10.
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Ankunft in Rio 

… wieder Zugang zueinander finden … Schweiß stand ihm auf der Stirn …
lauschte in die Nacht von Rio … eine bange Frage …

Das Wieder­sehen von Vater und Sohn auf dem Flughafen von Rio war verhalten herzlich. Zwar hatte Hirschberg den Sohn nicht gleich wieder­erkannt, aber der Sohn hatte ihn sofort erkannt. Sie umarmten sich stumm. Lange hielt der Vater den Sohn fest in seinen Armen, ließ ihn nicht los. Er hatte Tränen in den Augen. Dann wechselten sie die ersten Worte. „Du siehst gut aus.“, sagte der Vater. „Du hast dich kaum verändert.“, meinte der Sohn.

Es dauerte einige Zeit, bis sie den Wagen von Thomas erreicht hatten und aus dem Flugha­fen­ge­schiebe heraus waren. Sie fuhren stadt­ein­wärts. Da es schon Abend war, schlug Thomas vor, zu einem ihm bekannten Restaurant zu fahren und dort bei einem Essen auf ihr Wieder­sehen anzustoßen.

Die beiden Männer gingen sehr vorsichtig mitein­ander um. Keiner wollte dem anderen zu nahe treten. So sehr Hirschberg sich auf diesen Moment gefreut hatte – jetzt war er gehemmt. Da saß ein braun gebrannter statt­licher Mann vor ihm, der Selbst­si­cherheit ausstrahlte. Seinen Vater, der von der Reise gestresst war, sah er freundlich lächelnd an. Dann fragte er nach seiner Schwester Hannelore. Das ersparte beiden, von sich selbst bereits jetzt etwas zu erzählen. Nach der langen Zeit, die sie mittler­weile vonein­ander entfernt lebten, mussten sie erst wieder Zugang zuein­ander finden. Dazu konnte man nicht direkt aufein­ander losgehen.

Also erzählte Hirschberg von der bevor­ste­henden Hochzeit in Los Angeles und was er alles über die Kligers wusste. Auch andere Themen wie die Verän­de­rungen in Bonn aufgrund des Haupt­stadt­wechsels inter­es­sierten Thomas. Schließlich redete Thomas dann ungefragt über seine Arbeit, die recht spannend sei, von Rio, dieser Stadt, die ihn faszi­niere, von den netten Kollegen, die aus aller Welt hierher gekommen seien. Es sei ein irres Glück gewesen, den Job bei diesem Institut bekommen zu haben.

Der Vater fragte kaum etwas. Die Frage nach Frau und Kind unter­drückte er, obwohl sie ihm ständig in den Sinn kam. Während der Pubertät seiner Kinder hatte er gelernt, dass man sie erzählen lassen muss und nicht abfragen darf, wenn man etwas erfahren will. Fragen, die noch so lieb und fürsorglich gemeint sein mochten, wurden – so hatte er kapiert – als bedrängend empfunden. Die Jugend­lichen machten zu, blockten ab, benutzten Ausflüchte oder gar Lügen.

Nach dem Essen fuhren sie noch etwas durch die Stadt, dieses brodelnde Rio, voller Autos, voller Menschen, voller Lärm und voller Rhythmus, voller Gestank und voller Düfte. Dann bogen sie ab in ruhigere Straßen und kamen zu einem Altbau noch aus Koloni­al­zeiten, als hier wohl eine Villen­gegend war, wie Thomas erklärte. Bei Tages­licht wäre die Stadt noch viel beein­dru­ckender. Dann sähe man von den Favelas nicht nur die Lichter an den Hängen, sondern die herrliche Landschaft, in die diese Stadt einge­bettet sei. Man sähe die Wahrzeichen, den Corcovado und den Zuckerhut, die Buchten mit den berühmten Stränden, die Parks, die Monumente, das alte Stadt­zentrum. Wer zum ersten Mal in Rio sei, der fahre am besten erst mal auf den Corcovado, um sich alles von oben anzusehen. Der Ausblick sei grandios.

Im Haus angekommen, ging Hirschberg sogleich ins Bett. Er war hundemüde. Doch er hatte kaum zwei oder drei Stunden geschlafen, als er von Magen­schmerzen geplagt wach wurde. Ihm war elend. Schon bald rannte er zum Klo, um sich zu übergeben. Das ganze Abend­essen kam zurück. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er fror. Der nächste Schub. Ein furcht­barer Geschmack. Reste, die im Mund geblieben waren, spukte er hinterher. Für einen Moment gab der Magen Ruhe, dann begann erneut das Pumpen und der nächste Schub platschte in die Schüssel. Überall hingen Speise­reste. Der scharfe Geruch überdeckte den des Duftspenders, der am Rand hing. Seine Nase war gereizt, sie begann zu laufen. Eine gräss­liche Situation. Und sicherlich hatte er Thomas und das ganze Haus geweckt.

Die Schübe ebbten ab, aber noch gab der Magen keine Ruhe. Jetzt kam kein Essen mehr, sondern Magen­flüs­sigkeit, gelb, bitter schme­ckend. Er kam kaum auf die Beine, spülte über dem Wasch­becken den Mund mit Wasser aus, kniete sich wieder vor die Schüssel, weil der Magen sich erneut umstülpte. Er setzte sich auf den Boden. An die Wand gelehnt, ließ er den Kopf nach vorne fallen, versuchte, sich zu entspannen. Nach einer Weile, der Magen hatte Ruhe gegeben, wechselte er auf die Knie, rutschte zur Tür, zog sich an der Türklinke hoch, machte die Tür vorsichtig auf und wankte durch die Diele seinem Schlaf­zimmer zu. Thomas trat aus einem der Zimmer und fragte: „Etwas nicht in Ordnung?“

„Ich habe das Abend­essen nicht vertragen.“ „Kann ich irgendwas für dich tun?“ „Nein, danke. Die Bettruhe wird mir helfen.“

Aber sie half ihm nicht. Nach einer halben Stunde begann der Magen von neuem, sich zu heben, musste Hirschberg wieder zum Klo, brach er gelbgrün. Wieder war der Sohn da und fragte durch die Tür: „Soll ich einen Arzt rufen?“ „Nein, aber wenn du eine Schale hättest!“

Seine Beine waren wie zerschlagen. Nur mit Mühe und sich auf Möbel stützend, kam er zu seinem Bett. Der Sohn brachte eine Schüssel und stellte sie auf den Nacht­tisch. Dann setzte er sich am Fußende aufs Bett. „Tut mir leid.“, sagte er, „das Lokal hat einen guten Ruf, und wir waren schon öfter da, ohne nachher irgendein Problem zu haben.“

Mit schwacher Stimme meinte der Vater: „Wahrscheinlich ist mir der Klima­wechsel auf den Magen geschlagen. Ich hätte nichts oder nur wenig essen sollen. Vor allen Dingen aber hätte ich keinen Alkohol trinken dürfen. Doch nach so vielen Jahren wollte ich mit dir anstoßen. Ich versuche jetzt zu schlafen.“ Thomas erhob sich. „Wenn irgendwas ist, wenn du etwas nötig hast, brauchst du nur zu rufen. Schlaf gut!“

Die Fürsorge des Sohnes tat gut. Aber Hirschberg schämte sich, so jämmerlich zusam­men­ge­brochen zu sein. Was für einen Vater sah der Sohn da! Ein Häufchen Elend. Und das Elend setzte sich fort: Alle zwanzig bis dreißig Minuten hatte er Erbrechen.

Am Morgen goss ihm Thomas einen Kräutertee auf, der beruhigend wirken sollte. Aber postwendend kam der Tee wieder zurück. Der Magen weigerte sich, irgend­etwas anzunehmen. Thomas telefo­nierte und ein Arzt kam. Man sprach Englisch mitein­ander. Die verordnete Medizin wirkte in der Tat beruhigend. Die Inter­valle von Erbrechen zu Erbrechen wurden länger, auch kam weniger.

Hirschberg versuchte aufzu­stehen, sich zu waschen und zu rasieren. Er fühlte sich von den Beinen geholt und hatte mit allem große Mühe. Zurück in seinem Zimmer fiel er völlig erschöpft aufs Bett. Thomas kam und sagte, er müsse jetzt ins Büro, auf der Kommode draußen liege sein Handy und auf dem Zettel daneben stehe die Telefon­nummer, unter der er zu erreichen sei. Dann war er weg.

Es war schon Nachmittag, als Hirschberg im Halbschlaf ein Telefon hörte. Er zwang sich, wach zu werden, und erkannte, dass es sein Handy im Handgepäck neben der Tür war. Schlapp wie er war, ließ er sich aus dem Bett gleiten und stolperte zur Tür. Er brachte ein fast stimm­loses „Ja bitte“ hervor.

Katha: „Ist etwas passiert? Ich versuche seit zwei Stunden, dich zu erreichen.“

Er kroch zurück auf sein Bett und erzählte ihr sein Malheur. Sie tröstete ihn. Morgen sei das sicher schon alles besser und sie werde wieder anrufen. Hirschberg empfand Freude. Da ist ein Mensch, der dich nicht aus dem Auge verliert, der in der Nacht anruft, sich um dich sorgt. Du bist nicht allein.

Gegen Abend kam Thomas. Hirschberg hörte ihn mit einem anderen Mann sprechen. Der Sohn kam durch die offen stehende Tür und fragte: „Wie geht es dir? Besser?“ „Ich bin von den Beinen, der Magen ist ausge­kotzt und der Kopf wie ein rohes Ei.“

In der Zimmertür erschien der zweite Mann, den Hirschberg gehört hatte, und fragte, ob er für drei Personen Abend­essen vorbe­reiten solle. Thomas winkte ihn ans Bett des Vaters und stellte vor: „Das ist Angel. Wir haben uns auf den Philip­pinen kennen­ge­lernt. Jetzt sind wir zusammen hierher gekommen. Er hat eine Zeit lang in Deutschland studiert.“ Shake­hands. Hirschberg: „Nein, ich esse nichts. Ich bin froh, dass der Magen zur Zeit Ruhe gibt.“ Thomas meinte, aber er müsse doch etwas essen, vor allem aber trinken.

Der Vater: „Morgen früh.“ „Versuch doch wenigstens, ein paar Bissen zu dir zu nehmen!“ Hirschberg schwankte, sollte er oder sollte er nicht. Dann: „Könnt ihr mir Apfel­kompott machen?“ Nach einiger Zeit brachte ihm Angel weich gekochte Apfel­stücke. Er zwang sich drei Stücke rein, noch eins, und wartete ab, darauf gefasst, sich wieder über die Schüssel beugen zu müssen. Es ging gut, der Magen behielt die Stücke. Hirschberg schob nach, immer wieder mit Pausen. Trinken mochte er nicht.

Unerwartet kam der Arzt nochmal, zeigte sich über die Beruhigung zufrieden, meinte aber wie Thomas, der Körper brauche dringend Flüssigkeit. Hirschberg bat um Mineral­wasser ohne Kohlen­säure. Er richtete sich auf, lehnte sich gegen die Metall­stäbe des Bettes und nahm einen ersten Schluck. Auch das ging gut. Der Arzt verab­schiedete sich. Wenn etwas sei, solle man anrufen!

Thomas und Angel waren beim Abend­essen. Hin und wieder hörte Hirschberg ihre Stimmen, Geschirr­klappern. Er sah sich in seinem Zimmer zum ersten Mal etwas genauer um. Eine Stehlampe gab spärliches Licht. An der Wand stand ein Kleider­schrank, klobig, massives dunkles Holz. Links von seinem Bett, gegenüber der Tür, ein bunter Vorhang, hinter dem vermutlich das Fenster war. Neben der Tür eine Kommode mit Schub­fä­chern, aus dem gleichen Holz wie der Kleider­schrank. Daneben ein Korbsessel mit hoher Rücken­lehne. Das Bett stand auf einem dicken Teppich. Der Boden war aus breiten Dielen­brettern. An den Wänden, auf der Kommode, dem Fußboden Souvenirs aus aller Welt: Speere, Tierfelle, Fototafeln, Masken, Peitschen, Skulp­turen. Die Luft war stickig, das Atmen fiel schwer. Es roch nach ausge­trock­netem Holz, leicht moderig. Das Klima, die Hitze hatten hier alles fest im Griff.

