Wanderfreuden

Nach dem Weg, den er jetzt ging, hatte Johannes Hirschberg lange gesucht: Nicht über die Straße hinauf zur Höhe der Finca Son Font, sondern über einen Wanderpfad. An mehreren Tagen hatte er das Gelände erkundet. Aber alle Fahrwege endeten bei den Ruinen von Ställen oder Hütten, die in Mandelbaumplantagen lagen. Einer der Wege führte weit ins Gelände hinein. Mehrere Tore passierte er. Sie standen sicherlich seit Menschengedenken offen, waren eingewachsen und rosteten vor sich hin. In sanft steigenden Windungen verlief der Weg bergan, bis zu einem Sattel, der gleich hinter den letzten, kleinsten der Mandelbaum-Terrassen lag. Dann fiel er in Serpentinen wieder ab, durch einen Wald mächtiger Pinien. Der Boden roch modrig stark. In den letzten Tagen hatte es mehrfach länger geregnet.

Am Ende des Waldes ein Talgrund, wieder mit Mandelbäumen, diesmal durchsetzt mit Johannisbrotbäumen. Das Erdreich frisch aufgepflügt. Klee und Margaritensträucher waren dabei unter die Schollen geraten. Zahllose Steine lagen jetzt blank in der Sonne. Eine mächtige Stützmauer sollte den Talgrund vor dem Abrutschen des begrenzenden Steilhangs schützen. An ihr entlang zog sich, nunmehr nur noch leicht abfallend, der Weg hin. An einigen Stellen war es doch passiert: Der Hang hatte die Mauer durchbrochen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie wieder aufzurichten. Statt dessen hatte man die Steinlawinen mit einem Bagger einfach aus dem Weg in den Acker auf der anderen Seite geschoben. Bald kam das Ziel der Wegführung in Sicht: Eine heruntergekommene Finca auf einer kleinen Anhöhe. Hundegebell. Vor dem Haupthaus ein Geländewagen. Das eintönig leiernde Geräusch einer Mörtelmaschine war zu hören. Zu sehen war niemand. Die weiträumige Erkundung des umliegenden Geländes erbrachte ein paar Jägerpfade, die aber allesamt sich totliefen. Resümee der Aktion: Hier lang ging’s nicht nach oben.

An den folgenden Tagen machten die weiteren Erkundungsgänge viel Spaß. Eine üppige Vegetation sonnenbestrahlt, angenehme Temperaturen, blauer Himmel, eine leichte Brise vom Meer her. Hirschberg machte nunmehr Tagestouren mit Picknick-Rucksack. Öfters ging er größere Strecken quer durchs Gelände. Denn er hatte mittlerweile genügend Anhaltspunkte, um außer nach Uhrzeit und Sonnenstand orientierungssicher zu sein und Zeiten richtig abschätzen zu können. Nur der gesuchte Weg, wenn es ihn denn gab, blieb bislang unentdeckt.

Dennoch: Er genoß alle Wege. Immer wieder eröffneten sie herrliche Ausblicke über die auslaufenden Waldberge hinunter zum glitzernden Meer. Immer wieder stand er plötzlich am Fuße steil aufragender Felswände oder am Rande jäh abbrechender Felskanten. Ständig stieß er auf diese für Mallorca so typischen Trockenmauern, die das Gelände terrassierten; manche verliefen indes ohne erkennbaren Zweck quer durch den Wald, teils zerfallen und bewachsen, teils wie ein unantastbarer Fremdkörper gänzlich erhalten. Hier war viel Schweiß vergossen worden. Mittags suchte er sich ein bequemes Plätzchen, aß seine Brote, seinen Apfel, trank seinen schwarzen Tee mit Zitronensaft und Zucker. Ein Schläfchen - der Himmel auf Erden.

