Rückblick: Jahrtausendwende

Um Hirschberg herum bahnte sich mehr und mehr das Spektakel zur Jahrtausendwende an. Feierfreudige Gruppen traten aus den Häusern. In Vorgärten und auf Terrassen wurden Raketen gezündet. Frauen gingen noch mal ins Haus und kamen in eine Jacke oder in einen Mantel gehüllt zurück. Man stand in Gruppen zusammen, ein Glas Sekt in der Hand, Paare küßten sich, schmusten. Musik strömte aus offenen Türen, Stimmengewirr, Lachen. Manche kehrten nach wenigen Augenblicken ins Haus zurück, weil ihnen zu kalt war.

Jugendliche warfen Knaller. Männer hatten ganze Raketen-Batterien aufgebaut und gefielen sich vor den zusammenstehenden Frauen als Feuerwerksmeister. Unter A- und O-Rufen der Bewunderung regnete es Farbenpracht in den unterschiedlichsten Formen. Es roch nach Pulverdampf. Kleine grau-weiße Schwaden zogen über die Häuser davon.

Der nächtliche Spaziergänger Hirschberg bevorzugte mehr und mehr die dunklen Straßen. Er wollte keine verwunderten oder mitleidigen Blicke auf sich, den Einzelgänger ziehen. Dennoch konnte er nicht ganz vermeiden, an der einen oder anderen Gruppe vorbeizugehen. Sonst hätte er erhebliche Umwege machen müssen.

So kam es, daß er eine etwas größere Gruppe vor einer Kneipe zu passieren hatte. Beim Näherkommen beobachtete er, wie ein offenbar schon angetrunkener Hüne die Gruppe unterhielt. Breite Schultern, Stiernacken, Wampe, Bluthochdruck. Bis auf den Hosenbund unter der Wampe hatte er alles gelockert, was ihn hätte einzwängen können. Die Smokingfliege hing offen über dem aufgeknöpften Hemd, die Ärmel etwas hochgekrempelt, keine Jacke.

Der Berserker grölte „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Als er Hirschberg sah, wie dieser vorbeihuschen wollte, hielt er inne und sagte zu seiner Gruppe gewandt: „Na seht mal diesen Nachtfalter!“ Hirschberg wollte entwischen, doch der Bulle stellte sich ihm mit erhobenen Händen, in der einen ein leeres Glas, in den Weg.

„Hiergeblieben!“ herrschte er ihn an. „Was schleichst du hier herum? Du Schattengestalt.“ Er sah Hirschberg ins Gesicht und fuhr fort: „Väterchen, dir ist wohl nicht zum Feiern? Wie? Das werden wir gleich ändern. He! Bring mal einer ein Glas und eine neue Flasche! Ich bin auch schon wieder trocken.“ Hirschberg wollte vorbeitauchen, aber der Koloß hielt ihn am Ärmel fest. „Sieh mal, hier sind alles nette Leute. Trink mit uns auf das neue Jahrhundert! Lach ein bißchen! Sei kein Frosch!“

Glas und Flasche wurden gebracht. Hirschberg fauchte: „Lassen Sie mich los!“ – „Ich will dir doch nur Gutes!“ Der Schnapshüne ließ sich einschenken. Die anderen umringten die beiden. Hirschberg zitterte am ganzen Leib. Eine der Frauen erkannte seine Not und sagte zu dem Ungeheuer: „Laß ihn!“ Hirschberg spürte, wie der Griff sich etwas lockerte. Er riß sich los und entschlüpfte. „Armleuchter!“, hörte er hinter sich.

Nach diesem Ereignis war Hirschberg nicht mehr nach Friedhofsbesuch zumute. Er fror; er brauchte eine warme Stube. Schnellen Schritts strebte er nach Hause. Als er an der Gastwirtschaft vorbei ging, in die er gelegentlich zum Essen ging, wurde gerade die Tür geöffnet und heraus kam eine Gruppe älterer Leute. Ein warmer Hauch umwehte ihn, er ging hinein.

