Der Zündfunke zielstrebigen Agierens: Initiative

Zu einem selbstän­digen Leben gehört: Initiative entfalten. Nicht nur gegenüber seiner Umwelt, sondern vor allem sich selbst gegenüber. Perma­nente Selbst­ent­wicklung führt zu selbst­be­wusster Lebens­ge­staltung. Initiative muss sowohl auf Selbst­ver­bes­serung als auch auf Verbes­serung des Umfelds gerichtet sein.

Von allein tut sich nichts. Rühren muss sich, aktiv werden, handeln, wer leben will. Früher vollzog sich das innerhalb des sozialen Netzes einer Familie, heute im Rahmen der staat­lichen Wirtschafts- und Sozial­ordnung. Um zu leben, braucht man heute nicht mehr Familie, sondern einen Arbeits­platz. Da ein solcher von keinem garan­tiert werden kann, muss ein jeder von uns schon aus diesem Grund Initiative entwi­ckeln.

Erfolg auf Anhieb ist selten

Aber wie wird man initiativ? Beispiel: Eine Abitu­ri­entin hat sich entschlossen, für ihr Berufsziel „Finanz­ma­nagement“ als erstes eine kaufmän­nische Lehre in einem überschau­baren mittel­stän­di­schen Unter­nehmen zu machen. Bei der Industrie- und Handels­kammer besorgt sie sich Adressen. Sie will zu den Unter­nehmen hingehen, sie sehen: In welcher Umgebung sind sie ansässig? Wie empfängt man sie? Welchen Eindruck macht das, was sie zu sehen bekommt? Auf was für Menschen trifft sie?

Sie verschickt keine Bewer­bungs­un­ter­lagen, sondern E‑Mails, in denen sie um einen Besuchs­termin bittet. Als Grund ihrer Nachfrage „Mitarbeit auf Zeit“ nennt sie ihr Interesse an kaufmän­ni­scher Arbeit im Hinblick auf ihre beruf­liche Zukunft. Konkret nach einer Lehrstelle will sie erst fragen, wenn es zum Gespräch kommt. Die junge Frau macht sich keine Illusionen. Sie weiß, dass sie Ausdauer braucht.

Die Resonanz auf ihre E‑Mail-Aktion: Nur wenige Firmen antworten; manche schicken ihren Firmen­pro­spekte mit dem Hinweis, später könne sie sich noch einmal melden. Doch es werden auch ein paar Termine angeboten. Und schließlich ist bei einem der Besuche sogar der Geschäfts­führer für sie zu sprechen. Der fragt, ob sie denn schon einmal gejobbt habe. Ja, in den letzten großen Ferien. Aber es sei doch zurzeit gar nicht so einfach, einen Ferienjob zu finden oder habe sie Bezie­hungen gehabt. Nein, ohne Bezie­hungen.

Der Chef will es genauer wissen und erfährt, dass die junge Frau ideen­reich und mit System vorge­gangen ist. Am Ende des Gesprächs bietet er ihr von sich aus eine Lehrstelle an.

Seinen Vorstel­lungen näher kommen

Wer Initiative ergreift, muss Ziele haben. Nicht einfach drauflos agieren, das wäre Aktio­nismus, der zu nichts führt.

Es gibt eine Fülle von Zielen. Nachdem man sich seine persön­lichen Ziele, so wie sie einem einfallen und ohne jegliche kritische Beurteilung, aufge­schrieben hat, ist es nützlich, sie in eine der beiden folgenden Kategorien einzu­ordnen:

  • Ziele des persön­lichen Verhaltens und
  • Ziele der Lebens­ge­staltung.

Verhal­tens­ziele werden langfristig festgelegt und in ständiger Übung verfolgt. Man wird sie nie vollständig erreichen, sondern nur annähe­rungs­weise mit dem Bestreben „immer besser“.