Seit den letzten Tagen ging es ihm nicht mehr so sehr um den gesuchten Weg, sondern er wollte das gesamte Son Font-Gelände sich erschließen. Entdeckerehrgeiz packte ihn. Vorher hatte er alles außer Acht gelassen, was für seine Suche nicht erfolgversprechend war. So beispielsweise gleich den ersten Berg, wenn man aus Calvià heraus kam, auf dem eine Turm-Ruine weit ins Land leuchtete. Wie bei vielen Bergen führte der Weg nach oben nicht über die Ansichtsseite zum Ziel, sondern von hinten in ein paar Kehren.

An der ersten Kehre lag ein verfallener Schafstall. Zu ihm lief er schnell zurück, als ihn ein kräftiger Schauer überraschte. Über zerbrochene Dachziegel und unter herabhängenden Dachbalken hindurch fand er Unterschlupf im zweiten der beiden Räume, dessen Boden mit verrottetem Schafsmist bedeckt war. Hier war das Dach noch einigermaßen erhalten, obgleich es an mehreren Stellen schon bald hereinzutropfen begann. Seine Laune war getrübt, weil er so plötzlich bei seinem Ansturm bergauf gebremst wurde. Jetzt mußte er an diesem unwirtlichen Ort ausharren. Und der Platz, wo er unbetröpfelt blieb, schränkte sich immer mehr ein; schließlich mußte er still und steif auf einem Fleck stehen.

Die Geduldsprobe dauerte eine Weile an. Schon überlegte er, was ihm denn schließlich passieren könne, wenn er naß werde, als die Sonne wieder hervorbrach und einige Momente später der Regen schlagartig aufhörte. Die Geräusche von tropfendem und niederrinnendem Wasser hielten noch einige Zeit an. Er trat nach draußen, mied das nasse Gesträuch und kehrte auf seinen Weg nach oben zurück. Die Erde dampfte, die Tropfen auf und an den Blättern funkelten in Regenbogenfarben.

Beim Turm angekommen, bot sich ihm ein grandioser Ausblick: unten Calvià, gegenüber die nackte Bergkette der Na Burguesa - Waldbrand -, im Süden Santa Ponça und das Meer. Darüber ein Himmel mit dahinschwebenden grauweißen Wolkenungetümen, die Lücken tief blau. Immer wieder fand die Sonne ein Loch, so daß Calvià, die umliegenden Mandelbaumplantagen sowie die Waldberge gegen Santa Ponça hin mal in grellem Licht, mal in tiefem Schatten lagen.

Jetzt wandte sich Hirschberg dem Torre zu: Denn von dessen Spitze aus mußte der Blick noch um einiges beeindruckender sein. Hinter der Türöffnung waren die mächtigen Balken erhalten, die einst den Innenboden des Rundbaus trugen; dazwischen war alles nach unten weggebrochen. Schutt und Abfälle grüßten herauf. Linker Hand begannen an der Mauer in einiger Höhe Treppenstufen; die unteren zur Hälfte abgebrochen. Zu ihnen mußte er hoch, um weiterzukommen. Mit etwas Schwung gelang das von einem der Balken aus. Die Treppe war schmal und führte an einem Zwischenboden vorbei zur obersten Plattform, in deren Mitte ein großes rundes Loch war. Darin lag auf zwei Balken ein schwerer Mühlstein. An der Oberkante der Mauer ein Zahnkranz - der Turm war der Rest einer Windmühle. Drei kleine Fensteröffnungen waren im mächtigen Mauerwerk. Er faßte den Zahnkranz, setzte den rechten Fuß in eine der Fensterleibungen, Schwung nach oben, seitwärts hingesetzt, beide Füße vorsichtig über die Kante gehoben - er war oben.

Im Blick: die ortsdominante Kirche mit ihren mächtigen Mauern und den im Vergleich dazu zierlichen Turmhelmen, die Häuserzeilen und -gruppierungen entlang der Durchgangsstraßen, Fincas und Villen im Umkreis. Die Politik hatte offenbar erst in jüngster Zeit deutlich erkennbare Zeichen gesetzt: rechter Hand, an der Straße nach Es Capdellà gelegen, ein großes Sportzentrum mit Hallen und Plätzen; nahe beim Ortszentrum das Altersheim; davor architektonisch ambitionierte Außenanlagen, die offenbar open air-Veranstaltungen dienten; an der Umgehungsstraße nach Palma Nova ein großes Schulzentrum und der Bauhof der Gemeinde. Der Komplex der Kommunalverwaltung: zwei gleichartige durch einen Zwischenbau verbundene Großbauten, klar in der Gliederung, hoheitlich-repräsentativ in Maßen und Materialien, etwas verdeckt in einer Senke gelegen.

