Was Sie auf Erfolgskurs bringt: Systematik

Nur syste­ma­ti­sches Vorgehen kann von den Unzuläng­lich­keiten des Lebens wegführen. Das ist wie Schach­spielen: Nicht der spontane Zug, sondern der gut überlegte Zug bringt den Erfolg. Voraus­setzung ist das Erkennen und Durch­schauen der uns umgebenden Systeme, um entspre­chende eigene Systeme zu entwi­ckeln. Das gilt insbe­sondere für den Beruf. Das gibt Selbst­si­cherheit auch in turbu­lenten Zeiten.

Auch wenn manche es für sich selbst nicht gelten lassen: Menschen sind unvoll­kommen 

So malen können wie Picasso, so Fußball spielen können wie Pele, so singen können wie die Callas, so schön sein wie die Monroe, so weise sein wie der Dalai Lama – wir alle, die wir andere um ihre beson­deren Eigen­schaften und Fähig­keiten beneiden, gestehen damit gleich­zeitig ein, dass wir unvoll­kommen sind. Wie gerne würden wir Genia­lität besitzen!

Statt dessen müssen wir zugeben, dass unser Wissen lückenhaft ist, wir in unseren Fähig­keiten unter­ent­wi­ckelt sind und uns viele Eigen­schaften, die wir gerne hätten, fehlen. Unsere Realität sieht so aus: Wir über- oder unter­schätzen uns, wir gehen von unzutref­fenden Vorstel­lungen aus, wir setzen falsche Priori­täten, wir wählen den falschen Zeitpunkt, wir laufen in die verkehrte Richtung – aber einiges gelingt uns auch.

Syste­matik hilft, aus den Löchern der Unzuläng­lichkeit heraus­zu­kommen. Schon als Kinder machen wir die Erfahrung, dass wir syste­ma­tisch vorgehen müssen, wenn wir etwas erreichen wollen. Legosteine nur einfach nach Lust und Laune zusam­men­stecken, bringt nichts. Zuerst muss klar sein, was das Zusam­men­stecken der Steine ergeben soll. Es muss eine Zielvor­stellung herrschen, wenn das Tun Sinn machen soll. Erst dann ist es möglich, die richtigen Steine in der richtigen Reihen­folge zusam­men­zu­fügen.

Seine Umwelt erkennen und durch­schauen

Wer sich in der dinglichen Welt zurecht finden will, muss zwei Fragen stellen:

  1. Was sind die Bestand­teile?
  2. Wie funktio­niert es?

Die Neugier, unsere Umwelt zu entdecken, ist uns angeboren. Als Babys nehmen wir alles in den Mund, wollen wir alles in die Hand bekommen, probieren wir aus. Wie schmeckt das? Wie fühlt sich das an? Was kann man damit machen? Später wird es inter­essant, etwas zu zerlegen. Vielleicht hilft der Vater dabei, es wieder zusam­men­zu­bauen. Ikea und andere Anbieter von Bausätzen knüpfen an unsere in Kindheit und Jugend entwi­ckelten Fähig­keiten an, syste­ma­tisch vorzu­gehen.

Machen Sie mit sich folgenden Test: Nach dem Kauf eines Produkts, das zu seiner Funkti­ons­fä­higkeit erst noch zusam­men­gebaut werden muss, legen Sie die Monta­ge­an­leitung zur Seite. Sehen Sie sich das Bild des fertig montierten Produkts an und entwi­ckeln Sie ein Konzept für die Montage. Erst danach nehmen Sie die Monta­ge­an­leitung wieder zur Hand. Vergleichen Sie Ihr Konzept mit dem des Liefe­ranten!

Wie funktio­niert was? Diese Frage sollten Sie sich zur Gewohnheit machen. Dann lernen Sie Ihre Umgebung nicht nur kennen, sondern Sie lernen, sie zu durch­schauen. Trainieren kann man das beispiels­weise in Warte­si­tua­tionen. Wie hat der Arzt, in dessen Warte­zimmer Sie sitzen, seine Praxis organi­siert? Wie ist die Behörde struk­tu­riert, auf deren Flur Sie warten müssen? In welche Komplexe ist ein Flughafen gegliedert? Nach welchem System werden die Waren in einem Super­markt angeboten?