Beispiele für Verhal­tens­ziele:

  • gegenüber Menschen und Situa­tionen aufge­schlossen und neugierig sein: aufmerksam, freundlich und wohlwollend;
  • Neuem gegenüber offen sein: zuhören, hinschauen, Fragen stellen;
  • Konflikte bewäl­tigen, nicht vor ihnen davon­laufen: selbst­kri­tisch, argumen­tativ und bereit zu Kompro­missen;
  • Sachpro­bleme anpacken und nicht vor sich herschieben: sich nicht von seiner Lust und seinen Launen bestimmen lassen;
  • seinen Bildungs­ho­rizont ständig erweitern: immer mehr wissen wollen, es genau wissen wollen, Sachver­halte in Zusam­men­hänge einordnen;
  • wann immer es möglich ist, neue Erfah­rungen sammeln: mutig sein, etwas riskieren, ins kalte Wasser springen;
  • seine intel­lek­tu­ellen Fähig­keiten erhalten und ausbauen: lernfähig bleiben, selbständig lernen können;
  • Unzuläng­lich­keiten ertragen, ohne sich mit ihnen abzufinden: weder wütend werden noch in Gleich­gül­tigkeit verfallen;
  • eine positive und chancen­ori­en­tierte Lebens­ein­stellung: immer bedenken, dass alles zwei Seiten hat.

Machen Sie sich ein Bild davon, wie Sie sein möchten! Suchen Sie ein Foto von sich mit dem Gesichts­aus­druck, der diesem Bild nahe kommt. Wenn es keines gibt, machen Sie eins mit dem Selbst­aus­löser. Und dann beschreiben Sie, warum dieses Bild Ihren Wunsch­vor­stel­lungen nahe kommt. Hängen Sie das Foto in Ihrem Zimmer auf!

Was schätzen Sie an anderen Menschen? Haben Sie Vorbilder? Lesen Sie Biografien und machen Sie sich das Verhalten und die Charaktere der Haupt­fi­guren bewusst. Schreiben Sie es auf!

Sein Leben nach seinen Vorstel­lungen gestalten

Gestal­tungs­ziele beziehen sich im Gegensatz zu den Verhal­tens­zielen nicht auf das WIE des Handelns, sondern auf das WAS. Sie haben unter­schied­liche Zeitmaße; sie können langfristig, aber auch nur kurzfristig gelten. Sie haben mit der Lebens­planung und den Lebens­phasen zu tun.

Gestal­tungs­ziele sind beispiels­weise:

  • seinen Lebensraum bestimmen und sich einrichten,
  • sein soziales Netzwerk knüpfen und pflegen,
  • sein Geld verdienen und damit auskommen,
  • für eine gesunde Ernährung sorgen,
  • seine beruf­lichen Fähig­keiten aktuell halten,
  • seinen Wertvor­stel­lungen Ausdruck geben,
  • sich körperlich und geistig fit halten.

Die Vielzahl der Ziele zwingt zu Priori­täten. Man kann nicht alles gleich­zeitig verfolgen. Also muss man nach Dring­lichkeit und Folge­rich­tigkeit vorgehen.

Initiative ist kein Selbst­zweck, es soll vielmehr etwas erreicht werden. Seine Ziele muss man profes­sionell angehen und nicht dem Irrtum verfallen, als Dilettant hätte man auch eine Chance. Dilet­tanten haben keine Chance. Deshalb: Sich Profes­sio­na­lität zu eigen machen! Das heißt, die notwen­digen Methoden beherr­schen und gründlich sein.

Initiative in konkretes Handeln übergehen lassen! Sonst können die Vorhaben wie Seifen­blasen platzen. Konkretes Handeln heißt: Analyse, Konzept, Plan, Projekt, Aktion. Das alles ist metho­disch sicher in Angriff zu nehmen und durch­zu­führen – sonst landen die schönsten Initia­tiven samt tollen Ideen in der Schublade.

Voraus­schauend initiativ werden!

Anlässe und Anstöße zur Initiative kommen häufig von außen. Und leider sind es oft schlechte Nachrichten oder Ereig­nisse: Wir geraten in eine Konfron­tation; man spielt uns übel mit; wir sind einer Ungerech­tigkeit ausge­setzt; man stellt uns eine Falle; wir haben uns getäuscht; man stößt uns vor den Kopf und anderes mehr.

Ein Frühwarn­system kann helfen, voraus­schauend initiativ zu werden. Es versetzt in die Lage, aus eigenem Antrieb aktiv zu werden, bevor von außen der zwingende Anstoß kommt.

Es gibt ein Arbeits­in­strument, das für die Entwicklung recht­zeitig initia­tiven Verhaltens bestens geeignet ist: Ihr zum Organizer ausge­bautes Kalen­darium. Im Rahmen der von Ihnen festge­legten Zeitspannen dient Ihr Organizer dazu:

  • Ihre Verhaltens- und Gestal­tungs­ziele übersichtlich zu halten,
  • das Programm zur Verbes­serung des Verhaltens und die Projekte der Lebens­ge­staltung präsent zu haben,
  • das Frühwarn­system für den Handlungs­bedarf im Blick zu behalten.

