Napoleon-Ausstellung in Bonn

Ohne Kenntnis der Geschichte kann man sich in der Gegenwart nur eingeschränkt zurechtfinden. Denn nur, wer um die grundlegenden Entwicklungsströme weiß, versteht, wie und warum die aktuellen Lebensverhältnisse entstanden sind. Die Einstellung „Strom kommt aus der Steckdose“ und „Ich weiß, wo man an- und ausmacht“ führt nicht gerade zur Freiheit eines selbständigen Lebens.

In Bonn findet zur Zeit in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland eine vielseits beachtete Ausstellung über Napoleon statt.

„Napoleon und Europa. Traum und Trauma“

Die Ausstellungsmacher präsentieren kritisch distanziert, was Napoleon in Europa geschaffen und angerichtet hat. Walter Schmitz, promovierter Rechtsanwalt, Staatsdiener, Kunstgeschichtler – heute recht aktiver Ruheständler, berichtet von seinem Ausstellungsbesuch und den Einsichten, die er gewonnen hat:

Die sprachliche Eleganz „Traum und Trauma“ deutet nur unvollkommen die Zwiespältigkeit an, mit der Zeitgenossen und Menschen des 21.Jahrhunderts Napoleon verehren und verurteilen. Biographische Daten  greift die große Schau in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland jeweils auf, um Bezüge und Zusammenhänge herzustellen, geografisch und historisch – immer ist die Dimension eine europäische. Die Vielfalt der Facetten der Persönlichkeit, ihrer Taten und deren Auswirkungen ist brillant herausgearbeitet. Die Ausstellung entlässt den aufmerksamen Besucher nicht achselzuckend, sondern klüger, nicht entschieden, aber nachdenklich, jedenfalls als Europäer, der weniger träumt als Napoleon und aufatmet, weil diese absolute Brutalität zur Durchsetzung politischer Träume im Europa des 21.Jahrhunderts – hoffentlich – überwunden ist. Einige Unebenheiten und vermeidbare Fehler in der historischen Darstellung  kann man angesichts des gelungenen  Wurfs der großen Zusammenhänge nachsehen. Am Anfang wie am Ende dieser Ausstellung stellt man sich die Frage: wie konnte es geschehen?

Generation Napoleon

Der erste der zwölf Ausstellungsabschnitte, Titel: „ Faszination und Abscheu“, beginnt mit der „Generation Napoleon“. Diese „homines novi“ Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Welt bahnbrechend verändert. Da finden sich nicht nur die Portraits von Pestalozzi und Humboldt, Kant, Goethe und Hegel, seine Kritiker wie Nelson und Germaine de Stael, sondern auch die voltaische Säule (die erste elektrische Batterie) und der Stein von Rosette (Beginn der systematischen Erforschung des alten Ägyptens). Die Zeit war reif für den Aufbruch in eine neue Epoche. Die Ausstellung vermittelt die Erkenntnis, dass Napoleon den richtigen Zeitpunkt – den Kairos im antiken Sinne – erwischt hat. Der junge Artellerieoffizier fiel angenehm auf, weil er erfolgreich war. Nach dem siegreichen Italienfeldzug 1796 umgibt ihn die Aura des Unbesiegbaren. Zum Thema „Faszination“ wird ein Buch gezeigt, in dem ihm ein Lorbeerkranz aus Hymnen gewunden wird. Heinrich Heine versteigt sich zu dem Satz: „Napoleon ist nicht aus dem Holz geschnitzt, aus dem man Könige, sondern aus dem Marmor, aus dem man Götter macht“. Neben der poetischen prägt sich die visuelle Verklärung in Bildern ein. Ausgerechnet der Spanische König Karl IV. gibt das berühmte Reiterportrait „Bonaparte überquert den Großen St. Bernhard“ bei Jaques Louis David in Auftrag. Heroisch unaufhaltsam, andere mitreißend, erstürmt der Feldherr das Gebirge; Felsbrocken lassen die Namen Hannibal und Karl der Große erkennen. Der Kult hat begonnen.