Leise kam Thomas ins Zimmer. Als er sah, dass der Vater wach war, trat er ans Bett: „Hast du noch einen Wunsch?“

„Es tut mir leid, dass ich dir so viele Umstände mache. Ich hatte mir unser Wieder­sehen anders vorgestellt.“

„Lass gut sein. Morgen geht es sicher schon wieder.“

„Wie habt ihr diese Wohnung gefunden?“

„Wir sind nur vorläufig hier, wir suchen etwas für uns Geeig­netes. Aber dazu braucht man Geduld. Entweder passt die Lage nicht oder es ist zu teuer oder die Räumlich­keiten gefallen uns nicht.“

„Und wer wohnt sonst hier?“ „Ein Kollege, aber der ist für ein Jahr nach Johannesburg.“

Und jetzt platzte es aus Hirschberg heraus: „Und wieso ist deine Familie nicht bei dir?“

„Das erzähle ich dir morgen. Schlaf gut!“ Er wollte weg, aber Hirschberg hielt ihn: „Kann man hier etwas Luft rein lassen?“

„Ach ja, hier hat zwar jeder Raum eine Klima­anlage, aber wir benutzen sie nicht. Wir mögen diesen Tempe­ra­tur­wechsel zwischen draußen und drinnen nicht. Ich habe mich an die warmen Klima­zonen gewöhnt. Ein Grund, warum ich mich in Deutschland sicher nicht mehr wohl fühlen würde. Ich mache dir das Fenster auf, nachts kühlt es ein wenig ab. Insekten können keine reinkommen, weil eine Gaze vorge­spannt ist.“

Er zog den Vorhang zur Seite und öffnete beide Fenster­flügel. Unter dem Fenster wurde die Klima­anlage sichtbar. Kühle Luft kam von draußen noch nicht herein. „Soll ich nicht doch die Klima­anlage anstellen?“ „Die macht vermutlich einigen Krach.“ „Na ja, leise ist sie leider nicht.“ „Ich probiere es mit offenem Fenster.“ „Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“

Hirschberg lauschte in die Nacht von Rio. In der Ferne Hunde­gebell. Die Luft, die hereinkam, tat gut, weil sie dem Raum das Stickige nahm. Von Zeit zu Zeit ein Windstoß, die Vorhänge blähten sich auf wie Segel, dann schlafften sie wieder ab. Leise Musik war zu hören, und Blätter­rau­schen. Vor dem Fenster erkannte Hirschberg die Silhou­etten von Palmblättern. Stimmen und Gelächter in der Nachbar­schaft. Ganz entfernt das Rauschen der Stadt. In der Wohnung war es still. Durch die halb offene Tür seines Zimmers sah er in die dämmerig beleuchtete Diele. Lange lag er wach, trank hin und wieder einen Schluck, dann fielen ihm schließlich die Augen zu. Die Nacht­tisch­lampe blieb an.

Der nächste Morgen. Es war schon hell, Thomas stand neben dem Bett und fragte: „Frühstückst du mit uns?“ „Nein, das geht noch nicht. Habt ihr Bananen im Haus?“ „Besorgen wir. Stehst du auf oder soll ich sie dir bringen?“ „Stell sie irgend­wohin, wo ich sie finde. Ich gehe jetzt zuerst ins Bad. Seid ihr den ganzen Tag weg?“ „Ja, ich sagte dir ja, dass wir hier sehr einge­spannt sind. Und als Neulinge können wir uns nicht gleich frei nehmen. Am Wochenende habe ich Zeit für dich — und dann bist du ja spätestens auch wieder auf den Beinen. Ok?“

Hirschberg ging ins Bad. Waschen, kämmen, rasieren. Die Tür ging einen Spalt auf und Thomas sagte: „Wir sind jetzt weg. Bis heute Abend.“

Obwohl noch sehr schlapp, gab Hirschberg der Versu­chung, sich wieder hinzu­legen, nicht nach, sondern blieb auf den Beinen. Er besich­tigte die Wohnung. Es gab ein zweites Schlaf­zimmer mit Doppelbett, auch aus Metall wie sein Bett. Der Raum war etwas größer als seiner, war genauso vollge­stopft mit Sammlerkult. Eine geräumige Küche, mit mächtiger Kühl/­Ge­frier­schrank-Kombi­nation aus Edelstahl, ein Esstisch mit vier Stühlen. Auf dem Tisch ein Korb mit Bananen und Äpfeln. Daneben ein Teller mit Messer. Sehr aufmerksame Jungs, dachte Hirschberg. Er setzte sich und aß eine der Bananen. Wieder in der Diele sah er noch eine offen stehende Tür: dahinter eine Art Salon mit Sitzgar­nitur aus hellbraunem Leder, ziemlich versessen, Bar und Fernseher. Alle Räume waren nur von der Diele her zugänglich. Die Diele selbst war der größte Raum. An der Wand gegenüber dem Wohnungs­eingang stand ein mächtiger Tisch, darauf eine Sammlung von Pokalen.

Er wollte sich diese gerade näher ansehen, als sich ein Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte. Herein kam eine dickliche Schwarze mittleren Alters. Sie schien keineswegs überrascht, Hirschberg anzutreffen, sagte so etwas wie „bemvindos“, was vermutlich „Willkommen“ hieß und bedeutete ihm, dass sie die Wohnung putzen werde. Von dem, was sie sagte, verstand er kein Wort. Er zog sich in sein Zimmer zurück und begann seinen Koffer auszu­räumen. Im Schrank und in der Kommode machte er sich etwas Platz, hängte ein paar der vorhan­denen Sachen überein­ander, so dass Kleider­bügel für ihn frei wurden.

In der Diele heulte der Staub­sauger, und dann kam sie auch in sein Zimmer. Er räumte das Feld, ging in die Küche und aß eine weitere Banane. Ihm kam plötzlich die Frage: Wo schläft wer von den beiden? Hirschberg ging der Frage nach. Im Salon sah nichts danach aus, als habe dort einer geschlafen. In dem großen Schlaf­zimmer war jetzt alles in Ordnung gebracht. Das Bett, auf dem zuvor alles wild durch­ein­ander lag, Kissen, Kleidungs­stücke, Trimm­geräte, Illus­trierte, war mit einer Tages­decke wie in einem erstklas­sigen Hotel herge­richtet. Kleidung, Gerät­schaften und das ganze andere Zeugs hatte die Putzfrau offenbar in den Schrank geräumt.

Wie angekündigt, rief Katha mittags an. Ja, es gehe ihm besser, aber er sei noch furchtbar schlapp. Deshalb werde er von Rio wohl nicht viel zu sehen bekommen. Denn allein und so ohne Kraft, traue er sich nicht rauszu­gehen. Sein Sohn müsse den Tag über arbeiten. Das sei alles nicht das, was er sich vorge­stellt habe. Thomas lebe mit einem Freund zusammen. Nein, von Familie keine Spur, kein Foto einer Frau oder von einem Kind. Katha: „Ist er schwul? Willst du das sagen?“ Der Gedanke verschlug Hirschberg den Atem. „Bist du noch da?“, hörte er sie fragen. Eher zu sich selbst als zu Katha: „Daran habe ich noch nicht gedacht. Aber es sieht danach aus.“ Sie merkte, dass sie den schlappen Mann auf einen nieder­schmet­ternden Gedanken gebracht hatte. „Kann ich dir helfen? Ich wäre so gerne bei dir!“

„Nichts wäre mir lieber als das! Aber wie willst du das machen?“ „Sag, ich solle kommen, und lass mich machen.“ „Aber erst sollte ich mit Thomas reden.“ „Ist in der Wohnung eine Schlaf­mög­lichkeit für mich?“ „Wenn deine Vermutung stimmt – ich kann es nicht glauben –, dann gibt es ein freies Sofa vorm Fernseher.“ „Sprich mit Thomas! Morgen melde ich mich wieder. Jetzt gehe ich schlafen. Es ist schon spät.“

Als hätte ihn ein Keulen­schlag getroffen: Thomas schwul! Klar, so etwas gab es. Aber der eigene Sohn? Geschei­terte Ehe, verlo­rener Sohn, ihn endlich wieder­ge­troffen. War das mit der neuen Familie auf den Philip­pinen gelogen? Kathas Vermutung konnte ja falsch sein, war wahrscheinlich falsch. Diese Neigung hätte sich ja wohl schon früher gezeigt, wenn es denn so wäre. Zu keiner Zeit war an dem Jungen etwas auffällig, was in diese Richtung gedeutet hätte. Oder doch? Na ja, er war nie ein Rabauke gewesen. Aber solche Fried­fer­tigkeit konnte man ja wohl kaum als Indiz für Homose­xua­lität festmachen.

Nein, er glaubte Thomas, und heute Abend würde er erfahren, wie das mit der Familie war und wann Frau und Kind nachkommen würden. Warum sollte Angel nicht ein guter Freund von ihm sein, mit dem er partner­schaftlich zusam­men­ar­beitete? Ein seltenes Glück! Warum gleich Schlechtes denken? Aber er erinnerte sich, im Bad ein Klistier gesehen zu haben – und so war es auch. Noch war damit nichts bewiesen. Nur: Es würde ins Bild passen.

Das Wechsel­spiel von Vermu­tungen und Zweifeln vermischte sich immer mehr zu einem aufko­chenden eigen­mäch­tigen Gebräu, das Brust und Kopf heiß auszu­füllen begann, ihn um seine Sinne brachte.

Er ging in das Zimmer des Sohnes, setzte sich dort auf einen Stuhl, suchte mit den Augen den Raum ab, ob da nicht doch etwas sei, das auf eine Mutter mit Kind schließen ließ. Nichts. Eine Collage, als Bild hinter Glas, hing neben der Tür: Junge Männer beim Wellen­reiten, im Wasser­tunnel, am Fuß des anrol­lenden Wellen­berges auf den richtigen Start­moment wartend, auf dem riesigen Wasser­abhang nach unten schießend, die Gischt beherr­schend, tolle Burschen auf ihren Brettern. Hirschberg war flau im Kopf. Er wankte in sein Zimmer und ließ sich wieder aufs Bett fallen.

Selbstbewusst

… Kräftemessen … nicht gesellschaftskonform … ungleiches Paar 
und zwei Schwule … im Land der Träume …

Geweckt wurde er durch die Stimme seines Sohnes: „Noch schwach auf den Beinen, was!“ Er schlug die Augen auf, wollte aufstehen, doch ihm wurde schwarz vor Augen, so dass er auf der Bettkante sitzen blieb, gehalten von Thomas, der sich neben ihn setzte. „Du darfst nicht so plötzlich aufstehen. Ich gehe jetzt in die Küche. Was soll ich dir zum Abend­essen machen? Ich habe wieder Bananen gekauft, im Kühlschrank ist noch Apfel­kompott, dunkles Brot von einem deutschen Bäcker haben wir auch. Ich mache mir einen gemischten Salat und dazu ein Steak.“ „Bananen, Apfel­kompott, Brot, ein wenig Salat, kein Fleisch.“ Er ließ sich zurück aufs Bett fallen. Thomas beim Gehen: „In einer Viertel­stunde in der Küche. Ok?“

Als Hirschberg in die Küche kam, sah er, dass nur für zwei gedeckt war. „Angel ist nicht dabei?“ „Nein, er ist heute Morgen zusammen mit einem Kollegen nach Brasilia geflogen. Wir brauchen Regie­rungs­gelder. Aber morgen ist er wieder zurück.“ Während des Essens redeten sie zunächst nur wenig. Hirschberg aß seinen Apfel­kompott auf, dann eine Banane, schließlich schmierte er sich eine Scheibe Brot. Mit seiner Gabel piekte er in den Salat, ließ es bei einem Blatt bewenden. Dann trank er ein Glas Mineral­wasser, schluckweise.

Während der ganzen Zeit war er in sich gekehrt. Er überlegte, wie er Thomas zur Rede stellen könne, ohne die Stimmung zu verderben. Den gerade neu gewon­nenen Kontakt zu seinem Sohn wollte er nicht zerstören. Darüber hinweg­gehen, welch schlimmen Verdacht er hatte, wollte er aber auch nicht, das konnte er nicht. Er wollte Klarheit haben. Aber wie anfangen? Wie zum Thema kommen?

Thomas aß mit Genuss. Nach dem Salat, zu dem er noch Sardinen aus der Dose mit Toastbrot nahm, kam eine ordent­liche Portion Pasta auf den Teller, darüber eine Käsesauce mit Pilzen und Fleisch­stücken. Dazu Rotwein. Anschließend holte er sich aus dem Kühlschrank noch ein Stück Kuchen und gönnte sich als Abschluss ein Eis. Das Steak hatte er offenbar gestrichen. Der Vater sah ihm zu. Das störte den jungen Mann nicht. Von Zeit zu Zeit lächelte er über den Tisch herüber. Hirschberg stellte fest, der Junge war richtig kräftig, ja muskulös geworden, er machte einen durch­trai­nierten Eindruck. Er hatte sich stark verändert. Kein Wunder, dass er ihn auf dem Flughafen nicht gleich erkannt hatte. „Heute müsste unsere Hausmutter hier gewesen sein“, ließ er so ganz nebenbei fallen. Hirschberg bestä­tigte. Thomas erklärte: „Wir haben sie von unserem Vorbe­wohner übernommen.“

Der Vater versuchte, ein Gespräch anzuknüpfen, aber der Sohn blieb einsilbig. Erst während er sein Eis schleckte, fragte er: „Glaubst du, dass du morgen wieder so fit bist, dass wir am Abend etwas unter­nehmen können?“ „Ich fühle mich noch immer ziemlich kraftlos, aber ein kleiner Ausflug – das sollten wir probieren.“ „Dann schlage ich dir vor, dass wir eine Tour an den südlichen Stränden entlang machen und vielleicht auch ein Stück gehen. Ich würde auch gerne ein wenig schwimmen.“ „Einver­standen. Schwimmen ist für mich aller­dings noch nicht drin. Heute Abend sollten wir vielleicht ein wenig mitein­ander reden. Ich weiß so wenig von dir und deiner neuen Familie.“ „Dann setzen wir uns aber rüber in unseren Club, da ist es gemütlicher.“

Sie nahmen im Salon bezie­hungs­weise „Club“ Platz. Hirschberg mit Wasser, Thomas mit einem Espresso. Sie sahen sich an, jeder darauf wartend, dass der andere anfange. Thomas gab sich einen Ruck, er setzte sich aufrecht, blickte dem Vater geradezu heraus­for­dernd ins Gesicht und erklärte: „Ich bin schwul.“ Der Vater hielt dem bohrenden Blick stand, gab keine Reaktion zu erkennen.

