Paul Halbe

SINNphOLL-Thema: Sexua­lität

Dem Himmel nahe

Text-Collagen und ein geträumter Bußgottesdienst

Beim vielfäl­tigen Nachschlagen und Nachlesen zur „Sexua­lität“ habe ich die Weite des Themas in einer Fülle von unter­schied­lichen Orien­tie­rungen mitbe­kommen. Bevor ich mich in Orien­tie­rungs­lo­sigkeit zu verlieren begann, habe ich entschieden, mich auf Extrakte aus dem Alten und Neuen Testament, Theologen-Texte, Wikipedia und andere mir hilfreiche Texte zu beschränken.

Entstanden sind Textkol­lagen und ein Traum, in dem ich meinen Ärger über das Versagen und die Verfeh­lungen der Führungs­per­sonen und Reprä­sen­tanten der Katho­li­schen Kirche abgear­beitet habe. Die erste Folge schildert anhand des Buches Genesis, Altes Testament, wie aus der Frucht­barkeit einer Hirten­fa­milie das Volk Gottes wurde.

Ausführlich zitiere ich den Moral­theo­logen Franz Böckle (1921 – 1991), der im Jahr 1967 (!) schrieb: „Wenn es (aber) Augus­tinus, Thomas und anderen Theologen recht war, die Anfor­de­rungen christ­licher Existenz gemäß ihrem damaligen Verständnis von Sexua­lität zu inter­pre­tieren, warum soll es nicht auch das Recht und sogar die Pflicht unserer Generation sein?”

SINNphOLL-Thema: Sexua­lität

Folge 1:

Dem Himmel nahe

Frucht­barkeit

Aus der Familie Abrahams wird das Volk Gottes

Der HERR (Gott) sprach zu Abram: Verlass deine Heimat, deine Sippe und die Familie deines Vaters und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich will dich segnen und dich zum Stamm­vater eines mächtigen Volkes machen. Dein Name soll in aller Welt berühmt sein. An dir soll sichtbar werden, was es bedeutet, wenn ich jemand segne.

Aber Sarai (später Sara genannt), mit der Abram (später Abraham genannt) verhei­ratet war, bekam keine Kinder.

Damals brach im Land Kanaan eine schwere Hungersnot aus. Darum suchte Abram Zuflucht in Ägypten. Als er an die ägyptische Grenze kam, sagte er zu Sarai: Ich weiß, dass du eine schöne Frau bist. Wenn die Ägypter dich sehen, werden sie sagen: ‘Das ist seine Frau’, und sie werden mich totschlagen, um dich zu bekommen. Sag deshalb, du seist meine Schwester, dann werden sie mich deinet­wegen gut behandeln und am Leben lassen.

In Ägypten traf ein, was Abram voraus­ge­sehen hatte. Überall fiel Sarai durch ihre Schönheit auf. Die Hofleute priesen sie dem Pharao in den höchsten Tönen, und er ließ sie in seinen Palast holen. Ihr zuliebe war er freundlich zu Abram und schenkte ihm Schafe und Ziegen, Rinder, Esel und Kamele, Sklaven und Sklavinnen.

Doch weil der Pharao sich die Frau Abrams genommen hatte, bestrafte der HERR ihn mit einer schweren Krankheit, ihn und alle andern in seinem Palast. Da ließ der Pharao Abram rufen und sagte zu ihm: Warum hast du mir das angetan? Du hättest mir doch sagen können, dass sie deine Frau ist! Aber du hast sie für deine Schwester ausge­geben, nur deshalb habe ich sie mir zur Frau genommen. Nun, sie gehört dir; nimm sie und geh!

Der Pharao bestellte eine Abteilung Soldaten und ließ Abram mit seiner Frau und seinem ganzen Besitz über die Grenze bringen.

Abraham schläft mit Saras ägypti­scher Sklavin

Abrams Frau Sarai blieb kinderlos. Sie hatte aber eine ägyptische Sklavin namens Hagar. So sagte sie zu ihrem Mann: Du siehst, der HERR hat mir keine Kinder geschenkt. Aber vielleicht kann ich durch meine Sklavin zu einem Sohn kommen. Ich überlasse sie dir. Abram war einver­standen, und Sarai gab ihm die ägyptische Sklavin zur Frau. Abram schlief mit Hagar und sie wurde schwanger. Hagar gebar Abram einen Sohn, und Abram nannte ihn Ismaël. Abram war damals 86 Jahre alt.

Als Abram 99 Jahre alt war, erschien ihm der HERR und sagte zu ihm: Ich schließe mit dir einen Bund und mache dir die feste Zusage: Ich will dir unermesslich viele Nachkommen geben.

Dann sagte Gott zu Abraham: Deine Frau Sarai sollst du von jetzt an Sara nennen. Ich will sie segnen und dir auch durch sie einen Sohn schenken. Ich segne sie so, dass sie die Mutter ganzer Völker wird, sogar Könige werden von ihr abstammen. Nächstes Jahr um diese Zeit komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau einen Sohn haben.

Sara stand im Rücken Abrahams am Zelteingang und horchte. Die beiden waren damals schon alt, und Sara war schon lange über die Wechsel­jahre hinaus. Sie lachte in sich hinein und dachte: Jetzt, wo ich alt und verwelkt bin, soll ich noch ein Kind empfangen? Und mein Mann ist auch viel zu alt!

Gott kündigt Abraham den Kinder­segen Saras an

Da sagte der HERR zu Abraham: Warum hat Sara gelacht? Warum zweifelt sie daran, dass sie noch ein Kind gebären wird? Ist für den HERRN irgend­etwas unmöglich? Nächstes Jahr um die verab­redete Zeit komme ich wieder, dann hat Sara einen Sohn.

Der HERR dachte an Sara und tat an ihr, was er angekündigt hatte. Sie wurde schwanger und gebar Abraham noch in seinem Alter einen Sohn. Es war genau zu der Zeit, die Gott angegeben hatte. Abraham nannte den Sohn, den Sara ihm geboren hatte, Isaak. Isaak wuchs und gedieh. Als er von der Mutter­brust entwöhnt wurde, feierte Abraham mit seinen Leuten ein großes Fest.

Eines Tages sah Sara den Sohn der Ägypterin Hagar spielen, das Kind, das diese Abraham geboren hatte. Da sagte sie zu ihrem Mann: Jag diese Sklavin und ihren Sohn fort! Der Sohn der Sklavin darf nicht mit meinem Sohn Isaak zusammen erben! Abraham missfiel das sehr, denn auch Ismaël war ja sein Sohn. Aber Gott sagte zu Abraham: Gräme dich nicht wegen des Jungen und deiner Sklavin! Tu, was Sara von dir verlangt; denn die Nachkommen Isaaks sollen als deine recht­mä­ßigen Nachkommen gelten. Aber auch den Sohn der Sklavin werde ich zu einem Volk machen, weil er von dir abstammt.

Rebekka wird zur Frau von Abrahams Sohn, Isaak, auserwählt

Abraham war sehr alt geworden. Der HERR hatte ihn gesegnet und ihm alles gelingen lassen. Eines Tages sagte er zu seinem ältesten Knecht, der seinen ganzen Besitz verwaltete: Leg deine Hand zwischen meine Beine und schwöre mir! Versprich mir beim HERRN, dem Gott des Himmels und der Erde, dass du für meinen Sohn Isaak keine Frau auswählst, die hier aus dem Land Kanaan stammt. Gib mir dein Wort, dass du in meine Heimat gehst und ihm eine Frau aus meiner Verwandt­schaft suchst.“

Anmerkung: Leg deine Hand zwischen meine Beine und schwöre mir!“ Dazu gibt es eine Erläu­terung: „Die Berührung des Zeugungs­gliedes als der >Quelle des Lebens< macht den Eid in beson­derem Maße verbindlich.

„Da legte der Verwalter seine Hand zwischen die Beine Abrahams und schwor ihm, alles so auszu­führen, wie er es verlangt hatte. Dann machte er zehn von den Kamelen seines Herrn reise­fertig, nahm wertvolle Geschenke mit und reiste nach Mesopo­tamien, in die Stadt, in der die Familie von Abrahams Bruder Nahor lebte. Als er dort ankam, hielt er an der Quelle vor der Stadt an und ließ die Kamele nieder­knien. Es war gegen Abend, um die Zeit, wenn die Frauen zum Wasser­holen herauskommen.

Da kam aus der Stadt ein Mädchen mit einem Wasserkrug auf der Schulter. Es war Rebekka, die Tochter von Betuël und Enkelin von Milka, der Frau von Abrahams Bruder Nahor. Sie war sehr schön und noch nicht verhei­ratet; kein Mann hatte sie berührt.

Am anderen Morgen sagte Abrahams Verwalter zum Bruder des Mädchens und zu seiner Mutter: Lasst mich jetzt zu meinem Herrn zurück­kehren! Die beiden baten ihn: Lass sie doch noch eine Weile bei uns bleiben, nur zehn Tage; dann kann sie mit dir gehen! Er aber sagte: Haltet mich nicht auf! Gott in seiner Güte hat meine Reise gelingen lassen. Ich möchte jetzt zu meinem Herrn zurückkehren.

Wir rufen das Mädchen, sagten die beiden, sie soll selbst entscheiden. Sie riefen Rebekka und fragten sie: Willst du mit diesem Mann mitgehen? Rebekka sagte: Ja, das will ich.

Isaak heiratet Rebekka

Da verab­schie­deten sie Rebekka und ihre Amme und auch den Verwalter Abrahams mit seinen Leuten. Sie segneten Rebekka und sagten: Schwester, du sollst die Mutter von vielen Tausenden werden! Mögen deine Nachkommen ihre Feinde besiegen und ihre Städte erobern!

Isaak wohnte zu der Zeit im südlichsten Teil des Landes in der Nähe des Brunnens Lahai-Roi. Eines Abends, als er gerade auf dem Feld war, sah er auf einmal Kamele daher­kommen. Auch Rebekka hatte Isaak erblickt. Schnell stieg sie vom Kamel und fragte den Verwalter Abrahams: Wer ist der Mann, der uns dort entge­gen­kommt? Es ist mein Herr, erwiderte er; und Rebekka bedeckte ihr Gesicht mit dem Schleier.

Der Besitz­ver­walter erzählte Isaak, was alles geschehen war, und Isaak führte Rebekka in das Zelt seiner Mutter Sara. Er nahm sie zur Frau und gewann sie lieb.

Als Isaak 40 Jahre alt war, heiratete er Rebekka, die Tochter von Betuël aus dem oberen Mesopo­tamien, die Schwester Labans. Rebekka aber bekam keine Kinder. Deshalb betete Isaak zum HERRN, und der HERR erhörte seine Bitte. Daraufhin empfing Rebekka Zwillinge. Als die Kinder im Mutterleib heftig gegen­ein­ander stießen, sagte sie: Wenn es so steht, warum bin ich dann schwanger geworden? Sie ging, um den HERRN zu befragen, und der HERR gab ihr die Antwort: Zwei Völker trägst du jetzt in deinem Leib, in deinem Schoß beginnen sie zu streiten. Das eine wird das andere unter­werfen: der Erstge­borene wird dem Zweiten dienen.

Isaak schickt seinen Sohn Jakob für
die Braut­suche zur Familie Rebekkas

Als die Zeit der Entbindung kam, brachte Rebekka tatsächlich Zwillings­brüder zur Welt. Der erste, der herauskam, war am ganzen Körper mit rötlichen Haaren bedeckt; sie nannten ihn Esau. Danach kam sein Bruder heraus, der hielt Esau an der Ferse fest; darum nannten sie ihn Jakob. Ihr Vater Isaak war 60 Jahre alt, als die beiden geboren wurden.

Als Esau 40 Jahre alt war, heiratete er zwei Hetite­rinnen, Jehudit, die Tochter von Beeri, und Basemat, die Tochter von Elon. Darüber waren Isaak und Rebekka sehr bekümmert. Rebekka sagte zu Isaak: Das Leben ist mir verleidet, weil Esau diese Hetite­rinnen gehei­ratet hat. Wenn auch noch Jakob eine Frau aus dem Land hier nimmt, möchte ich lieber gleich sterben.

Da rief Isaak seinen Sohn Jakob zu sich. Er segnete ihn und sagte: Du darfst auf keinen Fall eine Frau aus dem Land Kanaan heiraten! Geh nach Mesopo­tamien zur Familie Betuëls, des Vaters deiner Mutter, und nimm dir eine von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter, zur Frau. Gott, der Gewaltige, wird dich segnen. Er wird dich fruchtbar machen und dir viele Nachkommen schenken, sodass aus dir eine ganze Schar von Völkern wird.

Jakob trifft auf Rahel

Nachdem Isaak ihn verab­schiedet hatte, ging Jakob ins obere Mesopo­tamien zu Laban, dem Sohn des Aramäers Betuël, dem Bruder von Rebekka, seiner und Esaus Mutter. Eines Tages kam er am Rand der Steppe zu einem Brunnen, aus dem die Hirten der Gegend ihr Vieh tränkten.

Meine Brüder, wo seid ihr zu Hause?, fragte Jakob die Hirten. In Haran, antwor­teten sie. Er fragte weiter: Kennt ihr dort Laban, den Sohn Nahors? Gewiss, sagten sie. Geht es ihm gut?, wollte Jakob wissen. O ja, war die Antwort; da drüben kommt gerade seine Tochter Rahel mit ihrer Herde!

Jakob sah Rahel und ihre Herde, und er sagte sich: Sie ist die Tochter Labans, des Bruders meiner Mutter, und das hier sind die Schafe und Ziegen Labans, des Bruders meiner Mutter! Und er ging zum Brunnen, schob den Stein zur Seite und tränkte die Tiere Labans, des Bruders seiner Mutter. Dann küsste er Rahel und weinte laut.

Er sagte ihr, dass er der Neffe ihres Vaters und ein Sohn von Rebekka sei; und sie lief zu ihrem Vater und erzählte es ihm. Als Laban hörte, dass der Sohn seiner Schwester gekommen war, lief er Jakob entgegen. Er umarmte und küsste ihn und nahm ihn mit sich in sein Haus.

Jakob war schon einen Monat lang im Haus seines Onkels. Eines Tages sagte Laban zu ihm: Du sollst nicht umsonst für mich arbeiten, nur weil du mein Verwandter bist. Was willst du als Lohn haben? Nun hatte Laban zwei Töchter, die ältere hieß Lea, die jüngere Rahel. Lea hatte glanzlose Augen, Rahel aber war ausnehmend schön. Jakob liebte Rahel und so sagte er: Gib mir Rahel, deine jüngere Tochter, zur Frau! Ich will dafür sieben Jahre bei dir arbeiten. Laban sagte: Ich gebe sie lieber dir als einem Fremden. Bleib also die Zeit bei mir!


Benedikt XVI.: „Liebe zielt auf Ewigkeit. Ja, Liebe ist ‘Ekstase’, aber Ekstase nicht im Sinn des rausch­haften Augen­blicks, sondern Ekstase als ständiger Weg aus dem in sich verschlos­senen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbst­findung, ja, zur Findung Gottes: ‘Wer sein Leben zu bewahren versucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen’ (Lk 17,33), sagt Jesus – ein Wort, das in mehreren Varianten bei ihm in den Evangelien wieder­kehrt (vgl. Mt 10,39; 16,25; Mk 8,35; Lk 9,24; Joh 12,25).“ Zitat aus der Enzyklika „DEUS CARITAS EST“ von Papst Benedikt XVI., veröf­fent­licht im Jahr 2005


Jakob arbeitete bei Laban sieben Jahre für Rahel, und weil er sie so sehr liebte, kamen ihm die Jahre wie Tage vor. Danach sagte er zu Laban: Die Zeit ist um. Gib mir jetzt die Frau, um die ich gearbeitet habe! Ich will mit ihr Hochzeit halten.

