als Mann und Frau gegeben hast. Gib uns die Einsicht und den Willen, unserer Verant­wortung gerecht zu werden, die wir als deine Mitschöpfer zum Heil der Menschen tragen!“

Die Hochzeits­messe nahm ihren weiteren Verlauf. Mehrere Zelebranten waren um den Altar versammelt. Darunter auch ein Priester, der aus dem Kliger-Clan stammte. So verstand Hirschberg jeden­falls Mutter Kliger, als sie ihm etwas zuflüs­terte. Der Kardinal stamme aus L.A., aus Hollywood, sei Freund der Familie – das wusste er schon. Und dann spannte sie einen kleinen hübschen Schirm auf, über den er schon gerätselt hatte, warum um Himmels willen sie ihn bei sich trüge. Jetzt war es klar: als Schutz gegen die mittler­weile im Zenit stehende Sonne. Er erbot sich, den Schirm zu halten – nicht ganz uneigen­nützig. Denn so konnte auch er etwas Schatten abbekommen. Ein paar andere Frauen, schon ältere Jahrgänge, hatten eine ähnliche Requisite mitge­bracht. Das waren keine klugen Jungfrauen, aber kluge, schon etwas ältere Damen.

Hirschberg genoss die Szene: Schöne neue Welt in herrlichem Sonnen­schein, riesige Baustelle mitten in dem uferlosen Los Angeles, Messfeier auf einer freige­räumten Fläche so groß wie mehrere Tennis­plätze, umgeben von aufge­türmtem Bauma­terial, von Zement­silos und hochragenden Baukränen, aufgebaut eine perfekte Dekoration zum festlichen Anlass, Menschen in präch­tiger Kleidung wie zur Oskar­ver­leihung – und er in der Rolle des Braut­vaters. Das alles kam ihm traumhaft vor.

Hochzeitsfeier

… die Band spielt Musicalmelodien … Krönungskirche der deutschen Könige
… Hirschberg hat das Wort … Vaters Ratschläge … Hannelore ist glücklich

Zum Hochzeitsmahl auf der Ranch fuhr ein Autokonvoi, die meisten Wagen mit weißen Bändern und weißem Flor an den Antennen geschmückt. Mitten drin in einem Kabriolett Bob und Hannelore, am Steuer einer von Bobs Brüdern. Der Wagen war mit Blumen­gir­landen geschmückt. Hirschberg saß im Wagen von Jennifer unter lauter jungen Leuten. Es ging über den Golden State Freeway nach Norden, in gemäßigtem Tempo auf der ganz rechten Spur.

Nachdem die Gäste angekommen waren, begann im Foyer des Herren­hauses die Gratu­la­ti­onskur. Hände­schütteln, Küsschen, Glück­wünsche, Geschenke. Freudige Gesichter, Begrü­ßungen, Smalltalk, Glas mit Champagner in der Hand. Hirschberg hielt sich abseits. Schon im Auto rekapi­tu­lierte er die Stich­worte, die ihm für seine Tischrede gestern doch noch einge­fallen waren.

Schließlich wurde zu Tisch gebeten. Gedeckt war in der prunkvoll herge­rich­teten Reithalle. Lange Tisch­reihen, quer dazu an der Stirnwand der ‚Vorstands­tisch‘. Das Buffet hatte Ausmaße, wie Hirschberg sie im Circu­sCircus von Las Vegas schon mal bestaunt hatte. Am ‚Vorstands­tisch‘ nahmen Platz: das junge Ehepaar, Vater Kliger neben Hannelore, Mutter Kliger neben ihrem Sohn, neben ihr Hirschberg, neben Hirschberg der Kardinal, daneben Mutter Kligers Mutter, neben Vater Kliger die Trauzeugen sowie der Priester der Familie, weitere Verwandte und VIPs.

Das Hallentor an der gegen­über­lie­genden Seite stand weit offen. Die Gäste strömten herein. An der Seite neben dem Tor spielte eine Musik­ka­pelle Musical­me­lodien. Dank der Lautspre­cher­anlage ging die Musik im Stimmen­gewirr nicht unter.