Nach diesen Momenten inneren Kräfte­messens schwenkte Thomas ein: „Das mit der neuen Familie, mit Frau und Kind auf den Philip­pinen war erfunden. Ich wollte dich und Hannelore nicht beunru­higen. Du kannst mir das hoffentlich verzeihen. Auch war ich lange unsicher, ob ich tatsächlich diese Neigung habe, wollte ihr lange nicht nachgeben. Doch die vielen Infor­ma­tionen, die ich mir beschafft, und die Gespräche, die ich geführt habe, waren für mich am Ende so eindeutig, dass ich mich nicht länger gekrümmt und versteckt habe. Mein schlechtes Gewissen habe ich über Bord geworfen. Jetzt stehe ich dazu. Es gibt keine schönere Stadt für Schwule als Rio. Angel und ich, wir genießen das.“

„Wollt ihr auch Kinder adoptieren?“ Thomas witterte hinter der Frage eine Provo­kation, mit der ihn der Vater heraus­fordern wollte. Er blieb sachlich kühl: „Nein. Davon halten Angel und ich nichts. Wir wollen keine Familie gründen, sondern ein Paar sein, das mitein­ander lebt und sich gegen­seitig weiter bringt. Sexua­lität steht dabei nicht im Vorder­grund. Wir akzep­tieren unsere Neigung, fühlen uns deshalb nicht minder­wertig oder pervers, sondern gleich­be­rechtigt und ebenbürtig.“

Der Vater schwieg, sah vor sich hin. Schließlich, den Kopf hebend: „Du wirst verstehen, dass ich damit nicht so schnell klar komme.“ „Ist mir klar.“ Was dem Vater gefiel, war die Souve­rä­nität, die Thomas zeigte. Er schien sich die Sache nicht leicht gemacht zu haben. Der Junge hatte sich gefunden, wusste, dass er anders war, und erwartete Akzeptanz. War das nicht sein Recht? Hatte er, der Vater, das Recht, ihn deshalb zu verur­teilen? Das wollte er nicht, das durfte er nicht. Aber wie er damit umgehen würde, das musste sich erst noch heraus­stellen, entwickeln.

Der Mann ihm gegenüber, der in der Fremde entwachsene Sohn, der hatte das Recht, selbst­be­stimmt zu leben, auch wenn es ihn, den Vater, schmerzte. Katha hatte also richtig vermutet, sofort richtig erkannt. Katha! Diese, seine neue Beziehung, war auch nicht im tradi­tio­nellen Sinn gesell­schafts­konform. Das könnte er Thomas jetzt ‚beichten’, selbst­be­wusst. Hirschberg fing hinten­herum an:

„Würdet ihr hier noch einen Gast aufnehmen können?“ „Wie meinst du das?“ „Meine Sekre­tärin in Mehlem ist mehr als eine Sekre­tärin.“ „Du hast eine Liaison?“ „Früher hieß das so.“ „Willst du sie heiraten?“

„Das ist doch heute nicht mehr üblich, wenn man mit einem anderen Menschen zusam­men­leben möchte. Mit deiner Tante habe ich aller­dings wegen Katha, sie heißt Katharina, schweren Krach bekommen.“

„Was hat sie denn dagegen? Meint sie, du sollst allein bleiben?“

„Sie meint den Alters­un­ter­schied. Katha ist über 30 Jahre jünger.“

„Ach so ist das, eine Vater-Tochter-Beziehung, zumindest von außen gesehen.“

„Ich weiß nicht, was draus wird. Ich mag sie, sie mich wohl auch. Aber meine Schwester hat mit ihren Vorhal­tungen nicht ganz Unrecht, auch wenn sie sich in wüste Unter­stel­lungen verirrt hat.“

„Dann müsstest du ja wissen, wie das ist, wenn man von anderen Leuten schief angesehen wird.“

„Außer deiner Tante und deiner Schwester weiß noch keiner etwas.“

„Und ich habe richtig verstanden: Katha möchte nachkommen?“

„Ich habe sie gefragt.“

„Wenn sie mit der Couch hier klar kommt, kein Problem.“

Hirschberg begann, über Katha zu erzählen. Er blieb sehr beherrscht, um nicht in die Begeis­terung eines Verliebten zu geraten. Die Atmosphäre lockerte sich. Dann erzählte Thomas: Wie er Angel kennen­ge­lernt habe, welchen Anfein­dungen sie auf den Philip­pinen ausge­setzt waren, welche Anstren­gungen es sie gekostet habe, den Sprung nach Rio zu schaffen. Vater und Sohn kamen sich näher. Beide waren sich klar darüber, in ihren Bezie­hungen nicht den Vorstel­lungen ihrer Mitmen­schen zu entsprechen.

Dennoch, mit der Homose­xua­lität seines Sohnes kam Hirschberg nicht zurecht. Er sträubte sich dagegen, dass der Sinn der Menschen als Mann und Frau hier außer Kraft gesetzt wurde. Die Natur war anders ausge­richtet. Einzu­räumen war jedoch: Die Menschheit würde auch Probleme bekommen, wenn sich überwiegend alte Männer mit jungen Frauen paaren würden. So weit war es aller­dings ja noch keineswegs zwischen ihm und Katha. Er wurde müde und ging ins Bett. Thomas machte den Fernseher an.

Am nächsten Tag fühlte sich Hirschberg erheblich wohler. Über das Gespräch mit seinem Sohn war er zufrieden. Zwar empfand er nach wie vor Ekel, wenn er an die Sexua­lität dachte, die Homose­xuelle mitein­ander pflegten, aber das gemeinsame Leben in gegen­sei­tiger Zuneigung, im Stehen zuein­ander, wenn es denn eine dauer­hafte Beziehung war, das gefiel ihm. Und: Thomas und er waren einander näher gekommen. Der Sohn war reifer geworden, zeigte klare Position. Nach seinem Scheitern in Deutschland war er jetzt offenbar lebens­tüchtig. Auch wenn dieser Lebensstil nicht gerade dem seinen entsprach, war er zu respek­tieren. Irgendwann werden Kinder erwachsen und sind für sich selbst verantwortlich.

Hirschberg wartete auf Kathas Anruf. In Deutschland ist es schon wieder tiefe Nacht, sagte er sich, seine Müdigkeit sich mit dem Jetlag erklärend. Endlich. Ja, sie solle kommen. Sie hatte schon mögliche Flüge ausfindig gemacht. Dann Hirschberg: „Du hast recht gehabt: Thomas ist schwul.“

„Macht dir das Probleme?“ „Nach dem Gespräch mit ihm gestern Abend weniger. Aber traurig macht es mich schon.“ „Ich werde dich trösten.“ „Gibt es denn kein normales Leben mehr!“ „Was ist normal?“ „Dass wir tun, was uns die Natur nahe legt.“ „Die Natur kennt viele Ausnahmen.“ „Wir werden viel zu reden haben.“

„Ich freue mich! Sobald ich gebucht habe, gebe ich dir meine Ankunft durch. Und: Ich erwarte einen gebüh­renden Empfang durch die Herren.“

Das Telefonat und die Aussicht auf Kathas Kommen versetzten Hirschberg in Hochstimmung. Wie in solchen Zeiten seiner Jugend hob es ihn fast vom Boden. Sie kam! Sie würde Thomas gefallen. Auch wenn es ihn nicht zu Frauen hinzog. Das ungleiche Paar und zwei Schwule, eine solche Story konnte nur an der Copacabana spielen, das war filmreif.

Bevor sie zu der am Vortag bespro­chenen kleinen Strandtour aufbrachen, gab es noch Abend­essen. Hirschberg aß sehr vorsichtig, aber nicht mehr nur Kompott, Bananen und Brot. Katha käme, sagte er. Ob sie denn hübsch sei, wollte Angel wissen. Bevor er den Mund zu einer Antwort leer hatte, antwortete schon Thomas: „Hübsch? Sie ist eine Schönheit! Und mein Vater ist verrückt nach ihr. Ohne sie hält er es schon nicht mehr aus.“ Angel: „Kompliment!“ Hirschberg: „Sie ist mir zugelaufen.“ Thomas: „Du brauchtest nur im Liege­stuhl sitzen und warten.“ Hirschberg: „Sie erwartet einen gebüh­renden Empfang.“

Nach dem Ausflug, der einen ersten Eindruck von Rios berühmten Stränden gab, war Hirschberg recht müde. Er ging gleich zu Bett, konnte aber dennoch nicht einschlafen. Es war bereits nach Mitter­nacht und er lag noch immer wach auf seinem Bett. Das Bettlaken hatte er zur Seite geschoben. Es war drückend warm und die Luft stand. Auch durch das offene Fenster kam kein Luftzug. Er entdeckte im Dämmer­licht der hohen Zimmer­decke einen Venti­lator. Er stand wieder auf und fragte die Jungs, die vor dem Fernseher saßen, wie man den ‚Quirl’ in Funktion setzen könne. Sorry, der funktio­niere nicht, hieß es. Er ging zurück, machte das Licht aus, legte sich wieder aufs Bett und überließ sich seinen Gedanken und Gefühlen, die ihn schließlich ins Land der Träume führten.[/vc_column_text]

In einem Kranken­haus­zimmer wird ein Toter von den Geräten, die ihn bis vor kurzem medizi­nisch am Leben hielten, abgehangen. Der Leichnam – es war ein Mann – wird gewaschen, dann in ein Totenhemd gesteckt, auf eine Bahre gelegt und hinaus­ge­fahren. Die Urinflasche und die Bettpfanne werden wegge­tragen, das medizi­nische Gerät auf den Gang gebracht, die persön­lichen Dinge des Toten aus dem Schrank und der Nacht­­tisch-Schublade geholt, in einen Koffer und eine Tasche gesteckt. Das Bett wird abgezogen, die Matratze mit Chemie besprüht, das Bettge­stell gesäubert, der Raum geputzt.

Ein Friedhof. Toten­gräber ziehen sich in ihrem Einsatz­wagen um: Stiefel und Schmutz­kla­motten aus, schwarzen Anzug an. Ihr Chef fährt im schwarzen Mercedes vor, übergibt ein Blumen­ge­binde und einige Kerzen.

Hirschberg erkennt den Chef des Beerdi­gungs­un­ter­nehmens: Er hat an einem seiner Seminare teilge­nommen. Er erzählte damals, ständig auf der Suche nach Verbes­se­rungen zu sein. Hirschberg fragte, wie es seine Art war, weiter nach und erfuhr, dass der Mann mit zwei Berufs­kol­legen vor einem Jahr eine Firma zur Produktion von Toten­hemden gegründet hatte. Und in dem einen Jahr hatten sie bereits den ganzen Markt aufgrund ihres preis­werten Angebots aufge­rollt. Sie konnten überaus günstig anbieten, weil sie die seit kurzem verfügbare Laser­technik zum Zuschneiden von Toten­hemden einsetzten.

