Was nicht auseinander klaffen darf:
Theorie und Praxis

Welches Vorurteil verbinden Sie mit dem Wort Theorie? Und mit dem Wort Praxis? Werfen Sie Ihre Vorur­teile über Bord! Sie brauchen beides: Theorie und Praxis. Das ist ähnlich wie beim Wandern. Mit einer guten Karte kommen Sie ans Ziel. Aber Sie müssen Karten lesen können und körperlich fit sein. Wer seine intel­lek­tu­ellen Fähig­keiten genauso wie seine prakti­schen Möglich­keiten ständig verbessert, inves­tiert richtig: in sich selbst.

Lassen Sie sich weder von intel­lek­tu­ellem Hochmut noch von ichsüch­tigem Pragma­tismus bestimmen!

Jeder Jugend­liche hat bei uns die Chance zu studieren. Manche machen vor ihrem Studium eine Lehre. Das ist oft eine sehr sinnvolle Kombi­nation. Denn Theorie und Praxis gehören zusammen. Es ist falsch, Gegen­sätze daraus zu machen. Das eine gewinnt jeweils Sinn und Zweck aus dem anderen. Die arbeits­teilig organi­sierte Berufswelt hat es mit sich gebracht, dass vielfach ein “entweder — oder” aus Theorie und Praxis geworden ist: Kopfar­beiter – Handar­beiter, die in den Büros – die in den Betrieben, Welt des Geistes – Welt der Arbeit, Mitar­beiter mit weißem Hemd und Krawatte – Mitar­beiter im Blaumann. Das größere Prestige haben gemeinhin die White-Collar-Leute.

Für die Lebens­ge­staltung ist es nützlich, wenn Theorie und Praxis nicht ausein­an­der­laufen. Einsei­tig­keiten wie zwei linke Hände oder das Unver­mögen, eine Konstruk­ti­ons­zeichnung zu verstehen, sind Handicaps. Hat man in seiner Erziehung eine Wertigkeit mitbe­kommen, die einen die theore­tische Beschäf­tigung mit den Dingen höher einschätzen lässt als die mit den prakti­schen, sollte man das in seiner Einsei­tigkeit korri­gieren. Denn sonst geraten Denken und Handeln immer wieder oder sogar auf Dauer ausein­ander, ist man scharf­sinnig in der Analyse, aber unfähig, wenn es um Taten geht.

Die Unfähigkeit, Vorstel­lungen in die Tat umzusetzen, verführt dazu, sich Illusionen zu machen. Man wird wirklich­keits­fremd. Damit das Selbst­be­wusstsein nicht angenagt wird, werden dann Abwehr­hal­tungen etabliert: Man ist halt für das Praktische unbegabt, hat eben zwei linke Hände, ist ohnehin für solche niederen Arbeiten nicht geschaffen. Auf der anderen Seite gibt es die protzige Selbst­ge­wissheit derer, die sich als von keiner Theorie angegraute Praktiker verstehen. Sie sind gewohnt, sich durch­zu­setzen, werden nicht von Skrupeln geplagt. Falls etwas schiefgeht, probiert man eben nochmal. Egozentrik und Vitalität – bis ein Crash den Bulldozer stoppt.

Erwerben Sie Know-how und entwi­ckeln Sie praktische Fähig­keiten!

Wer bei sich Defizite auf der theore­ti­schen oder auf der prakti­schen Seite seines Agierens feststellt, sollte sich nicht damit abfinden, sondern danach trachten, das Manko auszu­gleichen. Alles andere führt zu einer einsei­tigen Sicht­weise des Lebens­um­felds, zu Missver­ständ­nissen und unange­mes­senen Urteilen. Theorie entwi­ckeln, heißt: eigene und fremde Einsichten und Erfah­rungen so aufar­beiten, dass man daraus Handlungs­kon­zepte zu entwi­ckeln vermag. Gegenüber der Vorge­hens­weise nach dem Motto “probieren geht über studieren” hat die intel­lek­tuelle Durch­dringung von Wirklichkeit den Vorteil erheb­licher Zeiter­sparnis.

Das Probieren wird dabei nicht verworfen, sondern als Experiment, Versuchs­reihe, Testpro­gramm einbe­zogen. Das Denkver­mögen dient dazu, die Komple­xität des Lebens trotz der Einma­ligkeit jeden Augen­blicks und der Unnach­ahm­lichkeit jeder Situation auf Regeln und Muster hin zu unter­suchen, um daraus Handlungs­an­sätze zu gewinnen.

