1935 -1945

Dorothée Hugot, geboren 1929 in Köln, vier Kinder, neun Enkelkinder

Die Generation, deren Kindheit und Jugend von der Nazizeit und dem Zweiten Weltkrieg bestimmt wurde, ist in die Jahre gekommen, tritt nach und nach ab. Die Enkel-Generation hat in der Schule zu dieser dunklen Zeit des Dritten Reichs Daten und Fakten mitbekommen. Manche der jungen Leute möchten jedoch mehr erfahren. Sie fragen bei ihren Großeltern nach. So wurde auch meine Schwester - in Köln 1929 geboren, vier Kinder, neun Enkelkinder - gebeten, als Zeitzeugin über ihr Erleben der 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts zu erzählen. Dieser Bitte ist sie wiederholt nachgekommen. Zuletzt in einem Vortrag vor Studierenden der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen.

Dorothée Hugot: Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendzeit, 1935 bis 1945

Das große Haus in der Stadt

1935 wurde mein Vater nach Aachen versetzt. Er war Beamter. Ich war fünf Jahre alt. Wir bezogen eine Wohnung im Stadtzentrum, im dritten Stock des großen Eckhauses am Holzgraben in der Nähe des Elisenbrunnens. Heute ist im Erdgeschoss Mac Donald's, damals war dort das Café Vaterland. Nach unserem Einzug machten wir uns mit den anderen Hausbewohnern bekannt. Darunter waren auch jüdische Familien, wie meine Eltern bemerkten. Besonders freundschaftlich wurde der Kontakt zu der älteren Dame, die mit ihrer Haushälterin auf derselben Etage wohnte wie wir.

Fräulein Blech, so hieß die alte Dame, hatte ein sehr schönes Klavier, an dem ich etwas später meinen ersten Musikunterricht erhalten habe. Dieses Instrument hatte es mir vom ersten Augenblick an angetan: Die zwei schwenkbaren Kerzenhalter aus blinkendem Messing, jeweils mit drei Kerzen bestückt, die Holzflächen mit Intarsienarbeiten verziert, Tasten aus Elfenbein. Fräulein Blech sei die Schwester des berühmten Dirigenten der Berliner Philharmoniker, Leo Blech, sagten die Eltern. Wir hatten Schallplatten mit ihm und seinem Orchester.

Sie war eine würdevolle Erscheinung, hatte schlohweißes Haar und war meistens schwarz gekleidet. Was mich faszinierte: Sie trug immer ein schwarzes Halsband aus Samt, etwa drei Zentimeter breit, eng am Hals anliegend und mit kleinen farbigen Perlen bestickt. Sie und ihre Haushälterin waren mir sehr zugetan und haben mich mit Süßigkeiten verwöhnt.

Eine Etage tiefer gab es ein großes Schneideratelier. Meine Mutter sagte mir, dass da sehr teure Kleider, Kostüme und Mäntel für die Hautevolee angefertigt würden. Mutter und Tochter führten das Geschäft. Ihre Wohnung lag gleich neben dem Atelier. Der Mann der Familie war viel auf Reisen. Von den Frauen wurde ich manchmal gerufen, um mir Stoffreste auszusuchen, aus denen ich mit meiner Mutter Puppenkleider nähen konnte.

Was ich an unserem Wohnhaus in besonderer Weise imponierend fand, war im Erdgeschoss das Café Vaterland. Es war vornehm und gemütlich zugleich, mit schönen Tischen und gepolsterten Stühlen, mit gerafften Volantgardinen an den Fenstern. Und vor allem wurde dort Musik gespielt. Klavier und Geige. Ich träumte: Wenn du mal groß bist, dann darfst du da auch sitzen und Kaffee trinken und abends tanzen und Wein trinken!

Unser Wohnumfeld

Weniger romantisch war der Verkehrslärm - allerdings nicht durch Autos - die waren damals noch selten, sondern durch das lautstarke Quietschen der Straßenbahnen, die durch den Holzgraben fuhren. Eine zweigleisige Strecke durch die engen Straßen der Innenstadt! Sie fuhren weiter zum Damengraben oder zum Elisenbrunnen. Andere fuhren durch die Adalbertstraße. Oft hat mich dieses Quietschen nachts aus dem Schlaf gerissen.

Unsere Pfarrkirche war St. Foillan. Ich habe sie als sehr dunklen Raum in Erinnerung. Das Dunkel flößte mir eine gewisse Scheu ein; ich empfand es als eine geheimnisvolle Atmosphäre.  Da Religionsunterricht in den Schulen verboten war, gab es ein Angebot von der Pfarre, einen Katechismusunterricht nachmittags im Pfarrheim zu besuchen. Priester waren zu jener Zeit noch nicht rar. St. Foillan hatte einen Pfarrer, genannt Oberpfarrer, und zwei Kapläne. Einer von ihnen war Erich Stephany, der spätere Domkustos.

Im Jahr 1937 erlebte unsere Familie zum ersten Mal eine Aachener Heiligtumsfahrt. Da die Nazis die Kirchen unter Druck setzten - wie ich heute weiß -, wurde diese Heiligtumsfahrt sowohl zu einem Glaubenszeugnis als auch zu einer starken Demonstration gegen das politische System. An die 800 000 Gläubige nahmen an den kirchlichen Feiern mit dem Zeigen der Heiligtümer von den Galerien des Domes teil. Viele Bischöfe, unter ihnen Kardinal Schulte von Köln, Bischof von Galen aus Münster, Bischof Bornewasser aus Trier, waren nach Aachen gekommen und legten gemeinsam mit den Gläubigen ein mutiges Zeugnis des Glaubens ab.

Ich erinnere mich, wie ich staunend an der Hand der Mutter oder des Vaters zum Dom gegangen bin, um das Zeigen der Heiligtümer mitzuerleben. Am Abend durfte ich manchmal mitgehen, wenn meine Mutter zur Chorhalle ging, um einen Rosenkranz oder ein Heiligenbild mit dem Marienkleid in Berührung zu bringen. Auf meinen besonderen Wunsch hin, nahm sie einmal unseren kleinen Klappaltar für die häusliche Maiandacht mit.