Laban lud alle Leute im Ort zur Hochzeits­feier ein. Aber am Abend führte er nicht Rahel, sondern Lea ins Braut­gemach und Jakob schlief mit ihr. Als Dienerin gab Laban ihr seine Sklavin Silpa. Am Morgen sah Jakob, dass es gar nicht Rahel, sondern Lea war. Da stellte er Laban zur Rede: Warum hast du mir das angetan? Ich habe doch um Rahel gearbeitet! Warum hast du mich betrogen?

Es ist bei uns nicht Sitte, erwiderte Laban, die Jüngere vor der Älteren wegzu­geben. Verbringe jetzt mit Lea die Hochzeits­woche, dann geben wir dir Rahel noch dazu. Du wirst dann um sie noch einmal sieben Jahre arbeiten. Jakob ging darauf ein. Nachdem die Woche vorüber war, gab Laban ihm auch Rahel zur Frau. Als Dienerin gab er Rahel seine Sklavin Bilha.

Rahel wird Jakobs zweite Frau

Jakob schlief auch mit Rahel, und er hatte sie lieber als Lea. Der HERR sah, dass Jakob Lea zurück­setzte, deshalb schenkte er ihr Kinder, während Rahel kinderlos blieb. Als Lea ihren ersten Sohn geboren hatte, sagte sie: Der HERR hat meinen Kummer gesehen; jetzt wird mein Mann mich lieben. Deshalb nannte sie das Kind Ruben. Danach wurde sie wieder schwanger und gebar einen zweiten Sohn. Sie sagte: Der HERR hat mir auch noch diesen gegeben, weil er gehört hat, dass mein Mann mich zurück­ge­setzt hat. So nannte sie ihn Simeon.

Wieder wurde sie schwanger und gebar einen Sohn. Jetzt habe ich meinem Mann drei Söhne geboren, sagte sie; nun wird er vielleicht doch an mir hängen. Deshalb nannte sie ihn Levi. Als sie schließlich ihren vierten Sohn zur Welt brachte, sagte sie: Jetzt will ich dem HERRN danken, und nannte ihn Juda. Dann bekam sie lange Zeit keine Kinder mehr.

Als Rahel sah, dass Lea Kinder bekam und sie nicht, wurde sie eifer­süchtig auf ihre Schwester und sagte zu Jakob: Sorge dafür, dass ich Kinder bekomme, sonst will ich nicht länger leben! Jakob wurde zornig und sagte: Kann denn ich etwas dafür? Ich bin doch nicht Gott, der dir Kinder versagt.

Jakob zeugt die Stamm­väter des Volkes Israel

Da sagte Rahel: Hier hast du meine Dienerin Bilha. Schlafe mit ihr, damit sie an meiner Stelle ein Kind bekommt. Wenn sie es auf meinem Schoß zur Welt bringt, ist es wie mein eigenes.

So gab Rahel ihm ihre Dienerin Bilha zur Frau und er schlief mit ihr. Bilha wurde schwanger und gebar Jakob einen Sohn. Rahel sagte: Gott hat mir zu meinem Recht verholfen, er hat meine Bitten gehört und mir einen Sohn geschenkt. Darum nannte sie ihn Dan. Danach wurde Rahels Dienerin Bilha noch einmal schwanger und gebar Jakob einen weiteren Sohn. Rahel sagte: Mit Gottes Hilfe habe ich gegen meine Schwester gekämpft und habe gesiegt. Und sie nannte ihn Naftali.

Als Lea sah, dass sie keine Kinder mehr bekam, gab sie Jakob ihre Dienerin Silpa zur Frau. Auch Silpa gebar Jakob einen Sohn. Er bringt Glück, sagte Lea und nannte ihn Gad. Danach gebar Silpa noch einen zweiten Sohn, und Lea sagte: Ich bin glücklich! Alle Frauen werden mich beneiden. Darum nannte sie ihn Ascher.


Wikipedia, die freie Enzyklo­pedie: „Die Orgas­mus­phase markiert die größte Inten­sität der Lustemp­findung; der Orgasmus dauert bei Männern und Frauen durch­schnittlich einige Sekunden. Der sex flush, die Durch­blutung der obersten Hautschichten, erhöht sich auf ein Maximum. Es kommt zu unwill­kür­lichen, rhyth­mi­schen Muskel­kon­trak­tionen in der Genital- und Analregion mit einem Intervall von ungefähr 0,8 Sekunden.“


Zur Zeit der Weizen­ernte ging Ruben einmal aufs Feld. Er fand dort Alraun­früchte und brachte sie seiner Mutter Lea. Da bat Rahel ihre Schwester: Gib mir doch ein paar von diesen Zauber­früchten, die dein Sohn gefunden hat. Aber Lea sagte: Reicht es dir nicht, dass du mir meinen Mann wegge­nommen hast? Musst du mir auch noch die Liebes­äpfel meines Sohnes nehmen? Rahel erwiderte: Wenn du sie mir gibst, soll Jakob meinet­wegen heute Nacht bei dir schlafen.

Auch Rahel wird endlich schwanger

Als Jakob am Abend vom Feld nach Hause kam, ging ihm Lea entgegen und sagte: Heute musst du bei mir schlafen; ich habe dafür mit den Liebes­äpfeln meines Sohnes bezahlt. Jakob schlief bei ihr, und Gott erhörte Leas Bitte. Sie wurde schwanger und gebar Jakob einen fünften Sohn. Sie sagte: Gott hat mich dafür belohnt, dass ich meinem Mann meine Dienerin gegeben habe. Darum nannte sie ihn Issachar. Sie wurde noch einmal schwanger und gebar Jakob einen sechsten Sohn. Und sie sagte: Gott hat mir ein kostbares Geschenk gemacht. Jetzt endlich wird mein Mann mich annehmen, nachdem ich ihm sechs Söhne geboren habe. Darum nannte sie ihn Sebulon. Danach gebar sie noch eine Tochter und nannte sie Dina.

Da endlich dachte Gott an Rahel: Er erhörte ihr Gebet und öffnete ihren Mutter­schoß. Sie wurde schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Da sagte sie: Gott hat meine Schande von mir genommen. Sie nannte ihn Josef und sagte: Möge der HERR mir noch einen Sohn dazugeben!

Gott ändert den Namen Jakobs in den Namen Israel

Nachdem Jakob aus Mesopo­tamien zurück­ge­kehrt war, erschien ihm Gott ein weiteres Mal. Er segnete ihn und sagte: Du sollst von jetzt an nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Weiter sagte Gott: Ich bin der Gewaltige. Sei fruchtbar und vermehre dich! Deine Nachkommen sollen zu einem ganzen Volk, ja zu einem Verband von Völkern werden, und sogar Könige werden von dir abstammen. Dir und deinen Nachkommen will ich das Land geben, das ich Abraham und Isaak zugesprochen habe.

Jakob zog mit seiner Familie weiter. Als sie nur noch ein kleines Stück von Efrata entfernt waren, setzten bei Rahel die Wehen ein. Sie hatte eine sehr schwere Geburt. Während sie sich unter großen Schmerzen abmühte, rief ihr die Hebamme zu: Hab keine Angst! Du hast wieder einen Sohn! Aber Rahel spürte, dass es mit ihr zu Ende ging. Deshalb nannte sie das Kind Ben-Oni; aber sein Vater nannte es Benjamin.

Jakob hatte zwölf Söhne. Die Söhne, die Lea geboren hatte, waren: Ruben, der Erstge­borene, Simeon, Levi, Juda, Issachar und Sebulon. Die Söhne, die Rahel geboren hatte, waren: Josef und Benjamin. Die Söhne von Bilha, der Dienerin Rahels, waren Dan und Naftali, die von Silpa, der Dienerin Leas, waren Gad und Ascher.

Extra­hiert aus dem Buch Genesis, Kapitel 11, Vers 29a bis Kapitel 35, Vers 26a in der gemein­samen Übersetzung evange­li­scher und katho­li­scher Bibel­fach­leute und von der Deutschen Bibel­ge­sell­schaft 1982 unter dem Titel „Gute Nachricht Bibel“ veröffentlich

SINNphOLL-Thema: Sexua­lität

Folge 2:

Dem Himmel nahe

Offen zur Gestaltung

Instinkt­un­si­cherheit

Franz Böckle (1921 – 1991), Professor, Dr., Katho­li­scher Moral­theologe: „Gerade im sexuellen Bereich führt die Instinkt­un­si­cherheit wegen der elemen­taren Kraft der Sexua­lität zu einer nicht unerheb­lichen Gefährdung. Durch den ständigen Antriebs­über­schuss wird die mit der Instinkt­un­si­cherheit verbundene Gefahr noch erhöht. Daher ist gerade der Bereich der Sexua­lität gestal­tungs­be­dürftig und verlangt nach entspre­chenden Normen, die den Menschen in seinem Antriebs­über­schuss entlasten sollen. Tatsächlich werden auch in keiner uns bekannten Gesell­schaft die geschlecht­lichen Bezie­hungen einfach dem Belieben der Individuen überlassen. Die spezi­fisch mensch­liche Art der Sexua­lität besteht gerade in der Offenheit zur verant­wort­lichen Gestaltung und Sinngebung.”
Zitat aus dem Artikel „Sexua­lität und sittliche Norm“, erschienen in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ des Herder-Verlags, Heft 10, Oktober 1967

Vermählung

Franz de Jong: „Katha drehte sich nach einer Weile Hirschberg zu, hob den Kopf und betrachtete ihn: Ihr Mann! Wie schon an der Copacabana strich sie ihm mit der Finger­kuppe ganz leicht über die Stirn. Nach und nach bezog sie die Nase, die Schläfen, Wangen, Lippen, Hals und Kinn mit ein. Sein Gesicht war völlig entspannt, strahlte Freude aus. Sie beugte sich über ihn, küsste ihn. Dann legte sie sich wieder zurück.

Nach einer Weile spürte sie, wie er sich ihr zuwandte. Mit dem Finger­rücken seiner rechten Hand strei­chelte er ihre Wangen. Danach ließ er, ähnlich wie sie vorhin, seine Finger­kuppen zart über ihr Gesicht gleiten, mit einer Feinfüh­ligkeit, wie sie diese noch nicht erfahren hatte. Sie küsste seine Hand.

Er beugte sich über sie und bedeckte ihr Gesicht mit lauter zarten Küssen. Schließlich lehnte er sich langsam zurück, während sie sich ihm wieder zuwandte. Mit ihren Fingern und Handflächen glitt sie über seinen Leib, erschloss sie sich ihn betastend, bei Mutter­malen und Warzen kurz verweilend.

Nach dieser Entde­ckungs­reise ihrer Hände bedeckte sie seinen Leib mit Küssen wie mit Perlen­ketten. Nach Jahren erwachte in ihm wieder der Mann. Das steigerte in ihr die zärtliche Zuneigung. Er spürte Kraft in sich aufsteigen. Sein Glied festigte sich. Ihre Lippen umfassten es, er fühlte ihre Zunge es umspielen, sanft fassten es ihre Zähne, seine Kraft prüfend. Danach zog sie sich wieder zurück.

Solcher­maßen geweckt, ließ er nunmehr sie die Zärtlichkeit seiner Finger und Hände erneut fühlen. Er richtete sich auf, zog sie – und sie verstand sofort – mit dem Rücken zu sich heran. Sie setzte sich zwischen seine Beine, so dass er sie von hinten umarmen konnte; er nahm ihre Brüste liebkosend in seine Hände, holte ihre Spitzen hervor und betastete sie so lange, bis sie fest waren. Jeder Mensch, so kam es Hirschberg in den Sinn, jeder Mann genießt hier lutschend und saugend die ersten Momente seines Lebens nach der Geburt, fühlt sich angenommen und geborgen, stillt sein hungriges Verlangen. Welchen Fetischismus hatten die Porno­grafen aus diesem weiblichen Quell des Lebens gemacht!

Sie drehte sich. Er wurde wieder zum Säugling: lecken, lutschen, säugen. Sie spürte, wie sie feucht wurde. Langsam ließ sie sich auf den Rücken gleiten. Und gab zu erkennen, wo die Babys raus kommen. Sie fühlte seine Hand, wie sie über die Scham­haare glitt, wie die Finger­kuppen ganz zart die Ränder strei­chelten und mit der Klitoris spielten. Dann schob er sich behutsam auf sie. Er drang in sie ein. Sie küssten sich, ließen ihre Zungen mitein­ander tanzen.

Sie umfassten sich, sie gerieten immer mehr in Erregung, verschmolzen inein­ander, wurden eins. Ihre Natur bestimmte den Rhythmus, der Puls pochte, sie jauchzte und sie verweilten gemeinsam auf ihrem gleich­zei­tigen Höhepunkt. Welch eine Wonne! Liebe und Schöp­fungsakt. Ganz langsam ließen sie ihre Hochzeit ausklingen. Mit großer Zärtlichkeit gaben sie ihrer Liebe zuein­ander unentwegt Ausdruck.“

Auszug aus dem E‑Book „Am Vorabend des Vergessens“ auf der SINNphOLL-Website, www.sinnpholl.de

Indivi­dua­lität

Wikipedia, die freie Enzyklo­pädie: „Sexuelle Orien­tierung (auch Sexual­ori­en­tierung oder Geschlechts­­partner-Orien­­tierung) erfasst die nachhal­tigen Inter­essen einer Person bezüglich des Geschlechts eines poten­ti­ellen Partners auf der Basis von Repro­duk­ti­ons­in­teresse, Emotion, roman­ti­scher Liebe, Sexua­lität und Zuneigung.

Gegenüber sexuellem Verhalten unter­scheidet sie sich durch den Bezug auf Gefühle und Selbst­konzept. Darauf basie­rendes sexuelles Verhalten kann statt­finden, muss aber nicht. Zwischen zwei Extremen herrscht eine stufenlose Vielfalt. Die sexuelle Orien­tierung wird meist als einer von mehreren Teilen der sexuellen Identität angesehen und ist teilweise ein Ergebnis der sexuellen Prägung.“

Die Vorschriften des Alten Testaments 
für das Sexual­ver­halten des Volkes Israel

Der HERR sagte zu Mose: Richte den Leuten von Israel aus, was ich ihnen zu sagen habe: Ich bin der HERR, euer Gott. Lebt nicht so, wie die Leute in Ägypten leben, woher ihr kommt, auch nicht so, wie sie in Kanaan leben, wohin ich euch bringe. Die Sitten dieser Völker gehen euch nichts an. Ihr sollt euch nach meinen Ordnungen richten und meinen Anwei­sungen gehorchen. Ich bin der HERR, euer Gott. Wer meine Gebote und Weisungen befolgt, bewahrt sein Leben. Ich bin der HERR!