In einem separaten Raum der Ausstellung zeigt der Abschnitt „Das Reich der Zeichen“, wie Napoleon schon früh die Bodenhaftung verloren hat. Er lässt sich in einem lebensgroßen Ölschinken von Ingres im vollen Krönungsornat mit den Attributen Caesars inszenieren, in Marmorbüsten mit Lorbeerkränzen verewigen; die Kaiserkrone Karls des Großen schmückt ihn. Die Biene (Zikade) als Hoheitszeichen ziert Standarten und sonstige Utensilien. Damit überspringt er die Bourbonen und knüpft an die erste Dynastie Frankreichs an, die Merowinger. Die Zeitgenossen folgen ihm bei diesem größenwahnsinnigen Höhenflug – jedoch nicht ausnahmslos. Als Schlüsselerlebnis  zum Verständnis dieses Gegensatzes habe ich die Partitur von Beethovens „Sinfonia grande“ empfunden: Die ursprüngliche Widmung „intitulata Bonaparte“ hat der große Komponist ausradiert, als Napoleon sich 1804 zum Kaiser krönte; die beim Radieren entstandenen Risse im Papier der Partitur sind eindrucksvolles Zeugnis seines Sinneswandels. Goya erwischte es unmittelbarer: Er erlebte die Gräuel des spanischen Unabhängigkeitskrieges. Seine Zeichnungen prägen dem Betrachter das „Desastre de la Guerra“ ein.

Stürme der Geschichte

Die Vita Napoleons – soweit sie notwendig ist – erschöpft sich nicht in nüchternen Daten. Der Abschnitt über seine Geburt trägt den ambivalenten Titel „Leibliche und symbolische Geburt“. Der Demokratie auf Korsika hatte das Königreich Frankreich drei Monate vor seiner Geburt ein blutiges Ende gesetzt. Zwanzig Jahre später fegte der Sturm auf die Bastille das französische Königtum weg. Als er vom Artelleriehauptmann zum General der Revolutionstruppen avancierte, stellte er fest: „Ich wurde geboren, als das Vaterland verreckte... Die Schreie der Sterbenden, die Seufzer der Unterdrückten, die Tränen der Verzweiflung umgaben meine Wiege.“ Nach dem Sieg über die Österreicher im Italienfeldzug 1799 war er oben; die gezeigte heroisierende Darstellung als General hat er selbst in Auftrag gegeben. Er konnte die Revolution mit einem Staatsstreich beenden. Die Bilder zeigen das jubelnde Volk und zögerlich der Verfassungsänderung zustimmende Abgeordnete. 1804 krönt er sich zum Kaiser. Der Spross aus niederem Adel macht nun Adel. Nicht nur Napoleon, auch die Zeit scheint reif zu sein für die Verwirklichung des traditionellen europäischen Traumes vom Imperium. Unter dem Titel „Traum und Weltreich“ rauscht die gemalte und gezeichnete Propaganda in eindrucksvollen Bildern am Betrachter vorbei. Rom, Wien, Mailand, Zaragoza und andere Städte werden eingenommen.

Wie sehr sich die Künstler in den Dienst der heroischen Kriegsberichterstattung stellten, zeigt ein großes Ölgemälde von der Einnahme Münchens: Vor der Silhouette der Stadt reitet Napoleon, von jubelnden Bürgern begrüßt, hoch zu Ross auf das Stadttor zu – tatsächlich ist er, wie dem Besucher verraten wird, abends mit der Kutsche in die Stadt gerollt. Die devote Übergabe von Stadtschlüsseln ist ein beliebtes Motiv. Die Schlüssel der Stadt Köln zeigt die Ausstellung realiter in einer Vitrine – garniert mit dem Hinweis, dass derartige Schlüssel „säckeweise“ in Paris aufbewahrt werden. Kriege werden theatralisch auf Leinwand und Papier gebannt. Keine Spur von der Abschlachtung zigtausender Soldaten durch die Artellerie etwa in der Schlacht von Preußisch-Eylau. Hier bevölkern die Heere der Preußen und Russen die Landschaft in schöner Ordnung; die französische Kavallerie sprengt angriffslustig über die Hügel. Fünf Millionen Tote und zehn Millionen Verletzte sind noch kein Thema für die „Jubel-Künstler“. Das Elend der verwundeten und gefallenen Soldaten wird erst später aufgegriffen – besonders ausdrucksstark von Kriegsteilnehmern, die ihre Skizzenbücher auswerteten.

