Das Förderband in eine selbstbestimmte Zukunft:
Fragen stellen

Neugier ist die Mutter des Fortschritts. Probieren und Üben sind die Vorstufen des Könnens. Mut zum Risiko eröffnet die Chance, Erfah­rungen zu sammeln. Wer sein Leben selbst­ver­ant­wortlich gestalten will, muss die Wirklichkeit von Tag zu Tag besser erfassen.

Die Freiheit des Denkens

Zu unserer persön­lichen Entwicklung müssen wir die Fähigkeit nutzen, Fragen zu stellen. Mit Fragen öffnet man Zukunft. Fragen heißt, gezielt etwas wissen wollen. Wir haben die Freiheit des Denkens, sind nicht instinkt­ge­steuert, sondern sind erkennt­nis­fähig. Wer keine Fragen stellt, bleibt unwissend und verzichtet auf Entwicklung.

Nach dem Abitur fragten mich viele, was ich denn werden wollte. Ich wusste es nicht. Eine ausge­prägte Begabung konnte ich bei mir nicht feststellen. Was Lehrer machten, wusste ich; was ein Arzt auch. Beides wollte ich nicht werden. Also was? Damals konnte man ohne Einschrän­kungen studieren, wenn man irgendwie das Abitur geschafft hatte.

Zweierlei wusste ich: Du musst jetzt von zuhause weg und du musst dich im Hochschul­be­reich nach einem Ausbil­dungsgang umsehen, der dir im späteren Beruf möglichst viele Betäti­gungs­mög­lich­keiten offen hält. Dass ich so etwas finden würde, war für mich keine Frage. Denn ich wusste, dass ich mich durch­fragen konnte, sobald mich etwas inter­es­sierte.

Der Wirklichkeit nahe kommen

Fragen dienen dem Erfassen einer Situation und zur Einschätzung von Zukunft. Antworten bilden die Grundlage für das aktuelle Gestalten des Lebens­um­felds und die Einstellung auf künftige Ereig­nisse. Da sowohl Fragen als auch Antworten von falschen Annahmen ausgehen können, sind sie nur dann zielführend, wenn sie der Wirklichkeit möglichst nahe kommen.

Ich fand heraus, dass es in München ein Deutsches Institut für Film und Fernsehen gab, das Studi­en­gänge anbot. Aber da musste man eine Aufnah­me­prüfung machen. Von mehreren hundert Bewerbern wurden nur zwanzig aufge­nommen. Ich verschickte Briefe mit Fragen an die Leitung des Instituts und fuhr dann nach München, sprach Studenten der Vorse­mester beim Verlassen ihrer Vorlesung an und fragte sie aus. Aufgrund der erhal­tenen Infor­ma­tionen konnte ich mich intensiv auf die Aufnah­me­prüfung vorbe­reiten und bestand.

Leben ist die unauf­hör­liche Heraus­for­derung, Fragen zu stellen. Dazu muss man sich seine Neugier bewahren. Wir haben Wünsche, Aufgaben sind zu bewäl­tigen. Wir wollen Ziele erreichen, müssen Wider­stände überwinden. Viele wollen es „zu etwas bringen”. Manche, die sich nicht genügend beachtet fühlen, wollen „es allen zeigen”. Um unser Wollen umzusetzen, müssen wir Entschei­dungen treffen und handeln.

Neugierig sein!

Oft ist Fragen nichts anderes als das Suchen nach Antworten, die von anderen schon gegeben worden sind. Lernen heißt, sich die Antworten anderer zunutze machen. Da wir als Kinder und Jugend­liche nicht überschauen können, was wir mit Nutzen für unser Leben lernen sollten, entscheiden das Eltern, Lehrer, Politiker und Beamte – und so werden wir einem Lernstress ausge­setzt, der uns dazu bringt, alle Neugier aufzu­geben. Und was noch schlimmer ist: Wir lernen nicht, zum Lernen Eigen­in­itiative zu entwi­ckeln!

Es gibt junge Menschen, denen schuli­sches Lernen leicht fällt. Diese Mitschüler habe ich immer beneidet. Bis ich später festge­stellt habe, dass sie zwar wegen ihrer guten Noten bei der Vergabe von Start­po­si­tionen im Beruf bevorzugt werden, aber schnell ins Hinter­treffen geraten, wenn sie ihren Wissens­vor­sprung nicht in Handlungen umsetzen können.