Um den Sarg in der Fried­hofs­ka­pelle haben sich grau und schwarz gekleidete Leute versammelt. Kerzen­schein. Vivaldi aus Tonboxen. Ein Clown tritt auf Zehen­spitzen ein. Er schwenkt ein Weihrauchfass. Dreimal schleicht er um den Sarg. Dann setzt er das Weihrauchfass auf dem Sarg ab. Er wendet sich den Trauer­gästen zu, sieht jedem ins Gesicht und sagt schließlich: „Er war ein den täglichen Freuden zugetaner Mensch – wie ich. Haha! Und er war ein kluger Kopf. Ein erfolg­reicher Unter­nehmer. Auch Politiker. Gewerk­schaftsboss. Professor. Medienzar. Haha! So will ich ihn, den Mann mit den vielen Köpfen, lustvoll verab­schieden, dieses eiskalt kalku­lie­rende und Menschen verach­tende Ungeheuer! Er jonglierte brillant mit der Staats­hö­rigkeit und der Wissen­schafts­gläu­bigkeit des Volkes. Ein echter Teufelskerl“

Aus einem Beutel, den er mit sich trägt, zieht der Clown eine Flasche mit Schnaps hervor, aus einer der Taschen seines ausge­beulten Mantels fingert er einen Pappbecher. Er schenkt sich ein, trinkt und verschüttet den Rest über den Sarg. Nochmal kippt er seinen Becher voll, trinkt und schleudert den Rest in die Gesichter der Trauer­gäste: „Lacht doch, ihr Speichel­lecker und Oppor­tu­nisten, ihr Tagediebe und Ehestrolche!“ Die Beschimpften wischen sich den Fusel aus dem Gesicht, einige können sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ein älterer Mann flüstert seiner jungen Beglei­terin ins Ohr: „Ein echtes Event! Vollfett! Geil!“

Autobahn. Nacht. Blaulicht. Schein­werfer. Rettungs­wagen. Verkehrs­unfall. Ein Lastzug liegt auf der Seite, quer über die beiden Fahrspuren. Die Ladung: Schweine. Die meisten sind noch einge­sperrt, viele regungslos überein­ander, manche toben, Blut läuft auf die Fahrbahn. Ein Käfig ist aufge­sprungen. Schweine irren umher. Gequieke. Gekreische. Zerfetzte und zusam­men­ge­knäuelte Perso­nen­wagen. Ein ausge­branntes Auto in Lösch­schaum. Mit Folie abgedeckte Leichen. Rettungskräfte.

Auf dem Friedhof lassen die Toten­gräber einen Sarg in das zuvor ausge­hobene Grab sinken. Trauer­gäste treten an das Grab. Sie erweisen dem Toten die letzte Ehre. Sie werfen keine Blumen­sträußchen und auch keine Erde auf den Sarg, sondern Plüsch­tiere, Handys, Vasen, Weinfla­schen, Fotos, Jeans, Stiefel, Trödel, Chipbeutel, Kerzen­ständer, Kuchen, Schmuck und vieles andere mehr – Andenken, Nützliches, Essbares, Wertvolles. Eine entspre­chende Bitte hatte auf der Einladung zum Begräbnis gestanden: „Bringen Sie etwas mit, das Sie mit dem Toten besonders verbunden hat und das Sie ihm als Grabbeigabe widmen wollen.“

Krema­torium. Urnenraum. Aus den Urnen kriechen Ameisen, in Heuschre­cken­größe. Sie machen sich davon. Als sie in einen Raum mit offenem Fenster kommen, wachsen ihnen Flügel. Als Schwarm fliegen sie ins Freie. Sie befallen einen strahlend weiß blühenden Apfelbaum. Sofort machen sie sich über die Blüten her.

Hirschberg wälzte sich auf seinem Bett. Er blieb in seiner Traumwelt: Eine junge Frau breitet am Strand ein großes buntes Badetuch aus, entkleidet sich und sonnen­badet. Eine Schlange bewegt sich zielstrebig auf sie zu. Schmei­chelnd berührt die Schlange mit ihrem Leib den rechten Oberschenkel der Frau. Die Frau wendet sich der Schlange zu und strei­chelt ihren Kopf. Daraufhin schlängelt sich das Tier auf den Körper der nackten Frau, die sich mit geschlos­senen Augen wieder gelegt hat. Die Schlange bezüngelt ihr Gesicht. Und der Frau gefällt das außer­or­dentlich: ein wohliges Lächeln.

Mit ihren Finger­spitzen ertastet sie den Schlan­genkopf, dann fährt sie mit den Innen­hand­flächen am Körper der Schlange entlang, was der offen­sichtlich gefällt: Sie drückt sich mal gegen die linke, mal gegen die rechte Handfläche. Die Frau umschließt die Schlange locker mit ihren Händen und lässt sie hindurch­gleiten. Schlange und Frau spielen mitein­ander. Die Schlange wickelt sich um den Arm der Frau. Dann verschwindet sie in deren Haarmähne, kommt vom Nacken her zurück auf den Brustkorb, lässt ihre gespaltene Zunge über die Lippen der Frau tanzen, die öffnet ihren Mund, die Schlange steckt ihren Kopf hinein. Es sieht aus, als lutsche die Frau ein Bonbon.

Die Schlange zieht ihren Kopf wieder heraus. Jetzt legt sie es mehr und mehr darauf an, die Frau zu erregen. Sie beschlängelt die Brüste, umschmei­chelt die Brust­warzen. Mit ihrem Ende wedelt sie in den Scham­haaren. Die Frau atmet immer heftiger. Mit ihren Händen fasst sie in den Sand. Die Schlange wendet sich. Ihr Kopf geht vorsichtig zwischen die Beine. Die Frau öffnet ihre Scham. Ihre Erregung wird immer stärker. Der Schlan­genkopf verschwindet, kommt wieder zum Vorschein. Er glitzert vor Nässe. Der übrige Schlan­genleib ringelt wollüstig auf dem Schoß. Je größer die Erregung der Frau, umso inten­siver wird die Schlange.

Immer wieder dringt die Schlange ein, immer tiefer. Schließlich ist sie ganz im Weib verschwunden. Die Frau ist in höchster Ekstase. Die Schlange kommt nicht mehr zum Vorschein. Nach ihrem Höhepunkt beruhigt sich die Frau, sie entspannt und schläft ein. Nach einer Weile kommt vorsichtig der Schlan­genkopf aus dem linken Ohr zum Vorschein, dann aus dem rechten. Pause. Dann sieht man die Schlange sich aus dem Nabelloch hervor­winden. Sie streckt den Kopf raus und zieht sich wieder zurück. Der Unterleib des Weibes hebt und senkt sich, beult aus und zieht sich wieder zusammen, so als tobe dort ein Kampf.

Eine Palme steht in einem kleinen tropi­schen Garten, der sich auf der obersten Plattform eines Wolken­kratzers befindet. Rings­herum weitere Wolken­kratzer. Über und zwischen den Wolken­kratzern verkehren Hubschrauber und Klein­flug­zeuge. Ein hölli­scher Lärm. Blaugrau geschwän­gerte Abgasluft. Gestank.

Der Tropen­garten gehört zu einem Penthouse. Daneben ein Lande­platz. Ein Senkrecht­starter landet gerade. Die Menschen, die aussteigen, sehen sich sehr ähnlich: alle gleich smart. Alle haben ein kleines Akten­köf­ferchen. Sie bewegen sich wie geschäftige Ameisen. Neben dem Lande­platz ist der Ausgang zu den Fahrstühlen des Gebäudes. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Wolken­ku­ckucksheim 2000.

Alle Wolken­kratzer rings­herum haben Start- und Lande­plätze. Einzelne Personen fliegen mit Düsen­rucksack durch die Luft. Aller­dings nur in den unteren Bereichen. Die Palme schüttelt sich wie von einem plötz­lichen Windstoß erfasst. Die Schlange windet sich den Stamm hinunter. Sobald sie den Boden erreicht, verwandelt sie sich in eine junge Frau. Sie geht hinüber zur Lounge und richtet dort aus dem Nichts ein opulentes Mahl her. Für wen? Für Hirschberg und den Beerdigungsunternehmer.

Hirschberg wird wach. Er überlegt: Mit wem war er da zusammen? Mit dem Teufel?

Willkommen

… wie die Medizin heute Menschen kreieren kann … Witz und Spontaneität …
Aussicht war grandios … Strand von Ipanema …

Drei Tage später landet Katha. Die drei Männer erwarten sie auf dem Flughafen mit einem großen Schild: Willkommen Katharina! Hirschberg hält einen Strauß Orchideen in der Hand. Katha fällt ihm um den Hals, drückt ihn, küsst ihn. Die beiden jungen Männer, die wie Leibwächter daneben stehen, begrüßt sie mit Handschlag. Dann sieht sie die beiden einen Moment aufmerksam an, als wollte sie sagen: „Ihr seid das also.“ Und die beiden sehen sie an und ihre Mienen sagen: „Alle Achtung!“

Thomas: „Durch einen Misserfolg soll man sich nicht irritieren lassen. Ich schlage vor, wir fahren zu demselben Restaurant, in dem Jo“, er sagte seit zwei Tagen zu seinem Vater auf dessen Angebot hin Jo, „sich den Magen verdorben hat.“

Hirschberg: „Mir wird schon schlecht, wenn ich nur dran denke, da wieder reinzugehen.“

„Gut, nehmen wir ein anderes.“ Thomas und Angel berieten sich kurz und schlugen dann ein Lokal vor, das insbe­sondere wegen seiner frischen Früchte und Salate bekannt war.

Es wurde ein sehr vergnüg­licher Abend. Thomas zu Katha: „Mein Vater hat mir erzählt, Sie seien ein bekanntes Topmodel und kämen von einem Shooting direkt aus Cannes.“

„Behalten Sie es für sich. Mit meinem väter­lichen Freund, ihrem Vater, möchte ich hier ein paar Tage entspannen.“

Angel: „Das trifft sich gut. Wir sind gestern aus Hollywood gekommen und wollen hier die Szene in den nächsten Tagen ein wenig aufmi­schen. Da brauchen wir aber noch einen Lockvogel. Machen Sie mit?“

„Entspannen sagte ich, nicht Männer anmachen.“

Angel: „Aber ein wenig Spaß gehört auch zum Entspannen.“

„Nicht jede Art von Spaß.“

„Es passiert nichts. Wir sind völlig harmlos.“

Hirschberg zu Katha: „Mein Sohn hat mir den Kontakt zu einem Schön­heits­chir­urgen verschafft. Der soll mich wieder zu einem Jüngling machen. Er wünscht sich einen jungen Vater. So eine Operation ist zwar irre teuer – aber einen lebens­er­fah­renen jungen Vater zu haben, das ist es ihm wert.“

Angel: „Es ist phantas­tisch, wie die Medizin heute Menschen kreieren kann.“

Thomas: „Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele schöne Menschen wie hier in Rio.“

Hirschberg: „Dann bin ich hier ja richtig.“

Katha: „Ich möchte unerkannt bleiben.“

Thomas: „Klar inkognito. Wir beschützen Sie.“

Katha: „Ich verlasse mich darauf.“

Angel: “Wir werden jeden gnadenlos verprügeln, der Sie fotogra­fieren will.“

Katha: „Wie Ernst August, gut so!“

Der Witz und die Sponta­neität des Quartetts entsprach der Heiterkeit des Orts: latein­ame­ri­ka­nische Musik live mit viel Impro­vi­sation von einem Trio gespielt; junge schöne Menschen in luftiger bunter Bekleidung zur Bedienung der Gäste; an den Wänden im Stil von Graffitis Strand­szenen; die Tische mit phanta­sie­vollen Blumen­ge­stecken geschmückt; ein großes wie von Künst­lerhand dekoriertes Büfett mit Obst und Salaten – warme Speisen à la carte. Vorge­lagert im Foyer eine Bar für den Aperitif, aber da waren sie dran vorbei gegangen.

Als sie spät in der Nacht nach Hause kamen, staunten Hirschberg und Katha: Die Wohnung war wie zum Karneval dekoriert mit Girlanden, mit Lampions und Lichter­ketten. Über der Tür zum Salon ein bunt gemaltes Schild mit der Aufschrift ‚Katha – Sambakönigin’.

Die Küchentür ging auf und Musik setzte ein. Vier junge Männer in Karne­vals­kos­tümen tanzten in Formation in die Diele. Der erste hielt eine Flasche Champagner in der Hand, die anderen die Gläser. Nach einer Tanzrunde um die Ankömm­linge ließ der Anführer den Korken knallen und schenkte ein: Unisono: „Willkommen in Rio!“

Katha ging rund und bedankte sich bei jedem. Es wurde noch eine Weile getanzt, gesungen und getrunken. Dann zog sich Katha zurück; sie sei jetzt mehr als vierund­zwanzig Stunden auf den Beinen und entspre­chend müde, sagte sie Thomas. Mit einem Handzeichen verab­schiedete sich auch Hirschberg in sein Zimmer. Die Herren gingen ab in die Küche und machten hinter sich die Tür zu. Als Hirschberg vorbei zum Bad ging, hörte er ihre Stimmen und leise Musik. Katha war schon im Bad gewesen, es war eine Zahnbürste mehr da.