Der Anfang vom Ende – trotz aller „Verbandelungen“

Der Umbruch vom unaufhaltsamen Siegen zum Untergang manifestiert sich in einem großartigen Gemälde, das den mit Napoleon befreundeten Grafen Lariboissiére beim Abschied von seinem Sohn vor der Schlacht von Borodino zeigt. In dieser Schlacht fällt der junge Leutnant. Dieses Bild wird zum Synonym für den Abschied von einer Generation junger Männer aller Schichten und Nationen in Europa. Die „Hurrah-Kunst“ hat ausgedient. Der Frage: „Wozu die Kriege?“ wird in weiteren Abschnitten der Ausstellung nachgegangen. Unter dem schrägen Titel „Blut und Sex“ wird dem Thema „Europa, auch eine Familienangelegenheit“ eine ganze Ahnengalerie gewidmet. Von Beginn seiner Karriere an versorgte Napoleon seine Geschwister mit wichtigen Positionen, beziehungsreichen Ehepartnern, finanziellen Gratifikationen, Titeln und Würden. Seine Ehen folgten Nützlichkeitserwägungen und dynastischem Kalkül. Die schöne, lebenslustige und gesellschaftlich einflussreiche Witwe des unter dem Fallbeil in der Revolution geendeten Vicomte de Beauharnais blickt vom lebensgroßen Portrait auf den Besucher. Napoleon heiratete sie 1796, krönte sie 1804 zur Kaiserin – aber die Kinder blieben aus.

Seine Zeugungsfähigkeit stellte er mit der jungen, attraktiven – aber verheirateten – Gräfin Maria Waleska unter Beweis. Das uneheliche Kind passte jedoch nicht zu seinen dynastischen Ambitionen. Der Kaiser ließ sich scheiden, um die Tochter des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu ehelichen - den er erledigt hatte. Die Habsburgerin passte ins Bild der Ahnenreihe, von der er träumte. Sie gebar ihm sogar einen Sohn. Es ist nahezu rührend anhand der Bilder und Devotionalien mitzuerleben, wie Bonaparte bemüht war, den Sprössling schon als Kleinkind zu positionieren: Zu seiner Taufe wurde eine Porzellanplakette geprägt; er wurde König von Rom und in der Ewigen Stadt begann man schon bald mit dem Palastbau. Der Kontrast zwischen Napoleons Feldbett im Nebenraum und dem Pomp, der den Kleinen erwartet hätte – könnte kaum größer sein!

Spuren in der Gegenwart

In der Galerie rund um das Grabmal Napoleons im Invalidendom zu Paris findet sich ein Relief (die Ausstellung zeigt ein Gipsmodell) mit der Inschrift: „Wo immer meine Hand regiert hat, hat sie bleibende Spuren hinterlassen.“ Trotz dieses propagandistisch überzogenen Spruches – die Aussage stimmt: Der Jurist freut sich über den Code Civil, diesen Meilenstein der modernen Rechtsgeschichte, der als persönliches Exemplar Napoleons mit goldgesticktem Wappen in einer Vitrine glänzt, und über weitere rechtliche Regelungen, die die Handelshemmnisse der Kleinstaaterei überwinden. Genau so beeindrucken die Leistungen einer raumgreifenden Infrastruktur wie Straßen- und Brückenbauprojekte oder die Einrichtung der mechanisch-optischen Telegrafie. Mit der Beendigung der radikal antikirchlichen Politik der Revolution leistet er einen bleibenden Beitrag zum inneren Frieden in den Territorien seines Imperiums. In Frankreich lässt er die Ausübung der katholischen Religion wieder zu und im übrigen proklamiert er Religionsfreiheit. Im Gegenzug anerkennt der Papst im Konkordat von 1801 die Verstaatlichung der Kirchengüter. Der Dank der jüdischen Gemeinden manifestiert sich in zahlreichen Hymnen auf den Befreier und gipfelt in einer vom napoleonischen Kaiseradler gekrönten Thorarolle.