Vorboten des Unheils

Bevor das Unheil des Zweiten Weltkrieges über Europa hereinbrach, gab es ein Ereignis, das mich zutiefst erschreckte: Die Reichskristallnacht vom 9./10. November 1938. Die Synagoge am Promenadenplatz brannte, wir sahen die hohen Flammen gegen den nachtdunklen Himmel vom Speicherfenster aus. Die Schaufenster jüdischer Geschäftsleute wurden von SA- und SS-Leuten zertrümmert, die Läden demoliert, die Ware auf die Straße geworfen. Am Damengraben und Holzgraben gab es einige jüdische Geschäfte. Unserem Haus schräg gegenüber war ein Schuhgeschäft. Am Morgen, als ich zur Schule ging, lagen die Schuhe in der ganzen Straße verstreut.

Schon vor dieser Nacht geschahen mir unverständliche Dinge, die mich verunsicherten. Auf den Straßen begegneten mir Menschen, markiert mit einem gelben Stern. Aufgrund der Erklärungen ahnte ich, dass die Juden unter dem Naziregime immer stärkeren Repressalien ausgesetzt waren. In welch grauenvoller Weise sie verfolgt und vernichtet wurden, habe ich erst viel später erfahren. Ich erlebte, dass Fräulein Blech ihre Wohnung aufgab. Meinen Eltern hat sie das von mir so geliebte Klavier verkauft. Dann war sie weg. Die Damen des Schneiderateliers wanderten nach England aus. Ich fand das alles sehr traurig.

Flucht aufs Land

Die politische Situation in Deutschland unter Adolf Hitler gab immer mehr zu Sorgen Anlass. Ich habe das nicht ernstlich wahrgenommen. Ich merkte nur an meinen Eltern, an ihren Gesprächen, dass sie sich über die Zukunft Sorgen machten. Erst später habe ich erfahren, dass auf meinen Vater Druck ausgeübt wurde, weil er sich weigerte, in die nationalsozialistische Partei einzutreten. Wohlmeinende Ratgeber machten ihm klar, dass er seine Karriere bei der Reichsbank aufs Spiel setze, und das könne er seiner Familie doch nicht antun. Mein Vater ist aus Gewissensgründen mit dem Einverständnis meiner Mutter nicht in die Partei eingetreten.

Die Naziaufmärsche auf dem Platz vor dem Elisenbrunnen nahmen zu. Die Häuser wurden mehr und mehr mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. Ich kann mich noch an die Lieder erinnern, mit denen die SA-Kolonnen durch die Straßen marschierten. Mein Bruder saß daumenlutschend auf der Fensterbank des Wohnzimmers und sah dem Treiben zu. Vergeblich versuchten die Eltern, ihn dort wegzuholen. Er war sofort wieder da. Ja, ich hatte 1936 ein Brüderchen bekommen. Allerdings war ich sehr enttäuscht, als mein Vater mir sagte: „Es ist ein Junge." Denn je größer der Bauch meiner Mutter wurde, umso mehr versteifte ich mich darauf, ein Schwesterchen haben zu wollen.

Wohl wegen uns Kindern hatten die Eltern in Hauset, einem Dorf gleich hinter der Grenze zu Belgien, ein Wochenendhaus gemietet. Sie wollten uns von dem Propaganda-Trubel der Nazi-Aufmärsche, die meistens am Wochenende stattfanden, fernhalten.

An dieses Blockhaus knüpfen sich viele wunderbare, aber auch mit Angst verbundene Erinnerungen. Das Häuschen hatte eine überdachte Veranda und zwei kleine Räume. Strom war da, aber kein Wasser. Das musste in circa 100 Meter Entfernung an einer Pumpe geholt werden. Die Miete betrug 10,00 Reichsmark pro Monat. Ich habe noch den Vertrag in einem Fotoalbum gefunden. Die Umgebung des Blockhauses war wunderschön: Zwei Wiesen, Laubwald zur Straße hin und ein großer Kiefernwald. Waldbeersträucher, wilde Erdbeeren, Adlerfarn. Das Grundstück war ein Teil vom so genannten „Großen Busch" von Hauset.

Samstagnachmittags fuhren wir mit der Straßenbahn vom Theater in Aachen bis zur Grenze, dann kontrollierten uns die Zollbeamten und weiter ging es mit einer belgischen Straßenbahn bis zur Haltestelle „Hauseterweg". Sonntagabends kehrten wir zurück. Mein Vater ging seinen Hobbys nach: Malen und Fotografieren. Im Frühjahr und Sommer nahm er mich mit zum Botanisieren: Wir haben Blumen gesammelt und ihre Namen zuhause anhand eines schlauen Buches bestimmt, in eine Blumenpresse mittels Botanisierbesteck eingelegt, gepresst, in ein Album übertragen und beschrieben. Meine botanischen Kenntnisse stammen vornehmlich aus dieser Zeit.

Zu Besuch in Mecklenburg

Die Sommerferien 1939 verbrachte ich in Mecklenburg. Dort lebte eine Schwester meines Vaters mit ihrem Mann und ihren drei Kindern. Sie war meine Patentante. Mein Onkel verwaltete dort ein großes landwirtschaftliches Gut. Er hatte in Köln beruflich zu tun gehabt und nahm mich Anfang der Sommerferien mit auf die erste große Reise meines Lebens. Ich war neun Jahre alt. Wir fuhren viele Stunden mit dem Zug, mussten auch ein paar Mal umsteigen, bis wir in einem kleinen Ort, Friedrichsruhe in Mecklenburg, ankamen. Eine große Überraschung: An dem kleinen Bahnhof wartete eine Kutsche mit zwei Pferden auf uns. Der Kutscher begrüßte sehr respektvoll meinen Onkel und dann auch mich, verstaute unser Gepäck, half uns beim Einsteigen, und dann begann eine wunderschöne Fahrt durch weite Felder, durch Laubwälder, an größeren und kleineren Seen vorbei nach Frauenmark.

Diesen Namen konnte man nur auf Messtischblättern finden, in keiner Karte sonst, weil es dort nur das große herrschaftliche Gut und eine einzige Straße - weder gepflastert noch geteert - mit kleinen unscheinbaren Häusern gab, in denen die Arbeiterfamilien wohnten. Das Einbringen der Ernte musste in harter körperlicher Arbeit besorgt werden. Landwirtschaftliche Maschinen, die mähen, dreschen, Stroh und Körner trennen konnten - alles in einem Arbeitsgang - waren noch nicht erfunden.