Calvià, ein mallorquinisches Dorf ohne besondere Attraktionen – aber, wie es hieß, die reichste Gemeinde Spaniens, Marktführer der weißen Industrie. Denn an seinen Stränden reihten sich die umsatzstarken Touristenzentren der Insel, auf den weitläufigen Flächen ehemaliger Landgüter wurde Golf gespielt, in mehreren Yachthäfen lagen Millionenwerte auf Wasser und einige Südhänge der Tramuntana-Ausläufer waren zu bevorzugten Wohngebieten entwickelt worden.

Die Erfahrungen des nächsten Tages machten Hirschberg mißmutig. Er hatte sich vorgenommen, wieder mehr sein Ziel anzustreben. Dazu war seine Überlegung, daß der von ihm vermutete alte Fußweg viel dichter an der heutigen Villenbebauung liegen könnte, sich vielleicht hindurchschlängelte. Dann hätte er bisher zu weitschweifig das Umfeld erforscht. Also näher ran; auf die Gefahr hin, vor so manchem Zaun halt machen und wieder umkehren zu müssen. Und so kam es auch. Alte Wege waren durch Einzäunungen unterbrochen, Schild: Propiedad privada, prohibido el paso. Zurück.

Nächster Anlauf: Ende an einer Trockenmauer, die ursprünglich einen Durchlaß hatte, der war jedoch mit Balken, Brettern und Draht verrammelt. Quer durchs Gelände über Felsen, umgestürzte Pinien - abrupt gestoppt von einem nagelneuen Maschendrahtzaun, alle Pfähle frisch einbetoniert, zwei Doggen kamen mit furchtbarem Gebell angeprescht, außer sich ob Hirschbergs Vordringen. Mit Herzklopfen bis zum Hals und Schweißperlen auf der Stirn trat er den Rückzug an. Er stieß auf einen Fahrweg. An dessen Ende zwei Bauruinen. Vermutlich schon etliche hunderttausend Mark in den Sand gesetzt. Rundherum Bauabfälle. Er dachte: Bauherren sollten eine Kaution hinterlegen müssen, die im Fall der Pleite für die Beseitigung der Ruine und die Rekultivierung des Geländes eingesetzt wird.

Am Ende einer weiteren Zuwegung ein Bauzaun. Das Tor war nur angelehnt. Er ging hindurch. Vielleicht konnte er hier jemanden fragen. Aber niemand war da. Ein Luxusbau im Entstehen: zwei Terrassen, die eine mit großem Swimmingpool, im Gelände ein weiterer Pool, im Erdgeschoß großzügige Räume, eher Hallen, Wirtschaftsräume, Küche und so, im Obergeschoß große Schlafzimmer mit angrenzenden Bädern, weitläufige Balkone, die letzte Treppe hinauf zu einem Turm - ein Blick so traumhaft wie in den einschlägigen Anzeigen, wenn solche Objekte angeboten wurden. Wieder im Erdgeschoß konnte er der Versuchung nicht widerstehen, auch noch die Treppe nach unten zu gehen. Hier waren die Räume für die Haustechnik, überall ragten Rohre und Kabel aus den Wänden. Dann plötzlich ein Raum, in dem Licht brannte: Eine Glühbirne hing an ihrem Kabel herunter. Auf dem Boden wurden Platten verlegt, die Schnur war gespannt, die Wasserwaage lag auf schon gelegten Platten, der Gummihammer davor - hier war offensichtlich gerade Arbeitspause.