Syste­ma­ti­sches Handeln ist das Gegenteil von “einfach drauf los”. Tiere handeln von ihrem Instinkt geleitet. Wir müssen unseren Kopf gebrauchen. Sonst landen wir im Chaos und in der Katastrophe.

Selbständig Syste­matik entwi­ckeln 

Als Kinder lernen wir durch Nachahmung. Wenn wir als Erwachsene diese Methode verlernt haben oder niemand da ist, der Nachah­mens­wertes vormacht, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit System eigenes Lernen zu entwi­ckeln. Unsere Mutter­sprache lernen wir durch Hinhören und Nachsprechen. Als Erwachsene können wir uns weitere Sprachen durch syste­ma­ti­sches Lernen aneignen. Dabei greifen wir auf Lernver­fahren zurück, die von Pädagogen und Psycho­logen entwi­ckelt wurden.

Es genügt indes nicht, nur passiv der Syste­matik zu folgen, die von Lehrern vorge­geben wird. Man muss als Lernender fähig sein, selbständig Aufgaben zu lösen. Wie nutze ich eine Bibliothek? Wie erarbeite ich mir den Inhalt eines Buches? Wie organi­siere ich meinen Tages­ablauf? Wenn in der indus­tri­ellen Fertigung Arbeits­gruppen gebildet werden, denen der Arbeits­ablauf nicht mehr vorge­geben wird, muss die Gruppe fähig sein, ihre Arbeit selbständig zu organi­sieren.

Was leider in viel zu geringem Maße Kindern und Jugend­lichen vermittelt wird, ist syste­ma­ti­sches Vorgehen in der eigenen, der persön­lichen Entwicklung. Das muss sich daher jeder mehr oder weniger selbst aneignen. Gute Voraus­set­zungen zu solcher Selbst­ent­wicklung hat, wer schon in der Kinder­stube gelernt hat, Ordnung zu schaffen und zu halten sowie sich an der Hausarbeit zu betei­ligen. Nichts ist besser geeignet, Nutzen bringende Systeme zu entwi­ckeln und ständig zu verbessern als Hausarbeit. Und das nicht nur für sich allein, sondern in der Gruppe, der Familie.

Unordnung als Protest 

Die meisten von uns überlassen Tätig­keiten wie Aufräumen und Sauber­machen vorzugs­weise anderen. Manche Mutter hat zu einem solchen Fehlver­halten erzogen. Entweder durch ihr Vorbild als Schlampe oder weil sie uns diese Arbeit wie ein Dienst­mädchen abgenommen hat. Hotel Mama. Folge: Seit Kinder­tagen drücken wir uns vor jeglicher Hausarbeit, verachten wir es zu putzen, zu spülen, zu bügeln, zu flicken und so weiter. Wir halten das für minder­wertige Arbeit, für die man früher Sklaven hatte, heute die Hausan­ge­stellte oder Schwarz­ar­bei­terin hat.

Der Hang zur Unordnung kann ein Protest sein. Jugend­liche in der Pubertät wollen damit ihre Ablehnung der überkom­menen Systeme demons­trieren, ihren eigenen Willen zeigen. Sie entwi­ckeln eigene Systeme, Subkul­turen. Wenn das im Erwach­se­nen­alter zu neuen, eigenen Systemen führt, ist das in Ordnung. Aber es führt zu einer Selbst­be­hin­derung, wenn der Erwachsene im puber­tären Protest verharrt und sich damit gegen Chefs oder dominante Partner wehrt.

Puber­täres Verhalten zeigen auch Erwachsene, die sich hinter oder in ihrer Unordnung verstecken wollen. Sie behaupten, sie wüssten, wo sie was haben. Bei häufig gebrauchten Sachen und solange sie ihre Bereiche abgrenzen können, mag das stimmen. Unordnung als Versteck­spiel verrät gestörtes Sozial­ver­halten.