Am nächsten Morgen beim Frühstück trug Thomas das Programm vor, das er für das Wochenende geplant hatte: Heute Sight­seeing, morgen Beach day. Katha wollte wissen, wie sicher man sich auf Rios Straßen und an den berühmten Stränden fühlen könne. Man solle sich nie allein und zu Fuß in der Stadt bewegen, war die Empfehlung. Als Fremder – und als solcher würde man überall sofort erkannt – sei es auch nicht ratsam, öffent­liche Verkehrs­mittel zu benutzen. Wenn man irgend­wohin fahren wolle, könne man bestimmte Minibusse oder Taxis benutzen. „Aber das ist für euch kein Thema. Denn Angel und ich sowie noch zwei Freunde, ihr habt sie gestern Abend schon gesehen, werden euer Begleit­schutz sein. Ok?“

Die beiden Freunde kamen und die Rio-Tour begann. Die Stadt war endlos. Orien­tie­rungs­ver­suche gab Hirschberg schon bald auf. Es ging durch Tunnel, durch Häuser­schluchten, über Stadt-Autobahnen, an Buchten entlang, mal schnur­gerade, mal in Windungen, steil bergauf, bergab, sie standen im Stau, stop and go, dann wieder zügig, durch ruhige Stadt­teile, durch schäbige Viertel, durch Villen­ge­genden, hier brutale Armut, dort krasser Reichtum, vorbei an Monumenten und Altbauten, an Hochhäusern und Glaspa­lästen. Hin und wieder hielten sie an, fuhren langsam oder parkten, um eine Sehens­wür­digkeit zu besuchen. Das Carioca Aqueduct mit seinen 42 Bögen beispiel­weise, Trambahn­strecke in den Stadtteil Santa Teresa. Schließlich mit der Seilbahn auf den Zuckerhut. Krönender Abschluss der Tour: der Corcovado. Die Aussicht war so grandios, wie sie Thomas angekündigt hatte.

Katha und Hirschberg waren am frühen Nachmittag so voller Eindrücke, dass sie ihre Führungs- und Schutz­truppe baten, es nunmehr ruhiger angehen zu lassen. Bei seiner Reise­vor­be­reitung hatte Hirschberg gelesen, dass Rio einen sehens­werten Botani­schen Garten habe. Ob man dorthin fahren könne? Kein Problem, man sei selber noch nicht da gewesen. Er war begeistert: Bäume der Tropen und Subtropen, üppige Sträucher, bezau­bernde und berau­schend duftende Blüten, prächtige Schmet­ter­linge, riesige Gewächs­häuser, Vogel­ge­zwit­scher, Oasen der Ruhe. Es war eine Wohltat, zu Fuß gehen zu können. Anhand der Schrift­tafeln erfuhren sie, dass es unendlich viele Arten von Palmen gab. Die Allee mit den Königs­palmen beein­druckte sie besonders. Durch nichts zu übertreffen, waren die Orchi­deen­häuser. Betörende Natur.

Gegen Abend fuhren sie zum Strand von Ipanema. Hier sollte morgen der Strandtag sein. Sie parkten in einer Tiefgarage. Am Strand gingen sie zu einer Männer­gruppe, die Volleyball spielte. Man kannte sich. Das Spiel wurde unter­brochen. Verab­re­dungen wurden getroffen. Angel und Thomas verab­schie­deten sich wieder, die beiden anderen Begleiter blieben. Auf der Fahrt nach Hause sprachen Hirschberg und Katha kaum ein Wort; sie waren geschafft. Thomas fuhr, beobachtete die beiden im Rückspiegel. Sein Vater kämpfte mit dem Schlaf.

Katha hielt seine Hand. Der Sohn hatte stille Freude daran. Zuhause wurde Hirschberg ein Nickerchen gestattet, die anderen drei berei­teten das Abend­essen vor.

Bei Tisch äußerte Hirschberg Befürch­tungen, dass ihm so ein Strandtag nicht bekommen werde, weil er keine Sonne vertrage, sondern sogar im Schatten Sonnen­brand bekäme. Er würde lieber zuhause bleiben. Thomas versuchte, die Bedenken zu zerstreuen. Man würde nicht schon am Morgen fahren, sondern erst am Nachmittag. Außerdem werde er einen Sonnen­schirm und Sonnen­schutz­creme mit einem hohen Faktor mitnehmen. Und schließlich lägen die Tempe­ra­turen nicht mehr so hoch wie im Sommer, da könne er vielleicht auch sein Hemd anlassen. Das Schwimmen würde ihm mit Sicherheit gefallen. Katha meinte, sie werde schon auf ihn aufpassen.

Körperkult

… muskulös und braun gebrannt … fühlte sich fehl am Platze … mit
akrobatischen Einlagen … waren eitel, narzisstisch … bekannte sich zu ihm …

Der nächste Tag war genauso strahlend wie die Tage zuvor: blauer Himmel mit weißen Kumulus-Wolken, die dahin­schwebten und sich langsam auflösten. Hirschberg ließ sein Zimmer­fenster offen, noch erfrischte die Morgenluft von draußen, verdrängte mit leichtem Hauch die schwüle Zimmerluft. Er ging zum Bad. Kein Laut war aus den anderen Zimmern zu hören. Nur das Summen des Kühlschranks drang durch die offen stehende Küchentür. Leise ging er zurück in sein Zimmer und legte sich wieder hin, schlief nochmal ein. Wach wurde er, als draußen Stimmen zu hören waren. Thomas sang laut: „Das Bad ist jetzt frei.“

Es wurde ausgiebig gefrüh­stückt. Thomas fragte nach, ob denn der Magen wieder alles vertrage. Er müsse noch etwas vorsichtig sein, meinte der Vater. Katha hatte Appetit: Zuerst Joghurt mit Müsli und Früchten, danach Frühstücksei mit Toastbrot, schließlich Wurst- und Käsebrot. Thomas forderte auf, sich gut satt zu essen. Denn sie hätten mit ihnen einen Ausflug in einen Naturpark in den Bergen nördlich von Rio vor. Dort gäbe es einen Wasserfall, an dem man wunderbar entspannen könne. Aber es gäbe nur ein Picknick. Im Laufe des Nachmittags wolle man wie vorge­sehen zum Strand fahren.

Das Tisch­ge­spräch ging um die Jobs der beiden Gays. Katha hatte danach gefragt. Sie arbei­teten beide an dem Institut, das Thomas dem Vater gegenüber schon erwähnt hatte. Hirschberg hatte sich vor diesem Ausfragen des Sohnes gescheut, obwohl ihn seine Arbeit durchaus inter­es­sierte. Jetzt war er froh, dass Katha ihm das Fragen abnahm und er nur zuzuhören brauchte. Nur einmal mischte er sich mit einer Fachfrage ein, als es um die Erhebung bestimmter Daten einer Feldfor­schung ging.

Im Gegenzug wollten die Jungs von Katha wissen, was denn sie so mache. Erkennbar wurde, dass ihr Leben nicht gerade von Zielstre­bigkeit geprägt war. Den beiden fiel das schnell auf, und entspre­chend hakten sie nach. Sie machten ihr den Vorschlag, doch auf Dauer nach Brasilien zu kommen. Hier könne man leben, das Leben genießen. Arbeit sei zwar wichtig, stehe aber nicht an erster Stelle. Managerin in einem Sport- und Fitness­center, damit könne sie morgen schon beginnen. Eine bessere Reprä­sen­tantin könne der Eigen­tümer eines solchen Unter­nehmens wohl kaum finden.

Nach den geruh­samen Stunden im Schatten der Bäume einer verzau­bernden subtro­pi­schen Natur, ging es hinunter nach Rio und den Strand von Ipanema. Bei einem der Apart­ment­häuser in der ersten Reihe zum Strand fuhren sie durch eine Sicher­heits­schleuse in die Tiefgarage des Gebäudes. Der Aufzug deutete Luxus an: teure Auskleidung mit Stoff, Edelholz­ver­kleidung der Taster für die Bedienung, zu der man einen Schlüssel brauchte. Im fünften, dem obersten Stockwerk, öffnete sich lautlos die Tür, ohne dass man gespürt hätte, irgendwo angekommen zu sein. Man trat nicht in ein Treppenhaus, sondern war bereits in einer Wohnung. Erster Eindruck: weiträumig, luxuriös. Sie kamen in die Wohnsuite: sparsam möbliert, aber alles vom Feinsten, Phallus-Symbole als Skulp­turen, Blick auf den berühmten Strand. Leise Musik.

Niemand war da, aber auf dem Boden unüber­sehbare Spuren von denen, die schon vorher hier waren. Klamotten, Schuhe, Sport­ta­schen – hier hatten sich welche umgezogen. Thomas erklärte: „Hier wohnen zwei Leute aus unserer Clique, der eine ist Milli­ar­därssohn – wie man sieht. Wir machen uns hier strand­fertig. Nehmt nichts mit, das ihr am Strand nicht unbedingt braucht. Keine Uhr, keine Ringe, nichts, was man euch klauen oder entreißen könnte. Ok?“

Am Strand trafen sie eine Truppe junger Männer, darunter auch die von gestern Abend. Die Jungs waren gerade aus dem Wasser gekommen, trock­neten sich ab. Alle muskulös und mehr oder weniger braun gebrannt. In den Staturen unter­schiedlich, aber offen­sichtlich alle demselben Schön­heitskult verschrieben. Einige ölten sich gegen­seitig ein.

Angel stellte Katha und Hirschberg vor. Musternde Blicke, das eine oder andere „Hey!“ oder eine lässige Handbe­wegung. Mehr nicht. Hirschberg fühlte sich fehl am Platze. Katha sah sich die Herren inter­es­siert an, konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

Hirschberg hielt Ausschau nach einem Schat­ten­platz. Es gab keinen. Thomas drückte mit kräftigen Hin- und Herbe­we­gungen das Unterteil eines Sonnen­schirms tief in den Sand. Auf des Vaters Wunsch etwas abseits von der Gruppe. Dann steckte er den Schirmteil ein, klappte einen Strand­stuhl mit Segel­tuch­be­spannung auf und stellte ihn unter den Schirm. Der ältere Herr nahm Platz, die Augen hinter einer Sonnen­brille verborgen. Schuhe und Strümpfe hatte er in der Wohnung gelassen. Hier zog er nichts weiter aus. Er saß da wie ein Opa, den man hier geparkt hatte.

Katha war schon im Bikini. Sie schmierte sich mit Sonnen­schutz­creme ein, setzte ebenfalls ihre Sonnen­brille auf. Die Jungs stellten gerade zwei Volley­ball­mann­schaften zusammen. Ob sie mitspielen wolle? Gerne! Sie wurde zugeteilt. Es ging los. Nach und nach fügte sich Katha in das Spiel ein. Zunächst wurde sie beim Zuspielen etwas ausge­spart, aber als die Burschen merkten, dass sie baggern, blocken, stellen, aufschlagen und sogar schmettern konnte, bekam sie mehr und mehr Bälle zugespielt, wurden auch ihre Hände beklatscht, wenn ein Punkt gemacht wurde. Den Jungs machte es Spaß, mit akroba­ti­schen Einlagen zu glänzen, auch wenn damit kein Punkt erzielt wurde. Es ging um die Show.

Thomas gehörte nicht zu diesen Showtypen, aber mit seiner mannschafts­dien­lichen Spiel­weise – er rettete viele Bälle, war ein vorzüg­licher Steller – gab er seiner Mannschaft sicheren Rückhalt.

Die Spieler trieften von Schweiß und gingen bis auf Thomas und Angel ins Wasser. Die beiden blieben bei Hirschberg und den abgelegten Sachen sowie der Geträn­ke­bat­terie. Es gehe ihm gut, sagte der Vater, als Thomas nachfragte.

Katha kam als erste vom Schwimmen zurück und bat Hirschberg, er solle doch auch ins Wasser kommen. Er ließ sich überreden. Als die anderen wieder am Platz waren, gingen die vier. Katha hatte recht, das Wasser war herrlich. Aller­dings war Vorsicht geboten, weil man schon nach wenigen Metern nicht mehr stehen konnte und in starken Wellengang geriet. Er solle nicht zu weit hinaus schwimmen, warnte Thomas, es gäbe Strömungen, die einen vom Strand wegziehen würden. Während die anderen sich in die Wellen wagten, sich von ihnen hochtragen ließen oder hindurch­tauchten, blieb er in Strandnähe. Schließlich kehrten sie gemeinsam zurück.

Hirschberg zog sich nach dem Abtrocknen gleich wieder an und verkroch sich erneut unter seinen Sonnen­schirm, aber nicht allein wegen der Sonnen­brand­gefahr, sondern weil er sich schämte. Was war er denn? Ein kalkweißer Schmal, ein alterndes Knochen­ge­stell. Die anderen blieben natürlich in der Sonne. Im Vergleich zu den Jungs hatte Katha eine weiße Haut. In Europa war es gerade Frühling, hier war es Herbst. Ihrer Schönheit tat die fehlende Bräune keinen Abbruch. Alle tranken reichlich. Auch Hirschberg. Er schob den Stuhl beiseite und legte sich auf den Sand, streckte alle Viere von sich, schloss die Augen, genoss die Wärme und den leichten Wind. In ein paar Metern Entfernung hörte er die jungen Männer lebhaft mitein­ander reden.

