"Deine Aufforderung zum Verzicht ist unzeitgemäß!"

Dialog

Um die Chance zu einem selbstbestimmten Leben zu nutzen, muß man den Freiheitskampf mit sich selbst aufnehmen. Doch viele Menschen wollen lieber die ganze Welt verändern als einsehen, daß sie selbst unvollkommen und deshalb verbesserungsbedürftig sind. Ein aufgrund persönlicher Freiheit selbstbestimmtes Leben setzt den Realismus der Bescheidenheit voraus. Wir müssen uns von dem Hochmut verabschieden, vollkommen oder zumindest fast vollkommen zu sein. (Zweiter Absatz von „Warum" des SINNphOLL-Angebots) 

Birgit, 16.11.08: Die eigenen Fehler erkennen und mit seiner Unvollkommenheit leben können, ist eine schwierige Aufgabe. Erst wenn ich mich selbst so akzeptieren kann, wie ich bin, kann ich mich zutreffend wahrnehmen und mit Kritik umgehen. Dann bin ich nicht ständig mit mir unzufrieden oder neige umgekehrt fortwährend zur Selbstüberschätzung. Dann trifft Kritik nicht immer einen wunden Punkt.

Eltern sollten ihre Fehler sich gegenseitig eingestehen können und so ihren Kindern vorleben, dass sie trotz ihrer Ecken und Kanten, Fehler und Irrtümer einander lieben. So erfahren ihre Kinder, dass auch sie trotz aller Unvollkommenheit geliebt werden. 

Paul, 20.11.08: Wie lernen Kinder Freiheit? Indem sie alles dürfen? Indem sie beobachten, was die Eltern sich alles erlauben? Indem sie ihren Gefühlen folgen? Oder indem sie ihren Verstand zu gebrauchen lernen? Oder indem sie die Erfahrung machen, daß man sich disziplinieren muß, um seine Freiheit zu erhalten, um nicht in die Fänge des inneren Schweinehunds zu geraten, um nicht in Abhängigkeiten und Sucht zu verfallen?

Es ist paradox: Um meine Freiheit zu erkennen, muß ich erst meine Unvollkommenheit einsehen. Denn nur dann werden die Voraussetzungen meiner Freiheit, nämlich eines mit freiem Willen ausgestatteten Geschöpfes, für mich erkennbar, sozusagen mein Handlungsspielraum. Und der ist begrenzt. Aber ich kann ihn erweitern. Und da ist schon das nächste Paradox: Ich werde umso freier, je mehr ich verzichte. Haben wollen und besitzen müssen, macht unfrei! Denn es macht mich abhängig von irdischen Gütern, von anderen Menschen, von meinen Lustgefühlen. 

Birgit, 23.11.08: In der heutigen Zeit ist Verzichten verpönt. Für die Konjunktur ist Verzicht sogar Gift, wie uns derzeit eindringlich und immer wieder gesagt wird. Kaufen! Kaufen! Kaufen! Deine Aufforderung zum Verzicht ist unzeitgemäß! Zum Erhalt des Wohlstands sogar kontraproduktiv! Also unsozial! Oder? Bring Kindern heute mal bei, sie müssten verzichten können. Um ihrer Freiheit willen. Die leiden und erheben bittere Vorwürfe, wenn sie nicht bekommen, was ihre Altersgenossen haben. Die lachen, wenn ihnen von Verzichten gesprochen wird.

Wer verzichtet, wird von den Menschen seines Lebensumfelds als Sonderling belächelt, man hält ihn für geizig. Theoretisch mag Verzicht uns mehr Freiheit verschaffen, aber das Verhalten und die Erwartungen unserer Mitmenschen beeinflussen unser Tun und Lassen. Es herrscht Konsumterror, nicht Freiheit. 

Paul, 25.11.08: Wer ein selbstbestimmtes Leben führen will, muss bereit sein, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen. Das ist anstrengend. Man braucht viel Kraft und Ausdauer. Doch die Mühe lohnt: Man gewinnt persönliche Unabhängigkeit. Wer nicht haben müssen muss, hat einen größeren Handlungsspielraum als der, den die sozialen Zwänge bestimmen.

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