Bei allem Lernen und Studieren darf nicht nur die Neugier, auch der Wirklich­keitssinn darf nicht abhanden kommen. Was kann ich mit dem Erlernten anfangen? Wo kann ich es auspro­bieren? In welchen Situa­tionen kann ich davon Gebrauch machen? Ich war einer der ersten Studiosus-Reisenden. Ich wollte nach Griechenland, nach Athen und auf die Akropolis. Hatte ich mich doch in der Schule jahrelang mit Griechisch quälen lassen müssen.

Aus der Helikopter-Perspektive agieren

Man braucht die Dimen­sionen und die Zusam­men­hänge dessen, was man sich als Wissen aneignet. Sonst wird Wissen schnell zu einem Sammel­surium, das einem vielleicht als Kandidat in Quizsen­dungen etwas bringt, aber nicht in der Lebens­ge­staltung.

Über das Heilige Land hatte ich viel gelesen und gehört. Schon als Kind. Aber erfasst habe ich die geschicht­lichen Ereig­nisse annähe­rungs­weise erst aufgrund von Reisen nach Israel und Jordanien. Vorort sein, sich der Situation stellen, sich gründlich darauf vorbe­reiten, nachher das Gesehene und Gehörte aufar­beiten – so gewinnt man Einsichten und Erfah­rungen, die Bewusstsein prägen, aus dem heraus sich Leben gestaltet.

Dabei können Situa­tionen so stark sein, dass man von ihnen aufge­sogen wird. Das habe ich erlebt in Brasilien, als ich mich mit Projekten der Entwick­lungs­hilfe befasst habe. Erst Monate später war ich fähig, meine Eindrücke zu verar­beiten, wieder an meinem Platz in Europa voll und ganz präsent zu sein. Wirklich­keitssinn braucht die Distanz der Helikopter-Perspektive. Sonst sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

Die Welt erfor­schen

Wissen­schaft und Forschung sind geprägt durch syste­ma­ti­sierte Prozesse des Fragens und Antwortens. Die kritische Distanz wird gewahrt. Das schafft die Voraus­setzung für die Erfassung von Wirklichkeit und eröffnet Gestal­tungs­mög­lich­keiten. Man eignet sich Wissen und gesicherte Erfah­rungen der Vorgänger an, unter­zieht sie kriti­scher Würdigung und eröffnet durch Fragen neue Perspek­tiven.

Forschen heißt: Fragen stellen. Man formu­liert vorläufige Antworten: Hypothesen. Man hat Ideen, wie die Antwort aussehen könnte. Die Annahmen werden unter verschie­denen Voraus­set­zungen geprüft. Die endgültige Antwort muss nicht immer die gesuchte Antwort sein – kann aber trotzdem von Wert sein. Gesucht wurde ein neuer Seeweg nach Indien, entdeckt wurde Amerika.

Manche Menschen verlieren während ihrer Kindheit und Jugend die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Daran schuld sind Erwachsene, die als Bezugs­per­sonen unfähig oder unwillig sind zu erziehen. Dann muss man das Fragen­stellen wieder lernen, so mühsam und unbequem das auch sein mag. Denn Leben heißt: die Welt entdecken, sich in ihr zurecht finden, sich verwirk­lichen – und nicht als Erzie­hungs­ruine vergammeln.

Richtiges Fragen lernt man als Kind bei klugen Eltern

Eltern kennen die Phase in der Entwicklung ihrer Kinder, in der ihnen pausenlos Fragen gestellt werden. Das ist eine sehr wichtige Phase für die Heran­wach­senden, in der durch falsches Verhalten der Eltern viel Schaden angerichtet, anderer­seits durch kluges Eingehen auf den Wissens­durst der kleinen Frage­steller beste Voraus­set­zungen für ihre weitere Entwicklung geschaffen werden können.

Wenn der kindliche Wissens­durst angemessen gestillt wird, gewinnt der junge Mensch mehr und mehr Einsichten, die ihn zu neuen Entde­ckungen aufgrund neuer Frage­stel­lungen anregen. Kinder­fragen müssen ernst genommen und dürfen nicht als dumm abqua­li­fi­ziert werden. Die Antworten müssen ehrlich sein, möglichst der Wahrheit entsprechen, und sie dürfen anderer­seits nicht überfordern.