Ich habe mich in den ersten Wochen bei meinen Verwandten sehr wohl gefühlt. Mit meinen Kusinen konnte ich die meiste Zeit im Freien verbringen: im Garten, auf der angrenzenden Wiese, am nächstgelegenen See oder auch in einem nahe gelegenen Buchenwald. Aber die Erwachsenen sprachen immer besorgter von einem bevorstehenden Krieg. Die häuslich ländliche Idylle wurde jäh gestört, als mein Onkel Mitte August 1939 den Einberufungsbefehl erhielt, 14 Tage vor Ausbruch des Krieges.

Ich erinnere mich, dass meine Tante mit meinem kleinen Vetter auf dem Arm, noch einem Säugling, meine Kusinen und ich im Flur beim Abschied weinten und mein Onkel sich selbst und uns zu trösten versuchte: „Weihnachten spätestens ist alles vorbei und ich bin wieder bei euch!" Stattdessen: Neun Jahre ist er weg gewesen. Nach dem Krieg in russischer Kriegsgefangenschaft. Meine Tante ist mit ihren drei kleinen Kindern vor den Russen geflohen, ins Bergische Land, ihre Heimat.

Die Luftangriffe

Am 10. Mai 1940 marschierten die deutschen Truppen in Holland und Belgien ein. Schwerer Artilleriebeschuss war von weitem zu hören. Kurz darauf erlebten wir den ersten Luftangriff. Und weitere folgten. Für die Bewohner unseres Hauses war ein Luftschutzkeller unter dem Hinterhaus eingerichtet worden. Wir mussten von der dritten Etage des Haupthauses über einen freien Hof, um dorthin zu gelangen. Das Sirenengeheul riss uns aus dem nächtlichen Schlaf. In Windeseile musste man sich anziehen, das vorbereitete Gepäck schnappen und schnellstens die drei Stockwerke hinunterlaufen, um im Keller zu sein, bevor das Pfeifen der Bomben mit anschließender Explosion sowie das Flakabwehrfeuer losging.

Oft haben wir es nicht geschafft, obwohl wir uns schon bald vor dem Schlafengehen nicht mehr umzogen. Einmal waren wir so spät dran, dass die Eltern es nicht mehr wagten, mit uns in den Keller zu laufen. Da mein Schlafzimmer an der Giebelwand zum Nachbarhaus lag und mein Bett direkt davor stand , haben wir uns alle vier auf das Bett gehockt. Denn mein Vater sagte, wenn eine Sprengbombe das Haus träfe, würde vielleicht an dieser Wand durch die Verankerung der Eisenträger das Zimmer nicht in die Tiefe stürzen. Die Überlegung meines Vaters stimmte: Ich habe viele von Bomben getroffene Häuser gesehen, deren Zimmer in den oberen Stockwerken noch zur Hälfte vorhanden waren. Da standen noch Tische, Stühle, Schränke und anderes Mobiliar in luftiger Höhe, ein grotesker Anblick!

Bald gab es auch tagsüber immer wieder Luftalarm. Es wurde ein neues Sirenenwarngeheul eingeführt, der so genannte Voralarm. Dreimal wiederholte sich ein hoher Dauerton. Der meist folgende Hauptalarm rief durch sein Auf und Ab der Tonfolgen einen erhöhten Angstzustand hervor. Bei Voralarm ging das öffentliche Leben noch weiter.  Aber bei Hauptalarm hatte die ganze Bevölkerung die Luftschutzkeller oder die mittlerweile aus Beton errichteten Luftschutzbunker aufzusuchen. Mit der Einführung des Voralarms ging für die Schulen der Befehl einher, sofort den Unterricht abzubrechen und mit allen Klassen in einen Bunker zu gehen. Der Voralarm dauerte oft mehrere Stunden.

Umzug nach Hauset

Meine Eltern überlegten, ob ständiges Wohnen in unserem Wochenendhaus machbar sei. Dort wären wir weniger gefährdet und müssten nicht stundenlang in einem Bunker oder Keller hocken. Andererseits wäre die ganze Lebensführung recht schwierig. Der vordere, etwas größere Raum würde als Küche, Esszimmer, Wohn- und Arbeits- sowie als Schlafraum meiner Mutter dienen. Er war beheizbar: mit einem alten Küchenherd, der mit Holz oder Briketts zu befeuern war.

In dem zweiten Raum, mit einer Doppeltür in den Wald hinaus, stand ein Etagenbett mit einer Schlafstelle unten - dort schlief mein Vater - und einer oben für meinen Bruder, direkt unter der Holzdecke des mit Teerpappe abgedeckten Daches. Ich schlief in einem schmalen Einzelbett auf der anderen Seite des Ganges. Es gab noch einen Schrank, eine Waschschüssel auf einem Eisengestell und gleich an der Außentür einen Kasten mit Sitzloch und Nachttopf darunter. Nach Gebrauch war dieser im Wald in einem zu grabenden kleinen Loch auszuleeren und anschließend zu säubern. Wasserholen zum Kochen und Waschen war Aufgabe von uns Kindern: mit einem Bollerwagen von dem etwas entfernt liegenden Brunnen mit Pumpe.

Sollten wir diese Lebensumstände, die wir von den Wochenenden her kannten, dauerhaft auf uns nehmen? Wir Kinder waren dafür. Aber was war mit dem Einkaufen? Mit der täglichen Fahrt nach Aachen? Der Vater musste zur Bank, wir Kinder zur Schule. Wir sind umgezogen. Die Fahrzeiten der Straßenbahn nach Aachen diktierte den Tagesablauf: Über eine Stunde zu Fuß und mit der Bahn zur Bank und zur Schule. Auch das Einkaufen wurde beschwerlich. Zwar gab es für die Bezugsmarken immer weniger, aber dann musste das Wenige nach Hause geschafft werden. Aber wir konnten nachts wieder durchschlafen.