  • Kein Mann unter euch darf mit einer Bluts­ver­wandten geschlechtlich verkehren.
  • Du darfst nicht mit deiner Mutter schlafen und dadurch deinen Vater entehren; denn sie ist deine Mutter.
  • Du darfst nicht mit einer anderen Frau deines Vaters schlafen; denn auch dadurch entehrst du deinen Vater.
  • Du darfst nicht mit deiner Schwester oder Halbschwester schlafen, gleich­gültig, ob sie die Tochter deines Vaters oder deiner Mutter ist und ob sie in der gleichen Ehe geboren ist oder nicht.
  • Du darfst nicht mit deiner Enkel­tochter schlafen; denn dadurch entehrst du dich selbst.
  • Du darfst nicht mit einem Mädchen schlafen, das die Tochter deines Vaters und einer seiner Frauen ist; denn sie ist deine Schwester.
  • Du darfst nicht mit einer Schwester deines Vaters schlafen; denn sie ist mit deinem Vater blutsverwandt.
  • Du darfst nicht mit einer Schwester deiner Mutter schlafen; denn sie ist mit deiner Mutter blutsverwandt.
  • Du darfst nicht mit der Frau deines Onkels, des Bruders deines Vaters, schlafen; denn sie ist deine Tante.
  • Du darfst nicht mit deiner Schwie­ger­tochter schlafen; denn sie ist die Frau deines Sohnes.
  • Du darfst nicht mit deiner Schwä­gerin schlafen; denn dadurch entehrst du deinen Bruder.
  • Wenn du mit einer Frau verkehrst, darfst du nicht gleich­zeitig mit ihrer Tochter oder Enkel­tochter schlafen. Sie sind mit ihr bluts­ver­wandt, deshalb ist das so viel wie Blutschande.
  • Du darfst nicht die Schwester deiner Frau zur Nebenfrau nehmen, solange deine Frau noch lebt.
  • Du darfst nicht mit einer Frau schlafen, die ihre monat­liche Blutung hat; denn in dieser Zeit ist sie unrein.
  • Du darfst nicht mit der Frau eines anderen Mannes schlafen; denn dadurch wirst du unrein.
  • Du darfst keines deiner Kinder als Opfer für den Götzen Moloch verbrennen; denn dadurch belei­digst du deinen Gott. Ich bin der HERR!
  • Kein Mann darf mit einem anderen Mann geschlechtlich verkehren; denn das verab­scheue ich.
  • Kein Mann und keine Frau dürfen mit einem Tier geschlechtlich verkehren. Das ist wider­wärtig und macht unrein.

Verun­reinigt euch nicht durch alle diese Verir­rungen, wie es die Völker getan haben, die ich vor euch vertreibe. Sie haben das Land unrein gemacht; aber ich sorge dafür, dass es seine Bewohner ausspuckt und so wieder rein wird. Ihr aber sollt euch nach meinen Geboten und Weisungen richten und genauso die Fremden, die bei euch leben.

Wer irgendeine von diesen Abscheu­lich­keiten tut, hat sein Leben verwirkt und muss aus seinem Volk ausge­stoßen werden. Gehorcht meinen Anwei­sungen und richtet euch nicht nach den abscheu­lichen Sitten der Völker, die vor euch das Land bewohnten. Verun­reinigt euch nicht durch ein solches Verhalten. Ich bin der HERR, euer Gott!

Keine fremden Götter, kein Verkehr mit fremden Frauen

Als das Volk bei Schittim lagerte, begannen die Männer, sich mit moabi­ti­schen Frauen einzu­lassen. Die Moabi­te­rinnen luden die Männer Israels auch zu den Opfer­festen ein, die sie zu Ehren ihres Gottes feierten. Die Männer aßen von dem Opfer­fleisch und warfen sich anbetend vor dem Moabi­tergott zu Boden. So ließ sich Israel in das Joch des Baal vom Berg Pegor einspannen. Da wurde der HERR zornig und befahl Mose: Nimm alle Anführer des Volkes fest und lass sie sofort, noch am hellen Tag, vor meinen Augen hinrichten, damit ich in meinem glühenden Zorn nicht das ganze Volk vernichten muss! Mose befahl den Schieds­männern des Volkes: Tötet von den Leuten, für die ihr zuständig seid, alle, die sich mit dem Baal einge­lassen haben!

Mose und die ganze Gemeinde Israel hatten sich klagend und trauernd vor dem Heiligen Zelt nieder­ge­worfen. Da brachte ein Israelit vor aller Augen eine midia­ni­tische Frau in das Zelt seiner Familie. Als der Priester Pinhas, der Sohn Eleasars und Enkel Aarons, das sah, stand er auf und verließ die Versammlung. Er nahm einen Speer, folgte den beiden in den innersten Raum des Zeltes und durch­bohrte sie. Sofort hörte die Seuche, die unter dem Volk wütete, auf. Es waren schon 24000 Menschen daran gestorben.

Der HERR sagte zu Mose: Pinhas, der Priester, der Sohn von Eleasar und Enkel von Aaron, hat die Strafe vom Volk abgewendet. Er hat denselben Zorn empfunden wie ich und aus diesem Zorn heraus hat er gehandelt. Sonst hätte ich meinem Zorn den Lauf gelassen und noch alle Israe­liten umgebracht. Sag ihm, dass ich ihm dafür ein beson­deres Vorrecht gewähre: Ich schließe mit ihm einen Bund, der ihm Frieden zusichert. Ich verspreche ihm, dass seine Nachkommen für alle Zeiten meine Priester sein sollen. Das ist der Lohn dafür, dass er sich so rückhaltlos für seinen Gott einge­setzt und das Verhältnis zwischen mir und dem Volk wieder ins Reine gebracht hat.

Der Israelit, der zusammen mit der Midia­ni­terin getötet wurde, war Simri, der Sohn Salus, ein Sippen­äl­tester des Stammes Simeon. Die Frau hieß Kosbi; ihr Vater Zur war der Anführer einer midia­ni­ti­schen Stammesgruppe.

Der HERR befahl Mose: Greift die Midia­niter an und bestraft sie! Denn sie haben angefangen und euch heimtü­ckisch angegriffen: Sie haben euch dazu verführt, den Baal vom Berg Pegor zu verehren, und sie haben euch ins Unheil gestürzt durch Kosbi, die Tochter eines ihrer Oberhäupter, die an dem Tag getötet wurde, als die Seuche unter euch wütete.

Verstöße gegen die Paarungsvorgaben 
Gottes und ihre Bestrafung

Wenn ein Mann dabei ertappt wird, dass er mit der Frau eines anderen schläft, müssen alle beide sterben. Ihr müsst das Böse aus Israel entfernen. Wenn ein Mann irgendwo in der Stadt mit einem unberührten Mädchen schläft, das einem anderen Mann zur Ehe versprochen ist, müsst ihr die beiden vor das Tor der Stadt führen und dort durch Steinigung hinrichten. Das Mädchen muss sterben, weil es mitten in der Stadt nicht um Hilfe gerufen hat, und der Mann, weil er mit einem Mädchen geschlafen hat, das rechtlich schon die Frau eines anderen war. Ihr müsst das Böse aus eurer Mitte entfernen.

Wenn aber der Mann das verlobte Mädchen draußen auf dem Feld trifft und verge­waltigt, muss nur er sterben. Dem Mädchen kann kein todes­wür­diges Verbrechen zur Last gelegt werden. Der Fall liegt genauso, wie wenn ein Mann über einen anderen herfällt und ihn totschlägt. Vielleicht hat das Mädchen draußen auf dem Feld um Hilfe geschrien, aber niemand war da, der es schützen konnte.

Wenn ein Mann dabei ertappt wird, dass er ein unberührtes Mädchen verge­waltigt, muss er dem Vater des Mädchens 50 Silber­stücke geben. Er muss das Mädchen zur Frau nehmen, weil er es entjungfert hat; er darf es zeitlebens nie mehr wegschicken.

Gesetzt den Fall, ein Mann heiratet und findet dann etwas an der Frau, das ihm zuwider ist, stellt ihr eine Schei­dungs­ur­kunde aus und schickt sie weg. Wenn nun ein zweiter Mann die Frau heiratet und sie ebenfalls mit einer Schei­dungs­ur­kunde wegschickt oder auch stirbt, darf ihr erster Mann sie nicht wieder zur Frau nehmen; sie ist für ihn unberührbar geworden. Sonst tut er etwas, was der HERR verab­scheut. Ihr dürft das Land, das der HERR, euer Gott, euch geben wird, nicht durch solch ein Vergehen entweihen.

Wenn zwei Brüder auf demselben Grund­besitz wohnen und einer von ihnen stirbt, ohne einen Sohn zu hinter­lassen, dann soll seine Witwe keinen Mann außerhalb der Familie heiraten. Der Bruder des Verstor­benen hat die Pflicht, sie zur Frau zu nehmen.

Der erste Sohn, den sie dann zur Welt bringt, gilt als Nachkomme des verstor­benen Bruders, damit dessen Name in Israel erhalten bleibt. Will der Mann jedoch seine Schwä­gerin nicht heiraten, so soll sie zum Versamm­lungs­platz am Stadttor gehen und zu den Ältesten sagen: Mein Schwager lehnt es ab, mich zur Frau zu nehmen und den Namen seines verstor­benen Bruders in Israel zu erhalten.

Dann sollen die Ältesten ihn rufen lassen und ihn zur Rede stellen. Wenn er auf seiner Weigerung beharrt, soll seine Schwä­gerin in Gegenwart der Ältesten zu ihm hingehen, ihm einen Schuh ausziehen, ihm ins Gesicht spucken und sagen: So verfährt man mit jedem, der sich weigert, die Familie seines Bruders zu erhalten!

Wenn zwei Männer in Streit geraten sind und die Frau des einen kommt ihrem bedrängten Mann zu Hilfe und packt den andern bei den Hoden, dann dürft ihr kein Mitleid mit ihr haben; ihr müsst ihr die Hand abhacken.

Auszüge aus dem dritten Buch Mose, Levitikus, Kapitel 18; aus dem vierten Buch Mose, Numeri, Kapitel 25; aus dem fünften Buch Mose, Deute­ro­nomium, Kapitel 22, ab Vers 22; gemeinsame Übersetzung evange­li­scher und katho­li­scher Bibel­fach­leute, von der Deutschen Bibel­ge­sell­schaft 1982 unter dem Titel „Gute Nachricht Bibel“ veröffentlicht

König Davids Ehebruch

“Im folgenden Frühjahr, um die Zeit, wenn die Könige in den Krieg ziehen, schickte David Joab mit seinen Kriegs­leuten und dazu das ganze Heer Israels von Neuem in den Kampf. Sie setzten den Ammonitern schwer zu und belagerten ihre Haupt­stadt Rabba. David selbst blieb in Jerusalem.

An einem Spätnach­mittag erhob sich David von der Mittagsruhe und ging auf dem flachen Dach des Königs­pa­lastes auf und ab. Da sah er im Hof des Nachbar­hauses eine Frau, die gerade badete. Sie war sehr schön. David ließ einen Diener kommen und erkun­digte sich, wer sie sei. Man sagte ihm: Das ist doch Batseba, die Tochter Ammiëls und Frau des Hetiters Urija.

David schickte Boten hin und ließ sie holen. Sie kam zu ihm und er schlief mit ihr. Sie hatte gerade die Reinigung nach ihrer monat­lichen Blutung vorge­nommen. Danach kehrte sie wieder in ihr Haus zurück. Die Frau wurde schwanger und ließ David ausrichten: Ich bin schwanger geworden!

Da sandte er einen Boten zu Joab mit dem Befehl: Schick mir den Hetiter Urija her! Und Joab schickte ihn zu David. Als Urija kam, erkun­digte sich David, ob es Joab gut gehe und den Kriegs­leuten gut gehe und ob die Kampf­hand­lungen erfolg­reich verliefen. Dann sagte er zu ihm: Geh jetzt nach Hause und ruh dich aus! Als Urija den Palast verließ, wurde ein könig­liches Ehren­ge­schenk hinter ihm hergetragen.

Doch Urija ging nicht in sein Haus, sondern übernachtete mit den anderen Dienern seines Herrn am Tor des Königs­pa­lastes. Als David gemeldet wurde: Urija ist nicht nach Hause gegangen, fragte er ihn: Warum gehst du nicht nach Hause? Du hast doch einen langen Weg hinter dir?

Urija antwortete: Die Männer Israels und Judas stehen im Feld und auch die Bundeslade hat nur ein Zeltdach über sich; mein Befehls­haber Joab und seine Offiziere lagern auf dem bloßen Boden. Und da soll ich nach Hause gehen, essen und trinken und mit meiner Frau schlafen? So gewiss du lebst: Das werde ich nicht tun!

David sagte: Bleib noch einen Tag hier; morgen lasse ich dich gehen! Urija blieb den Tag in Jerusalem. Am nächsten Tag lud David ihn an seine Tafel. Er machte ihn betrunken, aber wieder ging Urija am Abend nicht nach Hause, sondern legte sich bei den anderen Dienern seines Herrn schlafen.

Am nächsten Morgen schrieb David einen Brief an Joab und ließ ihn durch Urija überbringen. Darin stand: Stellt Urija in die vorderste Linie, wo der Kampf am härtesten ist! Dann zieht euch plötzlich von ihm zurück, sodass er erschlagen wird und den Tod findet.

Joab wusste, wo die Gegner ihre tapfersten Kämpfer hatten. Als nun die Israe­liten die Stadt weiter belagerten, stellte er Urija genau an diese Stelle. Einmal machten dort die Belagerten einen Ausfall und lieferten Joab ein Gefecht, bei dem einige von Davids Leuten fielen. Auch Urija fand dabei den Tod.

Joab meldete David den Verlauf des Gefechts. Er schärfte dem Boten ein: Wenn du den ganzen Hergang berichtet hast, wird der König vielleicht zornig und fragt dich: Warum seid ihr beim Kampf so nahe an die Stadt heran­ge­gangen? Ihr wisst doch, dass von der Mauer herun­ter­ge­schossen wird! Dann sollst du sagen: Auch dein Diener Urija, der Hetiter, ist ums Leben gekommen.

Der Bote ging zu David und meldete ihm alles, was Joab ihm aufge­tragen hatte. Er berichtete: Die Feinde waren stärker als wir, sie machten einen Ausfall und griffen uns auf offenem Feld an. Doch wir drängten sie bis dicht an das Stadttor zurück. Da schossen die Bogen­schützen von der Mauer auf uns herunter. Einige von deinen Leuten fielen, auch dein Diener Urija, der Hetiter, fand dabei den Tod.

David befahl dem Boten: Sag Joab von mir: Nimm die Sache nicht so schwer! Das Schwert holt sich bald diesen, bald jenen. Nur Mut! Kämpfe noch entschie­dener gegen die Stadt, bis sie zerstört ist! So sollst du ihm Mut machen.

Als die Frau Urijas hörte, dass ihr Mann gefallen war, hielt sie für ihn die Toten­klage. Nach Ablauf der Trauerzeit holte David sie zu sich in seinen Palast und heiratete sie. Sie gebar ihm einen Sohn. Doch dem HERRN missfiel, was David getan hatte.”

Auszug aus dem zweiten Buch Samuel des Alten Testa­ments, Kapitel 11; gemeinsame Übersetzung evange­li­scher und katho­li­scher Bibel­fach­leute, von der Deutschen Bibel­ge­sell­schaft 1982 unter dem Titel „Gute Nachricht Bibel“ veröffentlicht

SINNphOLL-Thema: Sexua­lität

Folge 3:

Dem Himmel nahe

Gottes Ebenbild

Freiheit

Franz Böckle (1921 – 1991), Professor, Dr., Katho­li­scher Moral­theologe: „Der ganze Mensch, als Mann oder als Frau, ist Gottes Ebenbild.” Und: „Nicht eine Fülle von Vorschriften und Gesetzen macht den Menschen frei, sondern die Liebe. Nur wer empfangen und hingeben kann, der ist frei. Wer also nicht aus sich selbst, durch sich selbst und für sich selbst, sondern aus Gott und gerade so für den Mitmen­schen leben will, der ist frei.”

Und: „Die Zusam­men­fassung und Erfüllung aller sittlichen Gebote in der Liebe besagt nicht deren Auflösung, sondern eine kritische Sichtung aller gesetz­lichen Forde­rungen unter dem einheit­lichen Gesichts­punkt der radikalen Liebe. Damit ist kein grund­sätz­licher Verzicht auf allge­meine Weisungen ausge­sprochen etwa zugunsten einer rein indivi­du­ellen Selbst­be­stimmung unter Führung des Geistes.”