Die theore­tische Beschäf­tigung mit dem Leben bringt Know-how. Nur die theore­tische Ausein­an­der­setzung mit der Wirklichkeit schafft die Voraus­set­zungen für zielge­rich­tetes Handeln:

  • Erkennt­nis­ho­ri­zonte und Handlungs­spiel­räume ausweiten,
  • Wissen und Erfahrung zur Entwicklung von Konzepten nutzen,
  • Planungen erstellen und in die Tat umsetzen.

Praktische Fähig­keiten entwi­ckeln, heißt: In der Wirklichkeit bleiben. Schreiner müssen ein Gefühl für Holz, Schlosser für Metall haben. Auch wenn später der Computer ein wesent­liches Arbeits­gerät ist und Automaten die Werkstücke bearbeiten, steht am Anfang der handwerk­liche Umgang mit dem Material: hobeln, sägen, bohren, feilen. Denn sonst fehlt die Dimension des Sinnen­haften, ohne die eben jede Theorie grau wird.

Betreiben Sie “Ausgleichs­sport”!

Je nachdem, auf welchem Berufsfeld Sie tätig sind, müssen Sie für “Ausgleichs­sport” sorgen. Sind Sie vorwiegend mit theore­ti­schen Aufgaben beschäftigt, sollten Sie mit prakti­scher Arbeit gegen­steuern. Dazu bieten sich im Zeitalter des Do-it-yourself vielfältige Möglich­keiten. Sind Sie haupt­sächlich handwerklich tätig, sollten Sie Freude auch an intel­lek­tu­ellen Tätig­keiten finden.

Der Theore­tiker muss sich fragen:

  • Was bietet sich an, um mein Wissen in Taten umsetzen zu können?
  • Wie schaffe ich es, nach der Analyse auch eine Lösung herbei­zu­führen?

Der Tatmensch muss sich fragen:

  • Was sollte ich jeweils bedenken, bevor ich loslege?
  • Wie kann ich mir das Wissen und die Erfah­rungen anderer zunutze machen?

Um Denken und Handeln in Ihrem Leben möglichst nahe anein­ander zu binden, sollten Sie Vorge­hens­weisen entwi­ckeln, die ihnen helfen:

  • Infor­ma­tionen zu sammeln und aufzu­be­reiten,
  • aus Ideen und Vorstel­lungen Konzepte zu entwi­ckeln,
  • Projekt­pläne zu erstellen und
  • nach getaner Arbeit die gemachten Erfah­rungen festzu­halten und Lehren daraus zu ziehen.

Mit nützlichen Übungs­pro­grammen lässt sich Wirklich­keitssinn entwi­ckeln. Beispiele: “Möbel schreinern”, “Kleider nähen”, “Spielzeug basteln”, “Nutzgarten anlegen” und vieles andere mehr.

Führen Sie solche Projekte nicht nur für sich allein, sondern auch in Gruppen durch. Das bringt allsei­tigen Gewinn, weil man dann Einsichten und Erfah­rungen unter­ein­ander austau­schen kann. Beziehen Eltern ihre Kinder in solche Projekte mit ein, ist das ein großar­tiger Lernprozess für alle, und die Kinder erfahren geradezu spielend, wie das kombi­nierte theore­tisch-praktische Vorgehen wirklich­keits­ge­rechte Lebens­be­wäl­tigung mit sich bringt. Sie finden vom Drauflos ihrer kindlichen Sponta­neität zum planvollen und damit zielge­rich­teten Handeln, sie lernen den Kopf zu gebrauchen.

Spüren Sie den Urgründen Ihres Erlebens nach!

Leben als Erkenntnis- und Umset­zungs­prozess verstehen, heißt in letzter Konse­quenz: leben, was man denkt, und überdenken, was man lebt. Gedanken, Worte und Taten – das sind unsere Lebens­äu­ße­rungen. Persön­lich­keits­ent­wicklung zielt darauf ab, im Laufe der Zeit zu möglichst viel Überein­stimmung im Denken, Reden und Handeln zu gelangen.

Die Reihen­folge ist wichtig: zuerst denken und danach erst reden und handeln. Richten Sie Ihre Taten am eigenen Denken aus und nicht an unbedachten Gewohn­heiten oder an den Einflüs­te­rungen anderer oder an Milieuzwängen. Außerdem sollte man alles, was man hört und sieht und liest, auf Vorur­teile hin überprüfen. Andern­falls wird man schnell das Opfer derer, die uns in ihrem Sinne manipu­lieren wollen – als Käufer, Wähler oder Arbeit­nehmer.