Da der Schulunterricht wegen Bombenalarm immer häufiger ausfiel und wir Kinder stattdessen Stunden in einem Betonbunker verbringen mussten, trafen meine Eltern die Entscheidung, meinen Bruder auf die Dorfschule in Hauset zu schicken. Mir schlugen sie den Besuch der Höheren Schule in Eupen vor. Die Lehrer und Schüler dort kamen mir sehr wohlwollend entgegen. Die Fahrt dorthin dauerte zwar länger als die nach Aachen; aber das schöne helle Schulgebäude erfreute mich und vor allem war ich von Angst befreit: Es gab kein Sirenengeheul, keine Fliegerangriffe und keine stundenlangen Bunkeraufenthalte mehr. Für die Alliierten war Eupen eine belgische Stadt, auch wenn sie seit dem deutschen Einmarsch dem „Reich" eingegliedert worden war.

Musikunterricht und Kürbiszucht

In Kauf nehmen musste ich den Weg durch dunklen Wald zur Haltestelle der Straßenbahn. Im Winter und bei Regen manchmal recht unheimlich. Ein Tag in der Woche forderte besonders viel Einsatz: Ich fuhr morgens mit Schultasche und Geige und Noten nach Eupen, nach Schulschluss mit der Straßenbahn nach Aachen, dort ging ich zur Rathenauallee zum Geigenunterricht. Erst im späten Nachmittag erreichte ich schließlich wieder unser Blockhaus.

Hausaufgaben für die Schule fielen dann auch noch an. Zum Geigenunterricht: Nachdem durch die Kriegsverhältnisse kein Klavierunterricht mehr möglich war, hatten mir meine Eltern auf Anraten meines Musiklehrers eine Geige gekauft. Auch die Geigenlehrerin hatte der Musiklehrer für mich gefunden. Nun hieß es üben. Das war nicht ganz einfach wegen des beengten Raumes. Ich wurde in das hintere Zimmer verbannt, hatte einen Tischnotenständer, den ich auf das Plumeau meines schmalen Bettes platzierte - der aber immer wieder umkippte - und versuchte schlecht und recht mein Pensum zu üben.

Der Krieg nahm weiterhin seinen schrecklichen Verlauf. Mein Bruder und ich wussten aber nicht genau, was da geschah. Wir registrierten die Bombergeschwader, die in großer Höhe über uns hinweg zogen, hörten die Sirenen und die Flakgeschütze. Doch wir gingen ganz in unserem Kinderalltag auf. Wir hatten ein unerschütterliches Vertrauen zu unseren Eltern, die schon alles zu unserem Besten regeln würden.

Eine der beiden Wiesen, die zu unserem Grundstück gehörten, war von den Eltern zu einem Nutzgarten umfunktioniert worden. Kartoffel und Gemüse wurden angebaut, und wir Kinder hatten jeder sein eigenes Stückchen Erde bekommen, das wir nach unseren Wünschen bepflanzen konnten. Ich hatte mich für Monatserdbeeren, Radieschen und Möhren entschieden, während mein Bruder sich im Kürbisanbau versuchte. Mit großem Erfolg! Im Spätsommer 1944 wuchs ein Riesenexemplar heran, das immer wieder von unseren Freunden bewundert wurde. Leider ist dieser Kürbis beim Artilleriebeschuss im September 1944 zerfetzt worden.

Durch den Garten und die freundschaftliche Verbindung zu den benachbarten Bauern haben wir trotz Lebensmittelknappheit keinen Hunger gelitten. Den mörderischen Krieg haben wir in der Folgezeit noch hautnah zu spüren bekommen.

Der Luftangriff vom 13. auf den 14. Juli 1943

Bei der Reichsbank waren nicht alle Mitarbeiter zum Militärdienst eingezogen worden. Wer gesundheitliche Probleme hatte oder schon älter war, wurde „unabkömmlich" gestellt. Mein Vater gehörte dazu. Wie alle musste auch er mit einem oder zwei Kollegen von Zeit zu Zeit Nachtwache halten. Sie sollten bei Luftangriffen die Brandbomben löschen, die durch die Fenster oder den Dachstuhl in das Gebäude einschlugen.

In der Nacht zum 14. Juli hatte mein Vater Nachtwache und es gab einen Großangriff auf Aachen. Sirenen heulten, Bomber dröhnten, Flakgeschütze donnerten. Dass der Angriff Aachen galt, erkannten wir an den „Christbäumen": Das waren Leuchtkörper, die als Markierung des Zielgebietes über der Stadt abgeworfen wurden. Die schweren Explosionen der Bomben dröhnten trotz der kilometerweiten Entfernung und der dazwischen liegenden Waldberge dumpf bis zu uns herüber. Der Himmel hinter dem Wald färbte sich glutrot durch die brennenden Häuser der Stadt. Es war ein Inferno und wir wussten: Unser Vater ist mittendrin! Wir waren wie gelähmt vor Angst, schlafen war unmöglich, beteten mit der Mutter.

Irgendwann kehrte Stille ein. Der glutrote Horizont blieb bis zum Morgengrauen. Stunden vergingen. Im Laufe des Vormittags kamen erst vereinzelt, dann immer mehr Menschen aus der Stadt: zu Fuß mit Handgepäck, auf Lastwagen, zum Teil mit Möbeln auf der Ladefläche. Vater kam nicht. Unser Bangen um ihn wurde unerträglich. Von den Flüchtlingen hörten wir von den furchtbaren Zerstörungen, und dass die Stadt teilweise noch brannte. Gegen Mittag hielt unsere Mutter das Warten nicht mehr aus; sie machte sich auf den Weg nach Aachen. Wir Kinder mussten bei einer benachbarten Bäuerin bleiben.

Am späten Nachmittag kam unsere Mutter erschöpft zurück. Sie fragte mit angstvoll erregter Stimme: „Ist der Vater da?" „Nein". Sie sank weinend auf einen Stuhl. Erst nach einiger Zeit erzählte sie: per Anhalter bis zur Normaluhr, vorbei an ausgebrannten Häusern und über Trümmerberge bis zur Reichsbank. Das Gebäude war nur wenig beschädigt. Sie fand den Hausmeister, der berichtete, dass unser Vater und seine Kollegen die Brandbomben, die den Bau trafen, hätten löschen können. Dann habe er sich, nachdem er an keine größere Gefahr mehr glaubte, verabschiedet, um am Holzgraben nach unserer Wohnung zu sehen.