Zitate aus dem Artikel „Sexua­lität und sittliche Norm“, erschienen in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ des Herder-Verlags, Heft 10, Oktober 1967

Ungetrübte Freude

Isabel Allende, Schrift­stel­lerin: „Er zog mir Bluse und Hemd aus, sog an meinen Brüsten, sagte, sie seien wie reife und süße Pfirsiche, auch wenn sie mir eher wie harte Pflaumen schienen. Und weiter erforschte er mich mit der Zunge, bis ich glaubte, vor Verlangen und Lust zu vergehen. Ich weiß noch, wie er sich rücklings auf den Blättern ausstreckte und mich nackt, feucht von Schweiß und Begehren auf sich reiten ließ, damit ich den Rhythmus unseres Tanzes vorgab. So verlor ich behutsam und wie im Spiel, ohne Furcht oder Schmerzen meine Jungfräu­lichkeit. Im Moment des Aufruhrs hob ich den Blick zur grünen Kuppel des Waldes und weiter hinauf zum gleißenden Sommer­himmel und schrie lange aus reiner, ungetrübter Freude.“
Zitiert aus Isabel Allendes Buch „Liebe“, Seite 83, erschienen als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag 2011

Zukunft des Lebens

Ratzinger, Joseph, Cardinal, Präfekt der Kongre­gation für die Glaubens­lehre: „Der zweite Schöp­fungs­be­richt (Gen 2, 4–25) bekräftigt in unzwei­deu­tiger Weise die Wichtigkeit der geschlecht­lichen Verschie­denheit. Einmal von Gott geformt und in den Garten gesetzt, um ihn zu bebauen, macht jener, der noch mit dem allge­meinen Ausdruck Mensch beschrieben wird, die Erfahrung einer Einsamkeit, die von den anderen Tieren nicht ausge­füllt werden kann. Er braucht eine Hilfe, die ihm entspricht.

Dieser Ausdruck bezeichnet hier nicht eine unter­ge­ordnete Rolle, sondern eine vitale Hilfe. Das Ziel besteht darin, es möglich zu machen, dass das Leben des Menschen nicht in einer frucht­losen und am Ende tödlichen Beschäf­tigung nur mit sich selbst versinkt. Es ist notwendig, dass er mit einem anderen auf seiner Ebene lebenden Wesen in Beziehung tritt. Nur die Frau, die aus demselben ‚Fleisch‘ geschaffen und von demselben Mysterium umhüllt ist, gibt dem Leben des Mannes eine Zukunft.“

Zitat aus „Überle­gungen über einige Voraus­set­zungen für ein rechtes Verständnis der aktiven Zusam­men­arbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt“, von Papst Johannes Paul II. appro­biert und seine Veröf­fent­li­chung angeordnet am 31. Mai 2004

Von Gott erschaffen: Mann und Frau

Altes Testament: „Als Gott, der HERR, Erde und Himmel machte, gab es zunächst noch kein Gras und keinen Busch in der Steppe; denn Gott hatte es noch nicht regnen lassen. Es war auch noch niemand da, der das Land bearbeiten konnte. Nur aus der Erde stieg Wasser auf und tränkte den Boden.

Da nahm Gott, der HERR, Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendes Wesen. Dann legte Gott im Osten, in der Landschaft Eden einen Garten an. Er ließ aus der Erde alle Arten von Bäumen wachsen. Es waren prächtige Bäume und ihre Früchte schmeckten gut. Dorthin brachte Gott den Menschen, den er gemacht hatte.

In der Mitte des Gartens wuchsen zwei besondere Bäume: der Baum des Lebens, dessen Früchte Unsterb­lichkeit schenken, und der Baum der Erkenntnis, dessen Früchte das Wissen verleihen, was für den Menschen gut und was für ihn schlecht ist.

In Eden entspringt ein Strom. Er bewässert den Garten und teilt sich dann in vier Ströme. Der erste heißt Pischon; er fließt rund um das Land Hawila, wo es Gold gibt. Das Gold dieses Landes ist ganz rein, außerdem gibt es dort kostbares Harz und den Edelstein Karneol. Der zweite Strom heißt Gihon; er fließt rund um das Land Kusch. Der dritte Strom, der Tigris, fließt östlich von Assur. Der vierte Strom ist der Eufrat.

Gott, der HERR, brachte also den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen. Weiter sagte er zu ihm: »Du darfst von allen Bäumen des Gartens essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis. Sonst musst du sterben.«

Gott, der HERR, dachte: »Es ist nicht gut, dass der Mensch so allein ist. Ich will ein Wesen schaffen, das ihm hilft und das zu ihm passt.«

So formte Gott aus Erde die Tiere des Feldes und die Vögel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er jedes Einzelne nennen würde; denn so sollten sie heißen. Der Mensch gab dem Vieh, den wilden Tieren und den Vögeln ihre Namen, doch unter allen Tieren fand sich keins, das ihm helfen konnte und zu ihm passte.

Da versetzte Gott, der HERR, den Menschen in einen tiefen Schlaf, nahm eine seiner Rippen heraus und füllte die Stelle mit Fleisch. Aus der Rippe machte er eine Frau und brachte sie zu dem Menschen. Der freute sich und rief: »Endlich! Sie ist’s! Eine wie ich! Sie gehört zu mir, denn von mir ist sie genommen.«

Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter, um mit seiner Frau zu leben. Die zwei sind dann eins, mit Leib und Seele. Die beiden waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.“

Auszug aus dem Alten Testament: Buch Genesis, Kapitel 2, die Verse 4b – 25; gemeinsame Übersetzung evange­li­scher und katho­li­scher Bibel­fach­leute, von der Deutschen Bibel­ge­sell­schaft 1982 unter dem Titel „Gute Nachricht Bibel“ veröffentlicht

Komm doch und küss mich!

Altes Testament: „SIE: Komm doch und küss mich! Deine Liebe berauscht mich mehr noch als Wein. Weithin verströmen deine kostbaren Salben herrlichen Duft. Jedermann kennt dich, alle Mädchen im Lande schwärmen für dich! Komm, lass uns eilen, nimm mich mit dir nach Hause, fass meine Hand!

Du bist mein König! Deine Zärtlichkeit gibt mir Freude und Glück. Rühmen und preisen will ich stets deine Liebe, mehr als den Wein! Mädchen, die schwärmen, wenn dein Name genannt wird, schwärmen zu Recht!

Schwarz gebrannt hat mich die Sonne, schwarz wie Bedui­nen­zelte, wie die Decken Salomos. Trotzdem bin ich schön, ihr Mädchen aus der Stadt Jerusalem! Seht nicht so auf mich herunter, weil ich dunkler bin als ihr. Draußen muss ich alle Tage meiner Brüder Weinberg hüten. Doch für meinen eigenen Weinberg – für mich selbst – kann ich nicht sorgen; dafür bleibt mir keine Zeit!

Sag mir, Geliebter, wo kann ich dich finden? Wo ruhen deine Schafe mittags, wenn’s heiß wird? Andere Hirten, was sollen sie denken, wenn ich nach dir frage, überall suche?“

ER: „Musst du mich fragen, du Schönste der Frauen? Du musst es doch wissen, wo du mich findest! Nimm deine Zicklein und folge dem Schafsweg! Dort wirst du mich treffen, nah bei den Zelten.

Prächtig und schön siehst du aus, meine Freundin, stolz wie die Stute an Pharaos Wagen! Schmü­ckende Kettchen umrahmen die Wangen und deinen Hals zieren Schnüre mit Perlen. Aber noch schöneren Schmuck sollst du haben: silberne Perlen an Kettchen aus Gold!“

Mein Liebster liegt bei mir, an meiner Brust

SIE: „Solange mein König mir nahe ist, verbreitet mein Nardenöl seinen Duft. Mein Liebster liegt bei mir, an meiner Brust, er duftet wie würziges Myrrhenharz, so kräftig wie Blüten vom Henna­strauch; im Weinberg von En-Gedi wachsen sie.“

ER: „Schön bist du, zauberhaft schön, meine Freundin, und deine Augen sind lieblich wie Tauben!“

SIE: „Stattlich und schön bist auch du, mein Geliebter! Sieh, unser Lager ist blühendes Gras, Balken in unserem Haus sind die Zedern und die getäfelten Wände Zypressen. Eine Frühlings­blume bin ich, wie sie in den Wiesen wachsen, eine Lilie aus den Tälern.“

ER: „Eine Lilie unter Disteln – so erscheint mir meine Freundin unter allen anderen Mädchen.“

SIE: „Wie ein Apfelbaum im Walde ist mein Liebster unter Männern. Seinen Schatten hab ich gerne, um mich darin auszu­ruhen; seine Frucht ist süß für mich. Ins Festhaus hat mein Liebster mich geführt; Girlanden zeigen an, dass wir uns lieben. Stärkt mich mit Äpfeln, mit Rosinen­kuchen, denn Liebes­sehn­sucht hat mich krank gemacht. Sein linker Arm liegt unter meinem Kopf und mit dem rechten hält er mich umschlungen. Ihr Mädchen von Jerusalem, lasst uns allein! Denkt an die scheuen Rehe und Gazellen: Wir lieben uns, schreckt uns nicht auf!

Mein Freund kommt zu mir! Ich spür’s, ich hör ihn schon! Über Berge und Hügel eilt er herbei. Dort ist er –schnell wie ein Hirsch, wie die flinke Gazelle. Jetzt steht er vorm Haus! Er späht durch das Gitter, schaut zum Fenster herein. Nun spricht er zu mir!“

ER: „Mach schnell, mein Liebes! Komm heraus, geh mit! Der Winter ist vorbei mit seinem Regen. Es grünt und blüht, so weit das Auge reicht. Im ganzen Land hört man die Vögel singen; nun ist die Zeit der Lieder wieder da! Sieh doch: Die ersten Feigen werden reif; die Reben blühen, verströmen ihren Duft. Mach schnell, mein Liebes! Komm heraus, geh mit! Verbirg dich nicht vor mir wie eine Taube, die sich in einem Felsen­spalt versteckt. Mein Täubchen, zeig dein liebliches Gesicht und lass mich deine süße Stimme hören!

DIE MÄDCHEN: „Ach, fangt uns doch die Füchse, die frechen, kleinen Füchse! Sie wühlen nur im Weinberg, wenn unsre Reben blühen.“

Nur mir gehört mein Liebster und ich gehöre ihm!

SIE: „Nur mir gehört mein Liebster und ich gehöre ihm! Er findet seine Weide, wo viele Blumen stehen. Am Abend, wenn es kühl wird und alle Schatten fliehen, dann komm zu mir, mein Liebster! Komm, eile wie ein Hirsch; sei flink wie die Gazelle, die in den Bergen wohnt.

Nachts lieg ich auf dem Bett und kann nicht schlafen. Ich sehne mich nach ihm und suche ihn, doch nirgends kann mein Herz den Liebsten finden. Ich sehe mich aufstehen und die Stadt durch­eilen, durch Gassen streifen, über leere Plätze – ich sehne mich nach ihm und suche ihn, doch nirgends kann ich meinen Liebsten finden. Die Wache greift mich auf bei ihrem Rundgang. »Wo ist mein Liebster, habt ihr ihn gesehen?« Nur ein paar Schritte weiter find ich ihn. Ich halt ihn fest und lass ihn nicht mehr los; ich nehm ihn mit nach Hause in die Kammer, wo meine Mutter mich geboren hat.

Ihr Mädchen von Jerusalem, lasst uns allein! Denkt an die scheuen Rehe und Gazellen: Wir lieben uns, schreckt uns nicht auf!“

DIE ZUSCHAUER: „Was kommt dort herauf aus der Wüste? Wie Rauch­säulen zieht es heran; es duftet nach Weihrauch und Myrrhe, nach allen Gewürzen der Händler. Schaut hin! Das ist Salomos Sänfte, geleitet von sechzig Beschützern, von Israels tapfersten Helden, im Kampfe erprobt und bewährt. Das Schwert hat ein jeder am Gürtel zum Schutz gegen nächt­liche Schrecken.

Aus edelstem Holz ließ der König den tragbaren Thron­sessel machen, die Säulen mit Silber beschlagen, die Lehne mit Gold überziehen. Aus purpurnem Stoff sind die Kissen, mit Liebe gewebt und bestickt von Jerusalems Frauen und Mädchen. Ihr Frauen von Zion, kommt her, den König zu sehn und die Krone, mit der seine Mutter ihn schmückte zum heutigen Tag seiner Hochzeit, dem Tag voller Freude und Glück.“

ER: „Preisen will ich deine Schönheit, du bist lieblich, meine Freundin! Deine Augen sind wie Tauben, flattern hinter deinem Schleier. Wie die Herde schwarzer Ziegen vom Berg Gilead talwärts zieht, fließt das Haar auf deine Schultern. Weiß wie frisch geschorene Schafe, wenn sie aus der Schwemme steigen, glänzen prächtig deine Zähne, keiner fehlt in seiner Reihe.

Deine Schönheit will ich preisen!

Wie ein schar­lach­rotes Band ziehen sich deine feinen Lippen. Wangen hinterm Schleier schimmern rötlich wie die Scheibe eines Apfels vom Granatbaum. Wie der Turm des Königs David, glatt und rund, geschmückt mit tausend blanken Schilden, ragt dein Hals. Deine Brüste sind zwei Zicklein, Zwillings­junge der Gazelle, die in Blumen­wiesen weiden.

Wenn die Schatten länger werden und der Abend Kühle bringt, komm ich zu dir, ruh auf deinem Myrrhenberg und Weihrauch­hügel. Deine Schönheit will ich preisen! Du bist lieblich, meine Freundin, und kein Fehler ist an dir! Geh mit mir!

Komm, meine Braut, geh doch mit, lass die Berge! Lass den gefahr­vollen Libanon, komm! Fort von dem Gipfel des Berges Amana, fort vom Senir und vom ragenden Hermon, fort von den Lager­plätzen der Löwen, fort von den Bergen der Panther, komm mit!

Verzaubert hast du mich, Geliebte, meine Braut! Ein Blick aus deinen Augen und ich war gebannt. Sag, birgt er einen Zauber, an deinem Hals der Schmuck? Wie glücklich du mich machst mit deiner Zärtlichkeit! Mein Mädchen, meine Braut, ich bin von deiner Liebe berauschter als von Wein.

Du duftest süßer noch als jeder Salbenduft. Wie Honig ist dein Mund, mein Schatz, wenn du mich küsst, und unter deiner Zunge ist süße Honig­milch. Die Kleider, die du trägst, sie duften wie der Wald hoch auf dem Libanon.

Meine Braut ist ein Garten voll erlesener Pflanzen! An Granat­ap­fel­bäumen reifen köstliche Früchte. Herrlich duften die Rosen und die Blüten der Henna. Narde, Safran und Kalmus, alle Weihrauch­ge­wächse, Zimt und Aloë, Myrrhe, alle Arten von Balsam sind im Garten zu finden. Eine Quelle entspringt dort mit kristall­klarem Wasser, das vom Libanon her kommt. Aber noch sind mir Garten und Quelle verschlossen!“

Komm, mein Geliebter, betritt deinen Garten!