Vor einigen Jahren hatte eine griechische Familie die Wirtschaft übernommen. Seitdem hieß sie nicht mehr „Zum goldenen Anker“, sondern „Akropolis“. Einfache Küche, aufmerksame Bedienung. Alexis, der Sohn des Inhabers, richtete den Tisch her, an dem vermutlich die Gruppe saß, die gerade hinausgegangen war. Hirschberg wurde begrüßt. In der Gaststube saßen noch ein junges Paar und eine gemischte Gruppe. Am Tisch neben der Küche saß der um einiges ältere Bruder von Alexis, der Koch der Familie. Bei ihm seine Frau und die jüngste Tochter, ein Teenager. Hirschberg wählte einen Tisch, von dem aus er den Raum überblicken konnte.

Alexis kam zu ihm, begrüßte ihn nochmal, jetzt mit Handschlag. Etwas erstaunt fragte er: „Sie wollen das neue Jahrtausend bei uns beginnen?“ „Ich habe Hunger.“ Alexis schaute in Richtung seines Bruders, sagte „Einen Augenblick, bitte!“ und ging zu seinem Bruder hinüber. Kurzer Wortwechsel, wieder bei Hirschberg: „Was soll es sein?“ „Ein Käsebrot und ein Bier.“ „Machen wir.“

Auf Hirschbergs Nebentisch stand ein halbvolles großes Bierglas, abgestandenes Bier. Der Aschenbecher war voller Kippen. Die Toilettentür ging auf und ein Mann mittleren Alters, der nicht gerade einen frischen Eindruck machte, kam raus, ging zum Nachbartisch, sah Hirschberg, nahm das Bierglas und setzte sich an Hirschbergs Tisch mit der Bemerkung „Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich ihnen Gesellschaft leiste.“ Hirschberg war die Aufdringlichkeit zuwider, aber er wollte keinen Aufstand machen.

Eine Weile saßen sich Hirschberg und der ungebetene Tischgast stumm gegenüber. Verstohlenes gegenseitiges Mustern.

„Sind Sie schon mal versetzt worden?“, fragte schließlich der aufdringliche Typ.
„Wie meinen Sie das? In der Schule bin ich immer versetzt worden.“
„Nein, so meine ich das nicht. Hat Sie schon mal einer sitzen lassen? Eine Frau?“
„Einmal. Damit war die Beziehung beendet.“
„Das ist gut. Sie sind konsequent. Ich lasse mich dann immer wieder rumkriegen, obwohl die Ausreden alle gelogen sind.“
„Woher können Sie das wissen?“
„Das spürt man doch. Manche haben es auch nachher zugegeben.“

Hirschbergs Blick ging immer wieder zur Küchentür. Endlich ging sie auf und Alexis kam mit Käsebrot und Bier. Wie immer schob Hirschberg die Zwiebelringe vom Käse. Die Wirtsleute waren freundliche und aufmerksame Menschen, aber so aufmerksam, daß sie sich gemerkt hätten, was Hirschberg mochte und was nicht, waren sie wiederum nicht. Zwiebelringe mochte er nicht. Und er mochte es auch nicht, wenn man ihm beim Essen auf den Teller sah.

Er stellte seinem Tischgenossen die Frage „Was haben Sie denn für gute Vorsätze für dieses Jahr gefaßt?“

„Gegen Vorsätze, die man nicht faßt, kann man auch nicht verstoßen. Nein, keine guten Vorsätze für dieses Jahr. Die halten doch höchstens ein paar Wochen. Warum soll ich mir ein schlechtes Gewissen machen? Warum solche Zwänge? Nicht mehr trinken! Ich brauche den Alkohol, wenigstens ein bißchen. Wie sollte ich sonst den Zustand seligen Vergessens finden?“

Hirschberg sah in wässerige blaue Augen. Er fragte streng: „Was wollen Sie vergessen?“

„Die Frauen wollen immer Exklusivität.“ Das war keine Antwort, zeigte aber an, woher der Kummer kam. Immer dasselbe: Beziehungskisten. Jetzt wurde Hirschberg direkt: „Wohnen Sie in Bonn?“

„Ja, hier in Mehlem.“
„Aber aus der Gegend hier sind Sie nicht.“

„Ich stamme aus Hannover. Übrigens: Achim Brendel.“ Er erhob sich andeutungsweise und hielt Hirschberg die Hand hin. Der machte keine Geste des Aufstehens, sondern reichte nur lax seine Hand rüber und sagte „Hirschberg“.