Die im Organizer festge­hal­tenen Tätig­keiten und Ereig­nisse werden Tag für Tag in einer Kladde so aufge­ar­beitet, dass der Handlungs­bedarf greifbar wird. Wie sind die Tages­er­eig­nisse abgelaufen und welche Gefühle haben Sie dabei beherrscht? Und dann:

  • Was hat an Gesprächen und Vorgängen statt­ge­funden?
  • Von wem ging die Initiative aus?
  • Welche fehlenden Infor­ma­tionen und welche Missver­ständ­nisse kamen zutage?
  • Welcher Handlungs­bedarf besteht?

Die Aufar­beitung der Tages­er­eig­nisse mit der Frage­stellung „Welcher Handlungs­bedarf besteht?“ führt zu voraus­schau­endem Handeln. Wie im Straßen­verkehr entwi­ckelt man ein Gespür dafür, was andere Verkehrs­teil­nehmer tun werden – und stellt sich darauf ein. Oder wie beim Schach­spielen: Im voraus überlegen, welche Züge man machen will, und abschätzen, wie der Spiel­partner reagieren wird.

Wer sich Gedanken darüber macht, was vermutlich auf ihn zukommt, wie er trotz aller Rückschläge seine Ziele weiter verfolgen kann, der erhöht seine Chancen, vorwärts zu kommen. Voraus­schau­endes Agieren lässt einen die Initiative behalten. Es sollte zur Gewohnheit werden!

Was uns die Fähigkeit zur Initiative rauben kann

Ein solcher Initia­tiv­check, über ein paar Monate hinweg geführt, wirkt Wunder. Man kann dann durchaus eine Weile aussetzen, aber spätestens wenn man merkt, dass man in Passi­vität zurück­fällt, muss man den Check wieder durch­führen.

Denn es lauern Gefahren. Der Überblick geht verloren. Wir wissen nicht mehr, auf welchen Feldern wir wem gegenüber initiativ werden müssen. Wir verpassen den richtigen Zeitpunkt. Notwendige Infor­ma­tionen fehlen, wichtige Gespräche finden nicht statt, Priori­täten werden falsch gesetzt.

Unter Stress verlieren wir schon mal den Kopf, werden hektisch. Dann geraten die Verhal­tens­ziele schnell aus dem Blick, wir schlaffen ab, fallen zurück. Die Folge: Kaum noch Initiative, nur noch von außen gehetzt. Unsere Initiative stirbt. Dem gilt es entgegen zu wirken:

Feind aller Initiative ist das Aufschieben. Deshalb alles, was geht, sofort erledigen! Das muss zur Gewohnheit werden!

Nicht von anderen Initiative erwarten, sondern – wann immer es geht – selbst aktiv werden!

Beispiele für Gefahren, die unsere Fähigkeit zur Initiative ersticken:

Medien wie Fernsehen und Radio lassen uns zu passiven Reizemp­fängern werden. Gegen­mittel: Das Gesehene und Gehörte nacher­zählen, inter­pre­tieren und zum Schluss beurteilen.

Im Internet klicken wir uns ziellos von Seite zu Seite, fallen auf jeden attraktiv erschei­nenden Link herein. Gegen­mittel: Vorher schriftlich festlegen, was man im Netz tun will.

Mit Freunden schlagen wir unsere Zeit tot. Gegen­mittel: Unter­neh­mungen gemeinsam planen und durch­führen.

Initia­tives Verhalten führt zu Selbstän­digkeit

Wer zum jungen Erwach­senen heran­wächst, muss sich notfalls einen Ruck geben, um auf die eigenen Füße zu kommen. Das Elternhaus verlassen und sich eine eigene Bleibe einrichten. Aber genau das bringen viele nicht fertig. Sie sind Weicheier, die Bequem­lichkeit lieben, sich gefallen, wie sie sind; die glauben, die Schul­ab­schlüsse und Ausbil­dungs­gänge, die sie geschafft haben, seien ausrei­chend; sie meinen, ein angenehmes Leben bestehe darin, sich keinen Zwang anzutun, und schon gar nicht bestehe es darin, auch mal schmerzvoll mit sich umzugehen.

Sicherlich hängt es auch mit dem Tempe­rament und der Energie­aus­stattung eines Menschen zusammen, ob man eher zu den aktiven oder zu den passiven Zeitge­nossen gehört, ob man aufmerksam und wach und handlungs­bereit ist oder eher abwartend und in sich gekehrt. Doch als Kinder sind die meisten Menschen spontan, neugierig und kontakt­freudig. Es liegt an den Eltern, den Betreuern und Erzie­he­rinnen, an den Lehrern, diese überle­bens­wich­tigen Anlagen zu fördern und zu entwi­ckeln.