Daraufhin habe sie versucht, zum Holzgraben zu kommen. Am Theater durchzukommen, sei gefährlich gewesen, weil es dort noch gebrannt habe. Beißender Rauch, Gestank und die Hitze hätten es fast unmöglich gemacht. Aber die Angst und Sorge um den Vater hätten sie vorangetrieben. Der Elisenbrunnen läge in Trümmern; aber unser Haus am Holzgraben sei unversehrt. Das Kino, linker Hand vom Café Vaterland zur Ursulinerstraße hin, habe noch gebrannt. Ebenso das rechte Nachbarhaus. Die Häuser gegenüber: eingestürzt und zerstört.

In unser Haus sei sie nicht gekommen. Den Holzgraben habe man wegen eines Blindgängers - oder wegen einer Zeitzünderbombe - weiträumig abgesperrt. Man habe sie nicht durchgelassen. Es hieß: Das Haus sei ohnehin geräumt worden. Niemand befände sich mehr darin. Die Bombe könne jederzeit hochgehen. Sie habe überlegt, in den Krankenhäusern nach unserem Vater zu suchen, dann aber beschlossen, wieder nach Hauset zu fahren in der Hoffnung, dass er zwischenzeitlich dort angekommen sei.

Mit meiner Mutter auf der Suche nach meinem Vater

Nachdem meine Mutter sich ein wenig erholt hatte, erklärte sie, dass sie noch einmal nach Aachen wolle, um die Suche wieder aufzunehmen. Ich bettelte sehr, mitkommen zu dürfen. Sie gab nach. Bald standen wir an der Eupenerstraße als Anhalterinnen und wurden nach kurzer Zeit von einem Lastwagenfahrer mitgenommen. Er hatte schon mehrere Fahrgäste, und wir saßen nun mit diesen hinten auf der offenen Ladefläche.

Als wir zum Krugenofen kamen, sah ich die zerstörten Häuser. Fassaden standen teilweise noch, über den Fensterlöchern schwarz verrußt vom Feuer. An einem Holztor züngelten noch kleine Flammen. Auch aus den Trümmern dahinter kräuselten sich Rauchfahnen hoch. Und über allem ein beißend ätzender Gestank. Man konnte kaum atmen. Das Bild dieser Fahrt hat sich mir für immer eingeprägt. Kurz vor der Normaluhr mussten wir aussteigen, weil eine Weiterfahrt zur Theaterstraße nicht möglich war.

Wir bahnten uns den Weg über die Trümmerberge. Als wir das Reichsbankgebäude erreichten, fanden wir bald den Hausmeister. Er sagte uns: „Ihr Mann lebt! Er hat den ganzen Tag mit anderen zusammen im Haus am Holzgraben gelöscht, um ein Übergreifen des Feuers von den Nachbarhäusern zu verhindern. Er war vor einer halben Stunde hier und ist jetzt auf dem Weg nach Hauset."

Es ist kaum zu beschreiben, was diese Nachricht bei meiner Mutter und mir auslöste. Wir haben vor Freude und Erleichterung geschrien und fielen uns um den Hals. Die Angst, die Bedrückung der Ungewissheit, welche die Möglichkeit des Todes oder einer schweren Verletzung nicht ausschließen konnte, wich einer grenzenlosen Erleichterung. Es war, als ob Bleigewichte von uns abfielen.

Als wir nach Hauset kamen, erschraken wir beim Anblick des Vaters: Rot und verquollen sein Gesicht, die Augen nur noch schmale Schlitze, die Stimme heiser flüsternd. Er war vollkommen erschöpft. Trinken und schlafen war sein einziger Wunsch. Es dauerte lange, ehe er sich von dieser Bomben-Nacht erholte.

Bericht des Vaters von der Bombennacht

Das Haus am Holzgraben hatte er gemeinsam mit noch einigen anderen Bewohnern gerettet. Er war von der Reichsbank kommend in den Luftschutzkeller gelaufen. Dort traf er die verbliebenen Hausbewohner an. Die einsatzfähigen Männer bat er, mit ihm ins Haus zu gehen, um Brandstellen zu löschen. Sonst würde das Haus bald in Flammen aufgehen. Vier Männer und eine Frau folgten ihm.

Bereits im Treppenhaus stießen sie auf eine brennende Brandbombe, die sie durch einen der bereit stehenden Sandsäcke unschädlich machten. Jeder ging zunächst in seine eigene Wohnung. Danach wollte man sich im Treppenhaus treffen, um das Dachgeschoss zu überprüfen. Im Schlafzimmer der Eltern brannten, ebenfalls durch eine Brandbombe, die Gardinen. Das war meistens das Erste: Die Brandbomben durchschlugen die Fenster und setzten Gardinen und Teppiche in Brand, der dann auf das Mobiliar übergriff.

Als man das Dachgeschoss inspizierte, das mit seinen Giebeln an die benachbarten, bereits in Flammen stehenden Häuser grenzte, roch es bereits nach Brand, ausgelöst durch Balken, die mit ihren Enden im Mauerwerk staken und die auf der anderen Seite brannten. Das Feuer suchte sich durch Glimmen und Schwelen des Holzes seinen Weg durch die Mauern. Da auf dem Speicher auch die Waschküche mit großen vollen Wasserbecken und Eimern war, konnten sie sofort mit dem Löschen beginnen. Damit waren sie den ganzen Tag beschäftigt.

Von einem Blindgänger oder einer Zeitzünderbombe in der Straße, von einer Räumung des Hauses, erfuhr die Löschgruppe, die meistenteils auf dem Dachgeschoss war, nichts. Am Nachmittag überlegte man, mal auf die Straße zu gehen, um zu sehen, wie die Gesamtsituation am Holzgraben aussah. Während sie noch darüber sprachen, erschütterte eine gewaltige Explosion das Haus. Es sei wie ein Erdbeben gewesen, sagte mein Vater. Sie warfen sich auf den Boden, Wände krachten, Staub und Dreck ging auf sie nieder: Die Bombe war detoniert. Wären sie fünf Minuten früher auf die Straße gegangen, hätten sie wohl kaum überlebt.