Brendel: „Ich mußte unter Menschen. Waren nette Leute hier; sehr lustig. Eben sind sie weg. Die haben sich alle vorgenommen, dieses Jahr nicht mehr zu rauchen. Drei Mal habe ich das auch schon versucht. Zwecklos. Ich kenne niemanden, der es auf Dauer geschafft hätte. Sie? Wie war doch der Name?“

„Hirschberg, nicht –bach, nicht –wald, sondern –berg, Hirschberg.“
„Kennen Sie einen, der es geschafft hat?“
Hirschberg blickte auf, sah in das Vollmondgesicht ihm gegenüber. Er sagte: „Ja, ich kenne sogar mehrere.“
„Ich kenne keinen. Alle sind rückfällig geworden.“

„Die meisten wollen ja gar nicht ernsthaft. Ich vermute, Sie auch nicht. Sonst würden Sie sich das Aufhören nicht nur vornehmen, sondern konkrete Maßnahmen ergreifen, beispielsweise eine Entziehungskur machen. Sie wollen nicht und tarnen sich mit der Rolle des Versagers.“

„Ich bin nicht süchtig. Ich bin weder nikotin-süchtig noch alkohol-abhängig. Ja, ich trinke manchmal einen über den Durst. Aber Alkoholiker bin ich deshalb nicht.“ Er nahm sein Glas, trank aus und bedeutete Alexis, daß er ein neues Glas Bier haben möchte.

„Sich zu etwas zwingen, tun Sie ungern?“
„Warum sollte ich das? Ich bin ein freier Mann. Und ich will das Leben genießen.“
„Nur die Frauen wollen’s exklusiv.“
„Das habe ich eben gesagt, nicht wahr? Sie passen aber gut auf.“

„Was Sie damit meinen, verstehe ich allerdings nicht.“ Hirschberg war mit dem Essen fertig und schob seinen Teller zur Seite. Sein Gegenüber: „Sind Sie verheiratet?“

„Gewesen.“
„Und jetzt leben Sie allein?“
„Meine Frau ist gestorben.“

„Meine Frau hat sich von mir scheiden lassen. Ich war auf Außendienst und hab’ da eine andere nette Person kennengelernt – das hat sie gemerkt und mir Terror gemacht. Sie wollte es exklusiv haben. Verstehen Sie jetzt?“

„Sie meinen, Ehefrauen sollten großzügig sein.“
„Ich kann eifersüchtige Frauen nicht ausstehen. Das ist doch nur Egoismus. Warum soll ich denn nur einen Menschen lieben können!“

„Von all den Menschen, die Sie lieben, war heute abend aber niemand in Ihrer Nähe. Sonst wären Sie nicht hierher unter Menschen geflüchtet.“

Der etwas weibisch fette Mann mit strähnigen blonden Haaren, korrekt auf der rechten Seite gescheitelt, fuhr mit der Hand durch die Frisur, die dadurch etwas in Unordnung geriet. Er machte eine ratlose Miene. Er seufzte: „Ja, meine Freundin und ich, wir haben uns gestern leider gestritten. Wir konnten uns nicht einigen, wohin wir in dieser Nacht gehen, wo wir Silvester feiern sollten.“

„Ach ja! Und das war dann der Grund, getrennte Wege zu gehen.“
„In der letzten Zeit habe ich immer um des lieben Friedens willen klein beigegeben.“

„Die Frauen sind eben nicht mehr so, wie Frauen mal waren. Die bestimmen jetzt mit oder sogar für einen mit. Früher gab es klare Verhältnisse: Der Mann hatte das Sagen und las seiner Frau die Wünsche von den Lippen ab. Das waren gute Ehen.“

Brendel übernahm Hirschbergs lebensklugen Tonfall: „Es kann immer nur einer bestimmen. Wenn eine Frau das nicht einsieht und immer das entscheidende Wort haben will, muß man sie verlassen. Eine Zeit lang kann man ihr Recht geben, aber nicht auf Dauer.“

„Haben Sie Ihre erste Frau geliebt?“
„In den ersten Jahren über alles. Aber das kühlt ja ab. Und dann sieht man, daß andere Frauen auch etwas zu bieten haben.“
„Von diesem Kribbel-Glück der ersten Jahre kann man nie genug bekommen.“
„Es gibt so viele tolle Frauen!“
„Leider werden auch die älter.“
„Da sind wir Männer besser dran: Viele junge Frauen stehen auf erfahrene ältere Männer.“

Mit solch schalen Weisheiten plätscherte das Gespräch dahin. Hirschberg war hin und her gerissen: Sollte er Schluß machen und nach Hause gehen oder mit Ironie einfach weiterplänkeln? Er mochte sich nicht entscheiden.