Das war also das soziale Umfeld seines Sohnes. Tolle Typen. Lebens­lustig. Sportlich. Körper­be­wusst. Gays. Er wehrte sich dagegen, über diese Einsei­tigkeit traurig zu sein – aber freuen konnte er sich auch nicht. Selbst wenn es so aussah, als sei die Beziehung zwischen Thomas und Angel eine gute und verläss­liche Partner­schaft. Was ihn an diesem Männerclub störte, war der Körperkult, den sie trieben. Sie waren eitel, sie waren narzisstisch.

Während er diesen Gedanken nachhing und sich unwohl fühlte, weil er sich völlig depla­ziert vorkam, spürte er, wie sich neben ihm jemand niederließ. Er blinzelte und sah, dass es Katha war. Augen­blicke später fühlte er, wie eine Finger­kuppe ganz zart über seine Stirn fuhr, immer wieder, mal in die eine Richtung, mal in die andere, dann über seine Wangen, immer ganz leicht, nicht zitterig, sehr gleich­mäßig, sehr bedächtig, ungemein beruhigend.

Plötzlich spürte er ihren Hauch, ihre Haare fielen auf sein Gesicht, sie küsste ihn auf beide Augen und flüsterte: „Ich bin froh, bei dir zu sein.“ Er verharrte in Entzücken und wünschte sich, diese Liebko­sungen würden nie enden. Sie nahm sich zurück, er blinzelte und sah, wie sie sich quer zu ihm legte und dann spürte er auch schon, wie sie ihren Kopf auf seinen Bauch legte. Er suchte ihre Hand, drückte sie und sagte leise: „Es ist wunderbar, dass du gekommen bist.“

Schöner kann ein Mensch von einem anderen Menschen nicht angenommen werden, dachte er. Katha schämte sich nicht seinet­wegen. Nein, sie war in aller Öffent­lichkeit, den ganzen Körperkult drumherum nicht beachtend, ihm zugetan, sie bekannte sich zu ihm.

Einige der Jungs, darunter auch Thomas und Angel, beschlossen, am nächsten Abend in eine Macumba-Sitzung zu gehen. Ob sie mitkommen wollten, fragten sie die beiden Besucher aus Deutschland. Die beiden sahen sich an und meinten: Warum nicht!

Favelabesuch

… enge Gassen und Treppen … Schulungsraum mit Holzbänken und Tafel …
Stolz kam in ihr Gesicht … Entwicklung ist komplex

Am Abend zuhause äußerte Katha Interesse am Besuch einer Favela. Sie würde gerne einen Eindruck gewinnen, wie die Menschen dort leben. Thomas versprach, sich umzuhören. Aber erbaulich sei das nicht. Es könne sogar gefährlich sein. Auf keinen Fall sollte man allein in eine Favela gehen. Beim Frühstück am nächsten Tag verein­barten sie, dass Thomas anrufen werde, wenn er so kurzfristig die Möglichkeit zu einem Favela­besuch herausfände.

Zwei Stunden später rief Thomas an: „Es hat geklappt. Ich habe euch als zwei Journa­listen aus Deutschland ausge­geben. In etwa einer Stunde werdet ihr von einem Señor Rabelo Mendez abgeholt.“ Der Señor kam. Sie fuhren zuerst zu einer Pfarrei. Die Kirche und das Pfarrhaus stammten aus der Koloni­alzeit. Franzö­sische Domini­kaner betreuten die Gemeinde. In einer nahe gelegenen kleinen Favela unter­hielten die Patres eine Sozial­station. Einer der Mönche stieg zu ihnen ins Auto und sie fuhren weiter bis an den Fuß der Favela.

Von da aus ging’s zu Fuß durch enge Gassen und über Treppen weit in die Favela hinein. Im Nu hatten sie eine ganze Kinder­schar um sich herum. In den Fenster- und Türöff­nungen erschienen Frauen, einige grüßten den Pater, ein paar sprachen ihn an. Unter einem Mattendach hockte eine Gruppe alter Männer, sonst waren außer einigen Krüppeln kaum Männer zu sehen. Auf einer der Treppen kamen ihnen zwei Frauen mit Plastik­wannen voll nasser Wäsche entgegen.

Den Besuchern gab der Pater erste Erklä­rungen: Eine fried­liche Favela, etwas abseits gelegen, ans Elektri­zi­tätsnetz angeschlossen, eine zentrale Wasser­stelle, keine Kanali­sation. Einige Bewohner seien schon seit Jahrzehnten hier. Trotz aller Verbau­ungen des Hanges gebe es immer wieder Erdrutsche, ausgelöst durch starken Regen. Verdienst­mög­lich­keiten hätten die Männer haupt­sächlich im Bauge­werbe, die Frauen in den Haushalten besser situierter Familien.

Sie erreichten das Sozial­zentrum. Es war gebaut wie die umlie­genden Hütten und Häuschen, nur etwas größer. Das Mauerwerk war aus Steinen, die man gerade zur Verfügung hatte, alles unver­putzt, Dach aus Wellblech. Zwei Räume: ein Schulungsraum mit Holzbänken und Tafel, ein Dispensarium mit Medika­men­ten­schrank und Geräten für die einfache medizi­nische Behandlung, an den Wänden Schau­tafeln beispiels­weise über Hygiene.

Veran­staltet würden hier abends und an Samstagen unter anderem Alphabetisierungs‑, Näh- und Kochkurse. An zwei Abenden in der Woche sei das Dispensarium besetzt mit einer Kranken­schwester, an einem Abend sei auch ein Arzt da.

Sie gingen in eine der Hütten gleich neben dem Sozial­zentrum. Eine schon älter ausse­hende Frau begrüßte sie. Katha wollte es genau wissen: Wie alt sie sei? 38. – Wie viele Kinder sie habe? Sieben Söhne und zwei Töchter. – Wo die seien? Ihr Mann und die drei schon älteren Söhne arbei­teten auf dem Bau, der Mann als Vorar­beiter, die Söhne als Maurer; der älteste sei verhei­ratet, aber noch kinderlos; er wohne mit seiner Frau auch hier; die älteste Tochter sei Hausmädchen; die anderen Kinder gingen noch zur Schule oder arbei­teten in einer Lehrwerkstatt.

Hirschberg wollte wissen, wo die Familie herge­kommen sei. Die Frau erzählte: Vor zehn Jahren seien sie, ihr Mann und die schon älteren Kinder aus dem Nordosten hierher gekommen. Der Bruder ihres Mannes habe ihrem Mann Arbeit vermitteln können. Der Bruder sei schon früher nach Rio gegangen und habe diese Hütte hier gebaut, sie hätten angebaut.

Sie zeigte den Besuchern die kleinen verwin­kelten Räume. Estrich­boden, keine Glasfenster, sondern nur Vorhänge und Verschläge, mit Geräten und Utensilien vollge­stopfte Regale, Kisten und Kartons vor die Wände gestapelt. Tisch, vier Stühle; eine alte Nähma­schine unter der Fenster­öffnung; in einem der Regale ein tragbarer Fernseher.

Wo sie denn schliefen? Die Frau mit dem Gesicht einer 60jährigen zog eine Plastik­plane hoch: Kissen und Decken, dann deutete sie auf den Boden. Aber nicht mehr lange, sagte sie. Stolz kam in ihr Gesicht: „Das hier ist alles schon verkauft! Im Oktober ziehen wir in eine richtige Wohnung. Sie ist zur Hälfte schon bezahlt. Das Einkommen meines Mannes und der schon größeren Kinder hat das möglich gemacht. Und ich verdiene mit Nähar­beiten dazu. Unsere Zeit hier geht zu Ende.“

Der Pater fügte noch hinzu, dass die Familie eisern gespart habe. Außerdem hätten sie die Angebote des Sozial­zen­trums zielstrebig genutzt. Die meisten Famili­en­mit­glieder könnten lesen und schreiben. Die Eltern hätten sich von Anfang an vorge­nommen, ihre Armut zu überwinden. Die Besucher verab­schie­deten sich und verließen die Favela. Hirschberg hatte noch eine Reihe von Fragen. Der Pater lud zu einem abschlie­ßenden Gespräch ins Pfarrhaus ein.

Die Familie der besuchten Frau sei nicht typisch, aber ein Muster­bei­spiel für alle Menschen, die sich entwi­ckeln, die es zu einem besseren Leben bringen wollten, die ihren Kindern aus der Armut helfen wollten. Das Wollen müsse man betonen. Denn alle Entwick­lungs­hilfe schlage fehl, wenn die Menschen, denen man Hilfe gebe, nicht wollten. Viele nähmen zwar gerne die Hilfe an, aber dauerhaft ändern würde sich kaum etwas.

Katha wandte fragend ein, ob es denn nicht ungerechte soziale Umstände gäbe, die jegliches Wollen illuso­risch machten. Das sei richtig, sagte der Pater, und es habe große Projekte in Rio gegeben, mit denen man die Ungerech­tigkeit habe aufheben wollen, aber die seien kläglich gescheitert. Katha fragte nach Beispielen.

Erstes Beispiel: An der Lagoa habe es eine große Favela gegeben. Das Gelände habe für einen anderen Zweck frei gemacht werden müssen. Da man die Menschen nicht einfach habe wegbaggern können – was man anfangs versucht habe –, wären nicht allzu weit entfernt mehrstö­ckige Wohnblocks für die Favela-Bewohner errichtet worden, mit Fenstern und Türen, Toiletten, einfachste Ausstattung. Nach der Fertig­stellung wurden die Favelados in diese Bauten umgesiedelt. Das ganze Projekt sei als soziale Großtat gefeiert worden. Ein Jahr später seien die Bauten völlig ruiniert gewesen, hätten die ersten Wohnungen schon leer gestanden. Was sei passiert? Die Bewohner hätten Türen und Fenster, die aus Holz gewesen seien, heraus­ge­rissen und als Brennholz benutzt, um in der Mitte des eigentlich als Wohnraum gedachten Zimmers kochen zu können. Mit den Toiletten hätten die Leute nichts anderes anzufangen gewusst, als Müll reinzukippen.

Außerdem: Es habe keine gewach­senen Sozial­struk­turen gegeben. Das habe dazu geführt, dass mehr und mehr Konflikte entstanden, die oft gewalt­tätig ausge­tragen worden seien. Mord und Totschlag wären an der Tages­ordnung gewesen. Die Projekt­planer seien erschüttert gewesen, hätten an Gott und der Welt gezweifelt. Heute sei man klüger: „Der Mensch wird nicht mit der Vorstellung einer bestimmten Wohnkultur geboren, sondern er pflegt die Wohnkultur, in die er hinein­ge­boren wird. Wenn das einfache Hütten sind, nur mit Öffnungen, wo wir Türen und Fenster haben, und abends Hänge­matten aufge­spannt werden, Schlaf­zimmer mit Betten unbekannt sind, dann kann man diese Menschen nicht in eine Wohnung unseres Zuschnitts und Verständ­nisses verpflanzen, sie wissen damit nichts anzufangen.“

Zweites Beispiel. „Bei dem Versuch, Favelas zumindest aus der Nähe des Stadt­zen­trums wegzu­be­kommen, hat man die Menschen in Baracken am Stadtrand umgesiedelt. Auch ein Reinfall. Denn die Menschen blieben nicht dort. Sie kamen sofort wieder in die Stadt zurück, um ihre Kontakte, gegebe­nen­falls ihre Arbeits­mög­lich­keiten nicht zu verlieren. Sie waren von da draußen stundenlang zu Fuß unterwegs, weil sie für die Busse kein Geld hatten. Auch dieses Projekt war ein grandioser Flop. Nein, mensch­liche, gesell­schaft­liche Entwicklung ist viel zu komplex, als dass sie von Techno­kraten monokausal zu bewerk­stel­ligen wäre. Die Folgen sind oft schlimmer, als das, was die vielleicht sogar gut gemeinte, aber naive Hilfe als Problem lösen wollte.“

Katha hatte noch eine Frage: „Machen die Frauen Famili­en­planung?“ „Ja“, war die knappe Antwort. Zusatz­frage: „Helfen Sie ihnen dabei?“ Der Pater sah den Begleiter an und sagte: „Wir halten in unserer Seelsorge die Menschen, nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer, zu einem verant­wor­tungs­vollen Umgang mit ihrer Sexua­lität an. Im Rahmen unserer Kurse über Hygiene und Körper­pflege wird über Sexua­lität und Famili­en­planung aufge­klärt.“ Katha hatte weitere Fragen auf der Zunge, aber stellte sie nicht. Denn sie wollte die beiden Männer nicht in Verle­genheit bringen. Der Blick des Paters zum Begleiter hatte ihr verraten, dass das Thema heikel war.