SIE: „Kommt doch, ihr Winde, durchweht meinen Garten! Nordwind und Südwind, erweckt seine Düfte! Komm, mein Geliebter, betritt deinen Garten! Komm doch und iss seine köstlichen Früchte!“

ER: „Ich komm in den Garten, zu dir, meine Braut! Ich pflücke die Myrrhe, die würzigen Kräuter. Ich öffne die Wabe und esse den Honig. Ich trinke den Wein, ich trinke die Milch. Esst, Freunde, auch ihr, und trinkt euren Wein; berauscht euch an Liebe!“

SIE: „Ich lag im Schlaf, jedoch mein Herz blieb wach. Da klopft’s! Ich weiß: Mein Freund steht vor der Tür.“

ER: „Mach auf, mein Schatz, mach auf, ich will zu dir! Mein Täubchen, öffne doch, lass mich hinein! Mein Haar ist nass vom Tau der kühlen Nacht.“

SIE: „Ich habe doch mein Kleid schon ausge­zogen und müsst es deinet­wegen wieder anziehn. Auch meine Füße habe ich gewaschen; ich würde sie ja wieder schmutzig machen!“

Durchs Fenster an der Tür greift seine Hand; ich höre, wie sie nach dem Riegel sucht. Mein Herz klopft laut und wild. Er ist so nah! Ich springe auf und will dem Liebsten öffnen. Als meine Hände nach dem Riegel greifen, da sind sie feucht von bestem Myrrhenöl.

Schnell öffne ich die Tür für meinen Freund; doch er ist fort, ich kann ihn nicht mehr sehen. Mein Herz steht still, fast tötet mich der Schreck! Ich suche meinen Freund, kann ihn nicht finden. Ich rufe ihn, doch er gibt keine Antwort.

Helft mir suchen!

Die Wächter finden mich bei ihrem Rundgang. Sie schlagen ohne Mitleid auf mich ein und reißen mir den Umhang von den Schultern. Helft mir suchen!

Ihr Mädchen alle, ich beschwöre euch: Wenn euch mein Freund begegnet, sagt ihm doch, die Liebes­sehn­sucht macht mich matt und krank!“

DIE MÄDCHEN: „Beschreib ihn uns, du schönste aller Frauen! Wer ist es, den du suchst? Was unter­scheidet ihn von anderen Männern, dass du uns so beschwörst?“

SIE: „Mein Liebster ist blühend und voller Kraft, nur einer von Tausenden ist wie er! Sein schönes Gesicht ist so braun gebrannt, sein Haar dicht und lockig und raben­schwarz. Die Augen sind lebhaften Tauben gleich. Ganz weiß sind die Zähne, als hätten sie gebadet in Bächen von reiner Milch. Die Wangen sind Beete voll Balsam­kraut, die herrlichsten Würzkräuter sprießen dort. Wie Lilien leuchtet sein Lippenpaar, das feucht ist von fließendem Myrrhenöl.

Die Arme sind Barren aus rotem Gold, mit Steinen aus Tarschisch rundum besetzt. Sein Leib ist ein Kunstwerk aus Elfenbein, geschmückt mit Saphiren von reinster Art. Die Beine sind marmornen Säulen gleich, die sicher auf goldenen Sockeln stehen. Dem Libanon gleicht er an Statt­lichkeit, den ragenden Zedern an Pracht und Kraft. Sein Mund ist voll Süße, wenn er mich küsst – ja, alles an ihm ist begeh­renswert! Seht, so ist mein Liebster und so mein Freund. Nun wisst ihr’s, ihr Mädchen Jerusalems!“

DIE MÄDCHEN: „Schnell, sag uns noch, du schönste aller Frauen: Wo ging dein Liebster hin? Wir wollen mit dir gehen und nach ihm suchen! Wo könnte er denn sein?“

SIE: „Er ist in seinem Garten, wo Balsam­s­träucher stehen, wo er die Herde weidet und schöne Lilien pflückt. Nur mir gehört mein Liebster und ich gehöre ihm! Er findet seine Weide, wo viele Blumen stehen.“

ER: „Schön wie Tirza bist du, Freundin, strahlend wie Jerusalem; wie ein Trugbild in der Wüste raubt dein Anblick mir den Atem. Wende deine Augen von mir, denn sie halten mich gefangen. Wie die Herde schwarzer Ziegen talwärts vom Berg Gilead zieht, fließt das Haar auf deine Schultern. Deine Zähne glänzen prächtig. Weiß sind sie wie Mutter­schafe, wenn sie aus der Schwemme steigen; jedes kommt mit seinem Jungen, keins ist unfruchtbar geblieben: Keiner fehlt in seiner Reihe. Deine Wangen hinterm Schleier schimmern rötlich wie die Scheibe eines Apfels vom Granatbaum.

Meine Liebe gilt nur einer

Lass den König sechzig Frauen, achtzig Konku­binen haben, dazu Mädchen ohne Zahl! Meine Liebe gilt nur einer: meinem makel­losen Täubchen! Sie ist ihrer Mutter Liebling, denn sie ist die einzige Tochter. Sähen sie die andern Frauen, Königinnen, Konku­binen, alle würden sie besingen.“

DIE FRAUEN: „Wer leuchtet so schön wie das Morgenrot, so hell wie der Mond, wie der Sonne Strahl, verwirrend wie Bilder im Wüstensand?“

ER: „Ich ging hinunter in den Walnuss­garten, um mich am frischen Grün des Tals zu freuen, des Weinstocks neue Triebe anzuschauen und auch die ersten Blüten am Granatbaum.“

SIE: „Was ist mit mir? Ich kann mich kaum beherr­schen, obwohl ich doch aus edlem Hause stamme! Was habt ihr davon, mich beim Tanz zu sehen? Was ist denn Beson­deres an Schulammít?“

ER: „Deine Füße sind reizend in den Schuhen, du Fürstin! Und das Rund deiner Hüften ist das Werk eines Künstlers! Einer Schale, der niemals edler Wein fehlen möge, gleicht dein Schoß, süßes Mädchen! Wie ein Hügel von Weizen ist dein Leib, rund und golden und von Lilien umstanden. Deine Brüste sind lieblich wie zwei junge Gazellen.

Du bist schön wie keine andere, dich 
zu lieben macht mich glücklich!

Einem Elfen­beinturm gleich ist dein Hals, schlank und schim­mernd. Deine Augen – zwei Teiche nah beim Tore von Heschbon. Deine Nase ist zierlich wie der Vorsprung des Wacht­turms an dem Weg nach Damaskus. Wie das Karmel­ge­birge ist dein Kopf, hoch und prächtig. Voller Glanz ist dein Haupthaar; in dem Netz deiner Locken liegt ein König gefangen.“

ER: „Du bist schön wie keine andere, dich zu lieben macht mich glücklich! Schlank wie eine Dattel­palme ist dein Wuchs, und deine Brüste gleichen ihren vollen Rispen. Auf die Palme will ich steigen, ihre süßen Früchte pflücken, will mich freun an deinen Brüsten, welche reifen Trauben gleichen. Deinen Atem will ich trinken, der wie frische Äpfel duftet, mich an deinem Mund berau­schen, denn er schmeckt wie edler Wein. …“

SIE: „ … der durch deine Kehle gleitet, dich im Schlaf noch murmeln lässt. Nur ihm gehöre ich! Nur ihm, meinem Liebsten, gehör ich und mir gilt sein ganzes Verlangen! Komm, lass uns hinaus gehen, mein Liebster, die Nacht zwischen Blumen verbringen! Ganz früh stehen wir auf, gehen zum Weinberg und sehn, ob die Weinstöcke treiben, die Knospen der Reben sich öffnen und auch die Granat­bäume blühen. Dort schenke ich dir meine Liebe!“

Kannst du den Duft der Liebes­äpfel riechen? Vor unsrer Tür ist köstlich süßes Obst, die aller­besten Früchte, alt und neu, für dich, mein Liebster, sind sie aufbewahrt!

Ich wünschte mir, dass du mein Bruder wärst, den meine Mutter an der Brust genährt hat. Dann dürfte ich dich unbekümmert küssen, wenn ich dich draußen auf der Straße treffe, und niemand würde dann die Nase rümpfen. Ich nähm dich mit zum Hause meiner Mutter; du könntest mich im Zärtlichsein belehren, ich gäbe dir gewürzten Wein zu trinken und meinen Most von Früchten des Granatbaums.

So nimm mich an dein Herz!

Sein linker Arm liegt unter meinem Kopf und mit dem rechten hält er mich umschlungen. Ihr Mädchen alle, ich beschwöre euch, dass ihr uns nicht in unsrer Liebe stört!“

DIE MÄDCHEN: „Wer kommt dort herauf aus der Wüste, gestützt auf den Arm ihres Liebsten?“

SIE: „Hier unterm Apfelbaum hab ich dich aufge­weckt, wo deine Mutter dich empfing und auch gebar. Du trägst den Siegelring an einer Schnur auf deiner Brust. So nimm mich an dein Herz! Du trägst den Reif um deinen Arm. So eng umfange mich! Unüber­windlich ist der Tod: Niemand entrinnt ihm, keinen gibt er frei. Unüber­windlich – so ist auch die Liebe, und ihre Leiden­schaft brennt wie ein Feuer.

Kein Wasser kann die Glut der Liebe löschen und keine Sturzflut schwemmt sie je hinweg. Wer meint, er könne solche Liebe kaufen, der ist ein Narr, er hat sie nie gekannt!“

IHRE BRÜDER: „Noch ist unsre kleine Schwester für die Liebe viel zu jung, denn sie hat noch keine Brüste. Kommt sie erst ins rechte Alter, dass sie jemand freien will, müssen ihre Brüder wachen. Sperrt sie sich wie eine Mauer, schmückt man sie mit Silber­zinnen. Gleicht sie einer offenen Pforte, schließt man sie mit Zedernbalken.“

SIE: „Eine starke Mauer bin ich, Türmen gleichen meine Brüste. Trotzdem will ich mich ergeben, bitte meinen Freund um Frieden.“

ER: „Salomo hat einen Weinberg auf dem Hang von Ba’al-Hamon. Für die Ernte würde jeder tausend Silber­stücke zahlen; darum wird er streng bewacht. Salomo gönn ich die tausend, auch den Wächtern noch zweihundert – ich hab meinen eigenen Weinberg!“

ER: „Du Mädchen in den Gärten, die Freunde warten schon: Lass deine Stimme hören und rufe mich zu dir!“

SIE: „Komm schnell zu mir, mein Liebster! Komm, eile wie ein Hirsch; sei flink wie die Gazelle, die in den Bergen wohnt.“

Quelle: Das “Hohelied“ aus dem Alten Testament

SINNphOLL-Thema: Sexua­lität

Folge 4:

Dem Himmel nahe

Dasein für den anderen

Gegen­seitige Liebe

Franz Böckle (1921 – 1991), Professor, Dr., Katho­li­scher Moral­theologe: „Im Zeichen der Predigt vom Reich Gottes wurde auch die Ehe wie alle Formen und Insti­tu­tionen der jüdischen Tradition dem kriti­schen Maßstab der Liebe unter­worfen. Unter diesem Gesichts­punkt müssen sowohl die Ehege­spräche mit den Phari­säern wie auch die Antithesen der Bergpredigt verstanden und gedeutet werden. So ist etwa das Verbot der Scheidung, resp. der Wieder­ver­hei­ratung Geschie­dener, nicht als isolierte Geset­zes­no­velle zu verstehen, sondern als eine letzte Konse­quenz der Liebe, die Christus in die Welt gebracht hat und von seinen Jüngern im Zeichen des neuen Reiches fordert.“

Und: „Die Liebe, die Christus lehrt, soll in der Bereit­schaft zum Verzeihen selbst Untreue und Enttäu­schung überdauern. Sie weiß sich für den Gatten verant­wortlich bis zum Tod, und diese Verant­wortung kann nicht durch einen Schei­de­brief abgegolten werden. Damit aber wird die Ehe zum Ort und zum Zeichen des Heiles für die Verbun­denen, weil hier ein Mensch ganz und für immer aufge­rufen und ermächtigt wird, in Liebe für den andern da zu sein. Das ist wiederum der Weg, auf dem durch Christi erlösende Liebe die mensch­liche Insti­tution von innen her umgestaltet werden soll.”

Und: „Man kann konkrete Weisungen der Schrift nicht einfach unkri­tisch übernehmen und daraus eine für alle Zeit gültige Forderung ableiten. Man hat genau zu unter­scheiden, was an der Forderung überzeitlich gültig, und was an ihr kultur­ge­schichtlich bedingt ist.”

Und: “Die eigent­liche Askese der ehelichen Liebe liegt (aber) primär nicht im Verzicht auf die geschlecht­lichen Bezie­hungen, sondern in dem unabläs­sigen Bemühen, sie zu einem immer erfüll­teren Ausdruck der gegen­sei­tigen Liebe werden zu lassen. Darin liegt geradezu die Eigenart der ehelichen Keuschheit. Sie fordert ein tägliches kleines Absterben im egois­ti­schen Verlangen und ist aufs Ganze gesehen wohl ebenso schwer wie ein eheloser Totalverzicht.”

Zitate aus dem Artikel „Sexua­lität und sittliche Norm“, erschienen in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ des Herder-Verlags, Heft 10, Oktober 1967

Verge­bende Liebe

Benedikt XVI: „Die leiden­schaft­liche Liebe Gottes zu seinem Volk – zum Menschen – ist zugleich verge­bende Liebe. Sie ist so groß, dass sie Gott gegen sich selbst wendet, seine Liebe gegen seine Gerech­tigkeit. Der Christ sieht darin schon verborgen sich anzeigend das Geheimnis des Kreuzes: Gott liebt den Menschen so, dass er selbst Mensch wird, ihm nachgeht bis in den Tod hinein und auf diese Weise Gerech­tigkeit und Liebe versöhnt.“

Und: „In der Tat gibt es eine vielfältige Sicht­barkeit Gottes. In der Geschichte der Liebe, die uns die Bibel erzählt, geht er uns entgegen, wirbt um uns – bis hin zum Letzten Abendmahl, bis hin zu dem am Kreuz durch­bohrten Herzen, bis hin zu den Erschei­nungen des Aufer­stan­denen und seinen Großtaten, mit denen er durch das Wirken der Apostel die entste­hende Kirche auf ihren Weg geführt hat.“

Zitat aus der Enzyklika „DEUS CARITAS EST“ von Papst Benedikt XVI., veröf­fent­licht im Jahr 2005

Das moralische Chaos des Götzendienstes

Franz Böckle: „Wenn die Menschen Gott, dem sie in dieser Welt begegnen können, nicht anerkennen, wenn sie die Kreatür­lichkeit leugnen und sich selbst und die Schöpfung zum Götzen machen, dann wachsen sie in ein morali­sches Chaos hinein.”

„Und: „Die Bibel entwi­ckelt keine eigene Staats- und Sozial­lehre. Sie dekre­tiert auch nichts über das, was spätere Genera­tionen Sinn und Zweck der Ehe nennen. Die mensch­liche Rechts­ordnung und die gesell­schaft­lichen Insti­tu­tionen werden in ihrer fakti­schen Gegebenheit respek­tiert. Weder Jesus selbst noch irgendein Apostel wendet sich explizit gegen die Insti­tution der Sklaverei. Das harte Straf­recht mit der Todes­strafe, der Kriegs­dienst, oder die gesell­schaft­liche Stellung der Frau finden keine direkte Kritik.”

Und: „Die Natur des Aktes sah man ausschließlich durch die Ausrichtung auf die Zeugung bestimmt, eine Auffassung, die durch das damalige Verständnis des Beischlafs zumindest stark gefördert wurde. Man muss sich nur vor Augen halten, dass die Eizelle (Anmerkung: der Frau) erst 1827 entdeckt wurde, und dass man bis weit über dieses Datum hinaus den Beischlaf von Seiten des Mannes mit der Tätigkeit des Sämanns verglich, der einen Samen in die Acker­furche streut.”

Und: „ Wenn es (aber) Augus­tinus, Thomas und anderen Theologen recht war, die Anfor­de­rungen christ­licher Existenz gemäß ihrem damaligen Verständnis von Sexua­lität zu inter­pre­tieren, warum soll es nicht auch das Recht und sogar die Pflicht unserer Generation sein?”