Das Paar in der hinteren Ecke hatte ausgiebig miteinander geschmust, jetzt gingen die beiden. Die Gruppe an dem Tisch schräg gegenüber saß noch in angeregter Runde, aber auch hier deutete sich das Ende an: Die Hälfte der Gläser war leer, dennoch wurde nicht mehr nachbestellt. Die Griechen-Familie saß am Tisch neben dem Tresen. Der Koch, er war der Chef des Clans, hatte Schürze und Mütze abgelegt. Feierabend. Es wurde Wein getrunken und munter erzählt. Durch den Gästeeingang kam ein junges Paar dazu, es war der Sohn des Familienoberhaupts mit seiner deutschen Freundin. Hirschberg kannte ihn, weil auch er hin und wieder bediente. Er rief Hirschberg „Ein gutes neues Jahr!“ zu.

Während Hirschberg noch bei seinen Beobachtungen war, begann Brendel erneut zu reden. Er hatte Erzähldrang und brachte jetzt seine Lebensgeschichte. Er mußte sie los werden. Hirschberg ließ sich aufs Zuhören ein. Es stellte sich heraus, daß dieser Achim – streckenweise erzählte er in direkter Rede – am heutigen Selbstverständnis der Frauen, zu denen er eine Beziehung hatte, immer wieder gescheitert war. Er war wohl in der Vorstellung groß geworden, daß ein Mann einen Beruf erlernt und dann eine Familie ernährt. Dafür bekommt er geordnete häusliche Verhältnisse und die Befriedigung seiner Liebesbedürfnisse.

Doch dann machte er ganz andere Erfahrungen. Als erstes wollte seine Frau ihre Berufstätigkeit nicht aufgeben. „Zunächst sprach sie nur von vorerst. Als ich nach einigen Monaten nachfragte, wie lange denn noch, erklärte sie wieder, vorerst nicht. Sie wolle noch etwas Berufserfahrung sammeln, sie wolle ihre Ausbildung nicht umsonst gemacht haben. Ich blieb hartnäckig und fragte nach einem halben Jahr erneut. Nein, sie könne sich nicht vorstellen, den ganzen Tag allein im Haus zu sein und auf mich mit dem Essen zu warten. Sie wolle unter Menschen sein. Aber wir hätten doch besprochen, Kinder haben zu wollen. Nein, noch nicht, später. Wir führten eine Ehe unter dem Vorbehalt der Worte ‚vorerst’ und ‚später’.“

Brendel war ganz ernsthaft. Jetzt sprach ein um seine Lebenserwartungen gebrachter Mann. Er berichtete von seiner Ehe als Feierabend-, Wochenend- und Feriengemeinschaft, die solange eine Wonne gewesen sei, wie Leidenschaft im Spiel war. Aber mehr und mehr habe man sich gestritten. Schließlich über die nichtigsten Dinge, wie zum Beispiel darüber, wer den Mülleimer auf die Straße stelle. Sie hätten sich am Anfang nach jeder Streiterei immer wieder wunderbar versöhnt. Aber das habe sich abgenutzt. Ihm sei mehr und mehr klar geworden, daß er eigentlich eine andere Vorstellung von Ehe hatte wie seine Frau. Das habe ihn bedrückt. Die Beziehung sei erkaltet. Jeder sei mehr und mehr auch in der Freizeit eigene Wege gegangen. Er habe gelitten.

Eines Tages – Betriebsausflug – habe ihn eine Kollegin angesprochen. Sie seien ins Gespräch gekommen, und er habe ihr schließlich andeutungsweise von seiner unglücklichen Ehe erzählt. Die Kollegin habe sich sehr verständnisvoll gezeigt. Ihm habe das gut getan. Endlich war da jemand, mit dem er über seine Probleme sprechen konnte. Seine Frau habe durch einen dummen Zufall von der Beziehung erfahren und ihm eine Szene gemacht. Da damals noch Treue, also Exklusivität, zu seinen Eheprinzipien gehört habe, wäre es für ihn selbstverständlich gewesen, den Kontakt mit der Kollegin auf das rein Dienstliche zu beschränken.

