Interview zur Situation der Katholischen Kirche

In diesem Sommer haben Katholiken, die in der Öffentlichkeit stehen, sich über ihren Glauben, ihre Einsichten und Handlungsmotive in Buchform geäußert. Die Lektüre hat mich zu Fragen provoziert. Aber sie wurden nicht beantwortet. Da habe ich mir überlegt: Was hättest du geantwortet, wenn man dir diese Fragen gestellt hätte. Meine Fragen und Antworten:

 

Gefragt: Sind viele Entwicklungen in der Forschung mit konkreten Ergebnissen für die Menschen im Verständnis der Katholischen Kirche nicht gegen die Natur?

Geantwortet: Es gehört zum Menschen, dass er seinen Verstand zum Entdecken und Forschen benutzt. Der Umgang mit dem, was er entdeckt und erforscht, sowie sein Verhalten beim Umgang mit dem, was sich aus seinen Entdeckungen und Forschungen entwickelt, das unterliegt moralischen Kategorien. Das ist die Kompetenz der Kirche.

 

Gefragt: Kann der Staat die Bildungschancen schaffen, die Eltern ihren Kindern – aus welchen Gründen auch immer – nicht geben?

Geantwortet: Wenn Eltern willens und in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen, sollte der Staat nur subsidiär mit Bildungseinrichtungen wirksam werden. Eltern, die ihren Kindern nur unzureichende Bildungschancen geben können, muss der Staat weitgehend entlasten, damit auch diese Kinder Zukunft haben.

 

Gefragt: Entsteht Bildung allein durch den Besuch von Bildungseinrichtungen?

Geantwortet: Natürlich nicht. Aber in großem Maße. Eltern, Erzieher und Lehrer müssen sich in ihrer Erziehungs- und Bildungsarbeit bestmöglich ergänzen. Der Staat sollte sich nicht zum Elternvormund machen.

 

Gefragt: Haben katholische Politiker in ihrer Kirche einen Halt oder bringt sie ihre Zugehörigkeit in Konflikte, mitunter sogar in Zerreißproben?

Geantwortet: Katholiken in der Politik sind nur ihrem Gewissen verpflichtet. Sie müssen zu Kompromissen  fähig sein. Dabei kann ihnen die Kirche sowohl Halt geben als auch Konflikte zumuten.

 

Gefragt: Hat die Kirche mit ihrer Interpretation der Naturgegebenheiten und ihren Verweisen auf die Eingaben des Heiligen Geistes sich nicht jeder Argumentationsfähigkeit beraubt?

Geantwortet: Argumentationsfähigkeit erwächst aus Sachkompetenz. Diese lässt sich indes nicht absolut setzen. Denn der Mensch ist nie im Besitz des ganzen Wissens und neigt daher zu Fehlern und Irrtümern. Deshalb forscht er ja, entwickelt Thesen, bildet sich eine Meinung, muss er das Risiko, das in jedem Handeln steckt, auf sich nehmen. Wenn er der Wissenschaftsgläubigkeit verfällt, übersieht er die Unzulänglichkeit des Menschen. Absolute Gültigkeit haben dagegen die zehn Gebote. Auch das Gebot, seinen Nächsten so zu lieben wie sich selbst. Denn sonst wäre kein menschliches Zusammenleben möglich.

 

Gefragt: Ist der Kirchenführung in Rom ihr Lehrgebäude, die „Reinheit der Lehre“, wichtiger als die liebevolle Hinwendung zu den Menschen?

Geantwortet: Die liebevolle Hinwendung zu den Menschen wird tagtäglich in aller Welt von Mitgliedern der Kirche – Laien, Ordensleute und Weltpriester – gelebt. In ihrem Handeln scheint die Reinheit der Lehre zeugnishaft auf. Ohne die Eindeutigkeit der Lehre verlöre die Hinwendung ihr Rückgrat. Aber die Hinwendung darf um der Glaubwürdigkeit willen nicht der Eindeutigkeit geopfert werden. Sie muss Ausdruck der Eindeutigkeit sein.

Wer hohe Ansprüche an das Verhalten der Menschen stellt, muss diesen auch selber gerecht werden. Dem kann er sich nicht durch organisatorische Maßnahmen entziehen, sondern nur durch das Bekenntnis der eigenen generellen Sündhaftigkeit, durch Reue, Buße und – wenn möglich – Wiedergutmachung. Was für den einzelnen Katholiken gilt, gilt auch für die Institution Kirche.

 

Gefragt: Ist die Kirche wie viele traditionsverhaftete Institutionen, die angstvoll auf das Bewahren und Verteidigen ihrer Lehre achten, in so etwas wie eine Pharisäerfalle geraten?

Geantwortet: Die Kirche versteht sich als eine Pilgergemeinschaft durch die Zeit. Würde sie aus Angst vor den Gefahren ihres weiteren Weges stehen bleiben – ja, dann würde sie ihre Pilgerschaft und ihr Vertrauen auf den Beistand des Heiligen Geistes aufgeben. Niemand will eine Museumskirche, attraktiv für bigotte Menschen, Touristen und Devotionalienhändler.

 

Gefragt: Sind das jüngste Konzil und die Synode der deutschen Katholiken in der Folge des Konzils die gescheiterten Versuche, die Vision Johannes XXIII. von einer der Welt in Liebe und Freude zugewandten Kirche in die Tat umzusetzen?

Geantwortet: Aus der Diskussion um die Einigung Europas kennen wir den Begriff der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die Katholische Kirche ist eine Weltkirche, die auf Einheit angelegt ist. Kein Pilger – oder „Schaf“ – soll verloren gehen. Da muss schon mal gewartet werden.

 

Gefragt: Versäumt die Kirche ihren Verkündigungs- und Seelsorgeauftrag, da sie es nicht schafft, für genügend Priester zu sorgen?

Geantwortet: Es wird ständig gesagt: Gebt den Zölibat auf und weiht auch Frauen zu Priestern, dann ist der Priestermangel behoben. Das halte ich für zu kurz gegriffen. Aufgegeben werden muss der akademisch ausgebildete Allroundpriester männlichen Geschlechts als Voraussetzung für das Strukturschema der Kirche. Der Verkündigungs- und Seelsorgeauftrag sollte in den Kirchenstrukturen sichtbar von jedem Katholiken wahrgenommen werden können, entsprechend den Begabungen und verschiedenen Aufgabenbereichen. Laien sollten nicht als Publikum für priesterliche Vorführungen aufgefasst werden, sondern als Mitwirkende. Also:

  • Wer Gemeinschaft herstellen kann, soll eine Gemeinde leiten.
  • Wer durch sein Lebensbeispiel Zeugnis gibt, dem sollen die priesterlichen Funktionen zukommen.
  • Wer rhetorisch begabt ist, soll verkündigen.
  • Wer Seelen heilen kann, soll heilen.
  • Wer pädagogische Fähigkeiten hat, soll die Katechese übernehmen – und so weiter.

Schon heute werden beispielsweise viele Kinder auf ihre erste heilige Kommunion von Katechetinnen vorbereitet, die Lesung, die Fürbitten und die Kommunionausteilung in der Messe von Laien übernommen, Krankenbesuche von Gemeindemitgliedern gemacht, der Religionsunterricht von Pädagogen gegeben.

 

Gefragt: Bei der Tauffeier wird ein Lied gesungen, in dem es heißt: „ … und folgsam ihren Lehren“. Sind die Katholiken noch folgsam?

Geantwortet: Die Kirche lehrt, dass wir nicht gegen unser Gewissen handeln dürfen.

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