Zitate aus dem Artikel „Sexua­lität und sittliche Norm“, erschienen in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ des Herder-Verlags, Heft 10, Oktober 1967

Ganzheit­licher Akt

Benedikt XVI.: „Zur Reife der Liebe gehört es, dass sie alle Kräfte des Mensch­seins einbe­zieht, den Menschen sozusagen in seiner Ganzheit integriert. Die Begegnung mit den sicht­baren Erschei­nungen der Liebe Gottes kann in uns das Gefühl der Freude wecken, das aus der Erfahrung des Geliebt­seins kommt. Aber sie ruft auch unseren Willen und unseren Verstand auf den Plan. Die Erkenntnis des leben­digen Gottes ist der Weg zur Liebe, und das Ja unseres Willens zu seinem Willen einigt Verstand, Wille und Gefühl zum ganzheit­lichen Akt der Liebe.“

Und: „Nur meine Bereit­schaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt.“

Zitat aus der Enzyklika „DEUS CARITAS EST“ von Papst Benedikt XVI., veröf­fent­licht im Jahr 2005

Die Pharisäer

Neues Testament, Matthäus-Evangelium: „Da kamen einige Pharisäer zu ihm und versuchten, ihm eine Falle zu stellen. Sie fragten ihn: Ist es erlaubt, dass ein Mann seine Frau aus jedem belie­bigen Grund wegschickt? Jesus antwortete: Habt ihr nicht gelesen, was in den Heiligen Schriften steht? Dort heißt es, dass Gott am Anfang den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat. Und er hat gesagt: ‘Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter, um mit seiner Frau zu leben. Die zwei sind dann eins, mit Leib und Seele.’ Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Und was Gott zusam­men­gefügt hat, sollen Menschen nicht scheiden.

Die Pharisäer fragten: Wie kann Mose dann vorschreiben: Der Mann soll der Frau eine Schei­dungs­ur­kunde ausstellen und sie wegschicken? Jesus antwortete: Mose hat euch die Ehescheidung nur zugestanden, weil ihr euer Herz gegen Gott verhärtet habt – und damit eure Harther­zigkeit ans Licht kommt. Aber das war ursprünglich nicht so. Darum sage ich euch: Wer sich von seiner Frau trennt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch – ausge­nommen den Fall, dass sie ihrer­seits die Ehe gebrochen hat.

Da sagten seine Jünger zu ihm: Wenn es zwischen Mann und Frau so steht, sollte man lieber gar nicht heiraten. Aber Jesus antwortete: Was ich jetzt sage, können nicht alle verstehen, sondern nur die, denen Gott das Verständnis gegeben hat. Es gibt verschiedene Gründe, warum jemand nicht heiratet. Manche Menschen sind von Geburt an eheun­fähig, manche – wie die Eunuchen – sind es durch einen späteren Eingriff geworden. Noch andere verzichten von sich aus auf die Ehe, weil sie ganz davon in Anspruch genommen sind, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet. Das sage ich für die, die es verstehen können.

Auszug aus dem Neuen Testament: Matthäus-Evangelium, Kapitel 19, die Verse 3 bis 13; gemeinsame Übersetzung evange­li­scher und katho­li­scher Bibel­fach­leute, von der Deutschen Bibel­ge­sell­schaft 1982 unter dem Titel „Gute Nachricht Bibel“ veröffentlicht

Der Apostel Paulus schreibt über sich selbst und sein Ziel

Paulus an die Philipper: „Ich bin von Geburt ein Israelit aus dem Stamm Benjamin, ein Hebräer von reinster Abstammung. Was die Stellung zum Gesetz angeht, so gehörte ich zur strengen Richtung der Pharisäer. Mein Eifer ging so weit, dass ich die christ­liche Gemeinde verfolgte. Gemessen an dem, was das Gesetz vorschreibt, stand ich vor Gott ohne Tadel da.

Aber dies alles, was mir früher als Vorteil erschien, habe ich durch Christus als Nachteil erkannt. Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwäl­ti­genden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne. Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert.

Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören. Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen. Ich suche nicht meine eigene Gerech­tigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, sondern die Gerech­tigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben. Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen, indem ich mich in vertrau­endem Glauben auf das verlasse, was er durch Christus für mich getan hat. Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus: Ich möchte die Kraft seiner Aufer­stehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen. Mit ihm gleich geworden in seinem Tod, hoffe ich, auch zur Aufer­stehung der Toten zu gelangen.

Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe. Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen, nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat. Ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber die Entscheidung ist gefallen! Ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt. Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, um den Sieges­preis zu gewinnen. Dieser Preis ist das ewige Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat.“

Und: „Ich habe euch schon oft gewarnt und wiederhole es jetzt unter Tränen: Die Botschaft, dass allein im Kreuzestod von Christus unsere Rettung liegt, hat viele Feinde. Ihr Ende ist die ewige Vernichtung. Der Bauch ist ihr Gott. Statt der Herrlichkeit bei Gott warten auf sie Spott und Schande. Sie haben nichts als Irdisches im Sinn. Wir dagegen haben schon jetzt Bürger­recht im Himmel, bei Gott. Von dort her erwarten wir auch unseren Retter, Jesus Christus, den Herrn.

Er wird unseren schwachen, vergäng­lichen Körper verwandeln, sodass er genauso herrlich und unver­gänglich wird wie der Körper, den er selber seit seiner Aufer­stehung hat. Denn er hat die Macht, alles seiner Herrschaft zu unterwerfen.“

Auszug aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi: Kapitel 3, die Verse 5b bis 15 und 18 bis Ende 21

Vom Zusam­men­leben von Mann und Frau

Paulus an die Korinther: „Überhaupt hört man ganz schlimme Dinge von euch! Es soll da einen Fall von Unzucht geben, wie er nicht einmal unter den Menschen vorkommt, die Gott nicht kennen: dass nämlich einer mit seiner Stief­mutter zusam­menlebt. Und darauf seid ihr noch stolz und gebt es als Zeichen eurer christ­lichen Freiheit aus! Ihr solltet vielmehr traurig sein und den, der so etwas getan hat, aus eurer Gemein­schaft ausstoßen!“

„Hütet euch vor der Unzucht! Alle anderen Sünden, die ein Mensch begehen kann, betreffen nicht seinen Körper. Wer aber Unzucht treibt, vergeht sich an seinem eigenen Leib. Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt? Gott hat euch seinen Geist gegeben und ihr gehört nicht mehr euch selbst. Er hat euch freige­kauft und als sein Eigentum erworben. Macht ihm also Ehre an eurem Leib!“

„Nun aber zu dem, was ihr geschrieben habt! Ihr sagt: Das Beste ist es, wenn ein Mann überhaupt keine Frau berührt. Ich dagegen sage: Damit ihr nicht der Unzucht verfallt, soll jeder Mann seine Ehefrau haben und jede Frau ihren Ehemann. Der Mann soll der Frau die eheliche Pflicht leisten und ebenso die Frau dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Körper, sondern der Mann; ebenso verfügt der Mann nicht über seinen Körper, sondern die Frau.

Entzieht euch einander nicht – höchstens wenn ihr euch einig werdet, eine Zeit lang auf den ehelichen Verkehr zu verzichten, um euch dem Gebet zu widmen. Aber danach sollt ihr wieder zusam­men­kommen; sonst verführt euch der Satan, weil ihr ja doch nicht enthaltsam leben könnt. Was den zeitweisen Verzicht angeht, so sage ich das als Zugeständnis, nicht als bindende Vorschrift.

Aller­dings wäre es mir lieber, wenn alle ehelos lebten wie ich. Aber Gott gibt jedem Menschen seine besondere Gnadengabe. Den einen gibt er diese, den andern eben andere.

Den Unver­hei­ra­teten und den Verwit­weten sage ich: Es ist am besten, wenn sie meinem Vorbild folgen und allein bleiben. Aber wenn ihnen das zu schwer fällt, sollen sie heiraten. Das ist besser, als wenn sie von unbefrie­digtem Verlangen verzehrt werden.

Für die Verhei­ra­teten dagegen habe ich eine verbind­liche Vorschrift. Sie stammt nicht von mir, sondern von Christus, dem Herrn: Eine Frau darf sich von ihrem Mann nicht trennen. Hat sie sich von ihm getrennt, so soll sie unver­hei­ratet bleiben oder sich wieder mit ihrem Mann aussöhnen. Ebenso wenig darf ein Mann seine Frau fortschicken.

Im Übrigen sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Christ eine ungläubige Frau hat, die weiterhin bei ihm bleiben will, soll er sich nicht von ihr trennen. Dasselbe gilt für eine Christin, die einen ungläu­bigen Mann hat: Wenn er bei ihr bleiben will, soll sie sich nicht von ihm trennen. Sie wird durch die Ehe mit ihm nicht befleckt, denn der ungläubige Mann wird durch die Verbindung mit ihr rein. Das Entspre­chende gilt für einen christ­lichen Mann mit einer ungläu­bigen Frau. Sonst müsstet ihr auch eure Kinder als befleckt betrachten, aber in Wirklichkeit sind sie doch rein.

Wenn aber der ungläubige Teil auf der Trennung besteht, dann gebt ihn frei. In diesem Fall ist der christ­liche Teil, Mann oder Frau, nicht an die Ehe gebunden. Gott hat euch zu einem Leben im Frieden berufen. Weißt du denn, Frau, ob du deinen Mann zum Glauben führen und dadurch retten kannst? Oder weißt du, Mann, ob dir das bei deiner Frau gelingt?“

Auszüge aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth: Kapitel 5, die Verse 1 und 2; Kapitel 6, die Verse 18 bis zum Ende des Kapitels und von Kapitel 7 die Verse 1 bis 17

Mitein­ander verschmelzen

Isabel Allende, Schrift­stel­lerin: „Die zwei Tage vergingen wie im Flug, wir erzählten uns unser Leben und liebten uns in einem hitzigen Strudel, in einer Hingabe, von der wir nicht genug bekamen in unserem wahnsin­nigen Verlangen, mit dem anderen zu verschmelzen, wieder und wieder gemeinsam zu sterben. … Wir stürzten mitein­ander in die Tiefe, lagen da, Arme und Beine inein­ander verschlungen, keuchend in unserem Schweiß, flüsternd. Dann erwachte das Verlangen erneut und heftiger zwischen den feuchten Laken; … Wir lernten, uns gemeinsam in die Lüfte zu schwingen, stöhnten unter demselben Peitschenhieb auf, der uns an den Rand des Todes trieb und uns endlich in eine tiefe Trägheit entließ.“

Zitiert aus Isabel Allendes Buch „Liebe“, die Seiten 70–71, erschienen als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag 2011

Sünder! Allesamt!

Der Evangelist Johannes schreibt: „Am nächsten Morgen kehrte Jesus sehr früh zum Tempel zurück. Alle Leute dort versam­melten sich um ihn. Er setzte sich und sprach zu ihnen über den Willen Gottes. Da führten die Geset­zes­lehrer und Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu Jesus: Lehrer, diese Frau wurde ertappt, als sie gerade Ehebruch beging. Im Gesetz schreibt Mose uns vor, dass eine solche Frau gesteinigt werden muss. Was sagst du dazu? Mit dieser Frage wollten sie ihm eine Falle stellen, um ihn anklagen zu können. Aber Jesus bückte sich nur und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Als sie nicht aufhörten zu fragen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch noch nie eine Sünde begangen hat, soll den ersten Stein auf sie werfen! Dann bückte er sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das hörten, zog sich einer nach dem andern zurück; die Älteren gingen zuerst. Zuletzt war Jesus allein mit der Frau, die immer noch dort stand. Er richtete sich wieder auf und fragte sie: Frau, wo sind sie geblieben? Ist keiner mehr da, um dich zu verur­teilen? Keiner, Herr, antwortete sie. Da sagte Jesus: Ich verur­teile dich auch nicht. Du kannst gehen; aber tu diese Sünde nicht mehr!

Auszug aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 8, die Verse 2 bis 12

SINNphOLL-Thema: Sexua­lität

Folge 5:

Dem Himmel nahe

Bußgot­tes­dienst: MISERERE NOBIS

Ein Traum vom Verzeihen, Buße tun und Verändern

Dem Himmel entraten

Die Angeklagten

Im Petersdom: Nach vorne bewegt sich schlep­penden Schritts und dicht gedrängt ein Zug kirch­licher Würden­träger in ihrem vollen Ornat samt der Insignien von Amt und Würden. Die Kirchen­bänke sind leer. Orgelb­rausen. Glocken­geläut. Die sogenannten Hirten bleiben, kurz vor dem Quergang der Vierung, stehen. Abrupte Stille.

Eine hasserfüllte Frauen­stimme zerreißt die Stille: Verbrecher! Ein Pauken­schlag. Die Bischofs­stäbe fallen den Hirten aus den Händen. Ein plötz­licher Windstoß reißt ihnen das, was Mitra genannt wird, vom Kopf. Die roten Käppchen, die dadurch frei werden, rutschen von ihren Schädeln. Die prunk­vollen Gewänder fallen ihnen vom Leib. Schließlich stehen sie da in Unter­wäsche, manche nackt.

Die Ankläger

Im Gestühl und in den Bänken rechts und links des Altars im Mittel­punkt der Vierung sitzen schwarz gekleidete Männer und Frauen. Sie erheben sich. Zwölf von ihnen, sechs Frauen und sechs Männer, treten aus den Reihen der Bänke heraus und gehen zu der Stuhl­reihe, die vor dem Altar aufge­stellt ist. Bis auf einen der Männer nehmen sie Platz. Der eine Mann geht gemes­senen Schritts zu dem schlichten Ambo, der vor den Amtsträgern der Kirche aufge­stellt worden ist. Er geht in Position und blickt die Männer vor sich lange und durch­dringend an. Dann:

„Ich begrüße euch Brüder, die ihr zu diesem Bußgot­tes­dienst gekommen seid. Wir, an denen ihr euch vergangen habt, an denen ihr euch schuldig gemacht habt, klagen euch an. Aber wir verur­teilen euch nicht. Gott wird euch richten. Und Gott wird jedem von uns die Gerech­tigkeit wider­fahren lassen, die uns Genug­tuung verschafft. Euch wird er die angemessene Strafe aufer­legen. Wie ihr als Beicht­väter wisst, muss zur Buße die Umkehr kommen. Mit Gottes Hilfe möchten wir uns mit euch dazu auf den Weg machen.“

Der Ankläger geht zu seinem Stuhl, setzt sich. Das Dies Irae von Hector Berlioz erfüllt wie ein Orkan ohren­be­täubend den Petersdom.

Von den Zwölf vor dem Altar erheben sich fünf und tanzen das Nachemp­finden ihres Missbrauchs oder ihrer Verge­wal­tigung, ihrer Ernied­rigung und Entwür­digung. Wirklichkeitsnah.

Die Fürbitten der Ankläger

Ein Mann erhebt sich aus der Reihe vor dem Altar und geht zum Ambo:

„Wir alle sind unvoll­kommene Menschen. Keine Vorschrift kann uns vollkommen machen. Nur Gott durch seine Liebe. Auch Tradition macht uns nicht vollkommen. Denn Tradi­tionen werden von Menschen geschaffen.