Seine Frau habe das indes bezweifelt. Ihrerseits habe sie sich mehr und mehr auf ihre Karriere konzentriert. Mit Erfolg. Sie sei ins Management aufgestiegen. Sie habe mehr Geld verdient als er. Allerdings mit der Konsequenz, daß für ihre Ehe immer weniger Zeit blieb. Als er nochmals das Thema „Kinder“ zur Sprache gebracht habe, habe sie ihm erklärt, das könne sie sich nicht mehr vorstellen – höchstens mit Kindermädchen und Haushaltshilfe, aber dafür verdiene er ja zu wenig. Da habe er endgültig gewußt, daß er die falsche Frau geheiratet habe. Als er von seiner Firma das Angebot eines Außendienstpostens bekommen habe, hätte er zugegriffen.

Hirschberg: „Ende der Exklusivität.“

Brendel: „Meine Frau hat sich dann einen Hund angeschafft. Und einen Rechtsanwalt hat sie mit unserer Scheidung beauftragt. Der hat ihr als erstes geraten, sich eine eigene Wohnung zu nehmen.“

„Waren Sie mit der Scheidung einverstanden?“
„Unsere Ehe war nicht zu retten. Wir hatten uns ja bereits auseinandergelebt.“
„Haben Sie eine neue Beziehung gesucht oder hatten Sie die Nase voll von Frauen?“

„Ich habe meine wiedergewonnene Freiheit genossen, ich habe aufgeatmet, ich konnte wieder sein, der ich war. Nicht dauernd aufpassen müssen, ob ein Fettnäpfchen herumstand; nicht nachdenken müssen, ob ich wohl etwas Falsches gesagt hätte; nicht mehr abchecken müssen, ob eine Geste oder Handlung als verletzend hätte verstanden werden können; keine Ausreden und Alibis mehr erfinden müssen, nur um Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen. Ich hatte endlich meine Ruhe.“

„Das muß ja die Hölle gewesen sein.“

„Man fühlt sich unwohl, falsch verstanden, auch verletzt, hilflos, ratlos, verlassen, einsam. Dann wieder Phasen des Hoffens auf eine Besserung oder einen Neuanfang. Nachher kommt einem erst zu Bewußtsein, wie man sich verkrümmt hat.“

„Wollten Sie wieder heiraten, falls Ihnen die richtige Frau über den Weg liefe?“

„Es lief keine. Jedenfalls keine, mit der ich noch mal eine Ehe riskiert hätte. Alle hatten ihre liebenswerten Seiten, aber eben auch andere, weniger erträgliche Eigenschaften und Gewohnheiten.“

„Und keine wollte ein Kind von Ihnen?“
„Doch. Aber unter diesen Umständen wollte ich nicht.“
„Welchen Umständen?“

„Der Mensch kann viele Menschen lieben. Sogar gleichzeitig. Bei mir war wirklich Ende der Exklusivität. Aber da passen meiner Ansicht nach keine Kinder rein.“

„Bei Ihrer Art von Liebe stirbt die Menschheit aber aus."
„Wir haben doch Überbevölkerung.“
„Das deutsche Volk schrumpft.“
„Wie wollen Sie das verhindern?“

Jetzt mußte Hirschberg hinter die Tür „Männer“. Als er zurückkam, gab er dem Gespräch eine neue Wendung. Dieses Herumrühren in Privatangelegenheiten schmeckte ihm nicht. Wofür gab es Psychotherapeuten?

Hirschberg: „Da es so ist, wie Sie es beschrieben haben, und es nicht nur für Sie so ist, sondern für viele, sollten wir, das heißt unsere Gesellschaft, konsequent sein: Alle Ehegesetze abschaffen, jegliche Familienpolitik einstellen, die Menschen sich paaren lassen, wie sie wollen, ohne irgendwelche Vorschriften – die meisten machen das ja sowieso –, keinerlei Exklusivität mehr – Sie merken, mir gefällt das Wort.“

Brendel ging auf Hirschbergs ironischen Kurs ein: „Das wäre ein tolles Wahlprogramm!“