Vater Kliger beobachtete den Einzug der Gäste. Als er den Eindruck hatte, dass bis auf ein paar Nachzügler alle saßen, erhob er sich, blickte hinüber zu den Musikern und gab ihnen ein Handzeichen. Mit einem Trommel­wirbel wurde Ruhe im Saal herge­stellt. Er nahm das vor ihm liegende Mikrofon zur Hand, begrüßte die Versammlung und fügte noch ein paar humorige Sätze an. Hirschberg hörte kaum zu. Er dachte vielmehr an die Ansprache, die er gleich halten sollte, nach den Vorspeisen und vor dem Haupt­ge­richt. Vor allen Dingen prägte er sich den Satz ein, mit dem er beginnen wollte. Der Beifall für Kligers Worte holte ihn wieder zurück.

Der Kardinal an seiner linken Seite fragte, aus welcher Gegend Deutsch­lands er käme? Er lebe in Bonn, sei in Aachen geboren. Aachen, da sei er gewesen, sagte der Kardinal. Der Dom sei sehr beein­dru­ckend, ganz anders als der Kölner Dom. Die Atmosphäre sei viel intimer, das Bauwerk mit seinen vielen verschie­denen Bereichen sehr abwechs­lungs­reich. Hirschberg erklärte, der Dom sei über Jahrhun­derte die Krönungs­kirche der deutschen Könige gewesen und verdeut­liche sehr anschaulich das christ­liche Abendland. Es handele sich um eine Wallfahrts­kirche, zu der alle sieben Jahre Pilger aus aller Welt zur Heilig­tums­fahrt kämen. Der Bau sei leben­diger Ausdruck für die Wander­schaft des Volkes Gottes durch die Zeiten.

Ob denn die umfang­reichen Renovie­rungs­ar­beiten mittler­weile abgeschlossen seien, wollte der Kardinal wissen. Nein, die seien noch in vollem Gange. Wie beim Kölner Dom müssten auch in Aachen viele Kriegs- und Umwelt­schäden beseitigt werden.

Hirsch­bergs Gespräch mit dem Kardinal wurde unter­brochen. Was die Herren als Vorspeise haben wollten? Am ‚Vorstands­tisch’ wurde serviert. Der Kardinal wurde von der anderen Seite in ein Gespräch verwi­ckelt. Dann war es soweit: Vater Kliger gab den Musikern erneut ein Handzeichen und dann Hirschberg das Wort. Nach einlei­tenden Worten:

„Gibt es im Leben eines Vaters einen schöneren Tag als den Hochzeitstag seiner Tochter? Wie sollte der Tag übertroffen werden können, an dem seine Tochter in Liebe ihr Leben mit dem eines Mannes verbindet? Was könnte denn zu mehr Glück­se­ligkeit führen als das gegen­seitige Versprechen, in guten wie in schlechten Zeiten fürein­ander da zu sein?“

Er fuhr fort: „Europa und Amerika bilden eine starke Gemein­schaft. Heute haben sich hier eine Frau des immer wieder jungen Europa und ein Mann des noch nie alten Amerika mitein­ander verbunden. Wie sehr die beiden Konti­nente zusam­men­ge­hören, drückt sich in der Redewendung vom großen Teich aus: Nur ein Teich liegt dazwischen.“

Hirschberg wurde ernst: „In Europa lagen bis vor wenigen Jahren die Trenn­linien zwischen Freiheit und Diktatur nur wenige Meter ausein­ander. Die Spaltung der Welt in zwei Blöcke ging mitten durch den Kontinent. Im Westen lebten die Menschen in Freiheit, Frieden und Wohlstand. Im Osten lebten die Menschen in Unfreiheit. In Frieden lebten die Menschen dort nur, wenn sie nicht opponierten. Sonst verur­teilte man sie und steckte sie in Straflager.

Dort im Osten lebte eine junge Frau. Als sich für sie ein Spalt in Richtung Freiheit öffnete, hat sie ihn genutzt und ist sie in den Westen geflohen. Ich habe sie kennen­ge­lernt und gehei­ratet. Sie wurde in Abwesenheit verur­teilt. Ihre Familie blieb jedoch vor Strafen weitgehend verschont, weil ihr Vater als Ingenieur für das Regime unent­behrlich war. Als der Ostblock schließlich zusam­men­brach, der eiserne Vorhang nieder­ge­rissen wurde, gab es auch in ihrer Heimat Freiheit.