Falsche Reaktionen der Eltern in der Dauer­fra­ge­phase ihrer Kinder können Folgen wie diese haben:

  • schnelle Resignation,
  • geringes Selbst­ver­trauen,
  • Passi­vität,
  • Ängste gegenüber einer geheim­nis­vollen Umwelt,
  • Phantasien ohne Wirklich­keits­bezug,
  • Aufsäs­sigkeit,
  • Kommu­ni­ka­ti­ons­stö­rungen.

Die Grund­lagen für sein Handeln ständig verbessern!

Bevor man als junger Erwach­sener voller Energie und Ehrgeiz in die große weite Welt stürmt, ist es nützlich, einen Moment inne zu halten: Worin bin ich gut? Wo muss ich mich verbessern?

  • Kann ich mein Lernen selber organi­sieren?
  • Kann ich Unwissen zugeben?
  • Neige ich dazu, andere Leute für klüger zu halten?
  • Habe ich Angst, mich zu blamieren?
  • Rede ich oft unüberlegt drauf los?
  • Werde ich aggressiv, wenn man mich nicht ernst nimmt?
  • Rede ich nur, wenn man mich fragt?

Für die meisten Menschen ist es selbst­ver­ständlich, in ihrem Beruf auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Die relevanten Zeitschriften werden gelesen, man ist Mitglied berufs­be­zo­gener Verei­ni­gungen, fährt zu Kongressen, zu Weiter­bil­dungs­kursen, pflegt den Erfah­rungs­aus­tausch mit Kollegen. Aber unser Leben ist mehr als unser Beruf, mehr als unser beruf­liches Fachwissen. Vieles hat mit unseren Eigen­schaften zu tun. Und auch die lassen sich ändern und verbessern. Wir sind Bürger, Wähler, Partner, Mütter, Väter, Gemein­de­mit­glieder, Nachbarn.

Um in unserem Bezie­hungs­ge­flecht nicht mit „gelie­henem Selbst­be­wusstsein” aufzu­treten, indem wir uns aus dem Fahrwasser der Mehrheit nicht heraus­wagen, brauchen wir Selbst­si­cherheit, die aus eigenem Wissen und Lebens­er­fahrung wächst. Wissen und Lebens­er­fahrung wachsen uns zu durch Beobachten und Kommu­ni­zieren, durch Lesen und Erleben, durch Nachdenken und Meinungs­bildung.

Die beiden großen Fragen­be­reiche

Es gibt zwei Bereiche, in denen man seinen Wissens­stand und seine Handlungs­fä­higkeit ständig überprüfen, verbessern und erweitern sollte:

  1. Politik, Wirtschaft und Gesell­schaft sowie
  2. Alles, was mit den zwischen­mensch­lichen Bezie­hungen zusam­men­hängt.

Letzteres hat viel mit unseren Gefühlen zu tun, mit denen umzugehen uns alther­ge­brachte Weisheiten, Beispiele aus Geschichte und Literatur, Forschungen der Sozial­wis­sen­schaften und Ereig­nisse in unserem Lebens­umfeld helfen.

Ersteres erleben wir in seinen Auswir­kungen: Man erfährt sich als Opfer, wenn man keine Ahnung hat, warum die Entwicklung so läuft, wie sie läuft. Dann ist man kein mündiger, sondern ein unmün­diger Bürger.

Beobachten, wahrnehmen, nachfragen und nachdenken – das ist die erste und unmit­telbare Infor­ma­tions- und Erfah­rungs­ebene. Die zweite Ebene ist die virtuelle Welt mit ihren Infor­ma­ti­ons­an­ge­boten. Um in der Infor­ma­ti­onsflut nicht unter­zu­gehen, müssen wir unter­scheiden können: Was ist für mich wichtig, was nicht. Seine Aufmerk­samkeit steuern!

Denn sonst fällt man auf alles herein, was den Anschein erweckt, inter­essant zu sein. Gegenüber unserer Umwelt brauchen wir kritische Distanz und genaue Vorstel­lungen von dem, was uns fördert, berei­chert und selbständig sein lässt.