Unsere Wohnung? Alle Zimmer zur Straße hin, so berichtete mein Vater, seien durch Staub und Dreck verwüstet, eine Mauer stände schief und habe Risse, die Wohnung sei unbewohnbar geworden. Die Möbel könne man wohl noch retten, wenn man eine Unterstellmöglichkeit fände.

Rückzug der Deutschen

Anfang September 1944: Der Krieg rückte unmittelbar auf uns zu. Die deutsche Wehrmacht war auf dem Rückzug. Und sie zog über die Landstraße direkt an unserem Grundstück vorbei. Die Erde bebte drei Tage lang: Panzerfahrzeuge, Geschütze, Lastwagen. Mein Bruder hatte einen Aussichtspunkt auf einer Böschung oberhalb der Straße bezogen. Dort war er nicht wegzukriegen. Auf den Fahrzeugen Soldaten. Aber auch dazwischen: zu Fuß oder auf Motorrädern. Meine Eltern sprachen einige Soldaten an. Sie waren ernst und wollten nichts sagen. Auf die Frage, ob sie den Westwall besetzen würden, zuckten sie die Schultern. Es sei möglich. Für diesen Fall wäre es besser für uns zu fliehen.

Für das ganze Gebiet erließen die Deutschen einen Räumungsbefehl. Die Bauern sollten ihr Vieh an bestimmten Plätzen abliefern. Die Menschen sollten sich an festgelegten Stellen sammeln, um in Marschkolonnen den Weg nach Deutschland anzutreten. Frauen mit kleinen Kindern würden gefahren. Niemand folgte dem Befehl. Der für das Gebiet zuständige Parteiführer flüchtete mit seinem Auto. Er wohnte mit seiner Familie in einer beschlagnahmten Villa. Dumpfes Donnerrollen aus der Ferne ließ das Herannahen der Front ahnen. Da bekamen es einige doch noch mit der Angst zu tun und flohen.

Die Soldaten hatten uns geraten - wenn wir denn nicht fliehen würden -, in einem Erdloch Schutz zu suchen, sobald das Artilleriefeuer losginge. Ein solches Loch war in Vorbereitung, aber nicht als Schutz vor Granaten, sondern um den Inhalt des Nachttopfs nicht mehr bei jedem Wetter entsorgen zu müssen. Dieses Loch, vielleicht zweimal zwei Meter und anderthalb Meter tief, richteten wir mit einem provisorischen Einstieg über eine Leiter her. Dass es in einer solchen Grube sicherer als im Haus sein sollte, konnten wir Kinder uns nicht vorstellen.

Das Grollen in der Ferne verstummte. Eine unheimliche Stille breitete sich aus. Dann bekamen wir Besuch: Zwei junge Kerle, an den schwarzen Uniformen als SS-Leute zu erkennen, legten ihre Fahrräder ans Haus, kamen auf die Veranda und befahlen uns zu fliehen. Mein Vater lag kränkelnd im Bett. Sie sagten, es würde eine furchtbare Schlacht geben. Der Führer habe die Truppen aus taktischen Gründen auf die Reichsgrenze zurückgezogen, der Westwall sei bereits besetzt und die Amerikaner würden in eine Falle gelockt. Wir lägen genau im Schussfeld vor dem Westwall. Schon bald werde die Artillerie losfeuern.

Meine Mutter sagte ihnen, ihr Mann sei gar nicht reisefähig. Die zwei hatten es eilig. Sie nahmen der Mutter das Versprechen ab, am nächsten Tag zu fliehen. Wir hatten Angst. Wenn es doch stimmte, was sie sagten? Aber wohin fliehen? Es gab nur eine Möglichkeit: Zu unserer Oma ins Bergische Land, östlich von Köln, der Heimat meines Vaters. Bei der Oma waren noch zwei Tanten mit ihren Kindern. Die Männer waren im Krieg. Alle sind bei einem der letzten Bombenangriffe ums Leben gekommen.

Zuflucht in der Villa eines Nachbarn

Die Stille hielt an. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Mit meiner Mutter wollte ich noch zum Brotkaufen ins Dorf. Aber auf halbem Weg setzte das Pfeifen und Zischen von Geschossen ein, dass wir erschrocken zum nächsten Bauernhaus rannten. Erst als es einige Zeit später wieder ruhig war, liefen wir schnell zurück nach Hause. Mein Vater und mein Bruder waren froh, dass uns nichts passiert war. Die folgenden Tage waren weitgehend still. Nur manchmal hörten wir das Gebrumm eines Flugzeugs.

Der Eigentümer einer Villa in der weiteren Nachbarschaft kam zu uns. Er machte uns ein großartiges Angebot: Bei Beschuss könnten wir mit ihm und seiner Frau den massiven Keller seines Hauses nutzen, und wohnen könnten wir in seinem Gartenhaus; die Mieter seien Hals über Kopf geflohen. Wir waren noch mit dem Packen der Habseligkeiten beschäftigt, die wir mitnehmen wollten, als schlagartig heftiger Artilleriebeschuss einsetzte: Die ersten Einschläge direkt in unserer Nähe. Wir rannten zu unserem Erdloch, kletterten rein und hockten uns auf den Boden, dicht aneinander gedrückt. Rund herum schlugen die Granaten ein. Bäume krachten, Explosionen, Pfeifen, Zischen. Laub und Äste fielen auf uns herunter. Wir haben geschrien und gebetet, beides gleichzeitig.

Irgendwann wurde es still. Wir stiegen benommen aus unserer Grube und sahen (in) einen zerfetzten Wald. Unsere Blockhütte stand, nur von ein paar Splittern getroffen. Im Garten einige Granattrichter. Die Eltern trieben zur Eile. Der nächste Beschuss kam bestimmt. Bis dahin sollten wir beim Nachbarn sein. Mit den notwendigen Habseligkeiten zogen wir um. Auf der Wiese links der Straße lagen tote Kühe. Und der Stall war getroffen. Von unserem Gastgeber erfuhren wir, dass der Bauer noch während des Beschusses in Panik geflohen sei. Das nächste Artilleriefeuer setzte ein. Aber jetzt saßen wir in einem Keller mit dicken Mauern. Mit Decken und Polstern fast gemütlich.