Hirschberg wollte nicht angetroffen werden. Schnell stieg er wieder nach oben, verließ Bau und Gelände. Mit Vorstellungen, wie wohl der Endzustand aussehen würde, und Überlegungen, was für Leute sich hier einmal aufhalten könnten, ging er die Zuwegung entlang bis er auf die Haupterschließungsstraße traf, und dann diese bergab. Für heute hatte er genug.

Am Abend beschloß er: Morgen noch ein letzter Versuch. Wenn der nichts brachte, gab es wohl keinen Weg, wie er ihn zu finden gehofft hatte. Einen Ansatzpunkt hatte er noch. Von dem Fahrweg, der ihn so weit ins Gelände geführt hatte, bog gleich hinter einer kleinen Finca am Anfang, die wohl als Wochenendhaus genutzt wurde, ein unscheinbarer Weg ab in den Wald; kein Fahrweg, kein Pfad, schattig mit einem dicken Polster von Piniennadeln; einer wie jene Wege, die hinterm Haus nur dazu dienen, die Gartenabfälle in den Wald zu kippen. Den Weg wollte er noch kontrollieren; dann war Schluß. Schließlich hatte er nur noch zwei Tage. Den letzten Tag wollte er nach Palma, sich ein wenig die Stadt ansehen. Für den Abend war er eingeladen nach Puerto Andratx, wo Geschäftsfreunde eine Villa auf dem Berg und eine Yacht im Hafen besaßen.

Die Helligkeit, die durch die Persianas und die Vorhänge drang, verriet ihm: Sonne. Er sprang aus dem Bett, schlug die Vorhänge zurück, öffnete das Fenster, entriegelte die Persianas, stieß sie auf: keine Wolke am Himmel. Kurze Morgentoilette, schnelles Frühstück, Picknick-Rucksack gefüllt. Wenn er nicht in Schweiß baden wollte, mußte er vor der Mittagszeit oben sein - so er denn heute endlich Glück haben sollte.

Gegen neun war er am Ausgangspunkt. Er fand alles genau so, wie am Abend erinnert. Schon nach kurzer Strecke ein verrostetes Eisentor, der eine Flügel halb offen, von Gestrüpp überwachsen. Was sollte hier früher einmal verschlossen werden? Der Weg zog in ein enges dicht bewachsenes Tal. Aus dem Dickicht ragten die Pinien hoch auf. Darunter alles schattig und feucht. Nur gelegentlich drang ein Sonnenstrahl bis auf den Grund des Weges. Es roch auch hier modrig, stellenweise scharf bitter. Dann eine kurze Schneise, an deren Ende ein Wasserbunker lag. Im Dämmerlicht des Inneren spiegelte sich die Wasserfläche. Als sich seine Augen auf das wenige Licht eingestellt hatten, erkannte er Balken und Steinbrocken, die aus dem Wasser ragten, ein durchgerostetes Faß, dazwischen schwammen auf der Oberfläche Plastikflaschen. Warum solche Orte für Abfall so attraktiv sind? Weiter.

Der Weg führte vom Wasserbunker weg steil in die Bergflanke. Durch fast mannshohes Gras kämpfte sich Hirschberg bergauf. Stellenweise war der Bewuchs so dicht, daß der Wegverlauf nicht auszumachen war. Dann mußte er suchen. Einige Sträucher waren äußerst kratzig, verbargen sich oft unter anderen, so daß er genau hinsehen mußte, wo er sich durchzwängte. Auch der Untergrund war tückisch: mal lockere Steine, mal faltig ausgewaschener Fels, mal glatter rutschiger Boden.

Schon zweimal hatte Hirschberg den Weg völlig verlassen müssen, weil eine umgefallene Pinie ihn versperrte. Sich durch die vertrockneten Zweige zu winden, war schier unmöglich, also mußte er im steilen Gelände oberhalb oder unterhalb irgendwie drumherum. Er kam übermäßig ins Schwitzen. Längst war das Tal zur steilen Schlucht geworden. Erste Zweifel: Ob der Weg sich nicht bald im Gelände verlief?