Hirschberg: „Vor allem bei Frauen würde es verfangen. Kein Zurück an die Kochtöpfe, zum Säugen und zum Windelwechseln. Nur noch ein K: Karriere. Gleiche Karrierechancen für alle, besonders für Frauen. Zusammenleben mit wem und wie lange, mit wie vielen und wo und unter welchen Umständen – das alles nur noch wie es beliebt. Endlich sollte man die Realität akzeptieren und nicht dauernd eine Familienidylle der Vergangenheit beschwören. Moderne Frauen in einer modernen Welt – ohne Küche, ohne Kinder, ohne Kirche.“

„An Ihnen ist aber ein Wahlkämpfer verlorengegangen!“

„Das Ganze hat nur einen Haken: Wo kommt die Folgegeneration her. Denn mit der Unsterblichkeit in ewiger Jugend ist es noch nicht so weit.“

„Da muß der Staat für sorgen.“
„Sie haben recht. Anders geht es nicht.“
„Die Mütter lassen ihre Kinder gleich im Krankenhaus, von wo der Staat sie übernimmt.“

„Das ist mir nicht konsequent genug. Warum die Frauen noch mit den neun Monaten belasten? Das macht sie nur unförmig, anfällig und unzugänglich. Außerdem beeinträchtigt es die Karriere.“

„Richtig. Die Zeugung ist Sache des Staates. Er steuert den Bestand des Volkes. Eine Reproduktionsanstalt wird errichtet. Das kann man doch nicht Privateinrichtungen oder gar Sekten überlassen!“

„Sehr gut! Dann hätten wir das Problem mit dem Aussterben gelöst: Es gäbe immer genug Deutsche mit Erbgut natürlich nur vom Feinsten – wenn die Beamten in der Bundesanstalt für Bevölkerungsreproduktion keine Fehler machen.“

„Du sagst es!“ Jetzt hatte Brendel Hirschberg geduzt. Der registrierte das zwar, ließ sich aber nichts anmerken. Bei nächster Gelegenheit würde er Achim sagen. Brendel weiter: „Männer und Frauen geben in ihren besten Jahren ihr Erbgut beim Staat ab, sagen wir beim örtlichen Gen-Amt der Bundesanstalt für Bevölkerungsreproduktion. Anschließend werden sie in ihren Fortpflanzungsfähigkeiten außer Kraft gesetzt.“

„Das ist jetzt konsequent, Achim! Jetzt muß nur noch die Lücke vor dem Kindergarten durch staatliche Betreuungseinrichtungen geschlossen werden. Angekündigt ist das ja schon, beispielsweise für Bayern. So bekommen wir endlich das ganze Frauenpotential unserer Gesellschaft in die Wirtschaft. Keine Fehlinvestitionen mehr in Berufsausbildungen, die dann in Haushalt und Mutterschaft vergammeln.“

Brendel hob sein Glas und prostete Hirschberg zu. Er sah, daß Hirschbergs Glas leer war, und wollte schon bei Alexis bestellen, doch Hirschberg winkte ab: Nein, er wolle nichts mehr trinken. Dann stieg er wieder ins Thema ein: „Genau das wäre es: Der Staat baut Samenbänke auf, erstellt bestes genetisches Material, arrangiert erstklassige Zeugung, zieht in allem tüchtige Babys auf – die ersten drei Jahre sind ja bekanntlich die entscheidenden Lernjahre – anschließend Hort, Kindergarten, Schuleinrichtungen, Universitäten, Erwachsene, freie Menschen – frei von jeglichen Beziehungsnöten.“

Hirschberg hatte sich warm geredet: „Damit erreicht die Menschheit in ihrer Geschichte eine noch nie dagewesene Qualität. Was seit Adam und Eva nur qualvoll und risikoreich ging, die Frauen über Jahrtausende benachteiligte, das geht jetzt problemlos. Dank moderner Wissenschaft und moderner Staatskunst. Ist dir das klar, Achim? In Zukunft gibt es keinen Grund mehr für Ödipus-Dramen. Das Inzest-Tabu hat keine Grundlage mehr. Es gibt keine Verwandtschaft mehr. Nicht mehr Väter und Töchter, Mütter und Söhne, Schwestern und Brüder, Onkel, Tanten, Großväter, Nichten, Enkel – die ganze Mischpoke ist Schnee von gestern. Keine Gewissensbisse mehr. Endlich freie und unbelastende Liebe. Wenn das kein Quantensprung in der Menschheitsgeschichte ist!“

Hirschberg brach in lautes Lachen aus. Er sah, wie Brendel sein Glas austrank, und signalisierte nunmehr seinerseits Alexis, daß er noch zwei Glas Bier bringen solle. Brendel war einverstanden.

