Beim Geld hört die Gemütlichkeit auf oder?

Fragen an Marie-Luise Dött, Mitglied des Deutschen Bundes­tages und Vorsit­zende des Bundes Katho­li­scher Unter­nehmer (BKU), über den verant­wort­lichen Umgang mit Geld. 

Paul Halbe: Bringt Geld in Versu­chung?

Marie-Luise Dött: Eindeutig ja. Ein kluger Kopf hat mal gesagt: Jeder ist käuflich, es kommt nur auf den Preis an. Ich bin aber optimis­tisch, dass bei mir die Schwelle so hoch liegt, dass mich niemand kaufen wird.

Paul Halbe: Kann Geld wie eine Droge süchtig machen?

Marie-Luise Dött: Eindeutig Ja. Warum sonst würde schon in den Zehn Geboten davor gewarnt, das Hab und Gut des Nächsten zu begehren. Und der Wert der meisten Besitz­tümer wird nun einmal in Geld gemessen.

Paul Halbe: Bei nicht wenigen Menschen kann man beobachten, dass sie um jeden Cent feilschen, aber mit großen Beträgen umgehen, als seien sie im Spiel­casino. Sind die großen Beträge zu abstrakt?

Marie-Luise Dött: Für viele ist das Sparen bei den kleinen Summen sicher eine Art Sport. Außerdem beschreiben Trend­for­scher seit einiger Zeit die ‚Smart Consumer‘. Das sind Menschen, die einen Teil ihrer Einkäufe beim Discounter erledigen, den anderen Teil in Luxus­läden. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass viele Menschen im Alltag sparen, um sich dann im Urlaub oder zu anderen seltenen Anlässen auch mal etwas gönnen zu können. Die Vermutung, dass dabei die großen Beträge abstrakt werden, teile ich.

Paul Halbe: Welchen Charakter muss ein Mensch haben, um gegen Bestechung immun zu sein?

Marie-Luise Dött: Er muss zunächst einmal ein starkes Werte-fundament haben, um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen, dass Bestechung etwas Negatives ist. Außerdem schleichen sich Bestechung und Korruption in der Regel in kleinen Schritten in unser Leben. Das fängt an mit der Einladung zum Essen, dann gibt es ein kleines Geschenk dazu, als nächstes vielleicht eine kostenlose Reise. Irgendwann bin ich dann an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr Nein sagen kann, wenn es um mögliche Gegen­leis­tungen geht. Wer hier immun sein will, muss schon von Anfang an Nein sagen.

Paul Halbe: Was ist ein gerechter Lohn?

Marie-Luise Dött: Gerecht ist aus meiner Sicht ein Lohn, der die Produk­ti­vität, den betriebs­wirt­schaft­lichen Nutzen, des jewei­ligen Mitar­beiters wider­spiegelt. Gerade bei einfachen Tätig­keiten kann es passieren, dass diese Summe – auch bei einer Vollzeit­be­schäf­tigung – nicht ausreicht, um davon zu leben oder gar eine Familie zu ernähren. Der entspre­chende Ausgleich muss dann aber über staat­liche Transfers geschehen und nicht über das Unter­nehmen. Betriebe müssen am Markt bestehen und nicht die staat­liche Sozial­po­litik ersetzen.

Paul Halbe: Stimmt der Ausspruch aus der Römerzeit: Geld stinkt nicht?

Marie-Luise Dött: Wer ein christ­liches Gewissen hat, wird sehr wohl feststellen, dass zu Unrecht erhal­tenes Geld zum Himmel stinkt.

Paul Halbe: Welchen morali­schen Grund­sätzen müssen Politiker im Umgang mit Geld gerecht werden?

Marie-Luise Dött: Wenn wir Politiker über die staat­lichen Haushalte abstimmen, müssen wir immer daran denken, dass wir das Geld der Bürger verwalten und entspre­chend verant­wortlich damit umgehen. Das gilt insbe­sondere mit Blick auf die künftigen Genera­tionen: Wir dürfen heute nur das Geld ausgeben, das wir haben und unsere Kinder nicht mit einem Berg voll Schulden belasten.

Paul Halbe: Wie können moralische Vorstel­lungen bei den Akteuren der Finanz­märkte zur Geltung gebracht werden?