Wenn uns die Eltern Ordnung nicht vorgelebt haben, wenn sie uns nicht die Erfahrung vermittelt haben, dass Ordnung etwas Nützliches ist, wenn sie uns nicht darauf aufmerksam gemacht haben, dass die Welt um uns herum aus Ordnungs­sys­temen besteht, und wenn sie uns auch nicht haben erfahren lassen, dass Menschen besser zusam­men­leben können in einem System gemeinsam prakti­zierter Ordnung, dann müssen wir als Erwachsene das für unser Leben und für unseren Haushalt allein und in der Gruppe nachholen – oder es wird ungemütlich.

Beruf­liche Entwicklung als Dauer­aufgabe

Neben der Organi­sation des privaten Lebens ist der Beruf das wichtigste Gebiet, auf dem wir mit Syste­matik die Folgen unserer Unvoll­kom­menheit mindern können. Alles andere macht abhängig von Glück und Zufall, ist das Gegenteil von einem selbst­ge­steu­erten Leben, führt in die Abhän­gigkeit. Das ist so, weil die techni­schen Entwick­lungen und die Markt­ver­än­de­rungen immer größeres Tempo gewinnen. Niemand hat mehr die Sicherheit, den erlernten Beruf bis zu seinem Ruhestand ausüben zu können. Ständig hinzu­lernen und umlernen muss heute jeder.

Worauf es ankommt: Recht­zeitig seine Position analy­sieren und überdenken; nicht erst, wenn man arbeitslos ist. Am besten ist eine perma­nente Beobachtung und Bewertung. Wer bislang noch keine Unter­su­chungen angestellt hat, auf welchen Wegen er denn in die augen­blick­liche Lage gekommen ist, sollte seinen Werdegang aufar­beiten.

Wer das nicht von sich aus tut, von dem werden es Arbeit­geber zumindest in Ansätzen verlangen: Stellen­be­werber müssen eine ganze Reihe von Unter­lagen beibringen und Teststa­tionen wie Assess­ment­center durch­laufen, damit die Perso­nal­chefs am Ende der Prozedur einiger­maßen sicher sind, den richtigen Mitar­beiter heraus­ge­funden zu haben.

Es ist fahrlässig, sich nicht selbst mit seinen Poten­tialen zu beschäf­tigen. Wer das unter­lässt, kann sie anderen gegenüber weder selbst­be­wusst darstellen noch in Eigen­regie verbessern. Befragen Sie sich:

  • Wohin bringt mich meine derzeitige Tätigkeit?
  • Welche Entwick­lungs­mög­lich­keiten habe ich?
  • Was sollte ich nicht in Kauf nehmen?
  • Mit welchen Fähig­keiten und Eigen­schaften komme ich nicht zum Zuge?
  • Was muss sich ändern?
  • Was muss ich ändern?
  • Was hindert mich, besser zu werden?

Ihr persön­licher Arbeits­markt

Wer als Selbstän­diger arbeitet, beispiels­weise als Handwerks­meister oder Rechts­anwalt oder Heilprak­tiker, kommt gar nicht umhin, sich um Kunden zu bemühen, sich um seinen Markt zu kümmern. Kunden laufen einem nicht von allein in die Werkstatt, Kanzlei oder Praxis. Außerdem muss sich ein Selbstän­diger für seinen Markt fit halten. Das heißt: Er muss sich weiter­bilden und seine Dienst­leistung Markt­ver­än­de­rungen anpassen.

Zu einer gleichen Einstellung sollte auch derjenige kommen, der seinen Arbeits­platz nicht selber schafft, sondern sich von einem Arbeit­geber bereit stellen lässt. Denn mehr und mehr Arbeit­geber gehen dazu über, einen Arbeits­platz nur noch dem zu geben, der diesen selbständig ausfüllen kann. Um dieser Anfor­derung zu entsprechen, muss jeder sein System persön­licher Arbeits­tüch­tigkeit entwi­ckeln, das sich aus zwei Grund­be­reichen zusam­men­setzt:

  1. Konti­nu­ier­liche Selbst­ver­bes­serung,
  2. Markt­be­ob­achtung und ‑pflege.

Zu Punkt 1 bietet dieses Buch in jedem Kapitel zahlreiche Einsichten, Erfah­rungen und Anregungen. Daraus können die notwen­digen Planungen, Vorhaben und Maßnahmen für die persön­liche Arbeits­markt­taug­lichkeit entwi­ckelt werden.