Hannelore hat mich gefragt, wie ich denn ihre Mutter kennen­ge­lernt hätte. Das war so: Die junge Frau aus dem Osten hatte während ihrer Studi­enzeit eine Kontakt­adresse in Deutschland bekommen. Über diese fand sie Aufnahme in einer Wohnge­mein­schaft von Studenten. Dort tauchte eines Tages ein junger Mann auf, der sein Studium schon hinter sich hatte. Sie war gerade dabei, Gesichter zu zeichnen, fröhliche Gesichter. Er setzte sich neben sie und betrachtete die Gesichter. Nach einer Weile fragte er sie, ob sie mit auf eine Party kommen wolle. Dort kamen sie mitein­ander ins Gespräch. Sie sonderten sich ab, verließen nach einiger Zeit die Party und gingen in einem nahe gelegenen Park spazieren.“

Er fuhr fort. „Sie entdeckten: Ihre Eltern­häuser waren ähnlich, sie liebten beide die Natur, beide hatten zielstrebig studiert und verstanden, auch die kleinste Freiheit als Chance zu nutzen, ihr Leben selbst­ver­ant­wortlich zu gestalten. In der Folge dieses Abends trafen sie sich immer häufiger, erkannten sie sich immer mehr, wandelte sich das Interesse fürein­ander in Liebe zuein­ander und gewannen sie die Überzeugung, ihr Leben gemeinsam leben zu können.“

Zum Schluss gab Hirschberg drei väter­liche Ratschläge:

„1. Eine glück­liche Ehe gründet darin, dass sich Mann und Frau gegen­seitig erkennen – jeden Tag aufs Neue!

2. Lasst keine Missver­ständ­nisse zwischen euch aufkommen! Redet mitein­ander, bis sie geklärt sind.

3. Toleriert eure Verschie­den­ar­tigkeit! Ertragt eure Unvoll­kom­menheit! Bettet euch in Liebe!

Erheben Sie sich bitte von Ihren Plätzen! Erheben Sie Ihr Glas und trinken Sie mit mir auf Hannelore und Bob!“

Mutter Kliger bedankte sich bei Hirschberg. Das sei eine wunder­schöne Rede gewesen. Und wie er seine Frau kennen­ge­lernt habe, sei ja gerade weltge­schicht­liche Symbolik. Hirschberg fragte, wie sie denn ihren Mann kennen­ge­lernt habe. Das sei eine völlig unroman­tische Geschichte. Sie habe in der Anwalts­kanzlei ihres Vaters gearbeitet. Die Kligers gehörten zu ihren Klienten. Da sei man sich öfters begegnet und eines Tages habe es zwischen ihnen gefunkt – hätten sie sich erkannt, wie er es so schön formu­liert habe.

Das Essen zog sich hin. Vor den Nachspeisen gab es noch eine weitere Ansprache. Dann endlich, zur Freude Hirsch­bergs, wurde die Tafel aufge­hoben, konnte er sich die Beine vertreten. Mutter Kliger sagte ihm, er solle mit zur Terrasse kommen, dort sei jetzt Fototermin. Während der gesamten Feier­lich­keiten war schon fotogra­fiert und gefilmt worden, aber jetzt sollten die offizi­ellen Hochzeits­fotos gemacht werden: das Paar allein, das Paar mit Eltern Kliger und Hirschberg, Hannelore mit ihrem Vater, Bob mit seiner Mutter, Bob mit seinen Eltern, die ganze Kliger-Familie plus Hirschberg, das Paar mit Eltern und Kardinal – es nahm kein Ende. Auf einem der Fotos: Sie hatte beim Kuss die Bibel in der Hand, er den Schiffs­kompass – Hirsch­bergs Hochzeitgeschenke.

Hannelore nahm den Vater beiseite und sagte ihm, dass sie sich jetzt mit Bob zurück­ziehen werde. Sie würden sich umziehen und dann zum Flughafen fahren. Von Hawaii aus werde sie ihn in den nächsten Tagen anrufen. Übrigens: „Deine Ansprache war großartig.“

Am späten Abend zurück in der Villa von Kligers fiel Hirschberg erschöpft ins Bett. Jetzt war sie unter der Haube, dachte er. Noch ein Gebet, dass ihr ein glück­liches Famili­en­leben gelinge, und dann freute er sich nur noch auf seine Heimkehr.

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