Marie-Luise Dött: Moralische Vorstel­lungen können Sie nicht per Gesetz erzwingen. Hier hilft nur der moralische Appell, wie ihn Papst Benedikt XVI. formu­liert hat: Danach ist eine menschen­freund­liche Wirtschaft darauf angewiesen, dass die Akteure verant­wortlich handeln. Als Gesetz­geber können Politiker höchstens versuchen, Siche­rungen einzu­bauen, um falsches Verhalten zu bestrafen. Der BKU fordert schon seit Jahren eine Manager­haftung bei groben Fehlern. Vielleicht wäre es an der Zeit, dies auf gewisse Arten von riskanten Finanz­ge­schäften auszu­weiten.

Paul Halbe: Zerstören Subven­tionen den eigen­ver­ant­wort­lichen Umgang mit Geld?

Marie-Luise Dött: Ja. Außerdem verzerren sie den Wettbewerb, weil sie träge machen und die Empfänger nicht mehr unter dem Druck des Marktes stehen, der sie zwingt, ihre Waren ständig zu verbessern und preis­werter zu machen.

Paul Halbe: Wird zweierlei Maß angelegt, wenn Steuer­flucht verfolgt und bestraft wird, die Verschwendung von Steuer­geldern jedoch folgenlos und straffrei bleibt?

Marie-Luise Dött: Im Prinzip ja. Das Problem ist aber, dass sich Steuer­flucht anhand der gültigen Gesetze viel leichter definieren lässt als die Verschwendung von Steuer­geldern. Denn hinter jeder öffent-lichen Ausgabe steckt ja eine politische Entscheidung darüber, ein bestimmtes Projekt aus Steuer­mitteln zu finan­zieren. Und wenn sich eine Mehrheit findet: Wer soll dann darüber urteilen, ob es sich um Verschwendung oder sinnvolle Dinge handelt? Und wenn es wegen schlechter Planung zu Kosten­über­schrei­tungen kommt, ist dabei allen­falls Fahrläs­sigkeit oder Unfähigkeit im Spiel – bei der Steuer­flucht dagegen Vorsatz.

Paul Halbe: Was ist notwendig, damit Kinder und Jugend­liche den verant­wor­tungs­vollen Umgang mit Geld lernen?

Marie-Luise Dött: Kinder müssen vor allem lernen, dass alles im Leben seinen Preis hat und dass die Ressourcen begrenzt sind. Und sie müssen lernen, dass man Geld erst verdienen muss, bevor man es ausgeben kann. Dazu gehört auch die Erfahrung, dass nicht jeder Wunsch sofort erfüllt werden kann. Hier müssen manche wohlmei­nende Eltern, Großeltern und andere Verwandte aufpassen, dass sie die Kinder nicht so sehr verwöhnen, dass sie diese Grenzen nicht mehr kennen.

Paul Halbe: Wie kann sich eine Gesell­schaft dagegen schützen, dass durch die Verfeh­lungen weniger der Wohlstand aller in Gefahr gerät?

Marie-Luise Dött: Die Gründer­väter unserer Sozialen Markt­wirt­schaft kannten das Grund­prinzip, dass man mit eigenem Geld vorsich­tiger umgeht als mit dem Anderer. Darum ist es unerlässlich, dass wir an möglichst vielen Stellen Entscheidung und Haftung mitein­ander verbinden. In der Wirtschaft ist das ideal­ty­pisch in der Person des haftenden Eigen­tümer-Unter­nehmers verwirk­licht, der bei einer Insolvenz mit Haus und Hof haftet.

Die Einführung einer Manager­haftung wäre ein kleiner Schritt, dies auch andernorts zu verwirk­lichen. Gleich­zeitig müssen wir uns aber davor hüten, nur „die da oben“ für alles haftbar zu machen. Denn in der Finanz­krise haben viele Anleger auch alle Vorsichts­maß­nahmen außer Acht gelassen und hochver­zinste Papiere gekauft – obwohl schon der gesunde Menschen­ver­stand mir sagt, dass hohe Zinsen immer auch ein hohes Risiko bedeuten.

Dött: 2010

Menü