Wer mit wachen Sinnen und einer Grund­ein­stellung des Fragens lebt, findet so gut wie täglich zu neuen Einsichten. Entde­ckungs­rei­sende oder Archäo­logen arbeiten metho­disch, um ihren Erkennt­nis­stand zu vergrößern. Sie verzeichnen und dokumen­tieren zunächst, was ist. Dabei schenken sie auch unschein­baren Gegeben­heiten Aufmerk­samkeit. Denn sie wissen, dass die Dinge oder Vorkomm­nisse in der Regel nur mit einem Zipfel oder Vorboten in Erscheinung treten. Das Ganze in seinen vielfäl­tigen Zusam­men­hängen liegt so gut wie nie zu Tage. Es erschließt sich erst in einem oft langwie­rigen Prozess.

Die Methoden der Forscher lassen sich vortrefflich nutzen, um sich in seinem Lebens­umfeld besser zurecht zu finden. Die Ereig­nisse eines Tages bergen eine Fülle von Hinweisen auf verborgene Phänomene, erhel­lende Erklä­rungen und berei­chernde Sinnge­bungen. Greifen Sie zwei oder drei Vorgänge auf, beschreiben Sie sie so ausführlich wie möglich, vergleichen Sie mit ähnlichen Vorkomm­nissen, fragen Sie nach den Ursachen und Folgen, gehen Sie jedem Gedanken nach, der Ihnen in den Sinn kommt.

Am Anfang wird Ihnen vieles selbst­ver­ständlich vorkommen und die Frage auftauchen: “Was soll das? Weiß ich doch alles!” Lassen Sie sich dadurch nicht von Ihrer Absicht abbringen, in unbekanntes Gelände vorzu­dringen. Jede Anreise führt durch bereits vertrautes Gelände. Aber dann geht es los: “Das ist mir bisher ja noch gar nicht aufge­fallen! Vielleicht ist das ganz anders zu verstehen! Dem werde ich mal auf den Grund gehen!”

Ihre Gedanken, Worte und Taten bestimmen Ihre Lebens­qua­lität

Nie werden wir unsere Gedanken über bestimmte Konzen­tra­ti­ons­phasen hinaus ständig in den Griff bekommen. Aber je mehr Denkarbeit wir leisten, um so eher machen wir die Erfahrung, dass wir unserer Gedan­kenwelt keineswegs unein­ge­schränkt ausge­liefert sind, sondern gestaltend mit ihr umgehen können. Die Software für die Einheit der Person in Gedanken, Worten und Taten wird im Kopf geschrieben. Sie zu entwi­ckeln, gibt es ein vortreff­liches Instrument: das Erkennt­nis­ta­gebuch – als Ergänzung zum Ereig­nis­ta­gebuch.

Für die Erfor­schung des Lebens­um­felds kommen nicht nur Ereig­nisse in Frage, an denen Sie unmit­telbar selbst beteiligt waren, sondern auch solche, die Ihnen über Personen oder Medien zugetragen worden sind. Was haben Sie Inter­es­santes in der Zeitung, einer Zeitschrift oder einem Buch gelesen, im Radio gehört, auf dem Bildschirm gesehen? Die Ansatz­punkte für Ihre Erkennt­nis­pro­zesse finden Sie auf Schritt und Tritt.

Im Laufe der Zeit kommen immer mehr Erkennt­nisse zusammen, die das Leben erhellen. Das beglückt. Anrei­chern lassen sich die persön­lichen Einsichten durch die Lektüre der Äußerungen anderer. Die Weltli­te­ratur ist voll von großar­tigen Gedanken und Lebens­bei­spielen, in denen Weisheit aufscheint. Ziehen Sie aus all dem Ihren ganz persön­lichen Gewinn: Führen Sie ein Erkennt­nis­ta­gebuch!

Das alles steigert nicht zuletzt auch Ihre beruf­lichen Möglich­keiten. Denn mehr und mehr Unter­nehmen lösen die Arbeits­teilung zwischen überwiegend theore­ti­scher und überwiegend prakti­scher Tätigkeit auf. Die Zeit der Wasser­köpfe ist vorbei. Anderer­seits hat die Ausbreitung von Theorie vor den Werks­hallen nicht Halt gemacht. Auch hier brauchen die Mitar­beiter heute Abstrak­ti­ons­fä­hig­keiten.

Deshalb haben un- oder angelernte Arbeits­kräfte immer weniger Arbeits­platz­chancen. Die unter­neh­me­rische Kombi­nation von Kopf- und Handarbeit im gruppen­dy­na­mi­schen Zusam­men­wirken der Mitar­beiter sowie die strikte Ausrichtung des Handelns an der Wirklichkeit gibt im Wettbewerb auf den Märkten den entschei­denden Vorsprung.

Paul Halbe: Jeder sein eigener Unternehmer

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