Ein Durchblick auf einen aufragenden Felsstock weiter vorne tat sich auf, grau und bizarr die verwitterten Stellen, gelb und ocker bis rötlich die glatten Flächen, wo der Stein abgesprungen war; ein kleiner Alkoven hatte sich gebildet; wo auch immer ein Halt und Wasser: Pflanzen, Büsche, Gesträuch, sogar eine junge Pinie; der obere Teil leuchtete in der Sonne.

Das Herz ging ihm auf ob der schönen Natur. Der Weg nahm einen weniger steilen Verlauf und ein paar Schritte oberhalb ragte ein Stück kniehoher Mauer aus dem Boden. Dort strebte er hin und streckte sich aus.

Nachdem der Schweiß nicht mehr rann, erhob Hirschberg sich wieder, zog sein Hemd aus und hängte es zum Trocknen über einen Busch. Dann machte er Picknick. Er hatte Appetit; ein Gefühl, das er so eindringlich nur noch nach längerer körperlicher Anstrengung wie diesen Wandertagen bekam. Jetzt fand er Zeit, sich die Blüten anzusehen, deren Stengel aus fast kokosnußgroßen Zwiebeln emporwuchsen. Unterwegs hatten sie nur vereinzelt gestanden, hier standen sie zuhauf. Einige Sträucher hatten kleine unscheinbare Blüten. Andere Pflanzen waren schon abgeblüht. Er hätte Botaniker werden sollen, dachte Hirschberg, dann würde er nicht als so ein Unwissender durch Gottes Natur laufen, die im Großen wie im Kleinen so bewundernswert an Ordnung, System, Schönheit, Harmonie, Zweckmäßigkeit und Behauptungswillen war.

Doch die Botaniker wußten ja auch längst nicht alles. Er fand Gefallen an dem Gedanken, daß das Wissen der Menschen insgesamt nur als bruchstückhaft gelten konnte. Wurde auf eine Frage eine Antwort gefunden, stellten sich mindestens zwei neue. Die Mediziner hatten gerade in den letzten Jahren ungeheuer viel herausgefunden, aber hatten sie den Menschen damit besser erkannt? Nie würde man der menschlichen Kreatur letztlich auf den Grund kommen. Selbst wenn er Mediziner und es ihm möglich wäre, alles derzeitige Wissen über den Menschen in sich zu vereinen und auf sich zu beziehen - was wüßte er über sich selbst, über Johannes Hirschberg?

Er hatte zu Ende gegessen und betrachtete jetzt den Boden fragend: Wo kann ich hier bequem liegen, ohne daß mich etwas drückt, sticht oder kneift. Schließlich nach dem Wegräumen von ein paar Steinen und Zweigen fand er sein Lager auf Gras und Piniennadeln, die Füße in ein Gestrüpp geschoben und unterm Kopf den Rucksack.

Um ihn herum alles still. Hin und wieder Vogelgezwitscher. Er genoß die Ruhe. Und er wußte: Das kann man nur allein genießen, alles andere lenkt ab, zieht einen aus dieser Situation des Geschöpfseins.

Er erhob sich von seinem Rastplatz, zog sein inzwischen trockenes Hemd wieder an, nahm den Rucksack auf den Rücken, prüfte, ob er nichts, auch keinen Unrat, hatte liegen lassen, und nahm seinen Weg wieder auf.

Er schöpfte Hoffnung: Das mußte der Weg sein, den er tagelang gesucht hatte. Jetzt würde er abseits aller Bebauung zum Waldberg Na Bauza bei Galiläa kommen; über einen vergessenen Weg, dessen Existenz er beharrlich angenommen hatte. Es gab ihn. Er entdeckte ihn an diesem herrlichen Apriltag. Nach einer Biegung und einer kleinen Strecke abwärts kam er genau zu dem Felsstock, den er zuvor durch die Lichtung gesehen hatte. Der Weg querte gleich unterhalb des Alkovens, wandte sich dann seitwärts wieder steil nach oben. Ein Kullern vor ihm erschreckte ihn; als er nach vier, fünf Schritten an der Stelle war: kein Stein oder sonst etwas, das gerollt sein könnte; aber dann - er wollte gerade weitergehen - bewegte sich etwas: eine Schildkröte. Er sah ihr zu, wie sie sich bergab schob, rutschte, sich überschlug - und kullerte. Urtiere, die ein anderes Zeitverständnis nahe legten.