Bei Punkt 2 geht es darum, seinen Markt sowohl geogra­phisch (lokal, regional, überre­gional, global) zu umschreiben, als auch die Branche, den Fachbe­reich in seiner Dynamik, seinen Trends und Tendenzen zu erfassen. Dazu muss man Recher­chen­arbeit leisten. Nur die Verbands­zeit­schrift zu lesen, genügt nicht. Eine weitere Aktivität ist notwendig: Ständig Kontakte knüpfen und pflegen. Nicht nur durch die Teilnahme an Veran­stal­tungen der berufs­stän­di­schen Verei­ni­gungen, an Messen und Kongressen, sondern auch durch Mitglied­schaften in kunden­nahen Organi­sa­tionen.

Die besten Arbeits­plätze werden in der Regel über Bezie­hungs­ge­flechte vergeben. Man muss sich nicht unbedingt einbe­ziehen lassen, aber man sollte in den einschlä­gigen Fachkreisen bekannt sein. Charak­ter­ei­gen­schaften und Schlüs­sel­qua­li­fi­ka­tionen spiegeln sich nur unvoll­kommen in Zeugnissen wider. Deshalb muss jeder auf dem Sektor des Arbeits­marktes, in dem die von ihm angestrebten Positionen zu vergeben sind, nicht nur als Fachmann, sondern auch als Person bekannt sein.

Selbst­si­cherheit in turbu­lenten Zeiten

Wer seine beruf­liche Entwicklung wie ein Unter­nehmer plant und betreibt, von sich weiß, welche Stärken er hat, die ständig auszu­bauen sind, und welche Schwächen er hat, die er ausgleichen oder besei­tigen muss, der hat alle Chancen, seine Ziele zu erreichen. Der ist weitgehend gegen die Gefahren des Arbeits­marktes gefeit. Denn er fällt nicht aus allen Wolken, wenn beispiels­weise die Arbeit gebende Firma verkauft wird oder wenn die Firma Pleite macht. Er wird die Entwicklung recht­zeitig erkennen und Konse­quenzen ziehen.

Im Laufe der Zeit entwi­ckelt jeder Lebens­ge­wohn­heiten, die er ungern aufgibt. Manch einer hat sich und seine Familie an seinem Wohn- und Arbeitsort fest verwurzelt und will dies dem Beruf nicht opfern. Was man unter welchen Umständen dem beruf­lichen Werdegang unter- bezie­hungs­weise überordnet, lässt sich durch eine Situa­ti­ons­analyse heraus­finden: Worauf wird gegebe­nen­falls verzichtet und worauf in keinem Fall? Wie kann das persön­liche Lebens­umfeld umgestellt werden, ohne dies als Einbuße zu empfinden?

Wer beim Ergründen seiner Lebens­si­tuation zu dem Ergebnis kommt, dass er eigentlich nichts ändern möchte und dazu nur den Erhalt seines derzei­tigen Arbeits­platzes braucht, läuft Gefahr, die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Denn die Dynamik des Wirtschafts­ge­schehens wird weiter zunehmen und immer weniger Arbeits­plätze zulassen, die nicht ständiger Verän­derung unter­worfen sind.

Entstehen und Vergehen gehören zum Wechsel­spiel des Lebens. Diesem Auf und Ab sind dieje­nigen am ehesten gewachsen, die in Sachen “Arbeit” ihre eigenen Unter­nehmer sind. Dazu muss man seinen beruf­lichen Werdegang selbst bestimmen. Das setzt voraus, dass man weiß, was man will, wohin man will, wie man leben will. Dementspre­chend müssen die Ziele geplant und verfolgt werden.

Um trotz Unvoll­kom­menheit uns lebens­tüchtig zu behaupten, müssen wir unsere Möglich­keiten des syste­ma­ti­schen Handelns nutzen.

Paul Halbe: Jeder sein eigener Unternehmer

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