Nach diesen „Aha-Erlebnissen“ geht es wieder in die Traumwelten. Der Kaiser träumte von einem – vor allem auch kulturellen – Zentrum: Paris. Auf seinen Befehl hin organisierte sein Kultusminister Denon mit der Akribie einer Krämerseele den gigantischsten Kunstraub der Geschichte. Sein hervorragend gemaltes Portrait gibt den „vornehmen Eifer“ dieses Räubers wieder. Er lässt die Archive durchforsten und gewaltige Kunsttracks Richtung Paris organisieren. Die Bilder von diesen Karawanen sprechen Bände. Kaum eine „Errungenschaft“ wird indes nach 1814 schneller rückgängig gemacht als dieser Kunstraub. Europa lässt sich vielleicht vereinheitlichen, aber nicht zentralisieren. Die kulturelle Vielfalt der Regionen macht den Reichtum Europas aus. Dennoch gab es eine positive Folge: Die Kunstwissenschaften erlebten einen nachhaltigen Aufschwung.

Spuren in der Gegenwart

Der von einer Kartätschenkugel durchbohrte Adler einer Feldstandarte symbolisiert den Untergang einer ganzen Armee und ist ein Blickfang des Abschnitts: „Symbolischer und Leiblicher Tod“. Der zu Beginn der Ausstellung von einer Kanonenkugel durchschlagene Kürass symbolisierte den Tod nur eines Einzelnen. Hier zeigt sich der Spannungsbogen zwischen Anfang und Ende. Bescheidene Bilder und Zeichnungen von Longwood House (Napoleons „Residenz“ auf St.Helena), seine Gärtnerschürze, seine Vokabelkritzeleien – er lernte Englisch – beginnen in rührender Einfalt schon mit dem Aufbau eines Mythos. Das wird vollends klar bei dem Ölgemälde von August von Steuben „Der Tod Napoleons“: Umgeben von seinem kleinen „Hofstaat“ scheint der Kaiser friedlich entschlafen zu sein; jedenfalls hat ein Großer diese Welt verlassen – es ist (fast) ergreifend. Die Ergriffenheit vieler Zeitgenossen und nachfolgender Generationen beweist dann der im nächsten Raum dokumentierte Reliquienkult. Haarlocken, Stoffstückchen, getrocknete Pflanzen aus der Umgebung seines Grabes sind ausgestellt. Die Art, wie sie gefasst sind, beweist, dass es Reliquien und keine Souvenirs sind. Die „Wiederbelebung“ nach seiner Exhumierung und Überführung kulminiert peinlich-blasphemisch in einem „Auferstehungsbild“ wie man es von Christi-Himmelfahrt kennt. Die letzten Exponate bündeln noch einmal die Gegensätzlichkeit der Positionen zwischen Messianischem Befreier und/oder Monster.

Kann man nach alledem zur Tagesordnung im Europäischen Alltag übergehen? Vielleicht – aber man sollte es nicht. Wir ahnen, dass die geschichtliche Entwicklung offensichtlich auch von den Genen eines historisch herausragenden Individuums beeinflusst wird. Die Umrisse eines wiederkehrenden „Strickmusters“ sind dennoch zu erkennen: verarmtes und unterdrücktes Volk, ein Hoffnungsträger erscheint, er hat Visionen und erste Erfolge, das Volk jubelt und folgt ihm, kritische Geister werden ignoriert, die Gesellschaftsschichten scharen sich um ihn, die sich die Durchsetzung ihrer Interessen davon versprechen. Die vielen Schulklassen, die täglich die Ausstellung besuchen, wecken die Zuversicht: Zukunft gestalten heißt auch, aus der Geschichte lernen.

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