Jahrhun­derte lang galt: Cuius regio eius religio – Der Herrscher bestimmt die Religion seiner Unter­tanen. Heute bekennen wir uns zur Religi­ons­freiheit. Die Sklaverei ist abgeschafft. Herr, unser Gott – Hilf uns, die autori­tären Systeme der Lieblo­sigkeit zu überwinden!“

Ein weiterer Mann kommt zum Ambo:

„Wir alle sind unvoll­kommene Menschen. Unser durch Irrtümer und Fehler durch­setztes Denken zu den Fragen unseres Glaubens können wir nicht durch noch so große Begabung und inten­sives Studium zu ‚reiner‘ Lehre destil­lieren. Und das Ergebnis dadurch unanfechtbar machen, dass wir den Hl. Geist als Quelle anführen. Der Geist Gottes lässt sich nicht verein­nahmen. Wir können uns nicht in unseren Glauben hinein­stu­dieren. Herr, unser Gott – Hilf uns, unseren Glauben aus der Liebe unseres Lebens heraus zu bezeugen!“

Eine der Frauen kommt zum Ambo:

„Ja! Wir alle sind unvoll­kommene Menschen. Von Gott reich beschenkt mit einer Fülle von Talenten. Diese in uns zu entdecken, zu entwi­ckeln und zu unserem eigenen wie zum Heil unserer Mitmen­schen einzu­setzen, gibt unserem Leben Sinn. Auf dem Hinter­grund des ewigen Lebens, zu dem uns Gott berufen hat, ist unsere irdische Lebenszeit nur kurz. Doch das gibt uns nicht das Recht, diese Welt verächtlich beiseite zu schieben. Sie ist Gottes herrliche Schöpfung, die es zu bewahren gilt. Herr, unser Gott – Hilf uns, diese Welt als deine Geschöpfe ernst zu nehmen!“

Eine weitere Frau kommt zum Ambo:

„Ohne Frage: Wir alle sind unvoll­kommene Menschen. Auch ihr Priester, Pfarrer, Dekane, Weihbi­schöfe, Bischöfe, Erzbi­schöfe, Kardinäle und auch du, Papst. Diese Unvoll­kom­menheit wird bei euch durch die Weihe nicht aufge­hoben. Ihr seid nicht heilig, sondern wie wir alle Sünder. Erlöst wie wir alle durch die Taufe. Rückfällig in Gedanken, Worten und Taten.

Als Kirche sind wir alle gemeinsam der Aufgabe verpflichtet, die Frohe Botschaft unseres Herrn zu jeder Zeit zu verkünden und durch unsere Lebens­weise zu bezeugen. Verpflichtet zu gewalt­loser, tätiger Liebe. Herr, unser Gott – Hilf uns, eine Kirche liebe­voller Menschen zu werden!“

Ein weiterer Mann kommt zum Ambo:

„Ihr habt uns missbraucht. Als wir Kinder und Jugend­liche waren, die euch Vertrauen und Liebe geschenkt haben. Ihr habt es getan, verschwiegen, geleugnet, versteckt, verharmlost, abgewartet. Euer Versagen hat euch vor Gott und den Menschen zu Scheu­salen gemacht. Ja, jetzt endlich habt ihr zugegeben, aufge­deckt, einge­standen, heraus­ge­rückt, überstellt. Zu spät, zu zögerlich, zu lückenhaft, zu feige, zu halbherzig.

Ihr habt unsere Würde beschmutzt, unser Leben aus der Bahn geworfen. Ihr knausert bei der Entschä­digung, bekommt für euer Schuld­be­kenntnis die Zähne nicht ausein­ander, duckt euch weg statt die Ursachen zu erfor­schen und zu besei­tigen.“ Pause. „Herr, unser Gott – Hilf uns, unseren Peinigern im sogenannten Hirtenamt zu verzeihen!“

Eine weitere Frau kommt zum Ambo:

„Ihr glaubt, wenn ihr euch dazu verpflichtet, von dem getrennt zu leben, was Gott einander zugeordnet hat, Mann und Frau, stünde eurem heilig­mä­ßigen Leben nichts mehr im Wege. Mit dieser Verpflichtung würdigt ihr die Liebe zwischen Mann und Frau herab, habt ihr die Sexua­lität in euch zu einem Monster werden lassen. Ihr habt uns verge­waltigt. Zu Huren gemacht. Unsere gemein­samen Kinder zu Bastarden.

Sexua­lität ist ein Geschenk Gottes: Sie lässt Mann und Frau in ehelicher Verei­nigung das Hochgefühl der Liebe erfahren. Gott beteiligt Mann und Frau an seiner Schöpfung: Sie können Menschen zeugen. Ehe und Familie auf Gott hin zu leben und so Liebe vor den Menschen zu bezeugen – das ist Verkün­digung der Frohen Botschaft. Herr, unser Gott – Hilf uns, dein Geschenk der Sexua­lität nicht zu missachten, sondern in dir wohlge­fäl­liger Freude verant­wortlich zu leben!“

Die zwölf Vertreter der Missbrauchten treten vor

Alle Zwölf nehmen in Reihe hinter dem Ambo, den Amtsträgern zugewandt, Aufstellung. Sie legen ihre schwarze Kleidung ab, es kommen farben­frohe Gewänder zum Vorschein. Der Mann, der die Eröff­nungs­an­sprache gehalten hat, trägt das Kostüm eines Hofnarren.

Er gibt den schwarz geklei­deten Frauen und Männern in den Bänken ein Zeichen, worauf diese sich erheben, vorkommen und in voller Breite die Fläche einnehmen, die zwischen der Stuhl­reihe vor dem Altar und dem Ambo liegt. Weitere schwarz gekleidete Menschen kommen von allen Seiten und Ecken des Gottes­hauses hinzu und füllen den Raum. Trauer­musik, ernst, nicht bedrohlich.

Der Hofnarr tritt ans Mikrofon:

„Ja! Wir klagen euch an. Aber wir verur­teilen euch nicht. Euch und unseren Peinigern unter euch reichen wir die Hand zur Versöhnung. Denn auch unsere Peiniger sind Opfer. Opfer eures kranken Systems. Eines Herrschafts­systems, das an die Zeit der Schrift­ge­lehrten und Pharisäer des Alten Testa­ments erinnert.

Auch wenn Ihr die Übeltäter aus Euren Reihen nach langem Zögern, Vertu­schen und Leugnen zur Straf­ver­folgung an die Staats­macht überstellt: Ihr solltet ihnen bei ihrem Bußgang zur Seite stehen. Und Ihr solltet euer Herrschafts­system aufgeben, so wie Euch die Gewänder vom Leib gefallen sind.

Die Liste eurer Versäum­nisse und eures Missma­nage­ments ist lang. Eure verfehlte Anwerbung und Ausbildung für den Pries­ter­beruf habt ihr beibe­halten, obwohl sie ins Leere laufen. Eure Mitar­beiter behandelt ihr nach wie vor wie autoritäre Herrscher.

Ihr trefft Entschei­dungen, ohne sie zu begründen. Ihr schottet euch ab, versteckt Euch hinter oder in Gremien, scheut Trans­parenz, verhindert sachge­rechte und effiziente Organi­sa­ti­ons­formen mit der Behauptung, kein weltliches Unter­nehmen zu sein.

Wenn ihr Euch trotzdem in größter Not ‚weltlichen Rat‘ holen müsst, tut Ihr nur das aktuell Unumgäng­liche. Danach geht die Herrschaft der einsamen Wölfe und der Cliquen unter Euch weiter. Die Webseiten täuschen darüber hinweg, dass hinter der Kulisse vieles im Argen liegt.

Warum haben wir Euch zu diesem Bußgot­tes­dienst einge­laden? Weil wir Euch die Hand zur Versöhnung reichen wollen! Diese Versöhnung muss Folgen haben, sonst ist sie eine unsinnige Kuschel­geste. Was wir wollen:

  • Mit Euch gemeinsam wollen wir die Kirche so entrümpeln und erneuern, dass sie ihren Auftrag in der Welt wahrnehmen kann.
  • Wir wollen alle Talente entdecken, fördern und für den Dienst als Kirche einsatz­fähig machen, die den Getauften gegeben sind.
  • Wir wollen alle Möglich­keiten unserer Zeit – Methoden, Systeme, Techniken – für die Organi­sation der Insti­tution Kirche profes­sionell nutzen.
  • Wir wollen den Dilet­tan­tismus im Führungs­ver­halten durch ein von Kompetenz geprägtes Mitein­ander ersetzen.
  • Wir wollen die Zerreiß­probe zwischen denen, die sich von einem vergan­genen Zeitgeist nicht verab­schieden können, und denen, die sich den Erfor­der­nissen der heutigen Zeit stellen, auflösen.
  • Wir wollen, dass die Kirche mit einer Stimme spricht, mit einer liebe­vollen Stimme: der des Papstes im Einklang mit dem letzten Konzil.
  • Wir wollen, dass die Kirche die Strahl­kraft einer glaub­wür­digen Insti­tution hat, als moralische Instanz der Menschheit.
  • Wir wollen, dass wir alle gemeinsam uns als Kirche verstehen und fühlen und daraus die Kraft gewinnen, vorwärts­ge­wandt statt rückwärts­ge­beugt zu agieren.
  • Wir wollen einen energie­ge­la­denen, lebens­tüch­tigen und regene­ra­ti­ons­fä­higen Leib Christi als Kirche.
  • Wir wollen eine Kirche, mit der wir uns alle identi­fi­zieren und die wir alle gemeinsam repräsentieren.

Lasst uns gemeinsam singen!“

Alle im Petersdom Versam­melten singen das Lied „Suchen und fragen, hoffen und sehn, mitein­ander glauben und sich verstehn …“ (Gotteslob 457)

Danach: All die schwarz geklei­deten Menschen bringen ihre farben­frohe Kleidung zum Vorschein. Es sind Frauen und Männer jeden Alters und aller Hautfarben. Sie gehen mit ausge­streckten Händen auf die Kleriker zu. Einige von ihnen kommen ihnen entgegen, andere brechen zusammen, wieder andere drehen sich um und streben dem Ausgang zu. Das Bild des Bußgot­tes­dienstes wird unscharf, verschwimmt, dann schwarz.

Orgel­musik, die Aufbruch­stimmung verbreitet. Ich erwache. Aus der Traum.

SINNphOLL-Thema: Sexua­lität

Folge 6:

Dem Himmel nahe

Das sechste Gebot

Stimmen der Sehnsucht

Pablo Neruda (1904 – 1973), Schriftsteller:

„Für mein Herz genügt deine Brust, 
für deine Freiheit genügen meine Flügel. 
Von meinem Mund gelangt bis zum Himmel, 
was schlum­merte auf deiner Seele.

In dir ist die Illusion eines jeden Tages. 
Du kommst wie der Tau zu den Blumenkronen. 
Du unter­gräbst den Horizont durch dein Fernsein. 
Ewig auf der Flucht wie die Welle.

Du singst, so sagte ich, im Wind 
wie die Föhren und wie die Masten. 
Wie sie bist du hoch und schweigsam. 
Und plötzlich wirst du traurig, wie eine Reise.

Gastfreundlich wie ein alter Weg. 
Dich bevölkern Echos und Stimmen der Sehnsucht. 
Ich erwachte, und manchmal ziehn flüchtend fort 
Vögel, die schliefen in deiner Seele.“

Quelle: Pablo Neruda, “20 Liebes­ge­dichte und ein Lied der Verzweiflung”, 1924; deutsch­spra­chige Ausgabe: Luchterhand Litera­tur­verlag GmbH, 1977, 1989, 2002

 

Wie sagen wir es unseren Kindern?

Regula Lehmann und Phil Pöschl, Autoren von „Power­girls & starke Kerle“, Unter­richts­ein­heiten Sexual­kunde 10–13 Jahre: „Schüle­rinnen und Schülern zu vermitteln, dass Körper, Gefühle und Denken eine Einheit bilden, schafft die Basis für ein integriertes Verständnis von Geschlecht­lichkeit und Sexua­lität. Nur wo Sexua­lität gelingend in die Gesamt­per­sön­lichkeit des Menschen einge­bettet ist, kann sie langfristig als beglü­ckend und bezie­hungs­för­dernd erlebt werden.“

Und: „Sich zu verlieben ist eines der Gefühle, das die Schüle­rinnen und Schüler in dieser Alters­stufe zunehmend erleben. Gut mit den damit verbun­denen Gefühls­stürmen und ihren Schat­ten­seiten – Eifer­sucht, Zweifel am eigenen Liebeswert, Gerüchten und Spott der Kameraden – umgehen zu lernen, ist Teil eines lebens­langen Lernpro­zesses. In der heutigen, stark medial geprägten Kultur, die bloße Verliebtheit bereits als Liebe in ihrer Gesamtheit präsen­tiert und die Verliebtheit und ‚mitein­ander gehen‘ rund um die Uhr zelebriert, ist es wichtig, den Schüle­rinnen und Schülern zu vermitteln, dass Verliebt­heits­ge­fühle wie alle anderen Gefühle kommen und gehen, und dass sie uns zwar helfen, uns lebendig und glücklich zu fühlen, aber erst durch Ernst­haf­tigkeit und Tiefe ihren Wert erlangen.“

Und: „Eine stabile Beziehung und vertrau­ens­volles Einge­bun­densein in eine Familie entsprechen einer Grund­sehn­sucht des Menschen nach Gebor­genheit und Identität, die nicht nur im Individuum begründet liegt, sondern im sozialen Verband, dem wir uns zugehörig fühlen. Unter­su­chungen zeigen aller­dings, dass die Bezie­hungs­kom­petenz und die Bindungs­fä­higkeit junger Menschen stark abgenommen haben. Man wünscht sich also dauer­hafte Bezie­hungen, weiß aber nicht so recht, wie dieses Ziel zu erreichen ist.“

Quelle: Safer­surfing www.safersurfing.org

„Das große bunte Durcheinander“

Klaus Franke in Der Spiegel: „Wie weit die tradi­tio­nelle Geschlech­ter­ordnung bereits aufge­weicht war, offen­barten in den vierziger Jahren Unter­su­chungen des ameri­ka­ni­schen Zoologen Alfred Kinsey. Der fakten­ver­sessene Empiriker hatte an die 18 000 Männer und Frauen nach ihrer sexuellen Orien­tierung befragt und war zu einem die Öffent­lichkeit schockie­renden Ergebnis gekommen: 37 Prozent der inter­viewten Männer und 13 Prozent der Frauen gaben an, sie hätten ‚zumindest einige physische homose­xuelle Erleb­nisse bis zum Orgasmus‘ gehabt. …

Für Kinsey gab es eine so große Vielfalt inein­ander verflie­ßender, bisexu­eller Verhal­tens­muster, daß letztlich eher die vermeintlich Normalen zusammen mit den rein Homose­xu­ellen eine Gruppe bildeten, die fragwürdig wirkte. ‚Man darf die Welt nicht in Schafe und Böcke einteilen‘, resümierte Kinsey, sie stelle vielmehr ‚ein Kontinuum in allen ihren Aspekten‘ dar. Alle Formen des mensch­lichen Sexual­ver­haltens müßten deshalb als ‚natürlich‘ betrachtet werden.“

Und: „Für den in Düsseldorf prakti­zie­renden Sexthe­ra­peuten Rolf Gindorf besteht kein Zweifel, daß sich in Zukunft mehr Menschen zu einem bisexu­ellen Lebens­wandel entschließen werden. Nachdem sich das mensch­liche Sexual­ver­halten schon jetzt weitgehend vom biolo­gi­schen Repro­duk­ti­ons­zwang abgekoppelt habe, werde eine neue Ära anbrechen: ein ‚großes buntes Durch­ein­ander‘ gemischter Sexualbeziehungen.“

Aus: DER SPIEGEL 8/1996

Sexuelle Orien­tierung

Wikipedia, die freie Enzyklo­pädie: „Sexuelle Orien­tierung (auch Sexual­ori­en­tierung oder Geschlechts­­partner-Orien­­tierung) erfasst die nachhal­tigen Inter­essen einer Person bezüglich des Geschlechts eines poten­ti­ellen Partners auf der Basis von Repro­duk­ti­ons­in­teresse, Emotion, roman­ti­scher Liebe, Sexua­lität und Zuneigung. Gegenüber sexuellem Verhalten unter­scheidet sie sich durch den Bezug auf Gefühle und Selbst­konzept. Darauf basie­rendes sexuelles Verhalten kann statt­finden, muss aber nicht. Zwischen zwei Extremen herrscht eine stufenlose Vielfalt. Die sexuelle Orien­tierung wird meist als einer von mehreren Teilen der sexuellen Identität angesehen und ist teilweise ein Ergebnis der sexuellen Prägung.

