"Der Begriff 'Freiheit von Not' gefällt mir nicht"

Dialog

Unser Freiheitsdrang erwacht, wenn äußere Zwänge unser Selbstbewußtsein und unseren Handlungsspielraum einschränken. Unser Freiheitsdrang erlischt, wenn unsere Grundfreiheiten als Selbstverständlichkeiten empfunden werden. Die wichtigsten Grundfreiheiten sind: Freiheit von Not, Bewegungsfreiheit, Berufsfreiheit, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit. Die Grundfreiheiten eröffnen uns die Chance eines selbstbestimmten Lebens. Diese Chance gilt es zu nutzen! (Erster Absatz von "Warum" des SINNphOLL-Angebots)

Birgit, 17.08.08: Der Begriff "Freiheit von Not" gefällt mir nicht. Was ist damit genau gemeint? Dass uns eine Notlage unsere Freiheit raubt? Erkennen wir heutzutage überhaupt die Chance eines selbstbestimmten Lebens? Ist es nicht schon viel zu selbstverständlich für uns? Viele sind mit dieser Chance überfordert und wünschen sich, dass andere für sie entscheiden. Wie können wir heute unsere Kinder darauf vorbereiten, Ihre Chancen zu nutzen?

Paul, 18.08.08: Die Formulierung "Freiheit von Not" hat bei mir zwei Ursprünge: Einmal die Erfahrung der Kriegs- und Nachkriegsjahre, die mir deutlich gemacht haben, wie Not das Leben total einschränken kann, einen unfrei macht, einem Möglichkeiten zur Entfaltung nimmt, und zum anderen die Beobachtungen, die ich in Ländern der Dritten Welt gemacht habe, wo Menschen in Not hinein geboren werden, von der sie sich zeitlebens nicht befreien können.
Die Formulierung "Wohlstand" hat für mich den Beigeschmack von Verschwendung.

Es ist ein wichtiger Vorgang der Entwicklung vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen, sich von seinen Eltern abzunabeln. Kluge Eltern begleiten diesen Prozeß mit viel Liebe und Umsicht, indem sie ihre Kinder mehr und mehr loslassen und ihnen den Freiraum geben, um aus Fehlern lernen zu können. Autoritäre Väter haben damit ihre Schwierigkeiten. Da haut man als Jugendlicher dann einfach ab. 

Birgit, 19.08.08: Nach wie vor habe ich mit dem Begriff "Freiheit von Not" meine Schwierigkeiten. Bei den anderen Freiheiten geht es doch darum, sich frei bewegen zu können, sich frei einen Beruf wählen zu können, sich seine Religion frei wählen zu können und sich seine Meinung frei bilden und sie äußern zu können. Somit müsste ich mich von der Not befreien können, aber gehören Notlagen nicht auch zum Leben? Ich kann nicht jeder Notlage aus dem Weg gehen und teilweise wachse ich auch durch die Notlagen. Sie gehören zum Leben dazu, oder? Gerade in Notlagen sind die Menschen wieder mehr füreinander da, sie teilen ein gemeinsames Problem. In unserer "Wohlstandsgesellschaft" meint so langsam jeder, er bräuchte seine Mitmenschen nicht mehr. Er kann sich alles selbst kaufen, er braucht keine Hilfe der Nachbarn usw. Notzeiten haben auch etwas Gutes.

Paul, 20.08.08: Zu den Lebensrisiken gehören Notlagen. Die versucht der Sozialstaat zwar auszuschließen, aber das wird er nie ganz schaffen. Zur Bewältigung der Lebensrisiken braucht der Mensch seit jeher die Einbettung in die Gruppe: Familie, Stamm, Volk. Erst die Sozialstaatspolitik unserer Tage gaukelt dem Menschen vor, er brauche nur die gut bezahlte Arbeit eines sicheren Arbeitsplatzes und könne dann das Leben als Single in lockeren und wechselnden Beziehungen in seinen einzelnen Phasen genießen.

Wenn wir darauf achten, daß wir unsere Freiheit behalten und sie auch nutzen, gibt es immer die Möglichkeit, Entscheidungen zu korrigieren. Das Ziel muß ein selbstbestimmtes Leben sein, das in Verantwortung vor sich selbst und seinen Mitmenschen gelebt wird. Der Glaube an Gott bewahrt davor, uns nicht absolut zu setzen, versetzt uns in die Lage, die Fehlbarkeit und auch Bosheit dieser Welt ertragen zu können, auch uns selbst in unserer Unvollkommenheit ertragen zu können.

Birgit, 22.08.08: Es ist ein wichtiger Schritt im Leben, zu erkennen, dass man selbst unvollkommen ist und sich trotzdem lieben kann. Wenn man diesen Schritt erreicht hat, kann man auch besser mit den Unzulänglichkeiten der Mitmenschen umgehen. In Notlagen erkennt man den "wahren Charakter" seiner Mitmenschen, Freunde, Familie usw. Ich sehe das in meiner jetzigen Lebenssituation sehr deutlich. Gute Freunde fallen mir in den Rücken, andere, mit denen ich vorher wenig Kontakt hatte, sind plötzlich für mich da. Mein Bruder setzt sich vorbildlich für mich ein und ist für mich da, egal in welcher Sache ich ihn brauche.

Paul, 24.08.08: Freunde in der Not, gehen Tausend auf ein Lot, heißt es. Da ist etwas dran. Auch sagt man: Not macht erfinderisch. Not, als umfassender Begriff verstanden, gehört zu unserem Leben. Und aus der Not heraus geboren wurde schon manches Gute. Not ist ein starker Antrieb, eine Motivation, die vieles beiseite schiebt und zum Motor allen Handelns werden kann.

Not bei anderen erkennen, dann ohne Aufdringlichkeit, sondern mit Einfühlsamkeit sich in der richtigen Dosierung in die Situation einbringen, ist Lebenskunst, an der man zeitlebens zu arbeiten hat. In Not andererseits die Zuwendung, Hilfe und Liebe eines anderen annehmen, ist ebenfalls Lebenskunst. Falschen Stolz aufgeben, sein Selbstbewußtsein aufgrund der Not nicht verlieren, nicht verschämt sich zurückziehen, andere mit seiner Not nicht herausfordern, Dank zeigen können, ja auch in der Not selbst noch etwas geben, Liebe erwidern - das zeigt menschliche Reife.

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