Der Priester nahm wieder das Wort: „Unsere Hilfe, die sie eben gesehen haben, ist bescheiden. Als katho­li­scher Orden sehen wir unsere Haupt­aufgabe nicht in Entwick­lungs­pro­jekten, sondern in der Seelsorge. Aber selbst­ver­ständlich dürfen wir das Umfeld, in dem wir und unsere Gemein­de­mit­glieder leben, nicht übersehen. Deshalb bieten wir vor allem Alpha­be­ti­sierung an, angepasst an das Milieu und den Lebens­standard der Menschen. Wir hätten das Geld sicherlich zusam­men­ge­bracht, um da oben ein besseres und stabi­leres Gebäude hinsetzen zu können. Haben wir nicht gemacht. Denn dann würden die Menschen es nicht als ihr Gebäude verstehen und nutzen.“

Und weiter: „Mit unserer Hilfe haben sie es selbst gebaut – dieje­nigen, die es bauen wollten. Die Familie der Frau, bei der wir eben waren, kann die Favela jetzt verlassen, weil sie, vor allem die Eltern, die zehn Jahre da oben dazu genutzt haben, sich selbst und ihre Kinder zu entwi­ckeln. Die können heute lesen und schreiben, die wissen mittler­weile, dass man auch anders wohnen kann, als sie zur Zeit noch wohnen. Wir haben ihnen geholfen, das zu lernen. Aber wir machen uns nichts vor: Diese Familie gehört zu einer Minderheit, die Mehrheit lebt von der Hand in den Mund und vergeudet lieber ihre Zeit, als etwas zu lernen.“

Nach diesem Vortrag bedankten sich die Besucher. Hirschberg ließ noch eine großzügige Spende da, dann verab­schiedete man sich. Katha saß still im Auto. Was sie gesehen und gehört hatte, beschäf­tigte sie, machte sie sehr nachdenklich. Auch Hirschberg schwieg. Später erst begann er ein Gespräch mit ihrem Begleiter. Er wollte wissen, was seine beruf­liche Tätigkeit sei, woher er komme. Er war im Dienste des Bischofs Ansprech­partner für Priester und Orden bei Projekten im Sozialbereich.

Ob er noch einen Moment mit rein kommen wolle, fragte Hirschberg, als sie vor der Haustür ankamen. „Nein danke“, er habe noch einiges zu erledigen. „Wir haben zu danken! Dafür, dass Sie sich so kurzfristig Zeit für uns genommen haben.“ „Für welche Zeitung schreiben Sie denn?“ „Wir sind free lancer und schreiben vornehmlich für Spezi­al­zeit­schriften.“ „Viel Erfolg! Und schicken Sie doch bitte ein Exemplar mit Ihrem Artikel. Hier haben Sie meine Karte.“ Er überreichte seine Visiten­karte. „Alles Gute! Und Gottes Segen!“ Auch ihm gab Hirschberg einen größeren Dollarschein.

Hirschberg und Katha saßen in der Küche und tranken Wasser. Er sah sie an, sie sah vor sich hin und meinte: „Da leben wir in Europa unseren egozen­tri­schen Stress und bekommen gar nicht mit, was in der Welt abgeht. Hast du noch ein gutes Gewissen, wenn du das hier siehst und an dein Leben zuhause denkst?“

„Jeder wird in einen bestimmten Lebensraum hinein geboren.“ Nach einer Weile des Nachdenkens: „Das ist das Umfeld deiner Mutter, deiner Eltern, in dem du heran­wächst, in dem du Wurzeln schlägst. Deine Heimat. Wenn man dann später die Welt etwas kennen lernt, das Leben in anderen Weltge­genden erfährt – ja dann müssen wir Europäer sehr dankbar dafür sein, dass wir in Freiheit, Frieden und Wohlstand hinein geboren worden sind.“

„Aber das ist doch ungerecht!“

„Hier gibt es auch immensen Reichtum. Denk an die Wohnung in Ipanema gestern.“

„Waren die denn noch nie in einer Favela?“

„Das Problem der Armut ist in der Haupt­sache kein Problem von arm und reich. Das behaupten nur die Paradies­macher in Europa. Der Pater hat das Beispiel von den Sozial­bauten gebracht. Zuerst müssen sich die Menschen ändern. Und das ist ein schwie­riges Unter­fangen. Zehn Jahre, so hast du gehört, hat die Familie der Frau gebraucht, um sich aus der Favela heraus zu entwickeln.“

Angel und Thomas kamen. Wie der Favela-Besuch denn gewesen sei, wollte Thomas wissen. „Katha hat jetzt ein schlechtes Gewissen“, sagte Hirschberg. „Wieso denn das?“ „Sie hat vermutlich zum ersten Mal im Leben das konkret gesehen, was man gemeinhin Armut nennt.“ „Es gibt noch viel schlimmere Armut. Das ist geradezu heile Welt im Vergleich zu dem, was ich anderswo gesehen habe.“

Katha: „Das kannst du so ungerührt sagen? Und trotzdem unbeschwert deinen Vergnü­gungen nachgehen?“

Thomas: „Seit ich in der sogenannten Dritten Welt lebe, bin ich mit dem, was man in Europa und Nordamerika Unter­ent­wicklung nennt, konfron­tiert. Am Anfang hat mich das todun­glücklich gemacht. Ich wollte es mit heroi­schem Einsatz ändern. Heute weiß ich, dass ich mit meiner Arbeit nur einen ganz beschei­denen Beitrag dazu leisten kann, dass Entwicklung statt­findet. Manchmal wird diese Entwicklung aber auch wieder zertrampelt. Da überfallen beispiels­weise Rebellen ein Dorf, in dem die Einwohner mit Hilfe von außen – Geld und Entwick­lungs­helfer – es gerade zu einer kleinen Verbes­serung ihrer Lebens­ver­hält­nisse gebracht haben. Hütten und Häuser werden angezündet, die Menschen mit Maschi­nen­ge­wehren nieder­ge­macht oder verschleppt, die Erde verbrannt.“

Angel: „Wenn du hier oder anderswo überleben willst, bleibt dir nichts anderes übrig, als erst einmal für dich selber zu sorgen. Ihr Europäer mit eurer staat­lichen Fürsorge seid arrogant. Im Verur­teilen seid ihr schnell. Im Aufstellen morali­scher Grund­sätze seid ihr spitze. Dabei habt ihr keine größere Sorge als die, dass euch euer Wohlstand abhanden kommen könnte. Statt dreimal im Jahr nach Mallorca, nur noch zweimal – für viele Deutsche wäre das doch der Horror des sozialen Abstiegs.“

Hirschberg hielt sich zurück. Er wollte die Meinungen der jungen Leute hören und freute sich, dass Katha nicht locker ließ.

„Also ihr sagt: Es läuft, wie es läuft, und du kannst so gut wie nichts daran ändern. Dann machen wir uns wenigstens selbst ein schönes Leben.“

Angel: „Es gibt hier in Latein­amerika, in Afrika und Asien mehr und mehr Länder mit gewalt­samen Ausein­an­der­set­zungen. Dabei spielen Ideologien, extreme religiöse Überzeu­gungen, Despo­tismus, Stammes­fehden und die sozialen Unter­schiede eine große Rolle. Wenn du das alles siehst, kannst du nur verzweifeln. Denn ändern kannst du es nicht. Was du kannst, ist, dir sagen, ich will ein froher Mensch bleiben, ich will wenigstens für mich selber sorgen können, ich will den Menschen meiner Umgebung ein fairer Partner, ein zugeneigter Mensch, ein liebe­voller Freund sein, ich will dabei helfen, dass sie ihr Leben schaffen. Alles andere ist arrogant.“

Thomas: „Was glaubt ihr, wie viel Gewalt­tä­tigkeit es hier in Rio gibt! Die Favela, die ihr gesehen habt, ist eine Ausnahme. Es gibt viele Favelas, in die selbst die Polizei sich nicht hinein­traut. In dieser Stadt geht es brutal zu. Deshalb habe ich euch gesagt, ihr sollt hier nicht allein rumlaufen. Da kannst du mit den besten Absichten von Europa hierher­kommen, du wirst scheitern, wenn du nicht ganz bescheiden wirst. Bescheiden in deinem Anspruch, Hilfe leisten zu können. Die Konflikte der Welt werden Europa nicht verschonen, ihr könnt euch nicht abschotten.“

Katha war verwirrt. Gegen­ar­gu­mente hatte sie nicht. Aber was die Jungs sagten, konnte sie auch nicht bejahen. Sie schwieg.

Hirschberg versuchte einen Schluss­punkt: „Ich habe unendlich große Achtung vor den Menschen, die als Ordens­leute unter denen leben und für dieje­nigen leben, die das Elend dieser Welt aushalten müssen. Aber wer kann das schon?“

Macumba

… dickliche Mami mit einer Zigarre … Blumen und Blattwerk aus Plastik in
schrillen Farben … jenseits von dem, was Verstand erhellen kann …

Abend­essen wurde gemacht, gegessen, die Küche in Ordnung gebracht. Die Abfahrt zur Macumba-Sitzung war erst gegen Mitter­nacht vorge­sehen. Eine Truppe von vier Freunden, darunter der Mittelsmann und Guide, würde sie abholen. Die Männer setzten sich vor den Fernseher. Katha bat Hirschberg, sich auf seinem Bett etwas ausruhen zu dürfen. Als die Freunde kamen und man aufbrechen wollte, weckte sie Hirschberg. Sie machte sich frisch und es ging los.

Mit zwei Autos ging es in rasanter Fahrt durch die Stadt. Bei Thomas fuhren der Guide, Hirschberg und Katha mit, in dem anderen Wagen Angel und die drei anderen Boys. Das letzte Stück gingen sie zu Fuß. Sie erreichten ein ziemlich herunter gekom­menes Haus, das vermutlich schon hier gestanden hatte, bevor die Hütten drum herum entstanden. Die Türsteher ließen die Gruppe passieren, ein Gang, ein dicker Vorhang und sie betraten den Raum.

Gleich­mäßig dumpfer Trommel-Rhythmus erfüllt das Halbdunkel. Ohne Unterlass. Ohne Höhepunkt. Ohne Anfang. Ohne Ende. Nicht einschlä­fernd, sondern heraus­for­dernd. Unent­wegte Beschwörung. Die Augen müssen sich an das spärliche Licht gewöhnen. Die Gruppe erhält Plätze auf zwei schnell hinein gestellten Bänken.

Die Hände der Trommler sind in ständig gleicher Bewegung, die Instru­mente zwischen den Beinen. Afrika­nische Gesichter, die keine Regung zeigen, stumm, geheim­nisvoll, Masken der nächt­lichen Hitze in Rhythmus gehüllt.

Frauen, die meisten schon etwas älter und füllig, tanzen im Kreise, gekleidet in weiße falten­reiche Gewänder. Einige tragen einen Turban, auch weiß. Wechsel­schritt: mal zur Mitte, mal vorwärts. Einige tragen bunte Schärpen, andere eine Stola. Perlen­ketten um den Hals, Armbänder, Schmuck wie er im Devotio­na­li­en­handel der Esoterik zu haben ist. Alle klatschen rhyth­misch in die Hände, singen einen Refrain.

Neben den Trommlern eine dickliche Mami mit einer Zigarre zwischen den Zähnen. Sie pafft den Rauch in den Raum, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen. Sie wiegt sich im Rhythmus hin und her, klatscht in die Hände. Hinter den Trommlern ein paar Männer, auch sie klatschen.

Jetzt löst sich eine der Tänze­rinnen aus dem Kreis hin zur Mitte. Sie schüttelt sich in Zuckungen, stößt wilde Schreie aus. Ist das Trance?

Was wird hier gespielt, fragt sich Hirschberg. Er fühlt sich fremd. Er lässt seinen Blick wandern. Die Wände sind mit grün und rot glänzenden Stoffen ausge­schlagen. Auf Podesten und einer Art Altar­tisch stehen Gipsfi­guren. Es sind keine Heiligen – oder doch?

Er erkennt eine Madonna mit Kind, einen Krieger mit Schwert, die Büste eines antiken Afrikaners. Dazwi­schen Blumen und Blattwerk aus Plastik in schrillen Farben. Auch ein glitzernder Stern ist in die Ansammlung hinein­ge­stellt worden. Überall Kerzen, flackernd, rußend. Die Figuren sind von unter­schied­licher Größe, mal zwergenhaft, mal mannshoch. Aberglaube, denkt Hirschberg.

Wieder fällt eine der Frauen in Zuckungen, vor allem der Kopf zuckt heftig. Verstohlen sieht Hirschberg auf seine Uhr: eine Stunde schon. Der Weiber­gesang setzt aus und ein Vorsänger, den Hirschberg im Halbdunkel nicht auszu­machen vermag, führt die Eintö­nigkeit fort. Dann setzen die Frauen wieder ein.