Am Abend gab es plötzlich Lärm an der Haustür. Zwei deutsche Soldaten wollten oben ins Haus, wo ein kleines Türmchen war. Als die Soldaten wieder gingen, sagten sie, das Türmchen werde unter Beschuss genommen. Denn die Amerikaner könnten es als Beobachtungsposten benutzen. Wir sollten im Keller bleiben, es handelte sich ja nur um das oberste Stockwerk. Am nächsten Tag legte die deutsche Artillerie wieder los. Wir hörten Fensterscheiben zersplittern. Unser Nachbar sah im Haus nach: Eine Granate hatte das Badezimmer getroffen. Das Türmchen stand.

Auftauchen der Amerikaner

Am Nachmittag wurde es erneut ganz still. Wir gingen nach draußen. Mit meinem Vater spazierte ich vorbei am Gartenhaus in den Wald hinunter. Plötzlich hörten wir Geräusche vom Ende des Waldes her. Dort endete das Grundstück an einem Zaun vor einer großen Wiese. Wir gingen hin: Die Amerikaner waren da. Panzer standen an den Rändern der Wiese unter den überragenden Zweigen des umgebenden Waldes. Dazwischen Soldaten mit Stahlhelmen. Sie schlugen Zweige von den Bäumen, um ihre Panzer noch besser zu tarnen. Einige hatten kleinere Zweige in die Netze ihrer Stahlhelme gesteckt. Das sah lustig aus.

Wir wurden bemerkt, einige Soldaten kamen zu uns an den Zaun. Mein Vater sprach etwas Englisch und so kam es gleich zu einem Gespräch. Sie wollten wissen, ob deutsche Soldaten in der Nähe seien? Und: „Where is the Siegfried-Line?" Damit meinten sie den Westwall. Sie waren sehr freundlich, boten meinem Vater eine Zigarette an, mir Kaugummi. Ich war sehr aufgeregt beim Erleben dieser fremden Menschen und dem Anblick dieser geballten Kriegsmacht.

Auch mein Bruder hatte einen ersten Amerikaner gesehen. Er ging mit unserem Nachbarn über die Einfahrt der Villa, als sich am Rand des Fahrwegs Zweige bewegten. Ein Stahlhelm mit geschwärztem Gesicht darunter tauchte auf. Der Soldat sah sich um, dann stand er auf, ging zu den beiden und fragte auf Deutsch: Soldaten hier? Wer ist im Haus? Als er erfuhr, dass keine deutschen Soldaten da seien, verschwand er lautlos wieder die Böschung hinunter.

In den nächsten Tagen richteten sich die Amerikaner im Großen Busch von Hauset ein. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Neben unserem Blockhaus wurde ein großes Küchenzelt aufgebaut. Daneben ein Speisezelt. Und manchmal wurden auch weiße Tischtücher aufgelegt. Wohl für den General und seine Leute. Wir haben sie allerdings kaum zu Gesicht bekommen. Sie kamen unregelmäßig und waren schnell wieder weg. Es gab einen regen Jeepverkehr. Die Soldaten beschenkten uns Kinder mit Schokolade, Keksen und Kaugummi.

Wenn in der Küche Speisen übrig waren, riefen uns die Soldaten, gaben uns die Reste und machten uns gestenreich klar, dass wir sie nach Hause bringen sollten. An solchen Tagen fiel für unsere Mutter das Kochen aus. Das war für sie sehr hilfreich, weil es nur wenige Vorräte gab, aus denen sie eine Mahlzeit kochen konnte. Mein kleiner Bruder hatte sich mit einem Sanitäter angefreundet. Der nahm ihn in seinem Jeep überall hin mit. Mein Vater unterhielt sich mit dem Mann. Er habe zuhause einen Sohn in dem gleichen Alter. Spätestens Weihnachten hoffe er wieder bei seiner Familie zu sein. Die Deutschen hätten doch keine Chance mehr, den Krieg zu gewinnen.

Kein Ende des Krieges

Nach einiger Zeit hatten wir eine ganze Reihe amerikanischer Freunde. Die kamen abends allein oder zu zweit nach Einbruch der Dunkelheit zu unserem Gartenhaus, brachten Fleisch, Getränke und Konserven mit - und Leckereien für uns Kinder. Wir hatten keinen Mangel mehr. Das waren prächtige Kerle. Mir schien, sie waren nicht gerne Soldaten; sie wollten alle möglichst schnell wieder nach Hause. Die Deutschen sollten kapitulieren, meinten sie. Jeder weitere Tag würde nur sinnlos weitere Tote mit sich bringen. Sie tranken manchmal ein bisschen viel bei uns. Dann versuchte mein Vater, sie freundlich aber bestimmt nach draußen zu komplimentieren. Ich wurde ins Bett geschickt.

Auf den Wiesen der anderen Straßenseite, die sich nach Norden zum Westwall und nach Aachen hin neigten, bauten die Amerikaner Artilleriegeschütze auf. Wenn die feuerten, durften wir nicht über die Straße, in die Nähe der Stellungen durften wir ohnehin nicht. Nur meinen Bruder haben sie mal ran gelassen und er durfte durch ein Fernglas sehen. Er habe Rauchwolken gesehen, sagte er. Aachen wurde beschossen und bombardiert. Abends fragten die Soldaten, warum Aachen denn nicht kampflos übergeben werde? Die Situation der Stadt sei aussichtslos.

Nach den amerikanischen Fronttruppen, die eines Tages aufbrachen, rückte der Nachschub ein. Die waren bei weitem nicht so freundlich. Und sie waren knauserig. Kaum Schokolade, Kaugummi und anderes. Sobald die herausgefunden hatten, dass wir Deutsche waren, wurden manche sogar feindselig. Darunter war auch einer, der Deutsch sprach. Mein Vater sagte nach einem Gespräch mit ihm, er sei ein aus Deutschland geflohener Jude.