Als eigen­ständige sexuelle Orien­tie­rungen allgemein anerkannt sind folgende Kategorien:

  • Hetero­se­xua­lität – ausschließlich oder überwiegend Menschen des anderen Geschlechts sind von Interesse
  • Homose­xua­lität – ausschließlich oder überwiegend Menschen des gleichen Geschlechts sind von Interesse
  • Bisexua­lität (Ambise­xua­lität) – Menschen beiderlei Geschlechts sind von Interesse.

Weitere mögliche Kategorien sind:

  • Asexua­lität – Menschen sind unabhängig von deren Geschlecht in sexueller Hinsicht nicht oder nur wenig von Interesse. Im Gegensatz zu den anderen sexuellen Orien­tie­rungen trifft der Begriff der Asexua­lität aber keine Aussage über die gefühls­mäßige Ausrichtung bzw. die roman­tische Orien­tierung.
  • Polyse­xua­lität – Menschen mehreren, aber nicht allen sozialen oder körper­lichen Geschlechts können von Interesse sein; beziehungsweise
  • Panse­xua­lität – Menschen jeglichen sozialen oder körper­lichen Geschlechts können von Interesse sein.“

Eine neue Sexualmoral?

Bernhard Meuser, YOUCAT (Jugend­ka­te­chismus der katho­li­schen Kirche): „Wenn heute drei Leute zusam­men­stehen, hat einer von den dreien eine Geschichte von Missbrauch zu erzählen. Wie können ausge­rechnet die Kirchen in naiven Sexual­op­ti­mismus verfallen und zur Verharm­losung der sexuellen Begierde beitragen, als sei die Konku­piszenz ein fröhliches Spaßteil für alle?! Wo ist sie – die «neue Sexual­moral», die endlich all die vielfäl­tigen Instru­mente von Kultur, Religion und Moral bündelt, um diese Urkraft zu zähmen und im Garten des Mensch­lichen zu beheimaten?

Starke politische Kräfte etablieren Abtreibung als Methode der Verhütung und als Menschen­recht. In Deutschland wird jedes vierte Kind im Mutterleib getötet. Kinder sind aus der Öffent­lichkeit verschwunden, weil sie in 90 % der Fälle vor der Geburt umgebracht werden. Wo ist sie – die «neue Sexual­moral», die endlich den syste­mi­schen Zusam­menhang von Sexual­ver­halten und Lebens­schutz thematisiert?

Porno­grafie ist ein Milli­ar­den­ge­schäft, das dem inter­na­tio­nalen Drogen­handel gerade den Rang abläuft. Schon 10- und 11-jährige Kinder werden in visuelle Prosti­tution einge­weiht, als Sucht­kunden kondi­tio­niert und zu übergrif­figem Sexual­ver­halten erzogen; sie verwahr­losen dabei seelisch. Wo ist sie – die «neue Sexual­moral», die der Pest des 21. Jahrhun­derts die Stirn bietet?

Im 19. und 20. Jahrhundert ging der Kampf um die Produk­ti­ons­mittel; heute geht der Kampf um die Repro­duk­ti­ons­mittel. Leihmut­ter­schaft und eine immer skrupel­losere Fortpflan­­zungs-Industrie machen die Geburt eines (passend designten) Kindes zu einem Geschäft oder einem techni­schen Akt. Wo ist sie – die «neue Sexual­moral», die das Geschenk des Lebens vor dem Zugriff von Macht und Markt schützt?

Die ideolo­gische Dekon­struktion der klassi­schen Familie, der Entzug ihrer ökono­mi­schen und recht­lichen Grund­lagen (etwa die Bestreitung ihres primären Erzie­hungs­rechts), zerstört die Keimzelle der Gesell­schaft und den natür­lichen Schutzraum von Kindern, die immer häufiger Opfer von Missbrauch werden. Wo ist sie – die «neue Sexual­moral», die für das Leitbild der natür­lichen Familie in die Offensive geht?“ 

Quelle: Bernhard Meuser, Offener Brief an die deutschen Bischöfe, www.kath.net, 9.11.2020

Das sechste Gebot: Du sollst nicht die Ehe brechen!

Die Verhal­tens­vor­gaben der katho­li­schen Kirchen­leitung unter Papst Johannes Paul II. (Katechismus 1993) zum sechsten Gebot (Auszüge):

Zu Sexua­lität und Liebe: „Die Geschlecht­lichkeit, in der sich zeigt, daß der Mensch auch der körper­lichen und biolo­gi­schen Welt angehört, wird persönlich und wahrhaft menschlich, wenn sie in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechsel­seitige Hingabe von Mann und Frau einge­gliedert wird.“

Zu vorehe­lichen Sexual­be­zie­hungen: „Die Braut­leute sind aufge­fordert, die Keuschheit in Enthalt­samkeit zu leben. Sie sollen diese Bewäh­rungszeit als eine Zeit ansehen, in der sie lernen, einander zu achten und treu zu sein in der Hoffnung, daß sie von Gott einander geschenkt werden. Sie sollen Liebes­be­zeu­gungen, die der ehelichen Liebe vorbe­halten sind, der Zeit nach der Heirat vorbehalten.“

Und: „Die leibliche Verei­nigung ist nur dann moralisch zu recht­fer­tigen, wenn zwischen dem Mann und der Frau eine endgültige Lebens­ge­mein­schaft gegründet worden ist. Die mensch­liche Liebe läßt den bloßen ‚Versuch‘ nicht zu. Sie verlangt eine endgültige und ganze gegen­seitige Hingabe der beiden Partner.“

Zur Selbst­be­frie­digung: „Mastur­bation ist die absicht­liche Erregung der Geschlechts­organe, mit dem Ziel, geschlecht­liche Lust hervor­zu­rufen. … Der um ihrer selbst willen gesuchten geschlecht­lichen Lust fehlt ‚die von der sittlichen Ordnung gefor­derte geschlecht­liche Beziehung, jene nämlich, die den vollen Sinn gegen­sei­tiger Hingabe als auch den einer wirklich humanen Zeugung in wirklicher Liebe reali­siert‘ (CDF, Erkl. „Persona humana“ 9).“

Und: „Um ein ausge­wo­genes Urteil über die sittliche Verant­wortung jener, die sich hierin verfehlen, zu bilden und um die Seelsorge danach auszu­richten, soll man affektive, die Macht einge­fleischter Gewohn­heiten, Angst­zu­stände und weitere psychische oder gesell­schaft­liche Faktoren berück­sich­tigen, welche die moralische Schuld vermindern oder sogar aufheben.“

Zur Homose­xua­lität: „Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homose­xuell veranlagt. Sie haben diese Veran­lagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. … Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwie­rig­keiten, die ihnen aus ihrer Veran­lagung erwachsen können, mit dem Kreuzes­opfer des Herrn zu vereinen.“

Und: „Homose­xuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen. Durch die Tugenden der Selbst­be­herr­schung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich – vielleicht auch mit Hilfe einer selbst­losen Freund­schaft – durch das Gebet und die sakra­mentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christ­lichen Vollkom­menheit annähern.“

Zur Empfäng­nis­ver­hütung: „Die zeitweilige Enthalt­samkeit sowie die auf Selbst­be­ob­achtung und der Wahl von unfrucht­baren Perioden der Frau beruhenden Methoden der Empfäng­nis­re­gelung entsprechen den objek­tiven Kriterien der Moral. … Hingegen ‚ist jede Handlung verwerflich, die entweder in Voraus­sicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluß an ihn beim Ablauf seiner natür­lichen Auswir­kungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel‘.“

Und: „Der Staat ist für das Wohl der Bürger verant­wortlich. Aus diesem Grund ist er berechtigt, auf das Bevöl­ke­rungs­wachstum einzu­wirken. Er darf das mittels einer taktvollen objek­tiven Infor­mation tun, nicht aber auf autoritäre Weise und durch Ausübung von Zwang. … Er ist nicht berechtigt, der Moral wider­spre­chende Mittel zur Regelung des Bevöl­ke­rungs­wachstums zu begünstigen.“

Und: „Die Empfäng­nis­re­gelung stellt einen der Aspekte verant­wort­licher Eltern­schaft dar. Auch wenn die Absicht der beiden Gatten gut ist, sind sie doch nicht berechtigt, sich sittlich unzuläs­siger Mittel zu bedienen (z. B. direkte Steri­li­sation oder Verhütungsmittel).“

Quelle: Katechismus der Katho­li­schen Kirche, R. Olden­bourg Verlag, 1993

Sexarbeit statt Prostitution

Wikipedia, die freie Enzyklo­pädie: „Prosti­tution bezeichnet die Vornahme sexueller Handlungen gegen Entgelt, seit den 1970er Jahren Sexarbeit genannt, früher horizon­tales Gewerbe. Erfolgt die Prosti­tution unfrei­willig, ist es Zwangs­pro­sti­tution. Prosti­tution findet sich seit Anbeginn der Geschichts­schreibung, in allen Kulturen und Epochen, und ist eng mit der Geschichte der Frauen­rechte, der Sexua­lität der Frau und der Geschichte der LGBT (aus dem engli­schen Sprachraum übernommene Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Trans­gender) verknüpft. Die gesell­schaft­liche Bewertung unter­liegt bis heute ungebrochen einem starken Wandel und wird von politisch-weltan­schau­lichen sowie religiösen Vorstel­lungen beeinflusst.

In der Prosti­tution Tätige gehören in vielen Kulturen einer sozialen Gruppe an, die bis heute von Menschen­handel, Gewalt, Ausbeutung, Diskri­mi­nierung, Stigma­ti­sierung und Verfolgung bedroht ist. … In westlichen Gesell­schaften wenden sich seit dem späten 20. Jahrhundert zunächst verein­zelte kleine Prosti­tu­ti­ons­ver­bände und Amnesty Inter­na­tional gegen Diskri­mi­nierung und fordern eine positive Betrachtung des Sexge­werbes, in Deutschland vor allem mit der recht­lichen Anerkennung als legale Arbeit …“

Und „Unter dem Begriff Nordi­sches Modell für Prosti­tution werden verschiedene Varianten zur Bekämpfung von Prosti­tution durch die Krimi­na­li­sierung der Kunden der Prosti­tu­ierten zusam­men­ge­fasst, deren bekann­teste die der skandi­na­vi­schen Länder, insbe­sondere Schwedens, ist. Folgende Länder haben das aboli­tio­nis­tische (Aboli­tio­nismus: Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei) Modell schon in die Praxis umgesetzt: Schweden, Norwegen, Island, Kanada, Frank­reich, Irland, und Israel.

In jedem dieser Länder nimmt das Modell eine andere Form ein, daher ist es wichtig zwischen dem Modell und der Umsetzung in einem bestimmten Land zu unter­scheiden. Die Gesetz­gebung würde in Deutschland sicher anders aussehen als in Schweden oder Frank­reich, aber der Grund­ge­danke bleibt: Prosti­tu­ierte entkri­mi­na­li­sieren, dafür Sexkäufer und Betreiber krimi­na­li­sieren und Ausstiegs­pro­gramme einrichten und finanzieren.“

Die Zeichen der Zeit erkennen oder als ‚Zeitgeist‘ abtun?

Friedrich Kronenberg zum sogenannten ‚synodalen Weg‘ der Kirche in Deutschland: „Der „synodale Weg“, den die Deutsche Bischofs­kon­ferenz und das Zentral­ko­mitee der deutschen Katho­liken gemeinsam begonnen haben, bietet die Chance, den zukünf­tigen Weg der Kirche in Deutschland in den Blick zu nehmen. Die vier vorge­se­henen Themen­be­reiche – Sexual­moral, pries­ter­liche Lebensform, Macht in der Kirche, Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche – beinhalten dringende Fragen, die einer Antwort bedürfen.“

Und: „Menschen können die Kirche nicht kaputt machen – weder Bischöfe, nochPriester oder Laien. Dass Menschen den Ruf zur Nachfolge Christi annehmen, das bleibt Tatsache bis zum jüngsten Tag. Aber die Insti­tution Kirche, die von uns Menschen geschaffen wurde, um den Jüngern Christi, dem Volk Gottes bei ihrem Kirche-Sein zu dienen, diese Insti­tution bedarf der fortwäh­renden Gestaltung und Weiter­ent­wicklung – und sie kann tatsächlich auch „kaputt gemacht“ werden, wenn wir in dieser Gestal­tungs­aufgabe versagen.“

Und: „Die Fortent­wicklung der kirch­lichen Verfassung ist in den vergan­genen Jahrzehnten unvoll­kommen geblieben, weil die Weltkirche die hierfür erfor­der­lichen Konse­quenzen aus den Beschlüssen des Zweiten Vatika­ni­schen Konzils nur unvoll­ständig gezogen hat. Hinzu kommt das Versäumnis, die Zeichen der Zeit zu erkennen und entspre­chende Schluss­fol­ge­rungen daraus für die Gestalt der Kirche zu ziehen.

‚Die Kirche muss … von der Welt lernen, sonst kann sie nicht Kirche sein. Es gibt kein Selbst­ver­ständnis, kein Denken, keine Theologie ohne Welt. Eine weltlose Theologie wäre gar nicht denkbar, auch nicht ohne die soziale Welt‘, hat Kardinal Reinhard Marx zurecht erklärt.

Einige Stich­worte mögen das Themenfeld beleuchten: christlich frei statt ideolo­gisch fixiert, personale Freiheit statt patri­ar­chaler Bevor­mundung, solida­risch statt indivi­dua­lis­tisch, subsidiär statt zentra­lis­tisch, teilhabend statt kleri­ka­lis­tisch, demokra­tie­gemäß statt monar­chisch, Nachfolge Christi statt Gefolg­schaft, Gewal­ten­teilung statt Machtmissbrauch.“

Aus: Christ in der Gegenwart, Herder Verlag, 29.9.2019

Wegge­lassen

Im Katechismus der Katho­li­schen Kirche zum sechsten Gebot wird die Bibel­stelle des Johannes-Evange­­liums zum Ehebruch nicht erwähnt:

„Alle Leute dort versam­melten sich um ihn. Er setzte sich und sprach zu ihnen über den Willen Gottes. Da führten die Geset­zes­lehrer und Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu Jesus: ‚Lehrer, diese Frau wurde ertappt, als sie gerade Ehebruch beging. Im Gesetz schreibt Mose uns vor, dass eine solche Frau gesteinigt werden muss. Was sagst du dazu?‘

Mit dieser Frage wollten sie ihm eine Falle stellen, um ihn anklagen zu können. Aber Jesus bückte sich nur und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie nicht aufhörten zu fragen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: ‚Wer von euch noch nie eine Sünde begangen hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!‘

Dann bückte er sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das hörten, zog sich einer nach dem andern zurück; die Älteren gingen zuerst. Zuletzt war Jesus allein mit der Frau, die immer noch dort stand. Er richtete sich wieder auf und fragte sie: ‚Frau, wo sind sie geblieben? Ist keiner mehr da, um dich zu verur­teilen?‘ ‚Keiner, Herr‘, antwortete sie. Da sagte Jesus: ‚Ich verur­teile dich auch nicht. Du kannst gehen; aber tu diese Sünde nicht mehr!‘“

Neues Testament, Johannes-Evangelium, Kapitel 8, die Verse 2b bis 12