Hirschberg: „Das System wird sich ständig verbessern und verfeinern. Die Welt wird die Deutschen nicht wiedererkennen. Ein neues deutsches Volk, das mit den Schattenseiten seiner Vergangenheit nichts mehr zu tun hat, geläutert ist durch seine Weiterentwicklung, konsequent auf die bessere Zukunft ausgerichtet. Wie viele Deutsche, in welchem Alter, welchen Geschlechts, welcher Charaktereigenschaften und welchen Intelligenzgrades – all das legen die Fachleute der Bundesanstalt für Bevölkerungsreproduktion nach Bedarf und wissenschaftlichen Erkenntnissen fest.“

Achim wurde plötzlich nachdenklich: „Aber wenn darüber Parteienstreit ausbricht?“
„Der wird aufgrund der neuen Menschen, die ja dann auch die Parteien bilden, wegmanipuliert.“
„Dann wird’s aber andererseits langweilig.“
„Was denn nun: Langeweile oder Streit?“
„Ich weiß nicht; vielleicht beides – wie in einer Familie.“
„Die haben wir gerade abgeschafft.“
„Wie in einer Partnerschaft.“

„Bessere Menschen, bessere Partnerschaften. Aber wir könnten andere Probleme bekommen: Wenn durch eine Panne, sagen wir in der Samenbank, etwas passiert, beispielsweise Gen-Defekte auftreten, und die unentdeckt bleiben, was dann? Wenn ich mir das so ausdenke – nicht ganz ungefährlich unsere Zukunftsidee.“

„Ohne perfekte Kontrolle geht es nicht.“

„Stimmt. Bei staatlichen Kontrollen habe ich indes immer ein ungutes Gefühl. Wir müßten möglichst schnell den korruptionsfreien Menschen hinbekommen.“

„Wir brauchen ein perfektes Qualitätssicherungssystem.“

„Das gibt es nicht. Es gibt immer wieder Rückrufaktionen. Stell dir vor, es müßten ganze Generationen in die Kliniken zurückgerufen werden wegen eines Defekts!“

Brendel stand unvermittelt auf und ging zur Toilette. Hirschberg schmunzelte in sich hinein, hatte er sich doch mit seinen Phantasien ein wenig ausleben können. Wieder am Tisch, erklärte Brendel, er müsse jetzt nach Hause. Er zahlte und war im Nu weg.

Hirschberg war froh über diesen schnellen Abgang. Er hatte schon vor einer Weile überlegt, wie er die Situation beenden könne. Auf sein Handzeichen hin kam Alexis vom Familientisch. Hirschberg zahlte, er war der letzte Gast. Alexis fragte, während er das Geld einsteckte: „Wollen Sie sich nicht noch etwas zu uns an den Tisch setzen?“ – „Das ist sehr liebenswürdig, doch ich bin müde, ich muß nach Hause.“ Hirschberg dachte: Eine Familie, die zusammenhält, das ist die einzige menschengerechte Art von Generationenverbund.

Zuhause angekommen, ließ sich Hirschberg auf sein Bett fallen. Kein Ausziehen, kein Zähneputzen, kein Bettaufschlagen. So niedergeschlagen war er noch nie. Auf dem Heimweg war ihm durch den Kopf gegangen: Zu Ende gedachte sexuelle Emanzipation und zu Ende gedachte Gleichschaltung der Geschlechter führt in die elternlose und damit in die kinderlose Gesellschaft.

Der Staat, der noch nicht einmal seinen Haushalt dauerhaft in Ordnung halten konnte, der nur aus Katastrophen heraus zu einer gewissen Reformfähigkeit fand, der nie vor Korruption gefeit war, den Demagogen jederzeit okkupieren konnten – wie sollte der das Aussterben der ihn tragenden Gesellschaft verhindern können!

Weder die Wissenschaftler noch die Politiker konnten je ein Paradies schaffen. Wer das dennoch glaubte und deshalb die Gesellschaft in diese Richtung trieb, bereitete allenfalls dem Glück des Augenblicks den Weg, dem unausweichlich der Kater folgte. Hirschberg fiel in bleiernen Schlaf.

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