Zurück nach Aachen

Für uns wurde die Situation unangenehm: Belgien baute seine Gemeindeverwaltung wieder auf, aber wir waren keine Einheimischen. Jeden Tag mussten sich meine Eltern auf dem Gemeindeamt zu einer bestimmten Zeit melden. Unser Eigentum wurde unter Sequester gestellt, das heißt: Wir wurden enteignet. In einer Garage hatten wir die Möbel unserer Aachener Wohnung untergestellt. Die gehörten uns jetzt nicht mehr. Eine Ausnahme war mein Klavier, das wir von Fräulein Blech gekauft hatten. In der Garage hätte es Schaden genommen. Deshalb hatten wir es Freunden gegeben, die es in ihre Wohnung stellten. Wir haben es ihnen verkauft, um belgisches Geld zu bekommen. Denn die Belgier gaben uns kein Geld und die Reichsmark war als Zahlungsmittel abgeschafft. Wir mussten zurück nach Aachen.

Bei Nacht und Nebel packten wir unsere bewegliche Habe und trugen sie zu Bekannten hinter die Grenze bei Köpfchen. Mein Vater und meine Mutter bekamen schließlich Fahrräder aus der Nachbarschaft geliehen. Damit konnten sie schneller mehr wegschaffen. Manchmal gingen wir Kinder mit. Kleinere Teile konnten wir tragen. Wir mussten aufpassen, um nicht von der belgischen Polizei erwischt zu werden. Bald kam der Tag, an dem wir an der Grenze nicht mehr zurück nach Hauset, sondern weiter nach Aachen gingen. Das war am 5. Dezember 1944. Die Stadt war zerbombt und zerschossen. Manche Straßen waren eine einzige Kraterlandschaft. Ganze Stadtviertel lagen in Trümmern, aus denen Mauer- und Fassadenreste herausragten. Aus der Tiefe mancher Bombentrichter stiegen Dämpfe auf.

Die Bevölkerung war evakuiert worden. Aber einige hatten sich versteckt und versuchten nun, in den Trümmern zu überleben. Darunter auch Freunde meiner Eltern. Sie besorgten uns eine unzerstörte Wohnung. Wir lernten Hunger und Not kennen. Mein Vater war dauernd unterwegs, um etwas Essbares zu „organisieren" - wie man sagte. Anfangs hatten wir nur Kerzenlicht, dann eine Öllampe und schließlich eine Karbidlampe. Wasser wurde zu bestimmten Zeiten in der Straße ausgegeben. Kohlen fanden wir im Keller, so dass wir den Küchenherd in Betrieb nehmen konnten. Dort hielten wir uns dann meistens auf. Oder aber im Bett, weil man sich dort aufwärmen konnte. Der Winter brachte eisige Temperaturen, oft 10 bis 20 Grad unter Null, und viel Schnee. Für Brot, Milch und andere Lebensmittel musste man lange anstehen, falls es überhaupt etwas gab.

Aufnahme in den Domchor

Die Amerikaner bauten mit Einheimischen so etwas wie eine Stadtverwaltung auf. Als Bankbeamter bekam mein Vater eine Stelle bei der Sparkasse. Schulunterricht gab es keinen. Für mich wurde eine Stelle in einem zahntechnischen Labor besorgt. Wir gingen zum Dom; er war von Bomben verschont geblieben. Wir wurden aber nicht hineingelassen, weil die Amerikaner gerade einen Gottesdienst feierten. Wir sahen, dass die Chorhalle stark beschädigt war. Alle Glasfenster waren zerstört und auch das Maßwerk wies viele Schäden auf. Der Aachener Bischof Johannes van der Velden, Domkapellmeister Professor Theodor Bernhard Rehmann und Domkustos Prälat Erich Stephany kümmerten sich um den Dom. Sie gehörten zu denen, die sich versteckt hatten, weil sie Aachen nicht verlassen wollten. Insgesamt sollen an die 1000 Menschen in der Stadt geblieben sein.

Eines Tages im März 1945 kam mein Vater nach Hause und erzählte von Professor Rehmann, der bei ihm in der Sparkasse gewesen sei und ihm gesagt habe, er versuche, einen Domchor aufzubauen, der die liturgische Musik im Dom gestalten könne. Da ein Knabenchor - wie es ihn vor dem Krieg gab - zur Zeit nicht realisierbar sei, versuche er es mit einem gemischten Chor. Mein Vater empfahl mich, obwohl ich erst 15 Jahre alt war. Aber ich konnte ja vom Klavier- und Geigenspielen her Noten lesen und singen konnte ich auch. Im Dom in einem Chor singen dürfen! Das müsste wunderbar sein! Ich bestand den Gesangstest und wurde zur nächsten Probe in die Taufkapelle des Domes bestellt. Der Chor bestand aus 20 Sängern und Sängerinnen, die Sängerinnen jung, die Sänger alt. Am Palmsonntag 1945 sangen wir im Hochamt - ich das erste Mal.

Damals ahnte ich nicht, wie wegweisend und prägend für mich die Jahre meiner Zugehörigkeit zum Domchor werden würden. Eines aber war mir bald bewusst: Dort tat sich mir eine Welt, die Welt der geistlichen Musik auf, die mich auf eine wunderbare Weise bereicherte und beglückte. Schrecken und Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre begannen zu verblassen vor einem Panorama, das sich mir mehr und mehr erschloss und für das ich mich begeisterte.

Mein Bruder und ich haben uns in späteren Jahren bei Gesprächen über unsere Kindheitserlebnisse öfter gefragt, ob es denn immer erst zu einer Katastrophe kommen muss, ehe sich einsichtiges Handeln durchsetzt. Wir sind froh und dankbar dafür, seit 65 Jahren in Frieden und Freiheit leben zu dürfen. Wir wissen, dass das nicht selbstverständlich ist. Was Intoleranz, Faschismus und Rassismus an Unheil anrichten, haben wir hautnah erfahren. Die Generation unserer Eltern ist vorwurfsvoll gefragt worden, wieso es zu den Gräueltaten der Nazis hat kommen können. Das geschah nicht von heute auf morgen, sondern hat eine lange Vorgeschichte. Wer erfahren möchte, welche Ideologie hinter der Naziherrschaft stand, dem empfehlen wir, nach Vogelsang oberhalb der Urfttalsperre, nicht weit von Aachen in der Eifel, zu fahren. Dort, in einer der drei „Ordensburgen" der Nationalsozialisten ist hervorragend dokumentiert, welches Gedankengut zu der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs geführt hat.

Eingestellt am 3. Oktober 2010

 

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