Hirschberg dreht den Kopf zur Seite. Er versucht zu erkennen, wer sonst noch im Raum ist. Aber es gelingt ihm nicht so recht. Katha sitzt links von ihm, daneben Thomas und Angel, zur anderen Seite die vier, die sie abgeholt haben. Nochmal der Versuch eines flüch­tigen Blicks nach hinten: dunkle Gesichter, den Blick auf die Szene vor ihnen gerichtet.

Auf der Fahrt hierher hatte ihr Guide ein paar Erläu­te­rungen und Verhal­tens­regeln gegeben. Sie führen in eine Favela, an deren Rand ein Macumba-Zentrum läge. Dort kämen nur Einhei­mische hin, keine Touristen. Es sei also keine gestellte Show. Aufgrund seiner Projekt­arbeit kenne er einen, der in dieser Favela Ansehen und Einfluss habe. Zwar sei er diese Nacht nicht dabei, aber man sei angemeldet und würde erwartet. Zu der Veran­staltung selbst: Mit dem Verstand könne man nicht erfassen, was da ablaufe. Er riet dazu, sich der Situation zu überlassen, aber wach zu bleiben. Spätestens gegen Morgen­grauen werde die Sitzung zu Ende sein. Man solle sich still und unauf­fällig verhalten. Er werde das Zeichen zum Aufbruch geben.

Also nicht mit dem Kopf! Hirschberg: Wäre er allein hier, würde er jetzt aufstehen, rausgehen und sagen „Nicht meine Welt“. Wie verhalten sich die anderen? Er beugt sich leicht nach vorne: Links die beiden Jungs sitzen locker und entspannt, Katha ganz aufrecht, rechts der Vierer lässig, teils mit verschränkten Armen, teils sich auf der Bank abstützend. Über die Gesichter huschen Schatten. Hirschberg beschließt, die Situation auszu­sitzen. Er schließt die Augen, hört und riecht.

Aber das Aussitzen geht nicht. Es gelingt ihm nicht, distan­ziert abzuwarten, sich innerlich von der Situation abzukoppeln. Das Trommeln lässt ihn nicht los. Nach und nach betäubt es den Kopf, es erfasst das Blut, zieht in den Körper, versetzt ihn mehr und mehr in Schwingung. Das Bewusstsein dämmert weg. Die Schwüle der Luft, von Zigar­ren­rauch geschwängert, nimmt ihn auf. Seine fünf Sinne sind vom Verstand entlassen, schieben ihn in weite unbekannte Räume, in Welten jenseits von dem, was Verstand erhellen kann. Mächtig, gewaltig, unermesslich, nicht zu greifen, aufsaugend.

Ein Hauch erfasst ihn, weht ihn in unheim­liche Unend­lichkeit. Wieder die schrillen Laute. Kein Zeitgefühl mehr. Er ist einge­bunden in präzisen, endlos fortei­lenden, fortschwem­menden Rhythmus, auf den sich die hellen unarti­ku­lierten Laute legen.

Jetzt spürt Hirschberg, dass Katha sich bewegt. Sie erhebt sich. Er öffnet die Augen und sieht, wie eine der Frauen sie in den Kreis der Tanzenden zieht. Eine andere Frau legt ihr Perlen­ketten um. Katha tanzt im Kreis der Frauen mit, als gehöre sie dazu, eine Runde, eine zweite. Ihre Umgebung nimmt sie offenbar nicht mehr wahr. Der Guide stößt seine Männer mit dem Ellbogen an, erhebt sich, die anderen folgen seinem Beispiel, er nimmt Katha bei der Hand, zieht sie aus dem Kreis, ein anderer nimmt ihr die Perlen­ketten ab und drückt sie einer der Frauen in die Hand. Der Trupp strebt dem Ausgang zu. Der Guide draußen: „Schnell weg hier!“ Sie laufen um ein paar Ecken, durch ein paar Gassen und erreichen die Avenida, an deren Rand sie ihre beiden Autos geparkt haben. Rein und los.

Im Wagen sagt der Guide: „Jetzt hätte es gefährlich werden können.“ Zu Katha: „Ich weiß nicht, ob das nur harmlos war, Sie in den Kreis zu ziehen. Im Hinter­grund waren einige Männer dazu gekommen. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse.“ Sie sagte nichts, war noch wie benommen. Hirschberg: „War gut so.“ Er sah auf die Uhr: 6 Uhr morgens.

Man schlief lange, weit in den Tag hinein. Es blieb gerade noch Zeit für eine Mahlzeit, dann packte Katha ihren Koffer. Hirschberg und Thomas brachten sie zum Flughafen. Es wurde kaum geredet. Für Katha und Hirschberg waren die Ereig­nisse zu dicht, zu bedrängend, als dass sie mit Worten sie hätten fassen können.

Abschied. Katha umarmte Thomas, bedankte sich. Hirschberg bekam einen Kuss auf den Mund und mit leicht erhobenem Zeige­finger sagte sie zu ihm: „Jetzt bist du dran, dich zu melden. Ich werde weder in Boston noch in Los Angeles hinter dir her telefo­nieren. In zwei Wochen will ich dich heil wieder­sehen. Mach’s gut!“

Hirsch­bergs Abflug nach New York war für den übernächsten Tag gebucht. Morgen würde er einen Ruhetag einlegen.

Das Dröhnen des Staub­saugers weckte ihn. Offenbar war die Reine­ma­chefrau wieder da. In der Nacht war er lange wach gewesen. In Mehlem pflegte er dann aufzu­stehen, etwas zu lesen oder zu schreiben oder auch nur durchs Haus zu gehen. Hier hatte er kein Licht am Bett, um zu lesen, keinen Schreib­platz, und durch die Wohnung geistern, das wollte er nicht. Erst gegen Morgen fiel er schließlich in Schlaf. Als er jetzt durch die Diele ging, grüßte er im Vorbei­gehen die Putzfrau, die ihn mit ihrem Riesen­gebiss anlächelte. War sie nicht unter den tanzenden Frauen bei der Macumba-Sitzung?

Nach Waschen, Rasieren, Anziehen und Frühstück legte er sich auf das in seiner Abwesenheit frisch gemachte Bett und hing seinen Gedanken nach. Ihm kamen Hinweise in den Sinn, die auf eine Welt jenseits der vom Menschen mit seinen Sinnen wahrnehm­baren Welt deuteten. Er erinnerte sich an den Vortrag eines Professors für Parapsy­cho­logie. Erstaun­liches und Unglaub­liches hatte der Mann vorge­tragen. Schlüssige und beweis­kräftige Erklä­rungen konnte er nicht bieten, man müsse noch viel forschen. Aber diese Phänomene, die zum Teil vielfach bezeugt seien, so der Professor, könne man nicht als Unsinn wegwi­schen. Sie seien existent, aber uns eben kaum zugänglich.

Auch im Neuen Testament, so erinnerte sich Hirschberg, gab es Hinweise. Da wurde von Menschen berichtet, die von bösen Geistern besessen waren. Verwiesen wurde auf eine unange­nehme Welt, in der „Heulen und Zähne­klappern“ herrsche. Auch war von einem Reich der Toten die Rede. Die alten Griechen kannten eine Unterwelt, ein Schat­ten­reich, in dem traurige Geschichten wie die von Orpheus und Euridike spielten. Auch andere Hochkul­turen der Vergan­genheit waren auf eine jenseitige Welt einge­stellt, die sich vor allem im Totenkult darstellte. Alles Phantas­terei? Alles Projektion? Alles religiöse Irrelevanz?

Ohne Zweifel: Der Mensch geht von der Existenz geheim­nis­voller Kräfte und Energien aus. Ihnen ist er zugetan, an sie glaubt er, nach ihnen richtet er sein Handeln aus. Bei den einen ist es die Astro­logie, bei anderen sind es die Mondphasen, bei wieder anderen die Wasser­adern und so weiter. Nachdem die Menschen in Europa sich wieder zu heidni­schen Gesell­schaften entwi­ckelten, wuchsen in den Buchhand­lungen die esote­ri­schen Abtei­lungen Meter um Meter, gab es Buchhand­lungen, die nur Esoterik verkauften. Wahrsager hatten Konjunktur. Wunder­dok­toren konnten sich vor Zulauf nicht retten.

Hirschberg fiel eine Fernseh­serie ein, von der er mehrere Folgen gesehen hatte. Ein Zauber­künstler, hinter einer Maske versteckt, enthüllte die Tricks der Kollegen. Eine sehr heilsame Sende­reihe, wie er fand, da der Mensch geneigt ist, zu glauben, was er sieht, auch wenn der Verstand ihm sagt, es ist Hokus­pokus. Ähnlich funktio­nierte ja auch Verleumdung, Rufmord: „Irgend­etwas wird schon dran sein“, sagen die Leute, weil sie dem trüge­ri­schen Schein folgen. In den Todes­zellen ameri­ka­ni­scher Gefäng­nisse saßen Menschen, die nach diesem Prinzip verur­teilt wurden. Der Film „Die zwölf Geschwo­renen“ gab muster­gültig wieder, wie irrational Menschen, Geschworene entscheiden. Aus eigener Erfahrung wusste er, dass die Entschei­dungen von Unter­nehmern oft alles andere als rational sind. Ihm wurde schwin­delig, das alles war zu viel für seinen Kopf, es ließ sich nicht fassen. Wie gut, dass es nach seiner festen Überzeugung Gott gab, der Herr aller Welten war, und dem er sich in diesem Augen­blick rückhaltlos anvertraute.

Am Abend hatte Hirschberg mit seinem Sohn ein klärendes Gespräch. Ja, er habe Probleme damit, dass er, sein Sohn, schwul sei. Ihm wäre lieber, wenn er eine Familie hätte. Thomas hatte dafür Verständnis, bat den Vater jedoch, auch für ihn Verständnis zu haben. Ob er in abseh­barer Zeit nach Deutschland käme? Er habe nichts geplant. Zuerst wolle er sich hier in Rio verankern, die Sprache lernen.

Der Vater berichtete von seinem vergeb­lichen Versuch, mit der geschie­denen Frau des Sohnes, also seiner Ex-Schwie­ger­tochter, Kontakt aufzu­nehmen. Zuletzt sei ein Mann am Apparat gewesen. Sie wolle offenbar keinerlei Verbindung mehr. Thomas bestä­tigte die Erfah­rungen seines Vaters. Sein letztes Telefonat, noch von den Philip­pinen aus, habe sie abrupt beendet. Er habe ihr seine Homose­xua­lität gestanden und sie gebeten, ihm zu verzeihen. Doch sie habe ihn nicht verstanden, ihm bittere Vorwürfe gemacht. Über Homose­xua­lität wisse sie nichts, habe dazu nur Vorur­teile – so wie er, als er noch nicht gewusst habe, was mit ihm los sei. Damals sei er von seinen Schuld­ge­fühlen fast erdrückt worden. Wenn er in zwei oder drei Jahren nach Deutschland komme, werde er erneut versuchen, Moni zu erreichen, schließlich habe er mit ihr eine gemeinsame Tochter.

Sie sprachen noch über Katha. Thomas meinte, sie sei eine tolle Frau, nicht nur in ihrer äußeren Erscheinung, sondern auch in dem, was sie an Charakter zeige, an Persön­lichkeit ausstrahle. Sie habe ihren ‚Chef‘ offen­sichtlich sehr gern. Er fragte: „Fallt ihr denn eigentlich nicht auf, wenn du dich mit ihr in der Öffent­lichkeit zeigst.“ „Bisher haben wir uns kaum in der Öffent­lichkeit gezeigt. Und wenn – die meisten halten uns für Vater und Tochter.“ Der Sohn zum Vater: „Wenn du sie magst, begehrst, kämpfe nicht dagegen an! Du würdest nur sie und dich selbst unglücklich machen – ich kenne solche Kämpfe. Liebt euch und seid fürein­ander da! Ok?“

Als Angel kam, war es schon fast Mitter­nacht. Noch ein paar Worte, Verab­redung des ‚Fahrplans’ für morgen.

Hirschberg saß im Flugzeug, lehnte sich zurück, schloss die Augen und ließ die Erinne­rungen an die vergan­genen Tage hochkommen, so wie sie ihm ins Bewusstsein strömten. Ein dunkel­häu­tiges Mädchen tauchte auf. Sie stand im Hinter­grund der Kinder­schar, die sie in der Favela umringt hatte. Aufge­fallen war ihm an ihr das verwa­schene Kleid, das sie trug. Deutlich sichtbar war, dass es öfter nass und dann wieder am Leib getrocknet war. Die Farben waren verlaufen und verblichen, Ränder hatten sich gebildet und zeich­neten ein Linien­spiel von getrock­netem Schweiß und getrock­neten Regen­güssen. Ihrer Anmut tat das keinen Abbruch. Bevor sie die Favela verließen, trafen sie nochmals auf das Mädchen, das sie anlächelte und zaghaft die Hand wie zum Abschied hob. Er hörte eine Stimme und schlug die Augen auf. Die Stewardess fragte, was er trinken wolle.

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