Nach kurzer Wegstrecke stand Hirschberg oben auf dem Felsstock, unter sich die grüne Schlucht der Pinien, von denen einige mit Girlanden von Kletterpflanzen behangen waren. Zu beiden Seiten hin stiegen die Waldberge weiter an. Voller Freude schritt er weiter bergauf. Doch dann endete sein Pfad plötzlich: Nach einem letzten Steilstück traf er auf einen Waldweg, den vor Jahren wohl ein Bagger in den Hang gerissen hatte. Keinerlei Fahr- oder Gehspuren. Die Vegetation war dabei, ihn zurückzuerobern. Er folgte ihm.

Am Ende eines Bogens trat er aus dem Wald. Der Hang war abgeholzt. Oben lagen zwei Villen im Sonnenschein. Da wollte er nicht hin. Zurück in den Wald. Das andere Wegende lag aber nur an einer anderen Stelle des abgeholzten Hanges. Oben wieder eine Villa. In den Hang führte ein Trampelpfad. Er folgte ihm und stand schon bald vor einem Stolleneingang. Kühle kam aus dem Dunkel. Er bückte sich, ging hinein. Nach etwa 20 Schritten war der Stollen zugemauert. Wieder draußen entdeckte er auf der Stirnseite eine verwitterte Schrifttafel. 1817 war hier Wasser für Calvià abgeleitet worden; als Baumeister des Quellstollens wurde ein Bernardo genannt.

Über eine Mauer hatte man die Wasserleitung bis zur Flanke des Hangs geführt und dann in einer scharfen Linkskurve am Berg entlang geradewegs in die Schlucht hinein, aus der er hochgestiegen war. Ihm war schlagartig klar: die Mauer an seinem Rastplatz war die Wasserleitung! Und der Wasserbunker unten war das Auffangbecken vor der Weiterführung nach Calvià. Das würde er sich auf dem Rückweg alles genau ansehen.

Ob sein Weg oberhalb der Villen weiterverlaufen würde? Er mußte es prüfen. Unglücklich über die jähe Wendung seiner Entdeckungstour stieg er hoch - und stand dann auf einem Wendehammer. Regen hatte den Split der abschüssigen Erschließungsstraße zu Haufen heruntergespült. Widerwillig ging er die Straße hinauf. An der ersten Villa empfing ihn ein wütend bellender Hund. Weiter oben weitere Straßen. Die letzte mündete in die Hauptfahrstraße von Son Font. Überall Zäune. Keine Chance für einen Weg. Mit Wut im Bauch ging er zurück in den Wald. Marktwirtschaft? Mußte derartiger Inanspruchnahme der Welt durch Reiche nicht doch ein hoheitlicher Riegel vorgeschoben werden?

Er war öfter in Mähren gewesen, wo seine Frau her stammte. Dort waren sie in den Beskiden gewandert. Den sozialistischen Machthabern wäre es ein leichtes gewesen, die Berge und Täler dieser herrlichen Waldberge von Bauten frei zu halten. Statt dessen: In den Tälern an den Bachläufen entlang ein Wochenendhaus neben dem anderen; dort tobten sich der Individualismus und die Heimwerkerbegabung der in Plattenbauten gepferchten Werktätigen aus. Und auf den Bergen standen die protzigen Erholungsheime der zahlreichen sozialistischen Organisationen und der Staatsfunktionäre. Hirschberg beschloß, das Thema “Bewahrung der Schöpfung in der Marktwirtschaft“ in sein Buchthema einzubeziehen. Ökologie und Ökonomie, das durften nicht zwei linke oder rechte Schuhe sein, sondern das mußte ein Paar sein.

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