Es ist grausam, ansehen zu müssen, wie vor allem zur Erziehung unfähige Eltern kindliche Initiative ins Leere laufen lassen und statt­dessen mit ständigen Mahnungen, Vorhal­tungen und Verboten die Aktivi­täten ihrer Spröss­linge wegdrücken. Da bleibt dem jungen Erwach­senen nur, daran zu arbeiten, wieder fähig zur Initiative zu werden.

In Arbeit­gebern Kunden sehen!

Da ein Arbeits­platz heute die Voraus­setzung zu einem auskömm­lichen Leben ist, muss jeder seine Initia­tiven zu einem großen Teil darauf richten, tauglich für den Arbeits­markt zu sein. Was kann ich? Was muss ich lernen? Was muss ich verbessern? Wer braucht das, was ich an Können, Wissen, Erfah­rungen und Fähig­keiten anzubieten habe? Wie finde ich meine „Kunden“?

In der Wirtschaft vollzieht sich ein unabläs­siger Leistungs­aus­tausch: Geben und Nehmen. Da hat jeder, der etwas anzubieten hat, eine Chance, wenn es ihm gelingt, sich denen bekannt zu machen, die Chancen zu vergeben haben. Das sollte man nicht allein den Arbeits­ver­mittlern überlassen.

Ob wir das wollen oder nicht wollen: Jeder von uns gestaltet sein Leben über Märkte. Wer auf Märkten agieren und erfolg­reich sein will, muss seinen Markt kennen: Wo findet er statt? Wer sind die anderen Anbieter und wer die Nachfrager? Was wird geboten? Was wird verlangt? Wie viel wird bezahlt? Was ist aktuell? Was ist zeitlos?

Wenn Sie einen neuen Arbeits­platz suchen, wenn Sie beruflich vorwärts kommen wollen, dann müssen Sie sich als Anbieter verstehen! Nicht als Nachfrager. Nur als Anbieter werden Sie darauf aus sein, ihr Angebot ständig zu verbessern. Nur als Anbieter vergleicht man sein Angebot mit dem der Konkurrenz, entwi­ckelt man seine Stärken, gleicht man seine Schwächen aus, infor­miert man sich über die Nachfrager, ihre Wünsche, ihre Vorlieben, versucht man Kontakt zu ihnen aufzu­bauen.

Ob als Ich-AG oder Selbst-GmbH: Sein eigener Unter­nehmer sein!

Wer sein Leben nicht als Lohnab­hän­giger oder als Sozial­hil­fe­emp­fänger leben will, muss sich zum Unter­nehmer in eigener Sache machen. Die Arbeit­geber muss man als seine Kunden sehen. Von seinen Kunden verlangt man nichts, sondern denen bietet man etwas an. Dazu braucht man Selbst­be­wusstsein. Der selbständige Handwerker kann mit Minder­wer­tig­keits­kom­plexen keine Kunden gewinnen, geschweige denn von seiner Arbeit überzeugen.

Das Selbst­ver­ständnis “Ich biete konkur­renz­fähige Leistungen an” macht Menschen arbeits­markt­fähig. Daraus ergeben sich alle weiteren Einstel­lungen und Fähig­keiten, die zur selbstän­digen Meisterung des Lebens von Bedeutung sind. Auch entwi­ckelt sich daraus ein Selbst­be­wusstsein, das um seinen eigenen Wert weiß.

Der Mitar­beiter, der sich sein Leistungs­be­wusstsein rauben lässt oder der so etwas erst gar nicht entwi­ckelt hat, darf sich nicht wundern, wenn er als abhängig Beschäf­tigter, als Arbeit­nehmer statt als Arbeit­an­bieter abgestempelt ist. Dann hat seine Arbeit, die er als unselb­stän­diger Mitar­beiter für seinen Chef tut, den Geruch der Unselb­stän­digkeit – er ist ausfüh­rendes Organ. Wer sich dagegen als Anbieter von Arbeit sieht und seinen Chef als Nachfrager von Arbeit, der kommt aus dem Abhän­gig­keits­gefühl der Sklavenzeit heraus, der wird zu seinem eigenen Unter­nehmer.

Paul Halbe: Jeder sein eigener Unternehmer

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