Die Kriterien für den Wissens­fundus

Es gibt Kriterien, die einem sagen, wann unser Wissens­fundus ausrei­chend groß und aktuell ist:

  1. Wir erkennen bei Infor­ma­tionen, ob sie vollständig sind oder ob Wichtiges wegge­lassen worden ist. Denn wir kennen die Fakten und die Zusam­men­hänge.
  2. Wir erkennen in Darstel­lungen, insbe­sondere bei Argumen­ta­tionen, ob sie in sich schlüssig oder wider­sprüchlich sind.
  3. Wir erkennen bei Lösungs­vor­schlägen die Alter­na­tiven und können abwägen, welche Argumente für und welche gegen die einzelnen Möglich­keiten sprechen.

Wer diesen Kriterien gerecht wird, kann nicht nur bei den entspre­chenden Themen mitreden, sondern hat die Voraus­set­zungen, seinen Wissens­stand zur Entwicklung eigener Szenarien zu nutzen, abgewogene Entschei­dungen zu treffen und in die Tat umzusetzen. So öffnen sich die Gestal­tungs­spiel­räume für ein selbst­be­stimmtes Leben.

Die drei Trainings­be­reiche

Jede Fähigkeit, die nicht trainiert wird, schwindet. Für die Fähigkeit, zielge­richtete Fragen zu stellen, gibt es drei hervor­ra­gende Trainings:

  1. Fragen­ka­taloge erstellen,
  2. Inter­views machen und
  3. den Zeitplaner nutzen.

Fragen­ka­taloge:

Jeder hat Vorhaben, die er gerne durch­führen möchte. Davon immer eines, beispiels­weise eine Reise, in Planung nehmen! Dazu erstellt man detail­lierte Fragen­ka­taloge. Zu allem und jedem, was an Wissen für die Reise erfragt werden kann. Die Fragen struk­tu­rieren, die Antworten mit neuen Fragen abklopfen, mit einer Mindmap die Zusam­men­hänge herstellen, Priori­täten festlegen – und immer wieder: Fragen und Antworten. So arbeitet man sich in jedes Projekt ein.

Inter­views:

Allein durch Beobachtung lernt man andere Menschen nicht kennen. Man muss mit ihnen ins Gespräch kommen und darf sich nicht scheuen, Fragen zu stellen. Macht man das taktvoll und unauf­dringlich, nehmen das die meisten Menschen wahr als Interesse an ihrer Person, ihrer Arbeit, ihren Lebens­um­ständen.

Wenn man seiner­seits das eine oder andere von sich preisgibt, artet ein solches Gespräch nicht aus in eine einseitige Ausfra­gerei. Hat man den Eindruck, dass der Gesprächs­partner sich auf Gebieten auskennt, die einen inter­es­sieren, bittet man, ihn bei Gelegenheit inter­viewen zu dürfen. Dazu ein Dutzend oder mehr Fragen zusam­men­stellen.

Außerdem: Unter den Persön­lich­keiten des öffent­lichen Lebens sich immer wieder eine Person aussuchen und ein fiktives Interview vorbe­reiten, das man gerne mit ihr führen würde.

Zeitplaner:

Ein sogenannter Organizer, also ein Kalen­darium mit Blättern für die Monate, die Wochen und die einzelnen Tage des Jahres, dient dazu, den Überblick über seine Aktivi­täten zu behalten. Man kann ihn auch wie eine tägliche Gymnas­tik­übung für seine Frage­fä­higkeit nutzen: Jeden Abend aufschreiben, was man auf seine Fragen im Laufe des Tages an wichtigen Infor­ma­tionen erhalten hat, und ebenso aufschreiben, was man am nächsten Tag die Personen, mit denen man einen Termin hat, fragen möchte.

Festhalten, auf welche Fragen man keine oder nur eine unbefrie­di­gende Antwort erhalten hat, und welche Fragen man hätte nachschieben sollen, aber die einem in der Situation nicht einge­fallen sind. Wichtig: Gesprächs­si­tua­tionen sind unter­schiedlich und verlangen entspre­chend unter­schied­liche Fragen. Beim Small Talk lassen sich keine Geschäfts­fragen erörtern.

Spiel- und Standbein

Persön­liche Verbes­se­rungs­pro­zesse sind nichts anderes, als aus einer durch Erfahrung gesicherten Antwort-Position heraus handeln, aber gleich­zeitig durch ständiges Fragen diesem Handeln die Vorwärts­be­wegung zu geben. Fragen und Antworten sind wie Spiel- und Standbein: Die als gesichert geltenden Antworten geben festen Stand, die Fragen geben uns die Chance des nächsten Schritts.

Paul Halbe: Jeder sein eigener Unternehmer

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